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Christina19

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.08.2025

Erfahrungsbericht mit kleinen Schwächen

Du darfst nicht alles glauben, was du denkst
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Lange Zeit wusste Alexander Bojcan alias Kurt Krömer nicht, wo diese Stimmung herkam, die sprichwörtliche schwarze Wolke über seinem Kopf. Es vergingen Jahre, bis er die richtige Diagnose erhielt: Depressionen. ...

Lange Zeit wusste Alexander Bojcan alias Kurt Krömer nicht, wo diese Stimmung herkam, die sprichwörtliche schwarze Wolke über seinem Kopf. Es vergingen Jahre, bis er die richtige Diagnose erhielt: Depressionen. Er begab sich zur Therapie in eine Klinik und lernte, aus der Krankheit herauszukommen. Mit seiner Geschichte hilft der Künstler nun, dass offener über psychische Gesundheit gesprochen wird.

In „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst“ erzählt Alexander Bojcan von seiner Depression. Er beschreibt, wie er seine Erkrankung eine Zeit lang mit Alkohol zu ertränken versuchte, ehe er einen kalten Entzug machte. Bojcan spricht über die Ansprüche, die er an sich selbst als alleinerziehenden Vater stellte und denen er nie gerecht wurde. Und er berichtet, wie er lernte, sein ständiges „Katastrophisieren“ zu beenden, wie er die Erfahrung machte, dass seine Ängste oft unbegründet sind, er zu mehr Gelassenheit kam und schließlich aus der Depression herausfand.
Seine Erlebnisse und Erfahrungen hat der Komiker leicht verständlich beschrieben. Die Ausdrucksweise erinnert mich dabei stark an seine Kunstfigur Kurt Krömer, dessen Stimme ich beim Lesen förmlich im Ohr hatte: schonungslos ehrlich, mal ernst, oft humorvoll. Einige Inhalte haben sich gelegentlich wiederholt und an manchen Stellen hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht. Bojcan selbst betont mehrfach, dass er kein Therapeut ist, er als Betroffener lediglich seine Geschichte erzählt. Er möchte das Tabuthema der psychischen Erkrankungen aufbrechen und Lesern helfen, ggf. eigene Symptome zu erkennen. Trotz der kleinen Schwächen denke ich, dass ihm das mit seinem Erfahrungsbericht und dank der medialen Aufmerksamkeit gelungen ist.

Veröffentlicht am 18.08.2025

Ein Ereignis, das kaum in Worte zu fassen ist, gut aufgearbeitet

Die Ausweichschule
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Kaleb Erdmann ist 11 Jahre alt, als am 26. April 2002 die ersten Schüsse fallen. Er besucht die 5. Klasse des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums, an dem an diesem Tag 16 Menschen das Leben verlieren, ehe der ...

Kaleb Erdmann ist 11 Jahre alt, als am 26. April 2002 die ersten Schüsse fallen. Er besucht die 5. Klasse des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums, an dem an diesem Tag 16 Menschen das Leben verlieren, ehe der Amokläufer die Waffe gegen sich selbst richtet.
Mehr als 20 Jahre später sorgt eine zufällige Begegnung dafür, dass die erschreckende Tat in Erdmanns Leben zurückkehrt. Er beginnt sich zu erinnern, an sein Leben in Erfurt, die Stunden am Tattag und die Zeit nach dem Amoklauf. Er stellt den Wahrheitsgehalt seiner Erinnerungen in Frage, recherchiert Zusammenhänge und überlegt, wie man über etwas schreiben kann, das kaum in Worte zu fassen ist.

Kaleb Erdmann erlebte als Schüler den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. In „Die Ausweichschule“ berichtet er über die damaligen Geschehnisse sowie seine persönlichen Erlebnisse und Erinnerungen. Die Art, wie er all das niedergeschrieben hat, empfinde ich als mehr als gelungen. Er schafft es, diese erschütternde Tat weder sensationslustig noch aufmerksamkeitsheischend zu verpacken, sondern nähert sich dem Geschehenen behutsam. Erdmann beschreibt dabei den Prozess, wie er sich als Autor an das Thema herangewagt hat. Er hinterfragt, ob man nach so langer Zeit alte Wunden aufreißen sollte, ob er der Richtige ist, darüber zu schreiben und erzählt schließlich von einem Treffen mit einem Dramatiker. In regelmäßigen Rückblicken schildert er unter anderem Telefonate, die er vorab mit dem Dramatiker geführt hat und in denen beide ihr Wissen und ihre Ansichten miteinander teilten. Diese Zeit- und Szenenwechsel bringen Abwechslung sowie Spannung in den Roman. Gleichzeitig sorgt der Aufbau dafür, dass Erdmanns Ausführungen zum Anschlag in kleinere Abschnitte geteilt werden, was die Geschehnisse zwar nicht weniger entsetzlich macht, sich beim Lesen aber besser aushalten lässt – andernfalls hätte ich wohl häufiger Lesepausen gebraucht.
Während sich große Teile des Buches dem Schreibprozess des Autors und dem Amoklauf widmen, lenkt Kaleb Erdmann die Aufmerksamkeit auch auf die Folgen für die Überlebenden. Das breite Medieninteresse und damit die Berichterstattung sind schon wenige Wochen nach dem Anschlag abgeebbt, Betroffene kämpfen dagegen teils noch heute mit dem erlittenen Trauma. Doch wie kann man solche Ereignisse verarbeiten und kann man jemals damit fertig werden?
Ich bin sehr angetan von der Art und Weise, wie Erdmann den Erfurter Amoklauf aufarbeitet. Angesichts der Tatsache, dass es sich um reale Ereignisse und keine fiktive Geschichte handelt, fühlt es sich dennoch falsch an, in überschwängliche Lobeshymnen zu verfallen. Daher nur kurz und knapp: Unbedingte Leseempfehlung für „Die Ausweichschule“!

Veröffentlicht am 11.08.2025

Unerwartet schwerwiegend und ergreifend

Onigiri
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Als junge Frau kam Akis Mutter nach Deutschland. Sie heiratete, bekam zwei Kinder, ließ sich scheiden. Als sie im Alter an Demenz erkrankt, beschließt ihre Tochter, mit ihr noch einmal in ihre alte Heimat ...

Als junge Frau kam Akis Mutter nach Deutschland. Sie heiratete, bekam zwei Kinder, ließ sich scheiden. Als sie im Alter an Demenz erkrankt, beschließt ihre Tochter, mit ihr noch einmal in ihre alte Heimat zu reisen. Zwischen Erinnern und Vergessen, Freude und Trauer – während Keiko ein letztes Mal von Japan Abschied nimmt, reflektiert ihre Tochter Aki, weshalb sich auf ihre einst so lebensfrohe Mutter in Deutschland diese bedrohliche Müdigkeit legte.

„Onigiri“ erzählt die Geschichte einer Familie zwischen zwei Kulturen. Sie ist aus der Perspektive von Aki geschrieben, die als Tochter einer japanischen Mutter und eines deutschen Vaters aufwuchs. Ihre Eltern trennten sich früh, wodurch Aki viel Zeit bei der fortan alleinerziehenden Keiko sowie ihren deutschen Großeltern Gesine und Ludwig verbrachte. Nun, selbst Mutter, blickt sie zurück auf die beiden Seiten ihrer Familie, zwischen denen Welten liegen. Aki schildert Szenen aus ihrer Kindheit, aus der Beziehung ihrer Eltern sowie aus dem Leben ihrer Mutter Keiko. Die zahlreichen Rückblenden verleihen dem Roman eine aus meiner Sicht beinah melancholische Stimmung. Vor allem helfen sie dabei, das Leben von Keiko zu verstehen: Neugierig auf die Welt kam sie nach Deutschland, lernte die Sprache und engagierte sich in einem Chor. Dennoch scheint sie nie richtig angekommen zu sein und Anschluss gefunden zu haben. Insbesondere von der wohlhabenden Familie ihres deutschen Mannes wurde Keiko nicht akzeptiert. Die Autorin zeigt an dieser Stelle deutlich auf, welche Schwierigkeiten der Umzug in ein fernes Land mit einer fremden Kultur mit sich bringen kann. Da ist das Gefühl, nicht willkommen zu sein, die Einsamkeit und das Heimweh, das man nie ganz überwinden kann. Zudem bindet Yuko Kuhn sehr ernste und schwerwiegende Themen wie Depressionen und Demenz ein – beides Erkrankungen, die das Leben der Betroffenen und ihres Umfeldes stark beeinflussen und im schlimmsten Fall den Abschied von einer vertrauten Person bedeuten können.
Obwohl der Roman nicht mit der Leichtigkeit daherkommt, die ich mir anfangs erhofft habe, kann ich „Onigiri“ guten Gewissens weiterempfehlen!

Veröffentlicht am 04.08.2025

Eine tiefgehende Familienanamnese mit teils philosophischen Gedanken

Botanik des Wahnsinns
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Seine Mutter ist alkoholabhängig, sein Vater depressiv. Sein Großvater ist schizophren, seine Großmutter bipolar, schizophren, alkoholabhängig und hat mehrere Suizidversuche hinter sich. Das Leben und ...

Seine Mutter ist alkoholabhängig, sein Vater depressiv. Sein Großvater ist schizophren, seine Großmutter bipolar, schizophren, alkoholabhängig und hat mehrere Suizidversuche hinter sich. Das Leben und die psychische Gesundheit des Erzählers scheinen vorgezeichnet. Leon Engler begibt sich auf Spurensuche, versucht die Traurigkeit mehrerer Generationen zu verstehen und nachzuempfinden. Was er herausfindet, lässt ihn hinterfragen, wo eigentlich die Grenze verläuft zwischen Normalität und Wahnsinn. Und es lässt ihn Frieden schließen mit der eigenen Familiengeschichte.

Mit seinem Debütroman „Botanik des Wahnsinns“ gibt Leon Engler einen Einblick in seine Familiengeschichte und den Verlauf seines eigenen Lebens. Dabei verfolgt er die Spuren seiner Vorfahren weit zurück, wobei in dem Buch vor allem seine Eltern und Großeltern in den Fokus gerückt werden. In Ich-Perspektive erzählt der Autor von deren psychischen Erkrankungen. Er beschreibt die Symptome und welchen Einfluss diese auf das Leben der Betroffenen hatten: Die Mutter rutschte in Schulden, verlor ihre Wohnung und war mehrmals auf Entzug. Der Vater zog sich immer mehr zurück, verbrachte Tage, wenn nicht Wochen im Bett und hatte kaum mehr soziale Kontakte. Leon Engler, der selbst Psychologie studiert hat und in einer psychiatrischen Klinik arbeitete, sieht jedoch nicht nur die Diagnose, sondern auch die Menschen dahinter. Er hört zu und versucht zu verstehen, wie seine Patienten und seine Familienmitglieder zu denen geworden sind, die sie sind. Die Gedanken, die er dazu niedergeschrieben hat, sind sehr tiefgreifend und teils philosophisch. Immer wieder nimmt der Autor Bezug auf Freud, Nietzsche und weitere Personen, die sich mit Menschen und deren geistiger Gesundheit, dem „Wahnsinn“, befasst haben. Seine Quellen listet Leon Engler im Anhang des Buches auf, was aus meiner Sicht zeigt, wie intensiv und mit welcher Ernsthaftigkeit er sich mit dem Thema befasst hat. Er wirft außerdem einen Blick auf sein eigenes Leben. Immer wieder ist er vor seinem Schicksal geflohen, erst nach New York, dann nach Paris, später nach Wien, bis er sich schließlich der Familiengeschichte stellte. In insgesamt 46 kurzen Kapiteln, die sich rasch lesen lassen, erzählt er davon. Dazwischen gibt es stetige Zeitsprünge vor und zurück, was für mich anfangs etwas gewöhnungsbedürftig war, dann aber viel Abwechslung in den Roman brachte. Ich mochte dieses Buch sehr gerne und werde es garantiert noch einmal lesen!

Veröffentlicht am 26.07.2025

Ein Roman mit vielen Ebenen

Ungebetene Gäste
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Als ein Hammer von ihrem Balkon fällt und einen Passanten erschlägt, weiß Naomi ohne es gesehen zu haben, was geschehen ist: Zwar verspürte sie von Beginn an ein Unbehagen gegenüber dem arabischen Handwerker ...

Als ein Hammer von ihrem Balkon fällt und einen Passanten erschlägt, weiß Naomi ohne es gesehen zu haben, was geschehen ist: Zwar verspürte sie von Beginn an ein Unbehagen gegenüber dem arabischen Handwerker in ihrer Wohnung, doch zu einer solchen Tat wäre er nicht fähig gewesen. Stattdessen war es ihr einjähriger Sohn, der das Werkzeug des Mannes in einem unbeobachteten Moment vom Balkon gestoßen hat. Als die Polizei auftaucht, fällt der Verdacht augenblicklich auf den Handwerker, der daraufhin abgeführt wird. Naomi, die ihn vor dem Gefängnis bewahren könnte, schweigt über den tatsächlichen Unfallhergang. Doch die Schuld, die auf ihr lastet, wird ihr Leben und das weiterer Menschen für immer verändern… .

„Ungebetene Gäste“ ist nach „Löwen wecken“ nun das zweite Buch der Autorin, dass ich kennenlernen durfte. Ayelet Gundar-Goshen setzt sich auch in diesem Roman wieder damit auseinander, wie Schuld und Moral unser Denken, Handeln und schließlich unser Leben beeinflussen:
Nachdem ein Hammer von ihrem Balkon gefallen ist und fälschlicherweise der arabische Handwerker dafür verhaftet wurde, ringt Naomi lange mit sich, ob sie ihre Schuld gegenüber der Polizei eingestehen oder weiter schweigen soll. Interessant finde ich, dass die Autorin an dieser Stelle nicht nur an die Moral eines Menschen appelliert, sondern zugleich den Aspekt unterschiedlicher Nationalitäten ins Spiel bringt, denn mit Naomi, Juval und Uri hat die Autorin eine israelische Familie zum Mittelpunkt des Geschehens gemacht. Die Vorbehalte Naomis gegenüber dem arabischen Mann und seiner Familie sind von Beginn an deutlich zu spüren, womit Gundar-Goshen ein Stück weit den Nahostkonflikt aufgreift – und bei diesem bleibt es nicht: Ohne zu viel zu verraten, sei nur gesagt, dass die Autorin Figuren weiterer Nationalitäten einbringt und mit diesen aus meiner Sicht teils Kritik an der Politik ihres Landes übt. Den Kern der Geschichte bildet aber wohl Naomis Flucht vor ihrer Verantwortung für den Unfall. Im Laufe des Romans müssen sie und ihr Mann lernen, dass die Geschehnisse sie so lange verfolgen werden, bis sie sich ihrer Verantwortung stellen.
Die Art, wie Gundar-Goshen das Ganze erzählt, mag ich sehr gerne, wenn auch das Ende für mich ein wenig zu plötzlich kam und einige Fragen offenließ.