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Veröffentlicht am 21.10.2023

Nichts ist, wie es scheint!

Diamantnächte
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Ein schönes Cover und ein ansprechender Titel – doch dies täuscht, nichts ist so, wie es scheint!
Hilde Rod-Larsen schreibt einen Roman über eine jetzt 48-Jährige, Agnete, die auf ihr Leben zurückblickt. ...

Ein schönes Cover und ein ansprechender Titel – doch dies täuscht, nichts ist so, wie es scheint!
Hilde Rod-Larsen schreibt einen Roman über eine jetzt 48-Jährige, Agnete, die auf ihr Leben zurückblickt. Erinnerungsfetzen versuchen ein Ganzes zu ergeben. Gerade mit ihrer Studentenzeit in London werden Schlüsselerlebnisse verbunden, die sie betrachtet. Sie versucht sich, ihren Dämonen zu stellen ohne sie zu bewerten, denn was geschehen ist, ist zu ihrem Leben geworden. Sie betrachtet die letzten Jahrzehnte und deckt nach und nach auf, was ihr widerfahren ist und was sie empfunden hat in ihrem damaligen sozialen Umfeld.
In sensibler Sprache, sehr gekonnt, mit ungewöhnlichen stilistischen Mitteln beschreibt Hilde Rod-Larsen diese Rückblenden in der Ich-Form, dann wechselnd im Sinne der Protagonistin in der 3. Form.
Hilde Rod- Larsen gibt einen wichtigen und berührenden Einblick in die Welt eines Missbrauchsopfers. Sie gibt auch Anregung, sich selbst zu fragen, wo jeder sich etwas vormacht, um sich zu fragen, wie es uns wirklich geht. Es geht um die Wahrnehmung durch die Psyche einer Frau, die gut etabliert in einem Wohlfahrtsstaat lebt. Sie kann sehr gut funktionieren, doch der Schein trügt. Nichts ist so wie es scheint.

Der Roman bietet angenehm kurze Abschnitte – bewusst die Erinnerungsfetzen, wie auch eine missbrauchte Frau sich erinnern könnte. Die eigene Geschichte dann in der 3. Person weiterzuführen brachte Agnete sicher neue Erkenntnisse und Ansichten. Stilistisch interessant und zwingt zur Konzentration. Das verlangt Geduld, empfand ich selbst das Buch als kaum spannend. Wenn ich als Leserin Psychologin wäre, würde ich diese Rückblicke und Geschehnisse sehr anregend empfinden, da das Berührende in der Entschlüsselung liegt. Es mutet an, dass sich Hilde Rod-Larsen stilistisch daran gehalten hat, wie Betroffene berichten: den Gefühlen fern, betrachtend, stückchenweise nur die Erinnerung.
Die Protagonistin ist nicht dazu gedacht, dass man sich mit ihr identifizieren kann.
Der Roman zeigt einen Lebensrückblick und hat mich allerdings, vor allem durch den Schluss, sprachlos zurückgelassen – auch dies vielleicht stilistisch gewollt.

In dem Kontext, dass der Ullstein Verlag jetzt in einem neuen Programmbereich „park x Ullstein“ Bücher veröffentlicht, die „gesellschaftliche Entwicklungen aufgreifen .. und über identifikatorische Themen schreiben“, bekomme ich Verständnis für das Anliegen dieses Romans.

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Veröffentlicht am 15.10.2023

Großartig und hochspannend erzählter deutscher Zeitabschnitt

Wie Sterben geht
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Zur Zeit des Kalten Krieges 1983 wird Nina Winter, Analystin, vom BND rekrutiert. Sie soll einen Spion in Moskau führen. Völlig unvorbereitet erwartet sie in eine harte Schulung zur Agentin bzw. Verbindungsführerin. ...

Zur Zeit des Kalten Krieges 1983 wird Nina Winter, Analystin, vom BND rekrutiert. Sie soll einen Spion in Moskau führen. Völlig unvorbereitet erwartet sie in eine harte Schulung zur Agentin bzw. Verbindungsführerin. Hart und gefährlich erfährt sie jegliche Tücken der Beschattung und Verteidigung. Geheime Briefkästen und lange raffinierte Fluchtwege gehören dazu. Sie wird sich in Moskau bewähren müssen. Dort bekämpft sie einen Todfeind und erfährt eine große Liebe.
Wieder wählt Andreas Pflüger für seine Hauptfigur eine taffe junge Frau, sportlich, intelligent. Großartig recherchiert ist die damalige politische Situation und Stimmung.
Oft habe ich selbst nachgeschlagen. Wie war das doch noch mit Helmut Kohls Schweigen oder dem Spion Guillaume, der Willy Brandt stürzte. Andreas Pflügers Einblicke in die internationalen Geheimdienste sind ungewöhnlich und entführen den Leser in ungeahnte Welten und Wahrheiten. Das allein wäre schon hochspannend. Die taffe Protagonistin Nina, jedem immer einen Schritt voraus, überaus intelligent, entführt in einen Wirbel von Ereignissen, die unglaublich überraschend und mit rasender Geschwindigkeit vonstatten gehen, sodass der Leser, wie Nina selbst, sogar Marathonläuferin, atemlos bleibt. Andreas Pflüger schreibt gekonnt mit ausgeklügeltem Humor, in seiner typischen Manier, die dem Leser volle Konzentration abverlangt. Man wird belohnt! Ich habe das Buch verschlungen. Es ist für mich mein Buch des Jahres, ein absoluter Hit!. Lediglich ein Glossar für die nochmalige Erklärung der üblichen Kürzel der dargestellten Abteilungen der jeweiligen Geheimdienste wäre von Nutzen gewesen. Ansonsten: Top! Ein deutsches Kapitel, das dank Andreas Pflüger noch einmal inszeniert und dadurch nicht vergessen wird. - Großartig!

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Veröffentlicht am 06.09.2023

Kann man vom Leben schreiben?

Eigentum
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Die vorgenommene Aufgabe sich mit einem anderen Leben auseinanderzusetzen, nämlich das der eigenen Mutter, ist Wolf Haas auf ungewöhnliche Weise angegangen.
Der Roman behandelt die letzten drei Tage im ...

Die vorgenommene Aufgabe sich mit einem anderen Leben auseinanderzusetzen, nämlich das der eigenen Mutter, ist Wolf Haas auf ungewöhnliche Weise angegangen.
Der Roman behandelt die letzten drei Tage im Leben der im Sterben liegenden 95 jährigen Mutter. Anfänglich ironisch distanziert doch humorvoll beschrieben aus der Sicht des Sohnes. Dazu die Berichte der Mutter und das Wiederentdecken der Umgebung, dort, wo der Sohn selbst aufgewachsen ist.

Kann man vom Leben schreiben? - ein schwieriges Unterfangen. Dieses 95jährige Leben birgt Umstände und Erfahrungen, die heute kaum noch nachvollziehbar sind, doch mit Staunen begreift man die Situation der vom Krieg und seinen Auswirkungen geprägten Frau. Eine sterbende, eine aussterbende Zeitzeugin! Was heute das eigene Selbstverständnis ausmacht, war nicht immer gegeben. Mit ihrem Leben dem Sohn nicht immer erträglich, so betrachtet er distanziert, ironisch teils unvoreingenommen doch auch genervt und lässt das Leben, das vergeht noch einmal Revue passieren: eine Erinnerung an die Mutter, eine Betrachtung und ein Abschiednehmen.

Aus den Erinnerungen, teils Mutter, teils Protagonist fließen die Gedanken, Erinnerungsfetzen werden ins Bewusstsein geholt, überprüft, angeschaut und weiterverfolgt. Es ergibt sich eine Zeitgeschichte, so kurios und unterhaltsam geprägt von Lebensabschnitten der Sterbenden und den Erinnerungen und Wahrnehmungen des Sohnes.
Mit 12 Jahren musste die Mutter Strümpfe ausbessern der jungen Männer, dort, wo sie arbeitete, das sogenannte Pflichtjahr eines jungen Mädchens (um sie auf die zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter vorzubereiten). Der Sohn stellt sich vor: „Dafür muss ich jetzt ihr Leben nachstricken. Aus einem inneren Zwang heraus. Bis zum Begräbnis bin ich fertig und dann bin ich es los, die Erinnerung und alles.“

Der Sohn betrachtet das Leben seiner Mutter und gibt ihr durch dieses Erzählung nicht nur ein Andenken, er beleuchtet ein Stück Zeitgeschichte, ungewöhnlich verpackt und dargestellt. Kaum noch begreifbar, wie es damals um das Überleben und den Wunsch nach Sicherheit ging, den Umständen von Politik und Wirtschaftslage ausgesetzt, die Geldentwertung mitzuerleben, die Inflation, mit dem Wunsch des Eigentums - Sparen, sparen, sparen. Durch die Wiederholungen der Mutter wird zunehmend deutlich, wie schwierig so ein Verhältnis werden kann, ständig sich einzulassen, ihr zuzuhören, zu reagieren, auch wenn die im Sterben liegende schon nicht mehr geistig in der Gegenwart verankert ist.
Nach ihrem Tod empfand ich die Geschichte zunehmend mühseliger. Dennoch ist die Geschichte sehr berührend, stellt sie ein Verhältnis von Sohn zu Mutter auf ungewöhnliche Weise dar. Stilistisch sehr gelungen und beeindruckend. Der Roman beschreibt lebendig und eindringlich das Leben.

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Veröffentlicht am 14.08.2023

Erstklassige Unterhaltung!

Bei euch ist es immer so unheimlich still
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Silvia Borowski kehrt überstürzt mit ihrer Tochter Hannah 1989 in ihr Heimatdorf zurück. Jahrelang in der Hauptstadt Berlin in einer WG lebend, konfrontiert sie sich jetzt mit ihrer Mutter Evelyn und ihrer ...

Silvia Borowski kehrt überstürzt mit ihrer Tochter Hannah 1989 in ihr Heimatdorf zurück. Jahrelang in der Hauptstadt Berlin in einer WG lebend, konfrontiert sie sich jetzt mit ihrer Mutter Evelyn und ihrer Herkunft. Auch Evelyn war einmal jung und ihre eigene Geschichte wird ab dem Jahr 1950 in Abschnitten bis 1989 erzählt. Die Perspektive von Silvia ist das Jahr 1989. Die Vergangenheit wird erzählt, aufgearbeitet, nähert sich.

Spießbürgertum, Schuld, Verpflichtungen, sozialer Zwang, Entscheidungen, die passend zur damaligen Zeit geschehen sind und die man jetzt so erfrischend mit empathischem Abstand genießen kann. Jede der 318 Seiten dieses Romans habe ich als spannendes Eintauchen in die Zeit empfunden, den „Kleinstadtmief“ mit heutigen Augen zu betrachten, betroffen und dennoch betrachtend. Doch sie geben auch Anregung darüber, wie der Mensch tickt und die Frage, welche Verkleidung die jetzige Zeit auswirft. Auch wie das Leben prägt durch angenommene Schuld und getroffene Entscheidungen. Beide Erzählstränge, der von Silvia sowie der von Evelyn sind vergangene, was das Zeitlose an dem Buch bewirkt – ein Stück Geschichte, nicht nur die der beiden, sondern auch die der deutschen Ereignisse. Die deutsche Mauer wird fallen, auch Evelyn und Silvia werden neue Wege einschlagen.

Die humorvolle und präzise Beobachtung der unterschiedlichen Milieus, hat mich beeindruckt. Es werden in diesem Roman Teilstücke erzählt, die sich erst zum Ende hin zusammenfügen und aufschlussreichen Sinn ergeben. Nebendarsteller werden zu maßgebenden Wendepunkten in Silvias sowie Evelyns Lebensweg. Der Roman ist raffiniert geschrieben, die Sprache entspringt der Jetztzeit und führt dadurch in die betrachtende, unbefangene Gegenwartsperspektive. Attribute, die ein kluges unterhaltsames Buch erfüllen: Zeitkolorit, Milieubetrachtungen, glaubhafte lebendige Protagonisten und Nebendarsteller, die zu eigenen Erinnerungen anregen. Alena Schröder trifft den Punkt und fesselt. Sie schildert ohne zu urteilen. Kinder nehmen die Eltern als eigene Persönlichkeit nicht wahr während sie Kind sind. Hier wird dies angeregt und aufgearbeitet.

Alena Schröder arbeitet als Journalistin und Autorin in Berlin. Schon ihr erstes bekanntes Buch „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ überzeugte. Auch dieser Roman mit dem“ vielsagenden Titel „ Bei euch ist es immer so unheimlich still“ ist eine absolute Empfehlung.
Ein großer Wurf, eine erstklassige Unterhaltung!

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Veröffentlicht am 12.07.2023

Aktueller und bemerkenswerter Ratgeber!

What the Fake!
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Dieser Ratgeber ist bereichernd für jeden, der im Internet unterwegs ist, über soziale Netzwerke oder per Email.

Etrit Asllani zeigt auf, wie man Falschmeldungen erkennt und von tatsächlich passierten ...

Dieser Ratgeber ist bereichernd für jeden, der im Internet unterwegs ist, über soziale Netzwerke oder per Email.

Etrit Asllani zeigt auf, wie man Falschmeldungen erkennt und von tatsächlich passierten und belegten Informationen unterscheidet. Er, der Psychologe stellt dar, was ihn zu diesem Buch bewegt hat, welche Erfahrungen ihn zu dieser Recherche geführt haben.
Wie fallen wir auf falsche Informationen herein, wie werden wir manipuliert, was ist das Anliegen von denen, die Falschmeldungen verbreiten.
Worauf sollte man achten.

Das Buch ist verständlich erklärt und durch das Hinzuziehen von Ereignissen der Geschichte, die durch Unwahrheiten und Manipulationen ihr Ziel erreichten, sehr spannend!

Ist die gelesene Meldung tatsächlich informativ und mit Fakten belegt oder dient sie einem fremden Eigennutz?
Körpersprache Ausdruck des Gegenüber, Sprache und Gesamteindruck fallen bei Informationen über das Internet weg – es gibt kein Gegenüber, den wir mit sozusagen noch gesundem Menschenverstand beurteilen können.
So müssen wir auf andere Tricks zurückgreifen. Hierbei ist Etrit Asllani überaus hilfreich.

Meine Großmutter kannte nur Brot vom Bäcker oder selbstgebackenes, bei dem sich die Frische mit einem Daumendruck ins Brot erkennbar machte. Als dann Konservierungsstoffe und andere Zutaten das Brot länger weich und haltbar machten, war der Urinstinkt irritiert, so dass man sich informieren musste, warum – um in Kenntnis gesetzt zu werden, um entscheiden zu können, ob man weiterhin die althergebrachte Richtung einschlägt oder ob man sich auch mit der Zeit auseinandersetzt, die diese Abarten auswirft.
Und das ist das Anliegen des Psychologen Asllani, die Manipulationen dieser jetzigen Zeit erkennbar zu machen, leider das Nebenprodukt der umfangreichen und bereichernden Informationen, die wir durch das Internet erhalten. Die Sprache Asllanis berührt und nimmt einen sofort mit in diese komplexe Thematik.

Ein kompakter Ratgeber für jede Altersstufe, der mit verständlichen Worten erklärt und auch Hinweise auf weiterführenden Seiten gibt. Gut aufgebaut in 8 Kapiteln, lehrreich mit umfangreichem Quellenverzeichnis. Nach dem Lesen dieses Buches sollte man gewappnet sein, zu hinterfragen, was mit im Internet gelesenen Meldungen bezweckt wird, wie man selber darauf anspringt, was es in einem auslöst und zu welcher Meinungsbildung es führt.

Sehr empfehlenswert, humorvoll, mit vielen Aha – Erlebnissen und umfangreichen helfenden Hinweisen!

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