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Veröffentlicht am 07.06.2020

Late Show als Strafversetzung

Late Show
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»Late Show« von Michael Connelly ist der erste Fall seiner neuen Protagonistin Renée Ballard, einer Polizistin in Los Angeles, die gebürtig aus Hawaii stammt und in die Abteilung der Late Show strafversetzt ...

»Late Show« von Michael Connelly ist der erste Fall seiner neuen Protagonistin Renée Ballard, einer Polizistin in Los Angeles, die gebürtig aus Hawaii stammt und in die Abteilung der Late Show strafversetzt wurde. Nach einem persönlichen Zoff mit ihrem Teamleiter glaubte ihr kein Mensch. Man versetzte sie in den Nachtdienst.

Late Show ist die Bezeichnung, die jeder Absolvent der Police Academy (Rookie) für den Nachtdienst kennt. Sie ist vergleichbar mit dem Kriminaldauerdienst in Deutschland. Die Polizisten dieser Abteilung werden als Erste an die Tatorte gerufen, das Verbrechen aufzunehmen. Der Leute der Late Show kennen keinen Tagdienst, so kommt die Versetzung in dieser Abteilung einer Strafversetzung gleich kommt.

Ich möchte an dieser Stelle keine Inhaltsangabe zu dem Buch machen, einen besonderen Hauptstrang gibt es nicht. Dieser Plot ist viel zu komplex. Ballards Job sorgt für mehrere parallele Fälle. Sie müssen gleichzeitig abgearbeitet und gelöst werden. Ballard wird mit ihrem Partner in einer Nacht an mehrere Tatorte gerufen. Sie versucht, die Täter festzusetzen, aber eigentlich muss sie die Fälle bei Schichtende am frühen Morgen abgeben. So gibt es in einem Club die Hinrichtung von drei Gangstern samt weiteren Toten als Kollateralschäden, die brutale Vergewaltigung einer Lady und den Diebstahl einer Handtasche. Dem Roman bleibt vorbehalten, ob diese Fälle oder Teile davon zusammenhängen oder nicht. (Viel Spaß beim Lesen!)

Ballard trägt viele persönliche Probleme mit sich herum. Das erschwert zusätzlich die Ermittlungen und erhöht die Spannung.

Michael Connelly ist der Erschaffer von Bosch. Als ehemaliger Kriminalreporter der Los Angeles Times hat er sich auf Polizeikrimis in Los Angeles spezialisiert. So wundert es nicht, das auch Ballard in Los Angeles ermittelt. Der vorliegende Roman liest sich wie eine topaktuelle Fernsehserie. Wer Serien wie Bosch, S.W.A.T., The Rookie oder 19-2 mag, wird von »Late Show« sehr begeistert sein.

Der Leser hetzt mit der Surferin, die am Strand von Santa Monica und Ventura mit ihre Hündin Lola in der Pacificmetropole lebt, durch die Straßen von L.A.. Er lernt die verschiedensten Abteilung der Polizei kennen, er sieht die menschlichen Abgründe in den abgelegenen Straßenzügen. Connelly fährt außerdem ein vielschichtiges und großartiges Figurenensemble auf. Menschen aller Couleur kommen zu Wort, Forensiker von der Universität, Rechtsanwälte, Autoverkäufer, Großmütter, korrekte und korrupte Cops. Sympathische und unsympathische Figuren sind auffindbar.

Ein begeisternder Roman, der die Leser in die heutigen Straßen von Los Angeles zieht. Sehr empfehlenswert. Ich möchte ihn nicht missen!

© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.05.2020

Schroffes Schottland, bezauberndes Südengland, geheimnisvolle Verbrechen

Phantomschmerzen
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Susan Hill, die Granddame des englischen Kriminalromans, hat mit »Phantomschmerzen« den neuesten Roman mit ihrem Protagonisten Simon Serrailler vorgelegt. Das kriminelle Element hält zwar die Spannung ...

Susan Hill, die Granddame des englischen Kriminalromans, hat mit »Phantomschmerzen« den neuesten Roman mit ihrem Protagonisten Simon Serrailler vorgelegt. Das kriminelle Element hält zwar die Spannung von vorne bis hinten, die Handlung geht aber über andere Themen weit hinaus.

Die Autorin entführt die Leser in eine kleine Gemeinde auf eine der schottischen Inseln an der Westküste und ins bezaubernde Südengland.

Detective Chief Superintendent Serrailler hat einen Arm verloren. Er fühlt sich nur noch wie ein halber Mensch. In der südenglischen Kathedralenstadt Lafferton hat er seine Verwandten, Freunde und Kollegen. Aber er flieht zur Therapie auf seine geliebte Insel Taransay. Auf Taransay gibt es nur ein Dorf mit verstreut liegenden Cottages und einen einzigen Pub. Hier jobbt auch Sandy, die vor einigen Monaten auf die Insel gekommen und erstaunlich gut von den Einheimischen akzeptiert worden war.

In Serraillers Schmerz, ob er überhaupt noch zu etwas nütze ist und ob er seinen beruf bei der Polizei noch wird ausüben können, fühlt er sich zur munteren Sandy hingezogen. Doch dann ist sie plötzlich verschwunden. Niemand auf der Insel für sie gesehen haben. Niemand kann erklären, wo sie abgeblieben sein kann. Bis dann die Leiche am Ufer auftaucht, welche zweifelsfrei Sandys Leiche ist. Da die Polizei momentan viel zu tun hat und erst in ein paar Tagen auf der Insel sein kann, wird Serrailler gebeten, schon mal in Sachen Sandy zu ermitteln, weil er doch Polizist und zufällig schon auf der Insel ist.

Susan Hill führt uns in die Welt von Simon Serrailler, ohne dass man die vorhergehenden Bände gelesen haben müsste. So ist dieser Roman auch eher ein Roman mit kriminellen Elementen als ein reiner Krimi, bei dem es ausschließlich um Ermittlungen geht. Vielmehr möchte Hill uns über die Psyche eines Menschen erzählen, der ganz plötzlich aus seinem üblichen Leben gerissen wird und nun anfangen muss, sich neu zu orientieren. Das macht sie über die Bezugspersonen ihres Protagonisten. Die Familie seiner Schwester spielt dabei eine große Rolle, aber auch die Freunde auf der einsamen Insel. Ein wunderschönes, wiederkehrendes Moment ist der kleine Robbi, der sich für den fehlenden Armen von Serrailler mehr interessiert als für alles andere. Allzu gerne fordert er den großen Mann heraus, ihm doch mal die Schnürsenkel zu binden.

Jede Figur dieses Romans scheint wie im richtigen Leben ihr eigenes Päckl zu tragen. Überall gibt es Konflikte. Immer wieder wird der Protagonist um Hilfe gebeten. Dabei hat er seine eigene Psyche noch gar nicht im Griff.
Neben den menschlichen Beziehung wird der Rauheit, Abgeschiedenheit und Einsamkeit der schottischen Inseln viel Raum gegeben und sie können dem Leser ans Herz wachsen. Es reizt, sich in dieser Einsamkeit den Wind um die Nase wehen zu lassen und eine tiefe Brise in die Lunge zu ziehen. Es reizt, eine liebenswürdige, in sich geschlossene Gemeinschaft kennenzulernen.

Ich habe mich in diese Roman sehr wohl gefühlt und finde es toll, in eine neue kleine Welt eingetaucht zu sein. Einen frühen Roman dieser Autorin, der gerade neu erschienen ist, habe ich hier besprochen.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

Veröffentlicht am 29.05.2020

Detailliert wie eine Dokumentation

Jahre des Jägers
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Wieder ein Roman, welcher gerne als Krimi oder Thriller bezeichnet wird, aber eigentlich viel mehr als dieses Genre beinhaltet. Es ist ein dermaßen fundamentaler Roman über den Drogenhandel, den Drogenkrieg ...

Wieder ein Roman, welcher gerne als Krimi oder Thriller bezeichnet wird, aber eigentlich viel mehr als dieses Genre beinhaltet. Es ist ein dermaßen fundamentaler Roman über den Drogenhandel, den Drogenkrieg und dessen Globalisierung, dass man fast schon meint, eine Dokumentation vor sich zu haben.

Hauptfigur ist der Drogenfahnder Art Keller. Der Roman beginnt mit seiner letzten Schlacht in diesem Milieu. Anders als eine Schlacht kann man seine Einsätze kaum bezeichnen. Endlich hat er den Drogenbaron geschlagen, den er mehrere Jahrzehnte gejagt hat. Nun will er aussteigen und sein Leben etwas ruhiger angehen lassen. Eigentlich ist schon alles dafür geregelt. Doch dann tritt ein Politiker auf ihn zu und bietet ihm den Posten des Chefs der obersten Drogenbehörde DEA an. Das ist die Chance für Keller, die Drogen auf andere Art zu bekämpfen. Effektiver als zu seiner „Soldaten“-Zeit, mit einer neuen Struktur der DEA.

Winslow beleuchtet dieses Thema so umfassend und vielschichtig, wie man es selten präsentiert bekommt. Dazu in einer solch spannenden und dramatischen Weise, dass der Roman einem unter die Haut geht wie kein anderer. Er ist aufgeteilt in mehrere Bücher bzw Teile, die jeweils aus mehreren Kapiteln bestehen. Die verschiedenen Stränge werden teils wie eigene, geschlossene Geschichten gelesen. Sie sind vom Setting her sehr unterschiedlich. Einige sind im alltäglichen US-amerikanischen Business angesiedeltt, andere Szenen spielen ausschließlich im mexikanischen Orten innerhalb der Kartelle, von denen es reichlich gibt und die sich gegenseitig bekriegen. Eine gemeinsame Front gegen die mexikanische oder US-Behörden gibt es nicht. Wiederum andere Geschichten spielen in den Startsgefängnissen und Hochsicherheitstrakten, von denen aus so manche Drogenboss sein Kartell führt.

Winslow schafft es, wohl die Brutalität in diesen Bevölkerungsgruppen als auch das friedliebende Miteinander darzustellen. Zu jeder Schattenseite gibt es auch eine leuchtende Seite.

»Jagd des Jägers« ist der dritte Band einer Trilogie dieses Bestsellerautors, die sich mit dem amerikanisch-mexikanischen Drogenkrieg befasst. Die vorhergehenden beiden Bände muss man nicht zwingend gelesen haben, um auch den letzten Band verstehen zu können. Ein Roman, der tief unter die Haut geht.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

Veröffentlicht am 23.05.2020

Thin Lizzy und die Leiche im Kilt

Schottensterben
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In dem Hebriden-Krimi »Schottensterben« von Gordon Tyree geht es sehr humorig zu. Es ist Humor von der dunkelsten Sorte. Um genauer zu sein: von der schwärzesten.

Es geschieht auf der kleinen Insel Gigha ...

In dem Hebriden-Krimi »Schottensterben« von Gordon Tyree geht es sehr humorig zu. Es ist Humor von der dunkelsten Sorte. Um genauer zu sein: von der schwärzesten.

Es geschieht auf der kleinen Insel Gigha in einer stürmischen Nacht. Es wird eine Leiche angespült. Sie trägt einen Kilt. Doch wie überall scheuen die Bewohner die Polizei. Hier auf der Insel haben sie große Chancen, die Polizei von allen Dingen fernzuhalten. Also beginnt Nicol, der die Leiche am Strand gefunden hat, sie zu verbuddeln. Er ahnt nicht, dass er dabei beobachtet wird. Und auch der Beobachter von Nicol ahnt nicht, dass sie beide aus größere Entfernung beobachtet werden. Wie auch alle nicht ahnen, dass sie vom Meer aus von den Leuten eines Fischkutters beobachtet werden. Hinzu kommt, dass jeder Bewohner auf der Insel sein eigenes kleines Geheimnis hütet.

Besonders schön wird es, wenn das Hochlandrind Thin Lizzy ins Spiel kommt. Sie ist eine Kuh, die sich über das rätselhafte Gebaren der Schotten im Allgemeinen und derer Toten im Besonderen den Kopf zerbricht. Und sie mag keine pinke Kleidung an ihnen. Damit sorgt sie für die skurrilsten Szenen im Buch. Lizzy ist eine feste Größe im Roman. Mit ihr sollte der Leser immer rechnen.

An vielen Stellen geht es liebevoll derb zu, wie hier z. B.: »Val schloss Nicol in die Arme und barg seinen Kopf an der Kuhle zwischen Hals und Schlüsselbein. Das schien ihm zu gefallen. Er roch zwar nach Kuh und ein bisschen nach Leiche, aber, hey, das war der raue Charm der Hebriden, oder?«

Die Spannung zieht sich vom Auftauchen der Leiche bis zum Schluss durch. Nicht ganz ohne immer neue Überraschungen. Ermittelt wird in diesem Krimi nicht. Schließlich will man die Polizei ja auch heraushalten. Als Detektiv fühlt sich auch keiner der Insulaner berufen. Er geht es darum, die Leiche weg zu bekommen. Aber wie ganz nebenbei passiert ein Malheur nach dem anderen, angefangen vom Untergang eines Schiffes bis zum Ausfallen der Fähre nach Kintyre.

Der Roman, und mit ihm Thin Lizzy, bereiten gute Laune. Er sorgt für Lachfältchen im Gesicht bis hin zum Dauerlächeln. Ich habe mich auf Gigha wohlgefühlt.


© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

Veröffentlicht am 17.05.2020

Wenn die Gängster dazwischen funken

Die Schuld der Väter
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Mit »Die Schuld der Väter« hat es James Lee Burke erneut geschafft, mich in seinem Bann zu ziehen. Und wieder habe ich etwas Neues am Stil entdeckt.

Eine 16 jährige Schülerin ist vergewaltigt und mit ...

Mit »Die Schuld der Väter« hat es James Lee Burke erneut geschafft, mich in seinem Bann zu ziehen. Und wieder habe ich etwas Neues am Stil entdeckt.

Eine 16 jährige Schülerin ist vergewaltigt und mit einer Schrotflinte erschossen worden. Schnell gerät ein junger Musiker wegen seiner Fingerabdrücke in den Verdacht. Doch Dave Robicheaux zweifelt an dessen Schuld und ermittelt weiter. Nach einem Gespräch mit der Großmutter des Musikers führen Spuren in die Vergangenheit und auf einen ehemaligen Plantagenaufseher. Hier kommt die Schuld der Väter ins Spiel. Erst recht, nachdem die Tochter eines Mafiosos getötet worden war. Robicheaux hat alle Hände voll zu tun, die unwillkommene Jagd der Gangster nach einem Täter Einhalt zu gebieten.

In diesem Roman hat mir ganz besonders die Komplexität gefallen. Es wird nicht nur an einem, zwei oder drei parallenen Strängen oder Verbrechen ermittelt. James Lee Burke eröffnet ganz viele Stränge, die jeder ein massiven Konflikt beinhalten, der gelöst werden will.

Mit Faszination habe ich mich auf das miese Wetter in New Iberia eingelassen und versucht, meine eigenen Theorien bestätigt zu bekommen. Aber es sollte nicht sein. Die Verstrickungen mit der Vergangenheit und die verschiedenen Gangsterszenen in Louisiana bieten so viele Möglichkeiten an Verdächtige. Hinzu kommt ein ominöser Obdachloser, der behauptet Robicheaux in Vietnam gerettet zu haben. Außerdem schafft sein Freund Clete Purcel zusätzlich Unruhe in die Ermittlungen. Cletes Liebesleben scheint ihn momentan besonders herauszufordern.

Zwar bekommt Robicheaux auch in diesem Roman wieder sein Fett weg, habe es wird dennoch gezeigt, dass es auch für ihn ein normales Leben gibt. Dies geschieht über seine Frau Bootsi und seine Tochter Alafair. Er unternimmt etwas mit ihnen gemeinsam.

Während Burke gelegentlich, aber besonders in anderen Romanen, vom Sonnenuntergang in Louisiana schwärmt, zieht in diesem Roman die meiste Zeit ist sehr schlechtes Wetter bei diesen Ermittlungen heraus. Ein wiederkehrendes Moment: Blitz, Donner, Regen! Dies zieht sich durch den gesamten Roman, so dass man als Leser meint, man müsse vielleicht einen Regenschirm beim Lesen aufspannen.

»Die Schuld der Väter« ist ein fulminanter Roman, mit dem man sich bestens in den hintersten Sessel der Wohnung zurückziehen und ihn genießen kann.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2020

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