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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.05.2018

Ein Roman voller Emotionen.

Die Schönheit der Nacht
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Nina George ist bekannt für ihren gefühlvollen Stil, den sie ihren Texten einverleibt. Darauf kann man sich auch bei ihrem aktuellsten Roman verlassen, welches einer der großen Gefühle ist, ohne auch nur ...

Nina George ist bekannt für ihren gefühlvollen Stil, den sie ihren Texten einverleibt. Darauf kann man sich auch bei ihrem aktuellsten Roman verlassen, welches einer der großen Gefühle ist, ohne auch nur eine Spur von Kids aufkommen zu lassen.

Claire verlässt das Zimmer eines Hotels, in welchem sie nur diese eine Nacht verbracht hat. Mit einem Mann, der nicht ihr Ehemann ist. Sie wird diesen Mann nicht wiedersehen. So die Vereinbarung.

Auf dem Flur trifft sie ein junges Mädchen, das ihren Job zu morgendlicher Stunde im Hotel erledigt. Die Blicke des Mädchens geben zu verstehen, dass sie Schweigen wird und keinem Menschen davon berichtet, was möglicherweise in dem Zimmer passiert ist, aus dem Claire trat. Die Wege Claires und des Mädchens sollen sich aber erneut treffen.

Die Autorin, die viel Zeit des Jahres in der Bretagne lebt, hat diese Roman wie auch schon vorhergehende in Frankreich angesiedelt. Ihre sinnliche Wortwahl macht die einzelnen Situationen für den Leser spürbar, riechbsr, schmeckbar und fühlbar. Noch heute schmecken meine Lippen salzig, wenn ich an das Meer im Roman denke. Die Gedanken der Protagonistinnen fühlen sich an, als wären es meine eigenen.
Die Emotionswucht der Sätze lässt dennoch keine Spannung vermissen. Denn als sich der Weg der beiden Protagonistinnen erneut kreuzt, wird der Sog entfacht, mit dem man das Aufeinandertreffen von Julie und Claire verfolgt. Dieses wird aus beider Sicht erzählt, abwechselnd. Damit wird das Verständnis für beide Positionen näher an den Leser gebracht. Positionen, die in erster Linie in den Köpfen der Figuren stecken, von denen sie sich befreien wollen. Aber es sind nicht nur die inneren Konflikte der reifen Frau Professor und des jungen Mädchens. Claire ist verheiratet und sie hat einen Sohn, der gerade seine ersten Schritte als Erwachsener macht. Zwei weitere Konflikte, die der Professorin im Wege stehen. wie Claire diese löst, ist im Roman geschildert und kann schwankende Gefühle für die eine oder andere Seite auslösen. Und dabei lässt Nina George zum Ende hin als Überraschung noch einen Ballon platzen, der auch den Beginn des Romans wieder ins Wanken bringt.

Ein Roman voller Emotionen. Er wird bestimmt vom Aufbruch in ein neues Leben, aber auch vom Hintersichzurücklassen, was bisher im Leben geschah. Begegnung und Abschied nebeneinander wandern auf einem ganz schmalen Grat. Das bretonische Ambiente schafft zusätzlichen Genuss. Der Roman ist in jedem Fall sehr empfehlenswert.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018

Veröffentlicht am 04.05.2018

Alles ist stimmig.

Revolution im Herzen
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Kein begeisterter Leser sollte vor diesem historischen Roman zurückschrecken, weil er vielleicht ein solch politisches Wort im Titel trägt, weil einer der wichtigsten Ökonomen der Weltgeschichte eine tragende ...

Kein begeisterter Leser sollte vor diesem historischen Roman zurückschrecken, weil er vielleicht ein solch politisches Wort im Titel trägt, weil einer der wichtigsten Ökonomen der Weltgeschichte eine tragende Nebenrolle spielt.

Lenchen Demuth mit der Zitterhand muss bitterste Armut in ihrer Familie erfahren. Sie war nicht gewollt, dass lässt ihre Mutter sie spüren. Auch die Geschwister, die älteren wie die jüngeren, gehen nicht zimperlich mit ihr um. Nur für den Vater ist sie der Liebling, der sich trotz der schweren Arbeit ein winziges Hobby leistet, was er seiner Tochter beibringt: das Schachspielen. Lenchen, neun Jahre alt, hört von Dorothea, die aus dem Nachbardorf nach Trier gegangen ist und sich dort als Dienstmädchen verdingt. Den Gerüchten zufolge soll sie dort viel Geld verdienen. Gerüchte. Nichts genaues weiß man nicht. Doch Lenchen beschließt, es ihr gleichzutun. So würde sie ihrer Familie nicht mehr auf der Tasche liegen und könnte ihr vielleicht sogar noch Geld schicken von dem, was sie als Dienstmädchen bekommen könnte. Sie hat Glück und lernt eher zufällig Jenny, deren Bruder und dessen Freund Karl kennen. Jenny überredet ihre Mutter, Lenchen in Dienst zu nehmen. Von Karl Marx ist Lenchen nicht gerade erbaut. Sie mag ihn nicht, und auch er scheint sie zu ignorieren. Schließlich ist sie ja auch nur Dienstmädchen. Doch Jenny von Westphalen ist ihr zugetan. Zwischen den beiden Mädchen, später Frauen, entwickelt sich eine Freundschaft, trotz unterschiedlichen gesellschaftlichen Standes. Lenchen steht fortan loyal zu Jenny und ihrer Familie, auch wenn sie die Verlobung und Ehe mit dem widerlichen Karl nie mochte. Sie begleitet die Marx-Familie auf all ihren Stationen durch ganz Europa, lernt angesehene und politische Persönlichkeiten, wie Friedrich Engels, Freiligrath, Wilhelm Liebknecht und andere kennen, weil die sich bei den Marxens die Klinke in die Hand geben. Das Schachspiel und die vielen Diskussionen der Herrenrunden bringt Lenchen und Karl näher. Es entsteht eine Nähe, die für alle drei, Jenny, Karl und Lenchen, keine gute Atmosphäre mit sich bringt.

Mit Freude am Detail beschreiben die Autorinnen die Lebensumstände und historische Ereignisse zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Mittels Bildern im Kopf des Lesers lassen sie diese Zeit groß und spürbar werden. Der Druck durch die Armut, das fehlende Geld kommt ganz nah heran. Das dadurch verursachte Leid wird schmerzvoll für den Leser, aber er nimmt auch die winzigen Freuden wahr, die winzigen Freiräume, in die sich die Protagonisten flüchten, wie Petersons Coffeeshop.

Das Thema wurde von den Beinert-Schwestern hervorragend fiktionalisiert, so dass ein spannender und lesenswerter Roman daraus geworden ist. Auf unterhaltsame und liebenswerter Weise bekommt der Leser Einblicke in das Leben einer politischen Familie Mitte des 19. Jahrhunderts. Die große Liebesgeschichte von Helena (Lenchen) Demuth und Karl Marx gibt eine Sicht auf Details, die in vielen Dokumentationen als Nebensache abgetan werden. Die Kunst der Autorinnen ist es, die Lücken zwischen den Fakten mit fiktiven Zusammenhängen zu füllen, in einer Weise, als wäre es tatsächlich so gewesen. Und das passt hier. Alles ist stimmig. Mir hat dieser Roman große Freude bereitet und ich kann die Revolution im Herzen jedem ans Herz legen.


© Detlef Knut, Düsseldorf 2018

Veröffentlicht am 18.04.2018

getrieben von der Spannung

Verrat
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Der in Cornwall aufgewachsene Schriftsteller stellt mit diesem Roman eine Geschichte vor, die er sicherlich nicht nur aufgrund von Recherchen erarbeitet hat. Wegen seiner langjährigen Tätigkeit im Staatsdienst ...

Der in Cornwall aufgewachsene Schriftsteller stellt mit diesem Roman eine Geschichte vor, die er sicherlich nicht nur aufgrund von Recherchen erarbeitet hat. Wegen seiner langjährigen Tätigkeit im Staatsdienst dürften reale Begebenheiten seines ehemaligen Umfeldes einen auslösenden Effekt gehabt haben.

Es beginnt 1989. Zentraler Hintergrund mit enormen Konfliktpotenzial ist der Konflikt zwischen Nordirland und Großbritannien. Protagonist ist Francis, ein Soldat der IRA, der Menschen für ein vereintes Irland tötet. Seine Dienste werden geschätzt, er hat sich einen Namen gemacht. Auch bei den Briten. Die nehmen zu ihm Kontakt auf, um ihn auf ihre Seite zu ziehen. Doch es läuft einiges aus dem Ruder. Als er Jahre später aus britischer Haft entlassen wird, ist der Kampf Geschichte. Niemand braucht mehr einen Kämpfer, deshalb kümmert er sich umso verbissener um die Suche nach seinem Verräter.

Mit sanften und ruhigen Tönen vollzieht Searle eine gewisse Bestandsaufnahme. Seine Bilder erzählen nicht nur die Zusammenhänge und Situationen der Nordirland-Krise, sie lassen die Zeit von damals im Kopf des Lesers neu entstehen. Und sie geben ein Gefühl, was damals geschah, wie sich die Menschen fühlten, die mittendrin waren. In einer Zeit, in der in Deutschland an ganz andere Sachen gedacht wurde.

In parallelen Szenen wird der Leser getrieben von der Spannung, wie es den einzelnen Figuren, nicht nur dem Protagonisten Francis, zukünftig gehen mag. Dazu gehören Francis Frau, sein Führungsoffizier und zwei britische Agenten. Der kalte Krieg scheint in der Welt zu Ende zu sein, doch auf Irland und den britischen Inseln geht er gnadenlos weiter.

Zu Beginn habe ich mich einfangen lassen von der Atmosphäre, von dem Geschehen, von dem ich damals nur in den Nachrichten gehört hatte. Doch mit immer mehr Fragezeihen im Kopf (Was geschieht hier?) hat mich Searle hineingezogen. Am Ende war der Romsn einfach nur noch fesselnd und schaffte es trotzdem nicht, Morde und Tötungen im Namen irgendeines Freiheitskampfes zu rechtfertigen.

Lesenswert allemal!

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018

Veröffentlicht am 11.04.2018

Kein dickes Happy End, dafür aber ...

Montana
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In diesem Roman wird ein Lied gespielt, das Lied des mittleren Westens Amerikas. Eine raue und wilde Melancholie, frisiert durch den Klang der Gitarre und einer knisternden Stimme des Sängers. Die Stimme ...

In diesem Roman wird ein Lied gespielt, das Lied des mittleren Westens Amerikas. Eine raue und wilde Melancholie, frisiert durch den Klang der Gitarre und einer knisternden Stimme des Sängers. Die Stimme erzählt von der Sehnsucht der Menschen in diesem Landstrich, deren Alltag von Armut und Aussichtslosigkeit geprägt ist. Der Autor trifft damit einen Ton, der dem von James Lee Burke ähnelt. Er zeichnet damit das Porträt von einem dreckigen Amerikas, einem kriminellen, einem armen Amerika, aber nicht ohne den Schimmer von Hoffnung durchsickern zu lassen.

Pete Snow ist Sozialarbeiter beim Jugendamt in Tenmile. Zwar ist es seine Aufgabe, Kindern und Jugendlichen in schwierigen familiären Verhältnissen zu helfen, aber das geht nicht, ohne nicht auch den Familien selbst zu helfen. So ist Petes Ansatz: den Eltern zu helfen, damit deren Kinder es besser haben. Oft hat Pete den Eindruck, gegen Windmühlen zu rennen. Alkohol, Rauschgift und Kriminalität bestimmen den Ablauf dieser Familien. Da bleibt ihm nur die Möglichkeit, die Kinder von dort wegzuholen. Am liebsten bringt er sie bei Pflegeeltern unter, Heime sind nur für den Notfall vorgesehen. Und dennoch ist auch der Jugendknast nicht ausgeschlossen. Nimmt ihn schon seine Arbeiten mit, vielleicht auch zu sehr, so will sich zudem zu allem Überfluss seine trinkende Ehefrau mit der pubertierenden Tochter von ihm trennen. Pete wird hin und her gerissen zwischen den zu betreuenden Familien und seiner eigenen. Als seine Tochter verschwunden ist, scheint alles zu eskalieren. Der Alkohol zieht Pete in den Bann.

Die Geschichte vom Sozialarbeiter Pete Snow wird in zwei Ebenen erzählt. Auf der Hauptebene läuft das Geschehen um den Protagonisten. Sekten, Nazis, FBI, DEA, ATF, Schlägereien, Schießereien, das volle Programm, und dazwischen das Jugendamt. Der Protagonist kümmert sich um zwei Jungs, mehr und weniger erfolgreich. In der zweiten Ebene verfolgt man ein Verhör, bei dem letztendlich nicht aufgelöst wird, wer wen interviewt. Hier erfährt man die Geschichte von Petes pubertierender Tochter Rachel auf ihrer Flucht, man erfährt von ihrer Abwärtsspirale, getreu dem Motto: Wer aus prekären Verhältnissen stammt, kann nur noch tiefer sinken. Denn auch die Verhältnisse, in denen ihr Vater Pete aufwuchs, sind alles andere als von Wohlstand geprägt gewesen. Den gibt es in diesem Landstrich in Montana nicht.

Wer ein dickes Happy End erwartet, wird sich mit dem mit diesem hervorragenden und bildgewaltigem Erzählepos nicht wohlfühlen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt und das Ende befriedigt auf angenehme und passende Weise. Ein großer Roman, den ich einen empfehlen kann.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018

Veröffentlicht am 27.03.2018

über Menschen und ihre Gefühle - Gern zu empfehlen

Mein Herz ist eine Insel
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Während der vorherige Roman von Anne Sanders in Südengland, im wunderbaren St. Ives spielt, hat sich die Autorin im vorliegenden Roman in die unwirtlichen Gefilde Schottlands gewagt. Dafür hat sie sich ...

Während der vorherige Roman von Anne Sanders in Südengland, im wunderbaren St. Ives spielt, hat sich die Autorin im vorliegenden Roman in die unwirtlichen Gefilde Schottlands gewagt. Dafür hat sie sich die fiktive Insel Bailevar geschaffen, die viel von den Mythen, dem Aussehen und dem wilden Klima der realen Landschaft in sich vereint.

Isla stammt von der Insel Bailevar, sie ist hier aufgewachsen. Doch auf dem Weg zum Erwachsenwerden wurde ihr die Insel zu eng. Sie hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Besonders dann, wenn sie sich ihrer Heimatinsel an Jemanden fest bindet. Sie befürchtet, nie mehr von ihr fortzukommen, wenn sie es nicht sofort tun würde. Nun, einige Jahre später, kehrt sie in ihre Heimat zurück. Ihr Lebensgefährte hat sie betrogen und verlassen. Sie flieht erneut. Diesmal aus der Großstadt auf eine einsame, raue Insel, die mal ihre Heimat war. Doch hier werden alte Wunden aufgerissen. Das Verhältnis zu ihrem Vater, der ihr den Weggang damals immer noch übelnimmt, ist nicht besonders gut. Finn, ihr Spielgefährte und Freund aus Kindheit und Jugendzeit, ist nicht gerade über ihre Rückkehr erfreut und will ihr aus dem Weg gehen.

Anne Sanders hat erneut einen Roman über Menschen geschaffen. Die Figuren stehen in vorderster Linie, sind umfangreich, bildhaft und in vielen Details spürbar und erlebbar.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der beiden Protagonisten Isla und Finn in abwechselnden Kapiteln. Eine weitere Ebene kommt mit der Sage um Eilean O'Sheen hinzu, in der symbolisch genau das passiert, was gegenwärtig auf der Insel vor sich geht. Auf den ersten Seiten war der Wechsel der beiden Ich-Erzähler etwas schwierig für mich, obwohl die Kapitel mit deren Namen überschrieben waren. Diesen Perspektivwechsel nachzuvollziehen war mühsam. Doch nach wenigen Seiten gewöhnte ich mich daran und es wurde immer problemloser, im Kopf umzuswitchen. Mit der Zeit lernt man, wer hinter dem jeweiligen „ich" steckt und gerade denkt. Die Überschriften scheint man nicht mehr zu benötigen.

Ein hinreißender Roman über Menschen und ihre Gefühle, über das Zusammenleben in einer Gemeinschaft, über eine Region die rau und unwirtlich erscheint. Gern zu empfehlen.

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018