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Veröffentlicht am 16.03.2019

Beste Absichten

Mattis und das klebende Klassenzimmer
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Mit der Kinderbuchautorin Silke Schlichtmann hat nun auch der Hanser Verlag eine Erstleserreihe gestartet. Wie nicht anders erwartet, ist „Mattis und das klebende Klassenzimmer“ sowohl inhaltlich als auch ...

Mit der Kinderbuchautorin Silke Schlichtmann hat nun auch der Hanser Verlag eine Erstleserreihe gestartet. Wie nicht anders erwartet, ist „Mattis und das klebende Klassenzimmer“ sowohl inhaltlich als auch haptisch ein Volltreffer.

Der achtjährige Mattis hat einen älteren Bruder, einen entspannten Vater und eine besorgte Mutter, die ihn auf dem besten Weg zum Schwerverbrecher sieht. Würde sie allerdings Mattis zuhören, anstatt nur den bösen Briefen aus der Schule Glauben zu schenken, wäre alles einfacher. Deshalb beschließt Mattis, die Wahrheit aufzuschreiben: „Damit alle sie lesen können. Damit Mama sie erfährt und an eine andere Zukunft für mich glaubt.“

Und weil Mattis auch tut, was er sich vornimmt, stellt er erst einmal die Vorgänge vom vierten September richtig. Er soll „mutwillig das Klassenzimmer zerstört, mehrere Mitschüler verletzt und auch sonst noch manches beschädigt“ haben. Dabei war doch alles ganz anderes: Mattis wollte lediglich seinen Klassenkameraden beim Einhalten der Klassenregeln helfen - mit einer äußerst kreativen Idee! Wer konnte ahnen, dass die Sache so schief gehen und Herr Storm, der ungeliebte Klassenlehrer der 3c, ausrasten würde? Leider muss Mattis erfahren, dass „Pech Pech anzieht“ und der beste Plan floppt, wenn ein unberechenbarer Lehrer dazwischenfunkt...

Silke Schlichtmann beweist in dieser Geschichte für kleine Leseeinsteiger eindrucksvoll, dass auch Bücher im Großdruck mit nur 61 Seiten sehr gut ausgearbeitete Charaktere und eine komplexe Handlung bieten können. Wie schon in ihren beiden Pernilla-Bänden und in „Bluma und das Gummischlangengeheimnis“, mit dem sie 2018 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war, ist die Geschichte in einer sehr kindgemäßen Ich-Perspektive geschrieben. Besonders gut hat mir gefallen, dass das Honigbrot auf die „leckere“ Seite fällt, eine Formulierung, die eigentlich nur aus Kindermund stammen kann. Auch Herrn Storms Gesichtsfarbenspektrum von krebsrot bis krabbenrosa und zurück ist einfach herrlich. Sprachlich ist das Buch wie immer ein Hochgenuss und ihre - pardon: Mattis‘ - witzig-kreative, nicht zur Nachahmung empfohlenen Einfälle bringen auch erwachsene Leser zum Lachen. Die bunten Illustrationen von Maja Bohn mit den ausdrucksstarken Gesichtern passen ausgezeichnet zum Ton des Buchs und veranschaulichen den Text für Leseanfänger. Mein Favorit unter den Bildern ist eindeutig Herr Storm als schweißtriefender Hummer.

Wer erleben möchte, warum leider auch gutgemeinte Vorhaben manchmal scheitern, wer einen liebenswerten kleinen Helden kennenlernen möchte, dessen Einfälle Eltern das Fürchten lehren können, und wer beim Lesen herzlich lachen, aber auch nachdenken möchte, dem möchte ich dieses Erstleserbuch für gute Leserinnen und Leser ab Klasse zwei wärmstens empfehlen.

Ich freue mich schon auf "Mattis und die Sache mit den Schulklos"!

Veröffentlicht am 14.03.2019

Kann man Verdienst und Vergehen gegeneinander aufrechnen?

Das Volk der Bäume
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Die Mitteilung bei dlf24 vom heutigen 13.03.2019 könnte nicht besser passen: „Der frühere Finanzchef des Vatikans, der australische Kardinal Pell, ist wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu ...

Die Mitteilung bei dlf24 vom heutigen 13.03.2019 könnte nicht besser passen: „Der frühere Finanzchef des Vatikans, der australische Kardinal Pell, ist wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu sechs Jahren Haft verurteilt worden... Strafmindernd gewertet wurde demnach Pells Alter, seine Gesundheit und seine Lebensleistung...“. Aber kann man eine Lebensleistung, in Hanya Yanagiharas von einem wahren Fall inspirierten Debütroman ist es ein Medizin-Nobelpreis, mit Kindesmissbrauch „verrechnen“? Und: „Wenn ein großer Mann schreckliche Dinge tut, ist er dann noch ein großer Mann?“

2017 habe ich begeistert Hanya Yanagiharas zweiten Roman "Ein wenig Leben" gelesen, der mich seither nicht mehr loslässt. Über kein anderes Buch habe ich soviel diskutiert, kein anderer Roman stößt bei denen, die ihn nicht kennen, auf solche Vorbehalte. Nun war ich gespannt auf ihren Erstling von 2013, der soeben auf Deutsch erschienen ist. Das Thema schien genauso interessant und tatsächlich ist auch jetzt mein Diskussionsbedarf hoch und der Nachhall heftig, allerdings hat mir die literarische Umsetzung als vorgebliches Sachbuch weniger zugesagt und ich empfand weite Strecken des Hörbuchs als eher quälend.

Inhalt von "Das Volk der Bäume" sind die Lebenserinnerungen des 1924 geborenen Mediziners Dr. Norton Perina, von dessen Anklage und Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs wir aus Presseartikeln zu Beginn erfahren. Verfasst hat er die Memoiren auf Anregung seines Freundes und Kollegen Dr. Ronald Kubodera, dem kritiklosen Herausgeber und Kommentator, der wesentliche Kapitel bis zum Ende zurückhält.

Nach seinem Medizinstudium begleitet Perina 1950 zwei Anthropologen auf die unerforschte fiktive mikronesische Insel Ivu‘Ivu. Sie finden dort nicht nur einen urtümlichen Stamm, sondern auch eine Gruppe Ausgestoßener, die offensichtlich wesentlich älter als gemeinhin vorstellbar sind. Perinas Entdeckung wird der Grund für das hohe Alter sowie der Zusammenhang zwischen dem Alter und dem demenzartigen Zustand dieser körperlich in erstaunlich gutem Zustand befindlichen „Träumer“ sein; sie wird ihm den Nobelpreis einbringen. Gleichzeitig bedeutet die Entdeckung aber für die Inselbewohner und die Natur den Untergang.

Sogar ein zutiefst unsympathischer Protagonist, der Labormäuse mit Lust tötet, bedenkenlos Menschenversuche an den Träumern durchführt und über keinen seiner Mitmenschen ein gutes Wort sagt, verspürt eine Art von schlechtem Gewissen, weshalb Perina in den folgenden Jahren immer wieder nach Ivu’Ivu reist. 43 Kinder bringt er im Laufe der Jahre von dort mit in die USA, adoptiert sie und gibt ihnen ein Zuhause.

Zweifellos sind die in diesem Roman ausführlichst angesprochenen Themen Machtmissbrauch, Verantwortung des Wissenschaftlers, Grenzen der Forschung, Unsterblichkeit und Folgen des Kolonialismus ausgesprochen interessant, doch habe ich mich mit der Täterperspektive und den ausufernden, metapherngesättigten Beschreibungen der Natur und der Inselbewohner, ungekürzt in knapp 18 Stunden auf 3 mp3-CDs, schwergetan. Schmerzlich habe ich ein Booklet vermisst, vor allem hätte ich ein Glossar für die vielen Begriffe in der ausgedachten Inselsprache gebraucht, denn was eine Frucht, ein Tier, eine Gottheit oder der Name eines Inselbewohners war, wusste ich oft nicht mehr, wenn die Erklärung lange zurücklag. Auch eine Karte wäre hilfreich gewesen.

Bleiben wird mir viel Stoff zum Nachdenken, aber an "Ein wenig Leben" reicht dieser eher schleppende Roman in meinen Augen nicht heran.

Veröffentlicht am 12.03.2019

Schwierige Mutterschaft

Frau im Dunkeln
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Normalerweise bin ich eher skeptisch, wenn Verlage nach großen Erfolgen frühere Bücher der Autoren nachschieben. „Frau im Dunkeln“ von Elena Ferrante erschien bereits 2007 erstmals auf Deutsch, fand allerdings ...

Normalerweise bin ich eher skeptisch, wenn Verlage nach großen Erfolgen frühere Bücher der Autoren nachschieben. „Frau im Dunkeln“ von Elena Ferrante erschien bereits 2007 erstmals auf Deutsch, fand allerdings wenig Beachtung. Nun, nach dem großen Hype um die Neapolitanische Saga, wurde dieser frühe Roman Elena Ferrantes neu aufgelegt und nach wenigen Seiten war meine Skepsis verflogen. Nicht nur, dass hier viele Themen des Bestsellers bereits vorweggenommen werden, ist auch der Spannungsaufbau ähnlich und die Sprache sofort wiedererkennbar, obwohl hier Anja Nattefort übersetzte und nicht Karin Krieger.

Der nur 188 Seiten starke Roman beginnt mit seinem Ende: Die Ich-Erzählerin ist mit ihrem Auto gegen eine Leitplanke gefahren und wacht im Krankenhaus wieder auf. Unerklärlich ist eine Stichwunde links unterhalb der Rippe, über die sie nicht sprechen will, denn: „Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind am schwierigsten zu erzählen.“

Ereignet hat sich der Unfall während der überstürzt angetretenen Heimreise von der ionischen Küste zurück nach Florenz. Zum ersten Mal konnte die 48-jährige geschiedene Uni-Dozentin Leda ihre Ferien alleine verbringen, frei, ohne Verpflichtungen und mit einem Auto voller Bücher, da die beiden erwachsenen Töchter kurz zuvor zu ihrem Vater nach Toronto gezogen waren: „Niemand war mehr von meiner Fürsorge abhängig, und auch ich selbst war mir endlich keine Last mehr.“ Doch kaum angekommen, stört eine Großfamilie aus Neapel am Strand ihre Ruhe. Unliebsame Parallelen zu ihrer eigenen Familie und Erinnerungen an ihre Kindheit in dieser Stadt, die sie zum Studium fluchtartig verließ, stürmen auf sie ein und lösen feindselige Gefühle aus. Nur eine junge Mutter erscheint Leda anders und beneidenswert: Nina, die hingebungsvoll und ausdauernd mit ihrer kleinen Tochter Elena spielt. Als Leda Nina näher kennenlernt, erzählt sie eines Tages, was sie sonst für sich behält: wie sie einst, als ihre Töchter vier und sechs Jahre alt waren, ihre Familie verließ, drei Jahre und 36 Tage nicht zurückkehrte, denn „Manchmal muss man fliehen, wenn man nicht sterben will.“ Die Erinnerung an ihre Zerrissenheit zwischen Mutterschaft und Karriere und die Reflektion über die letzten 25 Jahre machen Leda den Anblick von Nina und Elena unerträglich. Sie lässt sich zu einer unerklärlichen, kindisch anmutenden Tat hinreißen, die die Eintracht zwischen den beiden zerstört, und in der sich selbst nicht wiedererkennt.

In "Frau im Dunkeln" legt eine nicht immer verlässlich erscheinende, stellenweise unheimliche Ich-Erzählerin Zeugnis über ihre schwierige Mutterschaft ab. Ich habe zwischen Mitleid und Unverständnis geschwankt und die Lektüre wie immer bei Elena Ferrantes Romanen genossen.

Veröffentlicht am 07.03.2019

Die erste Liebe bestimmt das ganze Leben

Die einzige Geschichte
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Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?“, fragt Julian Barnes zu Beginn seines neuen Romans „Die einzige Geschichte“. Es geht darin um eine große, unkonventionelle ...

Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?“, fragt Julian Barnes zu Beginn seines neuen Romans „Die einzige Geschichte“. Es geht darin um eine große, unkonventionelle Liebe und um vertraute Themen aus früheren Barnes-Romanen: Schuld, Konventionen, Pflichtgefühl, Scham, Wahrheit und Erinnerung.

„Ich versuche hier nicht, Ihnen eine Geschichte auszumalen; ich versuche, Ihnen die Wahrheit zu erzählen.“, verspricht der etwa 70-jährige Paul, der sein Leben und seine große Liebe resümiert. Sein Erinnern gliedert er in drei Teile, für die er drei verschiedene Erzählperspektiven wählt, im ersten Teil die Ich-Perspektive. Paul ist ein 19-jähriger, langhaariger Student aus einem wohlhabenden Londoner Vorort, der sich im Tennisclub unsterblich in die 48-jährige Ehefrau und Mutter Susan Macleod verliebt, deren beide Töchter älter sind als er, und seine Liebe wird erwidert. Was auf mich von Pauls Seite zunächst wie eine vorübergehende Rebellion gegen die spießbürgerlichen Konventionen der 1960er-Jahre wirkte, von Susans Seite als Ausbruch aus einer trostlosen, gewaltbasierten Ehe, entpuppt sich als langanhaltende Verbindung. Doch bereits am Ende des ersten Teils, als beide nach etwa zwei Jahren zusammenziehen, deutet Paul den weiteren Verlauf der Beziehung an: „Ich werde sie immer in guter Erinnerung behalten, versprach ich mir. Und ich würde auch alles andere in guter Erinnerung behalten, wenn ich könnte. Aber das kann ich nicht.“

„10 oder mehr Jahre“ leben Susan und Paul in London unter einem Dach, doch der zweite Teil des Romans, der jetzt schon überwiegend in der Du-Perspektive erzählt ist, ist eine Zeit des Zweifels und der Verzweiflung. Susan verfällt mehr und mehr dem Alkohol und Paul kann sie nicht retten, so sehr es auch versucht. Dieser Teil war für mich der intensivste und großartigste des Romans, denn mit Ausnahme von Arno Surminskis „Malojawind“ habe ich die Suchtproblematik noch nie so ergreifend geschildert gefunden - mit allen Hoffnungen, Abstürzen, erfolglosen Rettungsversuchen und Schuldgefühlen.

Nach diesem grandiosen Mittelteil war ich sehr gespannt, ob der dritte Teil dieses Niveau würde halten können, und ich wurde nicht enttäuscht. Ein abgeklärter Erzähler berichtet nunmehr in der dritten Person über die letzten 20 Jahre, philosophiert über die Liebe und das Leben, über sein „verödetes Herz“, seine Heimatlosigkeit nach der aus Selbstschutz vollzogenen Trennung. Diese Bilanz ist der zugleich melancholischste und doch versöhnlichste Teil des Buches. Auch das zunächst rätselhafte Cover erklärt sich hier wie von selbst. Nur einmal kehrt Paul am Schluss noch zur Ich-Perspektive zurück, als er die letzte Begegnung kurz vor Susans Tod schildert: „... ja, ich glaube, ich habe die Schuldgefühle jetzt wohl hinter mir. Doch mein übriges Leben, oder was davon geblieben ist und weiterhin bleiben wird, rief wieder nach mir.“

Mich begeistert dieser Roman von Julian Barnes sogar noch mehr als „Vom Ende einer Geschichte“, für den er 2011 den Man Booker Prize erhielt.

Veröffentlicht am 04.03.2019

Der verlorene Sohn

Worauf wir hoffen
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Worauf wir hoffen
Worauf wir hoffen
Fatima Farheen Mirza
Rezension vom 04.03.2019 (0)

Hadia ist die erste in ihrer Familie indisch-schiitischer US-Einwanderer, die ihren Ehemann selbst auswählt. Als ...


Worauf wir hoffen
Worauf wir hoffen
Fatima Farheen Mirza
Rezension vom 04.03.2019 (0)

Hadia ist die erste in ihrer Familie indisch-schiitischer US-Einwanderer, die ihren Ehemann selbst auswählt. Als sie heiratet, ist die Familie bereits auseinandergebrochen, doch kehrt der jüngere Bruder Amar auf ihren Wunsch zum ersten Mal nach drei Jahren zurück. Anders als seine angepassten älteren Schwestern Hadia und Huda war er von Geburt an schwierig. Von der Mutter Laila nachsichtig verwöhnt, gab es mit dem Vater Rafik ständig Streit: „So wie in anderen Familien gelacht wurde, so steuerte bei ihnen alles immer auf eine Auseinandersetzung zu.“ Schulschwierigkeiten, Ablehnung der islamischen Gesetze zur Geschlechtertrennung und der Moscheefeste, Alkohol- und Drogenprobleme säumen seinen Weg. Amar fühlt sich nicht zugehörig, empfindet Wut und steht sich selbst im Weg.

Die 1991 in den USA geborene Fatima Farheen Mirza erzählt in ihrem Debütroman „Worauf wir hoffen“ vom Leben einer Einwandererfamilie. Rafik hat in der neuen Heimat alles erreicht: guter Job, eigenes Haus, eine Frau aus seiner Heimat Haiderabad, drei in den USA geborene Kinder und Respekt in der Moscheegemeinde. Während Laila tief gläubig ist, empfindet er die Religion eher als Gewohnheit und Ordnungsprinzip, an der er um der Familie willen festhält. Für die Kinder ist das Leben zwischen zwei Kulturen ein Spagat. Mit neun Jahren hat Hadia, die älteste, zwar die Wahl, ob sie als einzige in ihrer Grundschulklasse einen Hijab tragen will oder nicht, doch wie sich dagegen entscheiden, wenn die Ablehnung den Eltern als Sünde gilt? Freunde lehnen die Eltern generell ab, das andere Geschlecht ist tabu, genau wie laute Musik oder T-Shirts mit Band-Namen. Während die Töchter sich arrangieren, gute Leistungen zeigen und schließlich studieren, wird Amar zum verlorenen Sohn.

Sprachlich eher einfach, verzichtet der Roman auf jegliche Chronologie in der Erzählweise, doch fällt die Orientierung nicht schwer. Im ersten und dritten Teil steht Hadias Hochzeit im Mittelpunkt, der zweite führt zurück bis zur Kindheit der Eltern, im vierten erzählt ausführlich Rafik, der nicht über die Entfremdung von Amar hinwegkommt. Wer wird einst die Totenwaschung vornehmen und die erste Handvoll Erde in sein Grab werfen, beides Frauen nicht erlaubt?

Sehr interessant ist die Innenansicht einer schiitischen Familie, deren starre Lebensweise so inkompatibel zum US-amerikanischen Freiheitsideal scheint, obwohl viele der genannten Konfliktpunkte in Nicht-Einwandererfamilien genauso vorkommen. Rafik und Laila sind nicht ultrakonservativ, Hadia und Huda legen ihr Kopftuch nach 9/11 auf Wunsch des Vaters vorsichtshalber ab, Hadia studiert fünf Fahrtstunden entfernt, der von ihr ausgewählte Ehemann wird akzeptiert, obwohl er weder Schiit ist noch Urdu spricht, doch darf sie keineswegs zeigen, dass es sich um Liebesheirat handelt. Alles dies ist mit viel Herzblut beschrieben, doch verliert sich die Autorin in zu vielen Wiederholungen, sodass sich bei mir ein gewisser Überdruss einstellte. Ein strenges Lektorat mit starken Kürzungen, eine schärfere Fokussierung auf die kulturell bedingten Konfliktpunkte und ein Glossar für die kursiv gedruckten religiösen oder kulinarischen Begriffe hätte ich mir gewünscht.

Trotz dieser Kritik werde ich auch dem nächsten Buch von Fatima Farheen Mirza eine Chance geben, denn die Autorin hat viel zu erzählen.