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Veröffentlicht am 29.03.2026

mutiger Hase

Hase Hollywood und das Geheimnis des Drachenlandes
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Ich liebe gute Kinderbücher und dazu gehört wohl der Hase Hollywood. Hase Hollywood ist wie der Name schon sagt ein Hase der das „Gasthaus zum fröhlichen Pups“ von seinem Uropa übernommen hat. Hollywood ...

Ich liebe gute Kinderbücher und dazu gehört wohl der Hase Hollywood. Hase Hollywood ist wie der Name schon sagt ein Hase der das „Gasthaus zum fröhlichen Pups“ von seinem Uropa übernommen hat. Hollywood ist eigentlich ein Angsthase aber dafür auch sehr schlau, denn er liest mindestens zwei Bücher am Tag. Hase Hollywood lebt aber nicht alleine in dem Gasthaus. Das wäre ja auch viel zu langweilig. Da ist zum einen Kate die Katze, die ein bisschen wie eine Rockerin wirkt und sehr mutig ist.

Dann gibt es noch Mama Lou, eine Nilpferddame, die dafür sorgt, dass alles im Reinen ist und Giovanni der Koch mit einem riesigen Schnurbart. Diesen stelle ich mir allerdings sehr lustig vor, denn Giovanni ist eine kleine Maus, der früher auf Kreuzfahrtschiffen Chefkoch war. Und dann gibt es da noch Affe, ein großer Affe, der eigentlich gar keine Aufgaben hat, denn er ist einfach zu nicht zu gebrauchen, außer Spaß zu haben.

Eines Tages kommt ein gefährlicher Pirat in das Gasthaus. Ein hässliches Krokodil, mit Piratenhut samt Totenkopf und richtig schlechten Manieren. Kapitän Grünzahn benimmt sich wirklich schlecht, er brüllt herum, was er zu essen haben möchte und legt die Füße auf den Tisch. Er bestellt bei Hollywood, der richtig große Angst vor dem wilden Kapitän hat die seltsamsten Gerichte, die Giovanni so schnell wie möglich in seiner Küche zaubert, während Kate die Küstenwache alarmiert. Denn der Kapitän ist ein gesuchter Pirat und nimmt die Beine in die Hand, als Willi Walross, die Küstenwache im Gasthaus auftaucht. Bei seiner Flucht vergisst das Krokodil einen Sack unter dem Tisch.

Affe findet in diesem Sack einen wunderschönen Glitzerball und jongliert mit diesem herum. Doch es stellt sich heraus, dass dieser Ball in Wirklichkeit ein Ei ist, aus dem kurze Zeit später ein lustiges Wesen krabbelt, das Affe ab diesen Moment als seine Mama ansieht. Lustig ist es jedenfalls anzusehen aber die richtige Mama muss gefunden werden. Und so machen sich die Freunde auf den Weg ins Drachenland …

Wie schön und vielfältig die Bilder sind! Ich habe die Seiten umzublättern sehr genossen. Immer wieder kann man noch etwas mehr entdecken. Dazu kommen kleine Kommentare zu den komplizierten Wörtern oder zu sprachlichen Übersetzungen. Jede Seite ist wieder eine kleine Überraschung. Dazu kommt der Text, der sehr amüsant ist und den kleinen Lesern bestimmt eine große Freude macht.
Was dieses Buch besonders macht ist, dass einer der drei Autoren gerade mal fünf Jahre alt war, als dieses Buchprojekt ins Leben gerufen wurde. Simon mochte die meisten Kinderbücher nicht, weil entweder böse Dinge geschahen oder sie einfach schlichtweg langweilig waren. Sein Papa Stefan hat zusammen mit Simon die Texte geschrieben (Simon hat sich dazu die wichtigsten Figuren ausgedacht). Und die Bilder stammen aus dem Tuschkasten von Anja Abicht, die Mutter von Simon. Hey, die Bilder sind ohne Computer entstanden, manche Menschen können noch mit Pinsel und Farben malen. Und die 250 Bilder sind wirklich toll!

Das Buch gibt es auch als Hörbuch. Aber für mich ist dieses Buch in den Händen einfach mal super schön und ich freue mich schon darauf es eines Tages meinem Enkelkind vorlesen zu dürfen. Rubi war jedenfalls auch sehr begeistert! 🐭🐭🐭🐭🐭 vergeben wir. Alleine die liebevoll und lustigen Bilder sind es schon Wert angesehen zu werden. Aber auch der mitreißende Text und die sympathischen Figuren machen absolute Laune. Ein Buch für Kinder von 4 bis 9 Jahre oder älter.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Westberliner Junge

Das Ende vom Lied
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Das Ende vom Lied, ein Roman von Michael Wildenhaim erzählt von einem 13-jährigen Jungen und dessen Leben in Berlin der 1968er Jahre. Die Stadt ist geteilt, die Menschen sind noch nicht ganz über den Krieg ...

Das Ende vom Lied, ein Roman von Michael Wildenhaim erzählt von einem 13-jährigen Jungen und dessen Leben in Berlin der 1968er Jahre. Die Stadt ist geteilt, die Menschen sind noch nicht ganz über den Krieg hinweg und werden es wohl auch noch eine Weile nicht sein. Kriegsbeschädigte in Körper uns Seele sind nicht zu übersehen. Wildenhaim lässt seinen Jungen eine Geschichte erzählen, die einem eiskalt den Rücken runter kullert.

Michael Wildenhaim hat einen wunderbaren und tiefgründigen Roman geschrieben, der ein besonderes Bild von einer Stadt und seinen Menschen zeichnet. Sein Ich-Erzähler ist ein schlauer Kopf, will aufs Gymnasium gehen. Er zieht mit seiner Familie aus Charlottenburg nach Schöneberg, muss sich dort erst wieder einleben, sich mit den Straßenjungen der Gegend auseinandersetzen und seinen Platz dort finden. Er hat Eltern, die mit Traumata aus dem letzten Krieg zu kämpfen haben, die aber versuchen ihren Kindern eine heile Welt vorzuleben. Dazu kommt das Erwachsenwerden und die erste Liebe zu einem Mädchen das allerdings mit dem stärksten Boxer der Gegend zusammen zu sein scheint.

Wieder einmal bin ich an einen Roman geraten, der sich am Anfang schwer anging. Aber wenn man das Muster des Romans verstanden hat und die Sätze nicht verschlingen mag, dann eröffnet sich eine spannende und vielschichtige Welt der Schreiberei. Der Autor liebt Bandwurmsätze mit vielen Kommata und Bindestrichen und manchmal "verrutscht" der Leser in der Zeit und muss sich neu orientieren. Wenn man dann aber zwischen den Seiten angekommen ist, kann es passieren, dass man die 416 Seiten verschlingt. Es ist eher ein Roman, der sich an die älteren Leser wendet, oder solchen, die sich mit der Zeit der Revolution in Berlin der 60/70 Jahre auszukennen wissen. Manchmal verheddern sich die Erzählstränge und man versteht im ersten Augenblick nicht was man da gelesen haben mag. Manchmal habe ich über diese verwirrenden Sätze einfach hinweggelesen und fand einige Seiten später die Erklärungen.

Das Buch ist keine leichte Kost. Schwierig zu lesen und doch unterhaltsam. Vor allem, da ich in diesem Teil von Berlin aufgewachsen bin und ziemlich viele Schnittpunkte fand. Der Erzähler steckt zwischen den Fronten, wird gerade Erwachsen und findet heraus, wer er wirklich ist. Dazwischen die Protestaktionen der Studenten und die Machtkämpfe der Jungen von der Straße, die sich auch ein ums andere Mal bemüßigt finden, sich an den Protesten zu beteiligen. Die Aufklärung der eigenen Geschichte des Erzählers, die mit Betrug und Kriegstraumata einhergehen macht den Roman nicht leichter, da der Autor seine Sätze immer wieder gerne in verwirrende Stellungen bringt.

"Alle leiden darunter." - "Die Mauer tut einem nix. Die ist nur da." "Es werden Leute erschossen." "Nur welche aus dem Osten." Erschrockenes hüsteln, ungläubiger Blick ... Das meint der Junge nicht ernst. "Was redest du da?" "In Schöneberg gibt's keine Mauer. In Charlottenburg auch nicht." "Darüber macht man keine Witze!"
Seite 167

Mir hat der Roman aber doch sehr gefallen. Vielleicht gerade, weil ich dort groß geworden bin und die Nähe zu dem Protagonisten sozusagen gespürt habe. Mir war die Mauer und die Fragen darum von der westdeutschen Verwandtschaft immer lästig, genau wie dem Erzähler des Romans.
Rubi fand den Roman dagegen schwer Kost und fand nicht immer die Zusammenhänge. Sie ist jünger und weiß nicht, wie es sich zwischen den Mauern Berlins angefühlt haben mag.

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Veröffentlicht am 16.03.2026

Atemlos

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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Schon auf den ersten Seiten war ich von »Mit beiden Händen den Himmel stützen« teilweise mitgerissen und abgestoßen. Lale, sie erzählt aus ihrem Leben, kam mir immer wieder so verletzlich vor. Sie wächst ...

Schon auf den ersten Seiten war ich von »Mit beiden Händen den Himmel stützen« teilweise mitgerissen und abgestoßen. Lale, sie erzählt aus ihrem Leben, kam mir immer wieder so verletzlich vor. Sie wächst in den 80er Jahren in Berlin Kreuzberg auf. Bei ihrem Vater, der mit anderen Männern in einer WG wohnt. Ihre Mutter war nicht in der Lage das Mädchen großzuziehen und als Lale als Kleinkind eine ordentliche Portion von den Drogen ihrer Mutter geschluckt hatte, wurde das Mädchen in ein Kinderheim gesteckt. Ihr Vater, bzw. ein Freund des Vaters, holte das Mädchen dann dort wieder heraus. Es machte dabei wohl nichts aus, dass der Vater wegen eines Geldtransporterüberfalles gerade erst aus dem Knast entlassen worden war.

Lilli Tollkien erzählt von einem Mädchen, dass ich damals gerne gewesen wäre. Sie darf alles, was sie sich zutraut. Sie darf so lange aufbleiben, wie sie möchte. Lale darf Fernsehen, was sie auch immer möchte, sie kann und darf alles Essen, dabei wird nicht darauf Wert gelegt, dass es gesund ist. Das Mädchen stromert zwischen den vollgedröhnten „Freunden“ oder Kunden ihres Vaters durch die versiffte Wohnung, oder verzieht sich in ihr Zimmer.

Ich hätte Lale damals bewundert und wäre gerne ihre Freundin gewesen, hätte gerne ein bisschen von ihrem unkonventionellen, aufmüpfigen Leben abhaben wollen. Doch so toll ist das Leben des Mädchens gar nicht. Jedes Kind wünscht sich ein bisschen Geborgenheit und Sicherheit. In ihrem eigenen Zimmer, in einem vermeintlich sicheren Ort, ist das Kind nicht sicher. Spielerisch wird sie verführt, kommt mit Drogen und betrunkenen Männern zusammen. Manchmal versuchen die Freundinnen der WG-Männer dem Kind ein bisschen Normalität zu geben, aber die meisten Frauen bleiben nicht lange.

»Tatsächlich hatte ich nichts gemein mit den starken Mädchen aus meinen Büchern, weder mit der roten Zora noch mit Pipi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter. Ich hatte Mühe mit meinem unbeständigen Leben.«
Seite 62

Die 255 Seiten waren schnell gelesen, obwohl ich öfter das Buch mal weglegen musste, damit ich wieder zu Atem kommen konnte. Lale hatte eine verrückte Kindheit. Eine ungestüme und verletzte Kindheit. Man könnte meinen, dass eine solche Umgebung das Kind stark macht, aber stattdessen hat sie oft Angst, ist unsicher und vorsichtig. Die Autorin Lilli Tollkien schreibt einfach toll. Sie reißt den Leser in ihre Welt und „beschmeißt“ ihn mit fast prosaischen Texten. Man kann einfach nicht aufhören, zu lesen. Für mich ist dieses Buch ein Highlight des Jahres. 🐭🐭🐭🐭 hat dieser Roman sicherlich verdient, so finden jedenfalls Rubi und ich.

»Ich stütze den Himmel mit beiden Händen. Während die Sonne zwischen den Wipfeln der Kastanien im Garten der Klinik aufgeht, heben wir die Arme nach oben, …«
Seite 179

Wer ist die Autorin?

Von der Verlagsseite: Lilli Tollkien, 1980 in Berlin geboren, begann verschiedene Ausbildungen und studierte unter anderem Regie und Musiktherapie in Berlin und Heidelberg. Sie arbeitete in sehr unterschiedlichen Berufen, etwa als Suchtberaterin in der JVA, als Jobcoach und Ausstatterin. Neben ihrem heutigen Beruf fotografiert sie und hat in Anthologien veröffentlicht. Sie lebt mit ihren Kindern in Leipzig. „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ihr erster Roman. In ihrem Instagram Account findet man die passende Musik und Ausschnitte aus ihrem Buch, schau einfach mal hier …

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Veröffentlicht am 01.03.2026

Ankommen

Mathilde und Marie
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Marie verlässt Paris, sie ist auf der Flucht vor einer lauten und anstrengenden Großstadt. Im Zug trifft sie dabei auf die Norwegerin Jónína, diese überredet Marie mit in ihr Dorf Redu zu kommen. Dort ...

Marie verlässt Paris, sie ist auf der Flucht vor einer lauten und anstrengenden Großstadt. Im Zug trifft sie dabei auf die Norwegerin Jónína, diese überredet Marie mit in ihr Dorf Redu zu kommen. Dort sieht Marie zum ersten Mal Mathilde. Eine ältere Frau, die irgendwie nicht in das zauberhafte und ruhige Dorf in den Ardennen zu passen scheint. Denn alle Menschen, die hier leben, scheinen glücklich zu sein. Anders als Mathilde, die sich in ihr Schneckenhaus zurückgezogen hat und "verbiestert" ihren Alltag bestreitet.

Marie wollte aus Paris so schnell wie möglich weg. Irgendetwas scheint sie überfordert zu haben. Da ist es doch ein riesiges Glück, dass sie die Norwegerin Jónína im Zug getroffen hat. Jónína kann zuhören und scheint Marie, ihr Gegenüber, förmlich lesen zu können wie ein Buch. Auch scheint sie ältere Frau sich in Literatur sehr gut auszukennen. Immer wieder fachsimpelt sie mit Marie über verschiedene Bücher. Marie lässt sich einfach überreden, in das Dorf von Jónína mitzukommen. In Redu angekommen muss die junge Frau feststellen, dass es hier so viel ruhiger zugeht als in der Großstadt. Man kennt sich, trifft sich auf der Straße, unterhält sich von Angesicht zu Angesicht und genießt die Natur, die gleich nach dem Dorfende beginnt. Vögel zwitschern, die Bäume rauschen im Wind, und auch sonst kann man viele Geräusche hören, die in Paris einfach nicht zu hören wären. Dazu kommen die vielen Gerüche, die überwältigen und bezaubern die junge Frau immer mehr. Marie ist jedenfalls hingerissen. Nur dass es hier in Redu keine Internetverbindung gibt, das macht die junge Frau dann doch etwas nervös.

Von einem auf den anderen Tag verlässt Jónína das Dorf und überlässt Marie das Gartenhäuschen, in dem Marie die letzten Tage gewohnt hatte. Und nicht nur das, Jónína geht davon aus, dass Marie sich auch um ihren Buchladen kümmern wird.

Der Schreibstil ist klasse. Es gefällt mir, dass man nicht von Anfang an weiß, warum Marie aus der hektischen Großstadt geflohen ist. Der Autor versucht den Leser zu sensibilisieren, auf die Natur, die Umgebung, Geräusche und Gerüche. Schade, dass ein Buch nur nach Buch riecht und nicht die Gerüche des Dorfes und der Wälder aus den Seiten aufsteigen kann. Man sollte sich Zeit für dieses Buch nehmen. Nach einer Weile kamen mir aber die Dialoge zwischen den wirklich gut gezeichneten Figuren, sehr aufgesetzt vor. Sie wiederholten sich immer häufiger und die Sprache zwischen den Figuren kamen mir immer mehr "gestelzt" vor. Das ist aber bestimmt auch meckern auf hohem Niveau.
Marie traute sich anfangs nichts zu, sie stellte sich unter den Scheffel und ihre Welt infrage. Im Laufe des Romans, wird man aber verstehen, warum das so ist. Auch Mathilde wirft Fragen auf. Sie hat sich aus dem Alltag zurückgezogen. Mir schien sie Anfangs sehr verbittert, was sich dann im Laufe des Buches aber aufgeklärt hat.

Horche öfter mal auf dein Herz. Gebe deinen Ohren die Gelegenheit, etwas zu hören. Rede nicht einfach darauf los, sondern lasse deine Gedanken sacken und antworte erst, wenn du dir sicher bist, dass es dein Gegenüber auch wirklich hören will. Höre auf Krach zu machen und besinne dich wieder auf dein Inneres. Ich könnte jetzt unendlich weiter aufzählen. Einfach gesagt: sei einfach mal wieder da! 
Das Buch bekommt von Rubi und mir 🐭🐭🐭🐭 Vielleicht sollte ich es einfach noch ein zweites Mal lesen oder es hatte für mich nicht den richtigen Zeitpunkt.

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Veröffentlicht am 21.01.2026

Gedankenspiele

Treppe aus Papier
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Stell dir vor, ein Haus, das Ende des neunzehnten Jahrhunderts gebaut wurde, könnte seine Geschichten erzählen. Geschichten davon, was zwischen seinen Wänden geschehen ist, was die Bewohner gedacht und ...

Stell dir vor, ein Haus, das Ende des neunzehnten Jahrhunderts gebaut wurde, könnte seine Geschichten erzählen. Geschichten davon, was zwischen seinen Wänden geschehen ist, was die Bewohner gedacht und gemacht haben. Welche Ängste und welche Freuden in den Wohnungen entstanden und welche Konsequenzen gezogen wurden. Erinnerungen, Liebe und Wut, die in den Mauern eingeschlossen sind, fänden endlich ein Ohr. Henrik Szántó hat mit dem Buch Treppe aus Papier einen wirklich interessanten und spannenden Roman verfasst, der sich unterhaltend und angenehm lesen lässt. Fast poetische Sätze, manchmal endlos lang und doch überhaupt nicht zu lang. Das Haus erzählt im Jetzt und gleichzeitig das Vergangene. Da steht Nele, das Mädchen aus dem vierten Stock und gleichzeitig sitzt dort Ruth aus der Vergangenheit, hinter einem Regal und sortiert Uhrenzahnrädchen. Die Geschichten überschneiden sich und sind gleichzeitig einzelne Erzählungen.

Beim öffnen einer Tür atmet ein gesamter Raum stoßweise sich selbst, liegt offen und ist gleichsam verschüttet. Jeder Hauch findet sein Ende an den Wänden, und den Sedimenten der Tapete. Hier liegt Schicht auf Schicht. ... (Seite 84)

Geschichten aus der Vergangenheit

Nele schreibt demnächst eine Geschichtsklausur. Sie könnte die 90-Jährige Irma Thon aus dem ersten Stock fragen, wie das damals war. Alt genug ist die bestimmt. Wie war das damals Kind, als die NS-Zeit Deutschland in Atem hielt? Und hat Irma damals ihre Eltern infrage gestellt? Sie klingelt und tatsächlich hilft Irma Nele. Das Mädchen fängt dabei an, über damals nachzudenken und stellt ihren eigenen Eltern Fragen zu ihrer Familie. Auch Irma denkt über damals nach und schämt sich, weil sie Ruth, das jüdische Nachbarskind verpfiffen hat. All das sieht das Haus, speichert die Geschichten in seinen Wänden, Holzböden und Ritzen, unter den Tapeten und zwischen den Fensterrahmen ...

»Ein gutes Haus bewahrt sich seinen Kern«, antwortet Irma. In ihrem Kaffee kreist unser lächeln. »Manches bleibt,manches nicht ...« (Seite 45)

Das Haus spricht in der Wir-Form, denn es ist viele. Steine, Mörtel, Zement, Fenster, Glas, Treppen, Tapeten, Kleister ... Ich fand es unterhaltsam, mir das Haus vorzustellen und welche Erlebnisse es gespeichert hat. Nur das Haus kennt die verborgenen Winkel und manchmal lässt es zu, dass kleine Mädchen Verstecke finden oder im Keller Platz entsteht, der vorher nicht gesehen ward. Das Haus ist nicht böse, es kommentiert, bewertet aber nicht. Es nimmt wahr und gibt wieder. Obwohl es auch manchmal gerne die steinerne Faust gegen die Flugzeuge mit den Bomben gereckt hätte.

»Man muss für die richtige Sache einstehen, unabhängig vom Ergebnis. Mutlosigkeit ist der Verrat an der eigenen Menschlichkeit« (Seite 126)

Jede Seite in dem Buch habe ich genossen. Leider habe ich es als E-Book gelesen. Im Buchladen meines Vertrauens habe ich es mir dann als haptisches Buch angesehen und musste wieder feststellen, dass ich doch lieber echte Bücher lese. Auf jeden Fall hat Treppe aus Papier 🐭🐭🐭🐭🐭 verdient. Ich kann es nur empfehlen, zu lesen. Gegen das Vergessen, damit wieder nachgefragt wird und es nie wieder geschehen soll.

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