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Veröffentlicht am 13.08.2019

Das Ich als Kunstwerk

Der gebrauchte Jude
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Es fällt schwer, Biller hinter Biller zu entdecken und zu erkennen, wozu "der Jude gebraucht" oder was ihn "verbraucht, weil Biller immer so selbstreferentiell ist, selten selbstreflektiert (obwohl auch ...

Es fällt schwer, Biller hinter Biller zu entdecken und zu erkennen, wozu "der Jude gebraucht" oder was ihn "verbraucht, weil Biller immer so selbstreferentiell ist, selten selbstreflektiert (obwohl auch das). Seine Nabelschau meint aber nicht nur ihn und was er erlebt hat, die Fülle an Personen, die Biller und seinen Text begleiten, zeigen in einer Abstimmung mit den vielen Füßen, dass der Kontext des Menschen unter Menschen, des Juden unter Deutschen oder des Juden unter Nicht-Juden und unter Juden, die Nicht-Juden sein wollen, elementar ist.


Das Selbstbildnis ist eigentlich ein Genre der Malerei, Fotografie oder Bildhauerei und soll von der inneren Auseinandersetzung des Künstlers mit sich selbst und mit den eigenen sich wandelnden Stimmungen zeugen, wie Wikipedia informiert. dass Billers Ego von hier bis Bagdad reicht, ist wohl bekannt, wer ihn aber nur als amüsanten Rechthaber im "Litarischen Quartett" kennt, hat verpasst, welche Bedeutung er im Feuilleton und in der deutschen Literatur der 90er und 00er Jahre gespielt hat. Kannte ich auch nicht, weshalb ich fast ausschließlich auf Biller angewiesen bin, wenn es um Biller geht.

was ihm gelingt, ist ein Tonfall der Erzählung, die eine Kritik an der Nabelschau des Egomanen sofort einfängt und in die Hosentasche steckt. Darin liest man sich durch die Seiten und lernt nicht nur, dass Biller oft zornig, ungerecht und verletzend ist, sondern auch warum. "der gebrauchte Jude" ist ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der Entwicklung des Umgangs von Juden mit ihrer Vergangenheit und den Deutschen als Tätervolk.

Billers Selbstportrait benötigt freilich den Spiegel, denn ohne den kann der Künstler sich selbst nicht sehen. Aber indem der Spiegel ins Spiel kommt, werden die Dinge verfälscht - sie sind mindestens spiegelverkehrt. Diesen Entfremdungseffekt muss man stets mitlesen, um Biller nicht mit Biller zu verwechseln, der im übrigen nie langweilt, sondern einen pointenreichen, oft ungerechten, unterhaltsamen Text liefert.

Veröffentlicht am 13.08.2019

Wo ist der Golem?

Der Golem
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Was ich über den Golem wusste - von Rabbi Löw vor Jahrhunderten in Prag erschaffen -, hat mit Gustav Meyrinks Fortsetzungsroman „Der Golem“ nichts zu tun. Wer (wie ich) Paul Wegeners Stummfilm „Der Golem, ...

Was ich über den Golem wusste - von Rabbi Löw vor Jahrhunderten in Prag erschaffen -, hat mit Gustav Meyrinks Fortsetzungsroman „Der Golem“ nichts zu tun. Wer (wie ich) Paul Wegeners Stummfilm „Der Golem, wie er in die Welt kam“ von 1920 vor Augen hatte, geht hier völlig fehl. Zwar spielt sich das Geschehen im Prager Ghetto ab und es fehlt auch nicht an Referenzen an die Golem-Geschichte und kabbalistische Geschehnisse in den verwinkelten Gassen, aber das ist auch alles. Meyrink erzählt eine verwinkelte, oft Farben und Stimmungen wechselnde Traumgeschichte über die Suche nach dem Ich und Spiegelung des Selbst im Doppelgänger. „Impressionistisch“ wird der Roman auch genannt, weil Stimmung, Konturen und Sprache wichtiger sind als die logische Abfolge einer Handlung, der nicht der Verstand, sondern das Gefühl folgen soll.

Der Golem ist dabei nur eine Metapher und ein Handlungsantreiber - seine mystische Komponente ist ähnlich phantastisch wie die Traumkaskaden, die das Buch Ibbur auslösen oder die verwirrenden Ränke des Studenten Charousek gegen den Trödler Aaron Wasserturm. Streckenweise wird es sogar kriminalistisch, da ein Mord geschieht.

Die Erzählperspektive ist durch Träume und Rahmenhandlung(en) gebrochen und wirkt häufig wie durch ein farbiges Milchglas geschaut.

Meyrinks „Golem“ ist ein Leseabenteuer, wenn sich auch bisweilen alles wortreich auflöst, ohne mich mitzunehmen. Vor allem vermisste ich Rabbi Löw und den Golem.

Veröffentlicht am 13.08.2019

Die Atmosphäre an Bord stimmte nicht - aber sie stimmt auf jeder Seite!

Die Pitards
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Um es vorwegzunehmen: Simenons „Die Pitards“ ist genial. Der Roman baut auf 166 Seiten eine Dichte, eine Spannung und ein Drama auf, die beispiellos gelungen sind. Warum? Weil Simenon auf engstem Raum ...

Um es vorwegzunehmen: Simenons „Die Pitards“ ist genial. Der Roman baut auf 166 Seiten eine Dichte, eine Spannung und ein Drama auf, die beispiellos gelungen sind. Warum? Weil Simenon auf engstem Raum griffige Ideen und Klischees so arrangiert, dass sie einrasten und zusammenarbeiten wie ein perfekt ausgetüfteltes Räderwerk.

Èmile Lannec fährt erstmals mit „seinem“ Schiff auf große Fahrt: Er hat sich die „Donnerwetter“ gerade gekauft - zusammen mit seinem Kompagnon und Ersten Offizier Moinard und einem Bankkredit, für den die Schwiegermutter gebürgt hat. Das Schiff trägt den Namen eines Schimpfwortes - nicht den der Gattin, doch ebendiese ist auf der ersten Fahrt mit an Bord. Das sind ganz viele Klischees, derer sich Simenon bedient, um mit einfachsten Mitteln einen Spannungsaufbau zu kreieren: Schwiegermutter - das klingt immer unheilvoll. Das Schiff nicht auf den Namen einer (oder der eigenen) Frau zu taufen, stiftet ebenfalls Unheil (dem man das Schimpfwort gleich entgegentrotzt). Und eine Frau an Bord? Das bringt mindestens so viel Unheil, wie einen Spiegel zu zerschlagen: „Auf dieser Reise aber stimmte die Atmosphäre nicht!“ (S. 84) - dafür aber in diesem Roman!

Mich beeindruckt, wie scheinbar mühelos Simenon dieses einfache Spannungsarrangement liefert - denn hier ist es wie mit dem Kochen: Die einfachsten Gerichte brauchen die höchste Kunst, weil sie jeder kann und sich der Könner nur durch echte Meisterschaft vom Durchschnitt abheben kann. Dem Arrangement würzt Simenon noch eine anonyme Drohung bei, zwei Stürme, einen Kontrakt unter höchstem Zeitdruck, ein bisschen Aberglauben nebst Seemansgarn und einen Schiffbruch, um die Lektüre im letzten Drittel des Romans auf allerhöchste Spannung zu heizen. Ich konnte das Buch nicht weglegen.

Das Sahnehäubchen aber liefert die schwierige Beziehung zwischen Lannec und seiner Frau bzw. zu seiner Schwiegermutter und der ganzen Familie Pitard. Diese Sippe geriert sich in Caen in Nordfrankreich offenbar als etwas Besseres, weshalb aus Lannec die ganze Hilflosigkeit und gefühlte Minderwertigkeit der unterklassigen Herkunft spricht, wenn er sich die Absichten der Pitards ausmalt - ohne sie wirklich zu kennen.

Das schwächste an dieser Ausgabe ist das auf literarische Darstellung künstlich aufgeblasene Nachwort von Elke Schmitter, das die Kargheit von Simenons Sprache ungefragt dadurch zu loben versucht, dass es adjektiv-umschwommene Wortgiganten bemüht, um die Meeresgefangenheit von Simenons Romanarrangement neu, aber schlechter zu erzählen. Das Nachwort klärt wenig, ich empfand es als überflüssig. Deshalb ignoriere ich es bei der Sternvergabe und ziehe keinen ab.

Veröffentlicht am 13.08.2019

Ein Oskar für die Deutschen

Die Blechtrommel
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„Die Blechtrommel“ gehört nicht zu den Romanen, die ich in der Schule lesen musste. Zum Glück – denn die sprachliche Gewalt und der fantasievolle Ausdruck wäre an mich als Teenager verschwendet gewesen. ...

„Die Blechtrommel“ gehört nicht zu den Romanen, die ich in der Schule lesen musste. Zum Glück – denn die sprachliche Gewalt und der fantasievolle Ausdruck wäre an mich als Teenager verschwendet gewesen. Auch die Vielschichtigkeit Oskar Matzeraths in seiner selbstgewählten Zwergen- und Narrenrolle hätte mir wohl erst in quälenden Deutschstunden vorgekaut werden müssen. Nun aber – ganz freiwillig in die Lektüre gestürzt – konnte ich diesen so deutschen Roman genießen.

Der Interpretationen gibt es viele- ich füge dem Kanon darum nichts hinzu, wohl aber den Lobreden auf die „Blechtrommel“ ein paar Zeilen: Günter Grass‘ Meisterwerk ist 1959 erstmals erschienen und hat bei den Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs Furore gemacht: nicht zu knapp Lob und Tadel. Die Qualität des Romans zeigt sich heute, denn auch 74 Jahre nach Kriegsende und Vertreibung erschüttert „Die Blechtrommel“ den Leser ins Mark. Die Nazis und ihre Verbrechen werden nicht dämonisiert oder verzerrt – verzerrt ist ja schon der erzählende „Krüppel“ -, sondern in beiläufiger Weise erzählerisch belebt. Das ermöglicht eine teilnehmende Lektüre, die selbst den Nachgeborenen gelingt.

Oskar ist nicht sympathisch. Im Gegenteil – ich mag ihn nicht. Er ist wahnsinnig egoistisch, launisch und ungezogen- Diese kindlichen Eigenschaften befähigen ihn aber erst zum direkten Blick auf die Wahrheit: „Narrenmund tut Wahrheit kund“. Und diese Wahrheiten betreffen die politischen Kataklys4men der Zeit genauso wie die vielen privaten und familiären Katstrophen in Oskars unmittelbarem Umfeld. Hinzu kommt die fast magische Fähigkeit der Trommel, auch zeitlich ferne Situationen wahrhaftig heraufzubeschwören, so dass Grass seinen Erzähler ein komplettes Bild wiederzugeben erlaubt.

Mir hat das ausgesprochen gut gefallen, auch wenn das dritte Buch – das Leben in Düsseldorf nach dem Krieg – abfällt. Volker Schlöndorffs Entscheidung, seinen Oskar-prämierten (haha!) Kinofilm auf die beiden ersten Bücher zu beschränken, funktioniert wahrscheinlich deshalb (ich habe ihn nicht gesehen, weil immer erst das Buch lesen wollte).

Kurzum: Es lohnt sich, diesen deutschen Nachkriegsroman zu lesen – wegen der Sprache, wegen der Erzählkunst und wegen der Geschichte.

Autor: Günter Grass

Veröffentlicht am 13.08.2019

Gefangen im geheimnislosen Traum der Kinder des Borgo Vecchio (S. 24)

Die Kinder des Borgo Vecchio
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Literatur ist dann auch Dichtung, wenn sie es schafft, Realität so in Sprache zu verdichten und umzusetzen, dass sie an Bedeutung gewinnt und etwas Größeres ausdrückt, das wir Leser erkennen und erfahren ...

Literatur ist dann auch Dichtung, wenn sie es schafft, Realität so in Sprache zu verdichten und umzusetzen, dass sie an Bedeutung gewinnt und etwas Größeres ausdrückt, das wir Leser erkennen und erfahren können. Giosuè Calaciura gelingt dies mit seinem Roman „Die Kinder des Borgo Vecchio“: Das Elend armer Klassen in abgehängten Vorstädten wird lebendig in der bedauernswerten Kindheit von Mimmo, Cristofaro und Celeste. Im Borgo Vecchio fallen tiefe Schatten auf die Träume und Pläne eines jeden, denn Armut, Gewalt und der mangelnde Wille zur Veränderung verhindern den Aufstieg, den Ausbruch, die Erfüllung der Träume.

Calaciura ist ein großartiger Erzähler, der mittels weniger Worte, die zugleich aber poetisch dicht glänzen, die kleinen Geschichten, Absichten und Erlebnisse der drei Kinder lebendig werden lässt – wie auch das ganze Viertel. Der robinhoodeske Gauner Totò nimmt vor den Augen des mitfiebernden Lesers seinen Kampf gegen das System auf und begegnet dem Wolf im Menschen. Die Hure Carmela erschafft in ihrem Bett ein kurzes Paradies inmitten des Elendsquartiers, verliert jedoch nie ihre Würde.

Die plastischen Figuren agieren in einem höchst lebendigen, vignettenreichen Schauplatz, der auf 153 Seiten mehr Farben und Formen erhält als man für möglich hält. Sprache kann so vieles, wenn Calaciura und seine geniale Übersetzerin Verena von Koskull sie gekonnt einsetzen. Und wenn der Brotduft durch die Nüstern aller Gassen weht (S. 44 ff.), dann wird die Lektüre zum synästhetischen Erlebnis fast aller Sinne.

„Die Kinder des Borgo Vecchio“ erzählt eine bekannte Geschichte aus der Armut und der Kindheit, spart nicht mit Abenteuer und Verrat und führt vor Augen – wie gute Literatur es vermag –, dass vermeintlich undurchbrechbare Kreisläufe gesprengt und nicht alle Träume zum Scheirtern verdammt sind, nur weil die Welt so grausam ist, wie sie vor allem im klammen Griff des Elends ist.

Ich bin begeistert.