Berührend, verbindend und ganz viel female rage
NEMESIS' TÖCHTERNemesis ist die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit und des gerechten Zorns – eigentlich. Denn Nemesis ist geschehen, was so vielen weiblich gelesenen Personen in der Geschichte passiert ist: Sie wurde ...
Nemesis ist die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit und des gerechten Zorns – eigentlich. Denn Nemesis ist geschehen, was so vielen weiblich gelesenen Personen in der Geschichte passiert ist: Sie wurde Opfer falscher Narrative, ihr Handeln wurde als rachsüchtig, gemein oder verrückt umgedeutet, damit sie das Bild der verzeihenden, weiblichen Unterwürfigkeit nicht gefährdet.
Und damit befinden wir uns in einer der zahlreichen Erzählungen von Frauen, deren Stärke, Selbstermächtigung und Unabhängigkeit unter dem patriarchalen System nicht geduldet, dämonisiert oder bestraft wurde.
Die gebündelte Wut all der Ungerechtigkeiten, die Frauen unter dem Patriarchat erfahren haben und auch noch immer erfahren, drückt sich in female rage aus.
„Female rage ist oft genau das – neben all dieser großen, riesigen Wut auch im Kleinsten.“ (S.30)
Tara macht nicht nur die unzähligen Momente sichtbar, in denen sich female rage manifestiert und die doch alltägliches Geschehen sind. Sie zeigt auch auf, wie female rage sich durch die Jahrhunderte und Jahrtausende zieht, in denen Frauen diffamiert und unterdrückt wurden.
Da sind Nemesis und die Furien, die als bösartige Wesen und „Crazy Ex-Girlfriends der Antike“ dargestellt werden.
Da ist die Hexenverfolgung, bei der es sich eigentlich um eine Frauenverbrennung handelt, denn vor allem Frauen wurden gefoltert und ermordet. Und trotzdem werden Orte der Hexenverfolgung als touristische Attraktion oder die Hexe als simples Halloween-Kostüm behandelt. Eine Aufarbeitung dieses Krieges gegen die Frauen, dieses historischen Femizides gab es nie.
Die Aufklärung darüber, dieses deutliche Benennen von lange verschwiegenen Tatsachen ist für mich eine der vielen Stärken dieses Buches.
Im Wechsel zwischen historischen Erzählungen und persönlich Erlebtem zeigt Tara zudem auf, wie sehr uns die patriarchale Sozialisierung in der Wahrnehmung unseres Selbst beeinflusst, wie die Körper von Frauen kontrolliert und Frauen konstant dehumanisiert wurden und werden. Ein trauriges Beispiel dafür sind die Tripperburgen und Magdalenenheime, die ein Instrument der Kontrolle und Abwertung weiblicher Sexualität waren. (Und historisch anscheinend so unbekannt, dass Word mir beide Wörter als falsch anstreicht.)
In all den im Buch genannten Geschichten wurden Frauen denunziert, belächelt kleingehalten, verbrannt, weggesperrt, getötet und gequält.
Doch female rage ist da, sie lässt sich nicht mehr so einfach unterdrücken und eine der größten Stärken dieser Wut ist die Solidarität, mit der wir Frauen sie fühlen.
„Ich schreibe dieses Buch, weil ich Frauen liebe“.
So steht es gleich in der Innenklappe des Buches und man spürt es in jeder Zeile. Solidarität und Schwesterlichkeit (Kennt Word schon wieder nicht) ist das, was Frauen stärkt und manchmal sogar Überlebensstrategie ist. Wenn ich spät abends im Dunkeln nach Hause muss, kann ich darauf zählen, dass andere Frauen sich mit mir oder um mich Gedanken machen – und umgekehrt genauso. Dass Frauen nicht meine Konkurrenz sind, dass ich internalisierte Misogynie reflektieren und loslassen musste, habe ich auch erst mit der Zeit gelernt. Dafür ist es jetzt ein umso schöneres Gefühl, Frauen zu unterstützen und ein Miteinander zu leben, in dem Platz für jede ist.
Zu diesem Gefühl des Zusammenhalts gehört für Tara auch die generationsübergreifende Verbindung zu unseren Vorfahrinnen und Ahninnen, deren Erfahrungen und Geschichten in uns allen weiterleben und uns bis heute beeinflussen.
Viele Stellen haben mich emotional bewegt – jeden zweiten Tag passiert inzwischen ein Femizid.
Nemesis' Töchter war eine Lektüre für mich, die ein inneres Begreifen und die Erkenntnis schenkt: „Darum fühle ich mich also so.“
Ich empfehle Nemesis' Töchter sehr.