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Veröffentlicht am 23.02.2020

Unfreiwillig in Canaris‘ Diensten - handwerklich gelungen

Der Empfänger
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Josef möchte lieber Joe heißen, notfalls Josef, aber bitte nicht José. Er kommt aus Deutschland, wanderte in den späten 1920ern nach New York aus und muss nach dem Krieg in Argentinien und Costa Rica wohnen, ...

Josef möchte lieber Joe heißen, notfalls Josef, aber bitte nicht José. Er kommt aus Deutschland, wanderte in den späten 1920ern nach New York aus und muss nach dem Krieg in Argentinien und Costa Rica wohnen, will aber eigentlich immer zurück nach America. Darum auch Joe. Ulla Lenze erzählt die interessante Auswanderergeschichte Josefs und öffnet gleichzeitig den Blick in ein Kapitel der Geschichte, das keine große Lobby hat, nämlich das Schicksal der vielen Deutschen in den USA während der Nazizeit. Wie rotteten sich die Gesinnungsnazis damals in den USA zusammen? Wie wurden sie für die Pläne des Deutschen Reichs instrumentalisiert? Welche Rolle spielten sie auf dem Spielbrett des Krieges? Welche Aktivitäten entfaltet die deutsche Abwehr seinerzeit unter den möglicherweise rekrutierbaren Volksgenossen im Ausland? Das ist spannend und interessant - im Anhang gibt es gleich eine Reihe von Literaturtipps, denen man weiter folgen kann. Muss man aber nicht, denn Lenzes Roman ist womöglich Sachbuch genug.



Das Buch krankt an einem Unglück, das historisch verbürgte Stoffe - Lebensgeschichten von Verwandten zumal - oft befällt: Es wirkt zu einzelfallartig, zu stringent erzählt, zu wenig exemplarisch, zu „komplett“. Dabei kann Lenze schreiben, ihr fallen unverbrauchte Metaphern ein, sie setzt Figuren und Schauplätze anschaulich in Szene und hat ein bewunderungswürdiges Auge für das Detail. Auch die verschachtelte Konstruktion unterschiedlicher Zeiten ist handwerklic gelungen.

Das Problem ist also die Grundanlage des Romans selbst: Josef ist ein Heimtaloser, ein Zerrissener, ein Antiheld-wider-Willen. Er wird gegen seinen Willen vom deutschen Geheimdienst eingesetzt und gegen seinen Willen vom FBI benutzt. Nach Internierung abgeschoben wieder in Deutschland kebt er gegen seinen Willen beim Bruder Carl, um dann verlegenheitshalber nach Argentinien zu pilgern, um wieder nach New York kommen zu können. Man liest viel Interessantes über die Ultrarechte in den USA, über Nazis jenseits des Großen Teichs. Über frühe Fake News wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ (S. 44) und die mehr als aktuell klingende Agitation der klerikalen Fundamentalisten in den Staaten. Über die Truppe von Canaris und dessen klandestinen Widerstand. Über die Schwierigkeiten des Neuanfangs in Deutschland nach der Befreiung. Über das verkorkste Brüderverhältnis der Zwischenkriegsgeneration. Über die unverbesserlichen Alten Kameraden.

Aber nach „der Empfänger“ habe ich den Eindruck, nicht mehr zu wissen, als mir ein Sachbuch auch vermittelt hätte.

Das hat auch sehr viel mit den beiden zentralen Figuren zu tun, den Brüdern Josef und Carl: Beide sind nicht nationalsozialistisch, nicht rassistisch, nicht antisemitisch eingestellt, Beide müssen nicht im Krieg dienen. beide sind eher Opfer der Zeitläufte, in denen sie leben. Vor allem Josefs Einsatz als Funker im Dienste des Reiches ist eine Tätigkeit ohne Schuld. „Ich denke nur, dass ich einfach zu blöd war.“ (S. 295) Der Eindruck beschleicht mich auch. Aus diesem Einzelschicksal kann ich keine Erkenntnis über die Zeit saugen. ich kann nur feststellen, dass ein Auswandererschicksal offenbar das Gefühl fundamentaler Entwurzelung erzeugt. Und? Das hätte ich vorher schon gewusst. Am besten gelingt Lenze die Spannung zwischen Josef und seiner (sehr) amerikanischen Freundin Lauren, die in ihrem Freund den Kollaborateur vermutet und ihn als Deutschen kritisch begleitet.

Mit dem Nazimilieu in New York um 1939, mit Canaris, mit der Nachkriegsnot am Rhein, mit der „Rattenlinie“ nach Argentinien und den dortigen Alt-Nazikolonien hat sich Lenze thematisch überladen und führt nichts richtig aus. Mithin: Gut lesbarer, interessanter Stoff mit mangelnder Tiefe.

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Veröffentlicht am 23.02.2020

Bleibt anständig und sanftmütig und lest mehr Bücher

Palast der Miserablen
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In Abbas Khiders Büchern gibt es zwei unverwechselbare Besonderheiten: Das ist zum einen die Innensicht in einen Menschen, der Diktatur, Haft und Folter erlebt und überlebt hat. Und das ist zum anderen ...

In Abbas Khiders Büchern gibt es zwei unverwechselbare Besonderheiten: Das ist zum einen die Innensicht in einen Menschen, der Diktatur, Haft und Folter erlebt und überlebt hat. Und das ist zum anderen eine ganz besonderes Deutsch, das in seiner ungekünstelten Direktheit, dem schnörkellos Einfachen die orientalische Lust am Erzählen locker rüberbringt.

„Der Palast der Miserablen“ erzählt das Leben von Shams und seiner Schwester Qamer in einem Familienroman. Die Handlung begleitet die Familie aus der südirakischen Provinz in das elende Blechviertel Bagdads und Shams Weg vom Jungen zum Mann. Gegliedert sind die Kapitel durch den Blick in die Zelle, in der Shams sitzt und zurückblickt.

Überzeugend ist die Erzählperspektive „von unten“ und „von innen“. Die Auswirkungen der großen Politik, der Diktatur, der Irak-Kriege und des Embargos werden wirksam in Shams‘ Familie: Fernab des Geschehens und ohne es begreifen zu können leidet die Familie unter den Militärdiensten der Männer, den Verstümmelungen und Soldatentode. Raketen schlagen in dem Dorf ein, in dem Shams zur Welt kam, aber dass es gegen Kuweit geht und welchen Verlauf der Krieg nimmt, das ist so fern wie die Märchengeschichten des Großvaters, die aber mehr orientalische Weisheit und Wahrheit enthalten als die engherzigen, rationalen Haltungen der Entscheidungsträger im Dorf. Der Umzug in den Bagdader Slum, ins Blechviertel zeigt die liebevollen Bemühungen der Familie um Normalität, um ein trautes Heim. Diese Bemühungen werden durch gestaltlose Gefahren und gefährliche Gestalten bedroht: durch Armut und Krankheit sowie durch Banditen und den Geheimdienst.

Was wissen wir über die Irakkriege und wie bewerten wir es? Dass Saddam Hussein ein Diktator war, sein Regime korrupt und seine Söhne keine Menschenfreunde, ist bekannt. Aber haben wir beim Eingreifend der Amerikaner im ersten Golfkrieg an die Auswirkung des Bombardements auf die Familien im Südirak nachgedacht? Haben wir das 13-jährige Embargo gegen den Irak nicht eigentlich gut gefunden, weil es den Aggressor kleinhielt? Dass zwischen 1991 und 1996 hunderttausende Kinder im Irak verhungerten und sich die Lage erst durch das „Öl-gegen-Lebensmittel-Programm“ etwas verbesserte, ist heute kaum allgemeiner Wissensstand, auch wenn man es problemlos googeln kann. In Khiders Roman wird der abstrakte Hinweis auf die „notleidende Zivilbevölkerung“ beklemmend lebendig und erhalten Gesichter: die von Hussein und Zahrra, Qamer und Shams.

Der Text enthält sich Vorwürfen, bleibt gelassen und konzentriert sich auf ein anders Ziel: Shams innerer Weg und beschrittener äußerer Pfad heraus aus dem Elend - nicht dem materiellen, wohlgemerkt, sondern dem seelischen und dem intellektuellen. Literatur und lesen öffnen Shams - und seinem Autor - die Pforten in das irdische Paradies und ermöglichen ihm, sich befruchten zu lassen, auszutauschen und auszudrücken. Die Bagdader Kapitel sind eine Liebeserklärung an das Lesen und kontrastierenden seine wohltuende Wirkung mit dem erstarkenden Druck von Armut und staatlicher Repression. „Wir lachten wesentlich mehr als früher, vermutlich, weil wir sonst die ganze Zeit geweint hätten.“ (S. 252).

Khiders einfacher Tonfall verrät noch immer die angenommene Sprache. Seine Muttersprache ist Arabisch, seine Literatursprache ist Deutsch. In einem Interview äußerte er einmal, dass vom Schrecken auf Arabisch zu erzählen, für ihn zu schwer wäre. Auf Deutsch aber sei ihm die Möglichkeit gegeben. Das tut der Wahrheit seiner Geschichte keinen Abbruch, auch nicht der Glaubwürdigkeit seiner Dialoge oder dem Humor der vielen Einfälle. Im Gegenteil.

Das Erzählte zeichnet sich durch eine teilnehmende Beobachtung aus, in der eine Sanftheit und Menschlichkeit mitschwingt, die einer charakterlichen Grundhaltung des Autors entspringen dürfte. Die Lehre aus dem Erlebten lautet wie der Grundsatz für den Historiker: Erzählt „ohne Zorn und Eifer“. Bleibt anständig und sanftmütig und lest mehr Bücher.

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Veröffentlicht am 23.02.2020

Im lebendigen Dazwischen

Heimliches Berlin
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Der Berliner Autor Franz Hessel, ins Exil getrieben von den Nazis, hat der Welt neben diesem Kleinod weitere verschollene Texte hinterlassen – und einen mächtigen Sohn, nämlich Stephane Hessel, dessen ...

Der Berliner Autor Franz Hessel, ins Exil getrieben von den Nazis, hat der Welt neben diesem Kleinod weitere verschollene Texte hinterlassen – und einen mächtigen Sohn, nämlich Stephane Hessel, dessen Essay „Empört Euch!“ 2010 nicht nur Frankreich aufgerüttelt hat. 93 Jahre alt war dieser Urgroßvater Gretas zu diesem Zeitpunkt, ein Wanderer zwischen den Welten und darin sowohl seinem Vater als auch diesem Roman ähnlich.

„Heimliches Berlin“ spielt in der Weimarer Zeit in Berlin, zugleich in den Boudoirs der verarmten Aristokraten wie in den Ateliers der Künstler und den Cafés der Bohème.

Wendelin von Domrau ist jung, sieht gut aus und ist auf dem Sprung aus Berlin, weil die Mutter ihn ruft – oder eben nicht. Der Roman begleitet die Protagonisten 24 Stunden lang durch Berlin, verweilt nirgends lange, dient sich keiner Figur vollständig an und ist – in einer modernen, leichten Sprache – ganz und gar in Bewegung und stets „dazwischen“.

Ich lese den Text und die Figuren als Repräsentanten einer Zeit, „dazwischen“, in der sich der Adle noch nicht ganz von seiner Bedeutung verabschiedet, die Wissenschaft aber noch nicht angekommen ist; in der sich Eheleute zueinander bekennen, aber dennoch Gefühle dazwischen zulassen; in denen sich der Jüngling nicht festlegen will und flatternd von einem Zustand in den nächsten gerät, andere bestäubend oder von ihnen bestäubt werdend. Das ist ein schönes, lebendiges Bild eines Berlins der „Goldenen 20er“ ohne die verruchten Skandale, die man damit auch verbindet, mithin also ein realistischerer Text, der gleichwohl in seinen dreizehn Episoden Exemplarisches literarisch ummünzt.

So kurz der Roman (die Novelle?), so anregend ist sie.

Veröffentlicht am 23.02.2020

Und immer wieder das Meer

Wir Ertrunkenen
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Carsten Jensen setzt den Marstaler Seeleuten ein Denkmal, indem er ihr Werden, Fahren und Ertrinken erzählt. Mit den drei Generationen der Familie Madsen (Laurids, Albert und Knud Erik, der allerdings ...

Carsten Jensen setzt den Marstaler Seeleuten ein Denkmal, indem er ihr Werden, Fahren und Ertrinken erzählt. Mit den drei Generationen der Familie Madsen (Laurids, Albert und Knud Erik, der allerdings kein Madsen mehr ist) geht die Lektüre auf Große Fahrt – von Dänemark bis Shanghai, New York und Samoa. Mehr als hundert Jahre Seefahrt umspannt dieser Roman und intoniert den Abgesang auf die Segelschifffahrt. Ich war mir nicht sicher, ob ich das mögen würde, zumal auf achthundert Seiten.

Aber ich mag es nicht nur, ich liebe es: Jensen hat nämlich große Lust zu erzählen und begibt sich mit einer undefinierten Wir-Perspektive mitten unter die Marstaler, direkt ins Geschehen hinein. Überdies spickt er die Lebensgeschichten der Figuren mit so viel Anekdoten, Geschichten, Seeluft und Salzrändern, dass es nie langweilig wird.

Dabei vergisst Jensen nicht, einige Grundtöne in die Story zu weben, nämlich einerseits die Melancholie angesichts der sich wandelnden Zeiten und der untergegangenen Romantik der Großsegler, andererseits die Entlarvung dieser Romantik als hartes Schicksal voll Arbeit und Schmerz und zum dritten die gespiegelte Geschichte der Daheimgebliebenen, der Mütter, Ehefrauen und Kinder nämlich, die es weniger und weniger ertragen wollen, den Tod auf See als schicksalsgegeben hinzunehmen.

Dieses dritte Motiv verkörpert Klara Friis, Witwe, Erbin und plötzliche Reederin, die es sich zum Ziel gemacht hat, die Schiffe ein für alle Mal aus Marstal zu verbannen und den Männern der Stadt ein Leben an Land aufzuzwingen. Klara ist Jensen gut gelungen, und ihr monströses Ziel, das Meer gleichsam aus Marstal herauszupeitschen, ist großartig.

Dass Jensen bisweilen die Spur verliert, ist auf achthundert Seiten zu vernachlässigen, desgleichen, dass sich die Erzählung in den drei Kreisen der Generationen strukturell wiederholt.

Ich habe „Wir Ertrunkenen“ auch als Abenteuer gelesen und es sehr gemocht – und das nicht etwa, weil ich Segler bin, sondern trotzdem.

Veröffentlicht am 23.02.2020

Ach du Scheck!

Schecks Kanon
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Denis Scheck ist ein Literaturkritiker, der uns Laien zum gefallen die Sache gern auf den Punkt bringt, krachledern, kräftig und komisch. Ich habe Tränen gelacht, als er im Deutschlandfunk ein Werk von ...

Denis Scheck ist ein Literaturkritiker, der uns Laien zum gefallen die Sache gern auf den Punkt bringt, krachledern, kräftig und komisch. Ich habe Tränen gelacht, als er im Deutschlandfunk ein Werk von Jussi Adler Olson mit dem Vergleich niedermacht, es zu lesen sei so nervenzerfetzend „wie ein Weltmeisterschaftsfinale im Pfahlsitzen“. Gleichzeitig spart er auch nicht an Lob, wenn ein Werk gelungen ist, und empfiehlt immer wieder gute Bücher zu späten Stunde. Wenn er den Sledge Hammer macht – „Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue“ –, dann hat er wieder meinungsstark eine Leseempfehlung ins Rampenlicht gerückt.

Nichts weniger erwartete ich also von seinem, von „Schecks Kanon“: Sledge Hammers ultimative Liste der zu lesenden Bücher, abgeliefert von einem, der uns Laien versteht. Aber diese Liste kommt nicht, weil sich in Denis Scheck zwei Literaturmenschen verbergen: Der pfiffige Lausejunge, der saftige, umstürzlerische, direkt in den Bauch gehende Bücher liebt und uns Dagobert Duck, die Peanuts oder Karlsson vom Dach empfiehlt. Und andererseits der ruhmsüchtige Intellektuelle, der sein Können auch nicht gewonnen, sondern hart erarbeitet hat, weshalb er gern auf seinen überlegenen Intellekt hinweist. Das sind dann die anderen Werke, die Versepen etwa oder „Zettels Traum“.

Scheck geht bei fast allen ausgewählten Werken nach gleichem Schema vor: Er leitet seine Werkvorstellung mit einem allgemeinen Vergleich ein, der sowohl (autbiographisch als auch historisch-kontextuell oder literarisch-intertextuell gestaltet ist. Hier brilliert Scheck meistens (Ausnahmen s.u.). Dann zitiert er aus den Werken, zum Teil überraschend weite Passagen, und verfehlt leider häufig das Ziel, einen Einblick und ein Gefühl für Wirkung und Gestalt des Werkes zu geben. Eine Darlegung der Bedeutung des Werkes für seine Zeit und für uns Heutige darf nicht fehlen, eine Einordnung in die Literaturgeschichte folgt nicht immer, bisweilen muss auch eine subjektives Zeugnis Schecks ausreichen.

Die Auswahl ist – das sagt er einleitend – von vorn herein kritikabel, weshalb es wohlfeil ist, sich darüber zu sehr aufzuregen. Viele Hinweise auf einzelne Werke habe ich als erhellend und Leseempfehlung begriffen, der ich zu folgen beabsichtige. „Zettels Traum“ wird nicht dazu gehören.

Noch habe ich die durchschnittliche Seitenzahl der von Scheck kanonisch eingestuften Werke nicht ermittelt, aber es stellt sich der überschlägige Verdacht ein, dass ein Buch umso höhere Chancen hat, Weltliteratur zu sein, wenn es mehr als 600 Seiten umfängt. Mich beschleicht hier – und angesichts der oft klaffenden Diskrepanz zwischen Kritikerlob und Markterfolg – manchmal der Verdacht, dass sich eine Lektüreelite abgrenzt und definiert, indem sie besonders schwere Texte und besonders umfangreiche Bücher bespricht.

Die Mischung aus beidem – Comic und Proust – ist einerseits typisch Scheck, anderseits unwuchtig. Hinzu kommt, das Schecks Sprache im Fernsehen gewiss gut funktioniert, geschrieben aber mitunter arg flapsig wirkt. Die sich wiederholenden Wendungen ermüden ebenfalls, weshalb es womöglich sinnvoll ist, die Lektüre des Kanons auf hundert Tage zu verteilen, statt ihn am Stück zu lesen.

Was noch aufstößt, ist Schecks wiederkehrende Geilheit auf Sex, homosexuelle Chiffren und andere inszenierte Tabubrüche. Wie oft in Schecks Kurztexten gevögelt wird, korrespondiert anmutig mit der Zahl ausgewählter Werke, in denen „gevögelt“ wird. Ist das ein Kriterium für Weltliteratur oder doch ein Kennzeichen des Ausbruchs aus der schwäbischen Provinz?

Mich irritierte der wiederholt falsche Gebrauch des Apostrophs (meist durch seine Auslassung) sowie die mehrfach abgedruckten Bücherstapel aus der Reihe ansonsten gelungener Illustrationen. Auch die Schwäche der Einleitung, die wie aus zwei Teilen nachträglich zusammengezimmert wirkt und deshalb eine argumentative Stringenz vermissen lässt, hat mich verwundert.

Aber: Nur weil Scheck in monatlichen Dosen („Druckfrisch“) bekömmlicher ist, ist sein Kanon nicht überflüssig. Denn Scheck weiß stets zu unterhalten und hat ja ein Herz für Trash, weshalb ich ihm seine fortwährende Reklame für Zettels Traum nicht nachtrage (wie käme ich auch dazu!).