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Veröffentlicht am 30.01.2020

Ein sonderbares Tier

Das Evangelium der Aale
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Bis zum Blick in die aktuelle Frühjahrsvorschau des Carl Hanser Verlags hatte ich mich nie für Aale interessiert. Weder bin ich Anglerin, noch habe ich jemals Aal gegessen, aber das auffallend schöne Cover ...

Bis zum Blick in die aktuelle Frühjahrsvorschau des Carl Hanser Verlags hatte ich mich nie für Aale interessiert. Weder bin ich Anglerin, noch habe ich jemals Aal gegessen, aber das auffallend schöne Cover und die originelle Idee, die Natur- und Kulturgeschichte dieses Fisches mit der eigenen Sohn-Vater-Geschichte zu verbinden, hat mich sofort fasziniert.

So viele „Aalfragen“...
Aale gibt es seit mindestens 40 Millionen Jahren und bis heute sind trotz hartnäckigster Bemühungen zahlloser Meeresforscher nicht alle seine Geheimnisse gelüftet. Drei Metamorphosen durchläuft der Aal, bevor aus dem kleinen, durchsichtigen Weidenblattlarven zunächst der durchsichtige kleine Glasaal, dann der braun-gelb-graue Gelbaal und zuletzt der Blankaal wird. Unterschiedlich lang können die einzelnen Stadien dauern und erst im letzten bilden sich Geschlechtsorgane aus, was Naturforscher wie Aristoteles oder den jungen Sigmund Freud zu Fehlannahmen bzw. zur Verzweiflung brachte. Erst im 19. Jahrhundert fand man weibliche und männliche Tiere und zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte der Däne Johannes Schmidt nach 20-jährigen Forschungsreisen die Sargassosee im nordwestlichen Teil des Atlantiks nahe den Bahamas als Geburtsstätte der europäischen Aale ausmachen, wobei bis heute weder ein lebender noch ein toter ausgewachsener Aal dort beobachtet wurde. Ungeklärt blieb bisher auch, was die Aale zu ihren langen Wanderungen bewegt und wie sie den Weg zurück zu ihrem eigenen Ursprung finden.

Das Ende der Aale?
War es jahrhundertelang nur die Neugier, die Forscher der „Aalfrage“ nachgehen ließ, so scheint es heute zur Überlebensfrage für diese durch Krankheiten, Umweltverschmutzung, Gewässerverbauung, Fischerei und die sich durch den Klimawandel verändernden großen Meeresströmungen bedrohte Gattung zu gehen:

"Alle seriösen Berechnungen sprechen dafür, dass die Anzahl neu ankommender Glasaale in Europa heute nur noch ein bis fünf Prozent dessen beträgt, was aus den 1970er-Jahren bekannt ist. Wo in meiner Kindheit jedes Jahr einhundert kleine, durchsichtige Glasrütchen den Fluss hinaufschwammen, tritt heute nur noch eine knappe Handvoll diese Reise an."

Wie lange werden also Väter mit ihren Söhnen noch an schwedischen Flüssen oder anderswo Aale angeln, wie es Patrik Svensson in seiner Kindheit erlebt hat, ein Erlebnis, ohne das er und sein Vater „zusammen nicht dieselben“ gewesen wären? Werden wie diese beiden mit Langleinen, mit der alten Fangtechnik des „Plödderns“ oder mit Reusen experimentieren und Aale fangen, die zuvor über Tausende von Kilometern gewandert sind?

Überall Aale
Biologie und Familiengeschichte, aber auch die Bedeutung des Fischens als Kulturerbe in verschiedenen Regionen Europas, die EU-Fischereipolitik oder die Auftritte des Aals in Günter Grass‘ „Die Blechtrommel“, Boris Vians „Die Gischt der Tage“ oder Graham Swifts „Wasserland“ sind längst nicht alle Themen in diesem außergewöhnlichen Sachbuch. Nur ab und zu schießt Svensson über das Ziel hinaus, wenn er dem Aal zu sehr vermenschlicht - und sich dann meist selbst bremst -, das Rätselhafte des Aals zum Echo der Fragen nach dem eigenen Sein erklärt oder wenn ihn, den Atheisten, ein fälschlich für tot gehaltener Aal an das Wunder der christlichen Auferstehung denken lässt.

Davon abgesehen ist dieses Buch aus dem Bereich Nature Writing rundum empfehlenswert, eine gleichermaßen informative wie unterhaltsame Lektüre, die mich mit der jahrtausendealten Neugier auf dieses geheimnisvolle Tier angesteckt hat.

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Veröffentlicht am 24.01.2020

Jeder ist seines Glückes Schmied

Eine fast perfekte Welt
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Aus drei Personenporträts setzt Milena Agus ihren Generationenroman "Eine fast perfekte Welt" zusammen. Die erste im Reigen ist Ester, eine Frau, die sich ihr Leben lang sehnt und nie den perfekten Ort ...

Aus drei Personenporträts setzt Milena Agus ihren Generationenroman "Eine fast perfekte Welt" zusammen. Die erste im Reigen ist Ester, eine Frau, die sich ihr Leben lang sehnt und nie den perfekten Ort findet, an dem sie leben und glücklich sein kann. Weder auf ihrer Heimatinsel Sardinien noch auf dem Festland findet sie ihr gelobtes Land.

Eine Lebenskünstlerin ist dagegen ihre gutmütige, aber keineswegs naive Tochter Felicita, die, obwohl vom Schicksal nicht verwöhnt, überall und in jeder Lebenslage das Positive erkennt. Viel mehr als Ester hätte sie Grund zur Klage, und doch ist sie als alleinerziehende Mutter ihres sonderlichen, verträumten Sohnes Gregorio in einer ärmlichen Wohnung im Hafenviertel von Cagliari so zufrieden, dass sie auch für die Menschen in ihrer Umgebung zur „Glücksbereiterin“ wird. Ihre Lebensphilosophie fasst sie in Sätzen über den italienischen Dichter und Philologen Giacomo Leopardi zusammen:

"Das ist auch mein Lieblingsdichter, ich mag ihn wirklich sehr, ich kenne viele seiner Gedichte auswendig, finde aber, dass er nicht immer recht hat. Zum Beispiel in seinem "Dialog zwischen der Natur und einem Isländer": Es gibt keinen Ort auf der Welt, wo sich dieser arme Isländer wohlfühlt. Er ist genau wie meine Mutter. Bei allem Respekt gegenüber Leopardi finde ich, dass genau das Gegenteil der Fall ist, nämlich dass es keinen Ort auf der Welt gibt, wo man sich nicht wohlfühlen kann."

Gregorio ist der erste in der Familie, der radikal seinen Träumen folgt. Weder sein Vater noch sein Großvater haben sich getraut, ihrer Liebe zur Musik nachzugeben, doch unterstützt von seiner Mutter macht Gregorio sich auf nach New York, um als Jazzpianist sein Glück zu finden.

Das gelobte Land
"Terre promesse" heißt der nur gut 200 Seiten umfassende Roman im italienischen Original und nach diesem versprochenen gelobten Land und dem Glück suchen alle Figuren der Geschichte mit unterschiedlichem Erfolg, nicht nur Ester, Felicita und Gregorio. Die drei Teile sind mit „Das Festland“, „Amerika“ und „Sardinien“ überschrieben, doch wie Felicita richtig erkannt hat, sind es nicht die Orte, die über Glück und Unglück entscheiden, es ist die Einstellung zum Leben, der Wille, Schicksalsschläge zu überwinden, und der Mut, den eigenen Weg zu gehen.

Starke Figuren
Obwohl die Grundstimmung des Buches so melancholisch ist wie die Frau auf dem Schwarz-Weiß-Cover, hat sich die Tristesse beim Lesen nicht auf mich übertragen, ein Umstand, den ich vor allem Felicitas feinem Humor und ihrem Pragmatismus verdanke. Bedauert habe ich, dass Milena Agus‘ Heimat Sardinien nicht eine größere Rolle spielt; gerne hätte ich mehr über die Landschaft, die Geschichte und die Menschen erfahren. Dafür werden mir die eigenwilligen Romanfiguren und ihre Sehnsucht nach Glück im Gedächtnis bleiben.

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Veröffentlicht am 15.01.2020

Eine Protagonistin, die mein Interesse nicht wecken konnte

Sofia trägt immer Schwarz
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Fast wäre schon Sofia Muratores Einstieg ins Leben missglückt, nachdem ihre Mutter Rossana während der Schwangerschaft verbotene Medikamente geschluckt hatte. Schon kurz nach der Geburt sinnt ihr Vater ...

Fast wäre schon Sofia Muratores Einstieg ins Leben missglückt, nachdem ihre Mutter Rossana während der Schwangerschaft verbotene Medikamente geschluckt hatte. Schon kurz nach der Geburt sinnt ihr Vater darüber nach, wer wohl für das Leid der jeweils anderen verantwortlich ist – die Mutter für das Leid der Tochter oder doch eher umgekehrt? Denn ohne die Schwangerschaft wäre es nicht zur Ehe der Eltern gekommen und Rossana vielleicht nicht immer tiefer in Depressionen versunken. Vor den häuslichen Auseinandersetzungen flieht der Vater Roberto in die Arme einer jungen Kollegen. Für Sofia bedeutet das eine Kindheit in einem zerrütteten Elternhaus mit einer psychisch kranken Mutter und einem meist abwesenden Vater, Rebellion, Ängste vor dem Alleinsein und eine Essstörung. Nach einem Selbstmordversuch im Alter von 16 und einem Klinikaufenthalt nimmt die Schwester des Vaters sie bei sich auf, Sofia kann ihren Wunsch nach einer Schauspielausbildung verwirklichen, doch sie bleibt auf der Flucht vor sich selbst.

Ein nachträglich übersetzter Debütroman
Nachdem der 1978 in Mailand geborene Paolo Cognetti für seinen sehr lesenswerten Roman "Acht Berge" 2017 den renommiertesten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, erhielt, und auch in Deutschland einen großen Erfolg erzielte, veröffentlichte der Penguin Verlag 2018 seinen Debütroman "Sofia trägt immer Schwarz" aus dem Jahr 2012, 2013 ebenfalls auf der Shortlist dieses Preises.

Kein Zugang zur Protagonistin
Leider hat mich Paolo Cognetti mit diesem Roman nicht erreicht. Zwar mochte ich die Sprache und den Aufbau mit den unterschiedlichen Erzählperspektiven vom auktorialen Erzähler über das „Du“ bis zum Ich-Erzähler und die Herausforderung zur Neuorientierung in jedem der zehn, nicht streng chronologisch angeordneten Kapitel. Die Annährung an eine Protagonistin über Umwege und in Puzzleform, wie es beispielsweise auch Minna Rytisalo in ihrem Roman "Lempi, das heißt Liebe" so großartig macht, lese ich eigentlich gerne. Dass dabei zwangsläufig Unschärfen und Widersprüche entstehen, stört mich nicht. Allerdings hat Paolo Cognetti es zu keiner Zeit verstanden, mich für seine Protagonistin zu interessieren. Nicht nur, dass Sofia mir fremd geblieben ist, ich hatte gar nicht das Bedürfnis, mehr über diese egozentrische Figur zu erfahren. Mag sein, dass die schwere Kindheit ihr Verhalten in Teilen rechtfertigt, ihr Umgang mit Menschen, die es gut mit ihr meinen und sie mögen, hat mich trotzdem abgestoßen.

Interessante Nebenfiguren
Ganz anders wäre meine Beurteilung ausgefallen, hätte Cognetti eine seiner wirklich interessanten Nebenfiguren in den Mittelpunkt gestellt, Sofias Tante Marta, den angehenden Autor und Ich-Erzähler Pietro aus dem letzten Kapitel oder Emma, die Geliebte des Vaters. Ein „feines Gespür für die drängenden Fragen des Lebens“, das der Verlagstext verspricht, habe ich nicht wahrgenommen, viel eher schon das „Sittengemälde der Achtzigerjahre“ .

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Veröffentlicht am 12.01.2020

Ein Foto und die fatalen Folgen

Blumentod
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Zwölf Jahre liegen zwischen den beiden Haupthandlungssträngen dieses Romans, der auch als Krimi oder Thriller durchgehen könnte. 2006 wurden auf dem Hof einer alternativen Gemeinschaft um den Wunderheiler ...

Zwölf Jahre liegen zwischen den beiden Haupthandlungssträngen dieses Romans, der auch als Krimi oder Thriller durchgehen könnte. 2006 wurden auf dem Hof einer alternativen Gemeinschaft um den Wunderheiler Roman Bozanski in der Eifel acht Frauen ermordet, dringend tatverdächtig ist der flüchtige Guru. Bereits zwei Jahre zuvor hatte es einen anonymen Hinweis auf unerhörte Vorgänge dort gegeben, die Bozanski jedoch wortgewandt entkräften konnte. Als sich die Anschuldigungen nun in vollem Umfang bestätigten, war es zu spät und Bozanski längst über alle Berge, nicht ohne zuvor einem Polizisten seine Dienstwaffe abzunehmen. Zwölf Jahre lang verfolgt der ungelöste Fall den inzwischen zum Kriminalrat und Leiter des Polizeipräsidiums Düren aufgestiegenen Benedikt Kramer und seine Fragen bleiben unbeantwortet. Doch plötzlich ist alles wieder da: Ein Foto in der Bildzeitung zeigt die 33-jährige Amy Maiwald mit ihrem soeben von einem Bundeswehreinsatz aus Afghanistan zurückgekehrten Mann und Kramer erkennt in ihr eine Überlebende des Massakers. Amy selbst steht ebenfalls unter Schock, drohen doch ihre gesamte mühsam aufgebaute neue Identität und Existenz schlagartig in sich zusammenzufallen und die Bedrohung ist mehr denn je zurück. Wenig hilfreich ist da, dass ihre erst vor kurzem geschlossene Ehe mehr ein Racheakt ihres Mannes an seiner Exfreundin als echte Zuneigung war, und dass er in Bezug auf Amys Vergangenheit ebenso ahnungslos wie ihr komplettes Umfeld ist.

Maria Langner ist ein Pseudonym der Autorin Barbara Wendelken, deren Ostfrieslandkrimis für mich zu den bestkonstruierten, spannungsreichsten und sprachlich ansprechendsten deutschen Krimiserien gehören. Auch „Blumentod“ hat mich mit seinem Aufbau, den geschickt ineinander verwobenen Handlungs- und Zeitebenen und dem durchgehenden Spannungsbogen überzeugt und durch immer wieder unvorhersehbare Wendungen überrascht. Besonders gut ist die Zeichnung der Charaktere bis hin zu den Nebenfiguren gelungen, wobei der Ermittler Benedikt Kramer mein Favorit wurde. Einmal angefangen, konnte und wollte ich dieses vom Piper Verlag als „Psychospannungs-Roman“ bezeichnete Buch nicht mehr aus der Hand legen und habe mich über 400 Seiten bestens damit unterhalten.

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Veröffentlicht am 05.01.2020

O wie Offenbarung des Bösen, V wie Vergebung

Vergesst unsere Namen nicht
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Während der norwegische Literaturzug mit dem Kronprinzenpaar und zahlreichen Autoren, unter ihnen auch Simon Stranger, seinem Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse entgegenrollt, habe ich mit ...

Während der norwegische Literaturzug mit dem Kronprinzenpaar und zahlreichen Autoren, unter ihnen auch Simon Stranger, seinem Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse entgegenrollt, habe ich mit großer Anteilnahme Strangers Holocaust-Roman "Vergesst unsere Namen nicht" gelesen. Inspiriert vom Stolperstein für den Urgroßvater seiner Frau in Trondheim, hat er mit Familienangehörigen gesprochen, Handlungsorte aufgesucht und in Archiven recherchiert. Trotzdem ist sein Buch ein Roman, denn nicht alles ließ sich rekonstruieren und Lücken galt es mit Fantasie zu füllen.

J wie Jude
Einer jüdischen Tradition gemäß stirbt ein Mensch zwei Mal: wenn das Herz aufhört zu schlagen und wenn sein Name zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird. Genau wie der Künstler Gunter Demnig mit den von ihm erdachten Stolpersteinen möchte auch Stranger diesen zweiten Tod hinausschieben. „A“ bis „Z“ sind die 26 Kapitel überschrieben, jeder Buchstabe liefert Stichwörter, die sich zuletzt wie ein Puzzle zur ganzen Geschichte zusammenfügen.

S wie Stolperstein
Die Familie von Hirsch Komissar, dessen Stolperstein in Trondheim liegt, kam nach den Judenprogromen in den 1880er-Jahren aus Russland nach Norwegen. In Trondheim führte er ein Bekleidungsgeschäft. Am Tag der Besetzung Norwegens durch die Wehrmacht floh Hirsch Komissar mit seiner Frau und den drei Kindern nach Schweden, kehrte aber kurz darauf wieder zurück. Am 12.01.1942 wurde er verhaftet, zeitweise im Lager Falstad gefangen gehalten und am 07.10.1942 hingerichtet. Dass sein Sohn Gerson später zusammen mit seiner Frau Ellen und den beiden Töchtern, eine davon Strangers Schwiegermutter, ausgerechnet in das Haus zog, in dem so viele Gefangene der norwegischen Gestapo gefoltert und ermordet wurden, mutet angesichts dieser Familiengeschichte unglaublich an.

R wie Rinnan
Noch mehr als dem Opfer widmet sich Simon Stranger einem Täter, dem norwegischen Gestapo-Vertrauten Henry Oliver Rinnan (1915 – 1947), 1945 einer der meistgesuchten norwegischen Kriegsverbrecher. Beim Prozess gegen die sogenannte „Bande“ trug er die Nummer eins am Revers und ein Gutachten bescheinigte ihm große Intelligenz, Anomalien im Gefühlsleben und eine eigentümliche Macht über seine Mitmenschen. Erstaunt war ich, dass Rinnan, so wie Stranger ihn beschreibt, keinerlei politische Überzeugungen hatte. Triebfeder für seinen Verrat an Widerstandskämpfern und Juden sowie für erbarmungslose Folterungen, Gewaltexzesse und Tötungen im sogenannten „Bandenkloster“ waren Machtstreben und Eitelkeit dieses ob seiner geringen Körpergröße mit tiefen Minderwertigkeitskomplexen behafteten Mannes.

M wie Machtlosigkeit
Ganz besonders interessant fand ich Strangers Gedanken zum Entzug der Menschlichkeit durch die Täter:

"Allen, die ermordet werden, muss die Menschlichkeit genommen werden… Alles, was an Persönlichkeit erinnert, muss verschwinden, um zu verhindern, dass die Henker sich in den Gesichtern ihrer Opfer selbst wiedererkennen. Diese notwendige Distanz ist die Voraussetzung. Ohne sie ist der nächste Schritt unmöglich, er wäre wie ein Angriff auf das eigene Spiegelbild."

Z wie Zukunft
Warum wurde in der Familie von Strangers Frau Rikke zu den Ereignissen des Krieges meist geschwiegen? „Es war der Wunsch zu vergeben und weiterzugehen… Dass wir etwas ändern können, das ist der Weg in die Zukunft.“ Und doch ist es wichtig, diesen Teil der Geschichte lebendig zu halten, nicht nur, um den zweiten Tod der Opfer hinauszuzögern, sondern auch, um der neuen Rechten entgegenzutreten und Außenseiter nicht zu Tätern werden lassen. Das Buch von Simon Stranger ist ein wertvoller Beitrag dazu.

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