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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.03.2022

Hat mich nach kurzem Zögern überzeugt

Die Feuer
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Während in den Weiten Australiens die Feuer wüten, begegnen sich die drei Frauen Margot, Summer und Ivy im Theather. Sie alle haben sich vor ihren Ängsten und Sorgen in die Vorstellung eines Stücks von ...

Während in den Weiten Australiens die Feuer wüten, begegnen sich die drei Frauen Margot, Summer und Ivy im Theather. Sie alle haben sich vor ihren Ängsten und Sorgen in die Vorstellung eines Stücks von Samuel Beckett geflüchtet. Winnie, die Protagonistin des Dramas, steckt dabei hüftabwärts in einem Erdhügel und wird so zum regungslosen Ausharren in einem Zustand gezwungen, aus dem sie sich nicht befreien kann oder möchte, wodurch sie nach und nach ihren eigenen Verfall hervorruft.

Ähnlich wie Winnie ergeht es auch den drei Frauen im Publikum, die alle in einer komplizierten, unschönen Version ihres Lebens gefangen sind, aus der sie sich bislang aber nicht befreit haben: Margot ist Literaturprofessorin und muss die körperliche Misshandlung durch ihren dementen Mannes ertragen, während sich die Beziehung zu ihrem Sohn vor allem durch Distanz auszeichnet; die Studentin und Platzanweiserin Summer weiß nicht, wer ihr Vater ist, und muss um das Leben ihrer Geliebten fürchten, die sich in der Nähe dergroßen Feuer aufhält; Kunstmäzenin Ivy hat es zu großem Reichtum gebracht und kann damit doch nicht die Veluste der Vergangenheit aufwiegen.
"Die Feuer" ist eine solide Studie, eine Momentaufnahme dreier Frauen, die sich trotz aller Unterschiede in ihren Ängsten letztendlich gar nicht so unähnlich sind. Wie die Protagonistin des Theaterstücks sind sie gefangen in einem Zustand, der ausweglos erscheint, und schweifen aus dieser Situation heraus gedanklich immer wieder in die Vergangenheit. Doch anders als in Winnie, die sich wortwörtlich immer weiter eingraben lässt und ihre Lage leugnet, steckt tief in den drei Frauen die Kraft, sich zu befreien.

Erst jetzt im Nachhinein, während ich nochmal über den Roman nachdenke, wird mir bewusst, wie geschickt er konstruiert ist. In der Pause zwischen den Akten, dem Moment, in dem sich die drei Frauen begegnen - dieser Teil ist selbst in Dramform geschrieben -, wendet sich das Schicksal der Protagonistinnen. Und das, ohne dass es ihnen selbst oder mir beim Lesen sofort bewusst geworden wäre. Doch in dieser Begegnung liegt das Potential für sie, sich zu befreien, während Winnie auch im zweiten Akt die Notwendigkeit einer Entscheidung verleugnet.

Veröffentlicht am 03.03.2022

Vielleicht ein bisschen viel Butter

Butter
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Rika ist Journalistin und fasziniert vom Fall der mutmaßlichen Serienmörderin Manako Kajii, die ihre Opfer mit ihren Kochkünsten verführt haben soll. Nach mehreren Briefen gelingt es Rika, zu Kajii ins ...

Rika ist Journalistin und fasziniert vom Fall der mutmaßlichen Serienmörderin Manako Kajii, die ihre Opfer mit ihren Kochkünsten verführt haben soll. Nach mehreren Briefen gelingt es Rika, zu Kajii ins Gefängnis vorzudringen, wo diese gerade auf ihre zweite Verhandlung wartet. Doch Kajii weigert sich hartnäckig, sich mit irgendjemandem über die Morde zu unterhalten, weshalb Rika stattdessen versucht, ihr Vetrauen mit Gesprächen übers Kochen zu gewinnen. Nach und nach entdeckt sie dabei auch ihre eigene Liebe zum Essen und findet so eine Möglichkeit, dem harten Alltag als Frau in der japanischen Gesellschaft wenigstens für eine Weile zu entfliehen und ein ganz neues Selbstgefühl zu entwickeln.

Kritikpunkte sind für mich einerseits, dass ich mit den Protagonistinnen nicht recht warm wurde, da ich ihr Handeln häufig nicht ganz nachvollziehen konnte. Vielleicht ist das dem geschuldet, dass der Fokus nicht so sehr auf ihren Empfindungen lag, sofern diese über die Lust am Essen hinaus gingen; was dann auch schon mein zweiter Kritikpunkt ist: Insgesamt ging es mir - man hätte es sich bei Cover und Titel denken können, ich gebe es zu - einfach zu viel um Butter in all ihren Facetten. Gerade in der ersten Romanhälfte habe ich es häufig so empfunden, dass sich mehr die Handlung an den Gerichten orientiert als dass letztere Teil der Handlung sind. Mit der Zeit konzentriert sich der Roman dann jedoch mehr auf die patriarchalischen Vorstellungen der Gesellschaft, was mir dann auch besser gefallen hat.

Zentrales Thema sind die Anforderungen an die japanische Frau, die schlank, ehrgeizig, genügsam, fleißig, hübsch und gehorsam zu sein hat und am besten Arbeit, Familie und Haushalt unter einen Hut bekommt, ohne sich zu beschweren. Dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist, sollte jedem klar sein, und es wird auch im Roman mehr als deutlich spürbar: Daran, wie die Frauen sich mit allen Mitteln in ein völlig verdrehtes und ungesundes Bild ihres Körpers zu zwingen versuchen; daran, dass es vollkommen üblich ist, als weibliche Journalistin Informationen nur gegen entsprechende körperliche Gefälligkeiten zu bekommen (und dafür am Ende des Tages trotzdem weniger Rechte und weniger Verdienst zu erhalten); daran, dass kaum ein Kind in einem gesunden, gut funktionierenden familiären Umfeld aufzuwachsen scheint. Die Darstellung dieser Aspekte hat mir sehr gut gefallen, gerade auch, da die Protagonistin dahingehend im Laufe des Romans eine große Entwicklung durchmacht.

Insgesamt ist "Butter" für mich ein Roman, der mir irgendwie gefallen hat und irgendwie auch wieder nicht so ganz. Interessant fand ich die Lektüre aber allemal.

Veröffentlicht am 26.02.2022

Beeindruckend erzeugte Atmosphäre

Tell
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Wilhelm Tell, so heißt der Protagonist von Schillers Drama, das auf dem Leben des gleichnamigen Freiheitskämpfers aus der Schweiz basiert. Doch ist es überhaupt nötig, einen Roman zu schreiben, wenn es ...

Wilhelm Tell, so heißt der Protagonist von Schillers Drama, das auf dem Leben des gleichnamigen Freiheitskämpfers aus der Schweiz basiert. Doch ist es überhaupt nötig, einen Roman zu schreiben, wenn es schon ein Drama gibt? Joachim B. Schmidt zeigt: Ja, ist es.

In kurzen Kapiteln aus wechselnder Sicht - insgesamt 20 Figuren sind es, deren Perspektive wir hier zu lesen bekommen - erzählt der Autor die Geschichte eines Mannes nach, der sich gegen die Macht des amtierenden habsburgischen Landvogts auflehnt und daraufhin zum Apfelschuss auf seinen Sohn gezwungen wird. Doch noch viel mehr als diese eine, bekannte Szene vermag Schmidt einzufangen: Es ist die Kulisse einer kargen Berglanschaft, die den Menschen zum Überleben alles abverlangt, kombiniert mit eigenwilligen, urig-skurrilen Charakteren, die die Atmosphäre des Romans ausmachen. Es herrscht eine Disharmonie, eine Abneigung zwischen vielen der Figuren vor, die mich schon in den ersten Kapiteln faszinieren konnte. Und dennoch ist es auch eine Geschichte der tief empfundenen Zuneigung, die hier erzählt wird. Tell selbst kommt dabei erst ganz am Ende des Romans zu Wort, bis dahin sind es die anderen Figuren, die zu ergründen suchen, was im Kopf des stillen, abwe(i)send wirkenden Mannes vor sich geht.

In wenigen Worten gelingt es Schmidt, einer ganzen Fülle an Charakteren erstaunliche Tiefe und Vielfalt zu verleihen, und das, obwohl auf die meisten selten mehr als ein oder zwei Seiten am Stück entfallen. Entgegen meiner Befürchtungen hatte ich nie das Gefühl, nur eine Aneinanderreihung von Fragmenten zu lesen; eher ist es ein großes Puzzle, das hier nach und nach entsteht, und bei dem nicht selten eine Episode der nächsten die Hand reicht und ein detailliertes, tiefsinniges Bild von Land und Leuten zeichnet. In solch kurzen Kapiteln eine derart eindrückliche Atmosphäre zu erschaffen, ist ganz große Kunst.

"Tell" ist für mich ein Roman, von dem ich mir nach "Kalmann" viel erhofft hatte und der meinen Erwartungen auch vollkommen gerecht werden konnte. Ich freue mich auf mehr von Joachim B. Schmidt!

Veröffentlicht am 19.02.2022

Gerne mehr davon

Wir sind das Licht
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Eine Frau verhungert, und das mitten in einer ganz normalen Wohnsiedlung und vor den Augen ihrer drei Mitbewohner. Nach Elisabeths Tod ist die Polizei ratlos - liegen hier Totschlag und unterlassene Hilfeleistung ...

Eine Frau verhungert, und das mitten in einer ganz normalen Wohnsiedlung und vor den Augen ihrer drei Mitbewohner. Nach Elisabeths Tod ist die Polizei ratlos - liegen hier Totschlag und unterlassene Hilfeleistung vor, oder hat Elisabeth eigenmächtig entschieden, keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen?
Wer jetzt einen spannenden Thriller erwartet, ist hier an der falschen Adresse; Gerda Blees' Roman überzeugt auf einer ganz anderen Ebene. Denn statt ganz herkömlich eine oder mehrere Figuren zu Wort kommen zu lassen, sind es hier fast ausschließlich Gegenstände und Abstrakta wie etwa ein Brot, der Ermittlungsbericht oder die Zweifel, die die merkwürdige Geschichte der "Wohngruppe Klang und Liebe" nacherzählen. Und das funktioniert unfassbar gut.

Im Zentrum steht dabei Melodie, die Begründerin der Gruppe, die die anderen nach und nach ihrer eigenen Urteilskraft und Entscheidungsfähigkeit beraubt - und das auf eine so subtile, manipulative Art und Weise, dass man sich ihr kaum entziehen kann. Auch dann nicht, wenn nicht mehr nur die eigene Gesundheit, sondern auch das Leben an sich in Gefahr sind. Denn Melodie ist der festen Überzeugung, dass der Verzicht auf Nahrung vollkommen natürlich und förderlich ist, weshalb sie die Gruppe nach und nach auf eine reine Ernährung von Licht umstellen will - dass Elisabeth, Muriel und Petrus zum Zeitpunkt des ersten Zusammentreffens alle auf ihre Art psychisch instabil und damit sehr leicht zu beeinflussen sind, kommt ihr dabei sehr entgegen.
Durch die regelmäßigen Perspektivwechsel gelingt es der Autorin, ein extrem umfassendes und vielschichtiges Bild der vier WG-Mitglieder zu zeichnen. Als Leserin wahrt man stets eine gewisse Distanz zu den Figuren, erhält aber zugleich einen viel tiefergehenden Einblick in die Mechanismen ihres Zusammenlebens, als die Protagonistinnen selbst ihn hätten liefern können. Ich konnte beim Lesen vor lauter Unverständnis für Melodies Gedankenkonstrukt nur kontinuierlich den Kopf schütteln, und hätte dabei doch am liebsten sie selbst wachgeschüttelt.

Für mich war "Wir sind das Licht" ein unerwartetes Highlight, das ich sehr gerne empfehle!

Veröffentlicht am 08.02.2022

Manchmal ist weniger mehr

Zum Paradies
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Wo fängt man an bei einem Roman, der eigentlich aus drei größtenteils unabhängigen Geschichten besteht? Vielleicht genau damit, denn das war es, was mein Gefühl beim Lesen geprägt hat. Zwischen den einzelnen ...

Wo fängt man an bei einem Roman, der eigentlich aus drei größtenteils unabhängigen Geschichten besteht? Vielleicht genau damit, denn das war es, was mein Gefühl beim Lesen geprägt hat. Zwischen den einzelnen Geschichten liegen jeweils hundert Jahre, sie spielen alle auf dem amerikanischen Kontinent und behandeln alle Themen wie Homosexualität, Armut vs. Reichtum, Krankheit, Sehnsucht. Was mir aber gefehlt hat, ist eine wirkliche Verbindung, die über die thematische hinausgeht. Ja, es gibt einige wenige Anspielungen auf den möglichen Fortgang der jeweils anderen Geschichten, aber im Großen und Ganzen bleiben ihre Enden mehr als offen. Erwartet hatte ich eine Handlung, die sich über drei Jahrhunderte erstreckt, stattdessen musste ich mich gleich dreimal auf völlig neue Geschichten einlassen, die sich in ihrer Weitschweifigkeit verlieren.

Dabei macht Yanagihara durchaus deutlich, dass sie schreiben kann. Die Figuren und ihr Schicksal werden einfühlsam beschrieben, ihr Leid in allen Facetten geschildert - und doch habe ich bis zur dritten Geschichte gebraucht, um mich darauf einlassen zu können. Erst hier wurden die Protagonist*innen für mich greifbarer, erst hier konnte ich mich in sie hineinfühlen und mit ihnen hoffen. Sicherlich hat dazu auch die spannende bis beklemmende dystopische Grundstimmung beigetragen, die hier vorherrscht; in den beiden vorherigen Teilen hat mir diese Spannung größtenteils gefehlt. Gerade die zweite empfand ich über weite Strecken als sehr anstrengend, was das Weiterlesen manches Mal zur Überwindung gemacht hat.

Meine Kritik besteht hauptsächlich in der für meinen Geschmack zu losen Verknüpfung und der darunter leidenden, fehlenden Tiefe der Charaktere und Handlung(en). Ich frage mich, ob es wirklich notwendig war, drei Geschichten in ein Buch zu packen? Meiner Meinung nach nicht unbedingt.
Insgesamt ein Roman, den man lesen kann, aber nicht muss - mich hat er eher weniger überzeugt.

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