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Veröffentlicht am 20.06.2023

Am Rande des Dorfes

Die Bagage
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Die Familie Moosbrugger lebt auf der sonnenabgewandten Seite des Tals, ganz am Ende, weit weg von der Dorfgemeinschaft. Die wunderschöne Maria bleibt mit ihren Kindern allein, als ihr Mann Josef in den ...

Die Familie Moosbrugger lebt auf der sonnenabgewandten Seite des Tals, ganz am Ende, weit weg von der Dorfgemeinschaft. Die wunderschöne Maria bleibt mit ihren Kindern allein, als ihr Mann Josef in den Krieg ziehen muss. Der Bürgermeister soll auf die Maria Acht geben, während der Josef fort ist. Aber auch er kann mit dieser Schönheit einfach nicht umgehen. Einzig ihre Kinder halten zu Maria und besonders Sohn Lorenz kümmert sich und beschützt Mutter und Geschwister. Eines Tages kommt Georg aus Hannover ins Dorf und auf den Hof der Moosbruggers. Eifersüchteleien und Gerede stürzen die Familie weiter ins Abseits. Als Maria Grete zur Welt bringt, ist für alle klar, dass das Kind nur von Georg sein kann und nicht von Josef, der mehrmals auf Heimaturlaub da war. So wird Grete, die Mutter der Autorin, zu einem Kind, das der Vater nicht als das eigene ansieht, das er wortwörtlich gar nicht ansieht.

Monika Helfer hat die Geschichte einer im Abseits stehenden und lebenden Familie geschrieben, es ist in weiten Züge ihre eigene Geschichte. Karg, wie die Bergwelt und auf das Nötigste beschränkt, erzählt sie vom Leben in einem engen Tal, in dem ihre Familie nur die "Bagage" ist. Die Autorin trägt diese "Bagage", diese Gepäck, diese Familiengeschichte mit sich herum und schreibt sie erst mit über 70 Jahren auf. Der Schreibstil ist spröde, es gibt Zeitsprünge, plötzlich Bezüge zur Gegenwart und die Autorin tritt selbst immer mal wieder als erzählende Figur in ihrem Roman auf. Den tapferen kleinen Lorenz mochte ich sehr. Der Bürgermeister und noch mehr der Pfarrer sind einfach nur furchtbare Charaktere, die besonders deutlich machen, was die Familie von der Dorfgemeinschaft insgesamt zu erwarten hat.

Das ist kein Wohlfühlbuch, sondern die traurige Geschichte einer Familie, die mir sehr nahe gegangen ist

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Veröffentlicht am 20.06.2023

Durchschnittskost aus dem Krimiregal

A Stranger in the House
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Als Tom Krupp nach Hause kommt und seine Frau und ein leckeres Abendessen erwartet, findet er erstaunlicherweise beides nicht vor. Karen ist mit ihrem Auto verschwunden, die Haustür nicht abgeschlossen, ...

Als Tom Krupp nach Hause kommt und seine Frau und ein leckeres Abendessen erwartet, findet er erstaunlicherweise beides nicht vor. Karen ist mit ihrem Auto verschwunden, die Haustür nicht abgeschlossen, das Mobiltelefon zurückgelassen. Kurz darauf meldet sich die Polizei bei ihm. Karen hatte einen Autounfall und liegt mit einer schweren Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Die übervorsichtige Fahrerin ist mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt gerast und dann gegen einen Strommast gefahren. Karen kann sich an nichts erinnern. Dann wird ganz in der Nähe des Unfallortes eine Leiche gefunden und für die Polizei steht fest: Da muss ein Zusammenhang bestehen! Ist Karen nicht nur die hübsche Vorstadthausfrau, sondern gar eine kaltblütige Mörderin?

Das war mal wieder kein Thriller, sondern eher ein Cosy-Krimi - angelehnt an das Hobby der Nachbarin Brigid, die ständig strickend am Fenster sitzt. Ich habe das Buch während einer Zugfahrt gelesen, das ging ganz gut. Umgehauen hat es mich aber nicht. Die Charaktere waren ziemlich flach. Es gab nur wenige Figuren, da konnte man sich schon an einer Hand abzählen, welche Möglichkeiten mit "überraschender Wendung" noch offen sein könnten. Alles sehr übersichtlich und die angepriesene Hochspannung habe ich schmerzlich vermisst. Krimis oder Thriller, die mit dem Thema Gedächtnisverlust spielen, können ganz interessant sein, hier wird das Potenzial aber verspielt.

Ein durchschnittlicher Krimi, nett zu lesen, aber auch schnell wieder vergessen.

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Veröffentlicht am 20.06.2023

Ein gebrochenes Versprechen

Das Versprechen
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1986 auf der Farm einer weißen Familie in Südafrika, in der Nähe von Pretoria: Amor Swart ist dreizehn Jahre alt, als ihre Mutter vom Krebs gezeichnet im Sterben liegt. Kurz vor ihrem Tod nimmt Rachel ...

1986 auf der Farm einer weißen Familie in Südafrika, in der Nähe von Pretoria: Amor Swart ist dreizehn Jahre alt, als ihre Mutter vom Krebs gezeichnet im Sterben liegt. Kurz vor ihrem Tod nimmt Rachel ihrem Ehemann das Versprechen ab, ihrer farbigen Angestellten Salome das Haus in dem diese wohnt und ein kleines Stück Land zu schenken. Der Vater verspricht es, Amor ist Zeugin. Dieses nicht eingelöste Versprechen schwebt während der nächsten Jahrzehnte, in denen die Apartheid in eine Demokratie übergeht, über der Familie wie das gepachtete Unheil. Die einzige Lichtgestalt scheint Amor zu sein, dies ist wörtlich gemeint, denn als Sechsjährige wurde sie - unter einem Baum auf einem Hügel hockend - vom Blitz getroffen. Ihre älteren Geschwister Anton und Astrid nehmen sie nicht ernst und doch ist Amor klüger und verständiger als die beiden, denen die Welt offen steht. Amor wird eine Wanderin werden, die lebenslang eine Schuld abträgt und nur für kurze Besuche auf die Farm zurückkehrt.

Lange habe ich keinen Roman mehr auf Englisch gelesen und hier bin ich auch schwierig in die Geschichte hineingekommen. Dennoch hat sie mich tief bewegt. Die Geschichte einer Familie, die zerbricht und zerbröckelt, wie das Farmhaus. Anton, der gut aussehende Sohn, der alle Möglichkeiten hatte, verschleudert sein Leben und schreibt Jahrzehnte an einem Roman, der nie beendet wird und am Ende nur noch aus Fragmenten besteht, bezeichnend für die eigene Familiengeschichte. Trotz aller Tragik gibt es auch humorvolle Momente im Roman, wenn es z.B. um die religiösen Konflikte geht. Der Autor wendet sich gelegentlich an die Leserinnen und Leser und tritt aus der Geschichte hervor, das mochte ich ganz gern. Die Kapitelaufteilung ist interessant und nach dem zweiten weiß man auch, worauf der Roman hinauslaufen wird.

Ingesamt eine tragische Geschichte, in der es für mich nur Verlierer gibt, die mich aber noch lange beschäftigt hat.

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Veröffentlicht am 20.06.2023

Was geschah auf der Maiden?

Die Leuchtturmwärter
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Drei Leuchtturmwärter verschwinden 1972 spurlos von ihrem Arbeitsplatz mitten im Meer. Zwanzig Jahre später macht sich ein Journalist auf, das Geheimnis doch noch zu lüften. Er interviewt die hinterbliebenen ...

Drei Leuchtturmwärter verschwinden 1972 spurlos von ihrem Arbeitsplatz mitten im Meer. Zwanzig Jahre später macht sich ein Journalist auf, das Geheimnis doch noch zu lüften. Er interviewt die hinterbliebenen Frauen und sie beginnen zu erzählen.

Wer einen thrillerartigen Roman erwartet, ist hier falsch. Das Buch erzählt die Geschichten der drei sehr unterschiedlichen Leuchtturmwärter und ihrer Familien. Dabei lässt die Autorin die Männer in einem Erzählstrang in der Vergangenheit lebendig werden. Aus ihren drei Perspektiven wird das schwierige Leben intensiv geschildert. Die Frauen kommen im Erzählstrang von 1992 zu Wort, fast ausschließlich in ihren Antworten, die sie dem Journalisten geben. Interessanterweise spricht dieser bis zum letzten Kapitel gar nicht. Er ist aus der Geschichte als aktive Person nahezu ausgeschlossen.

Das war praktisch völlig gegensätzlich zu meinem vorherigen Buch („Harry Quebert“), in dem auch ein Buch über einen mysteriösen Fall geschrieben wird, dort stand der Autor aber unangefochten im Mittelpunkt.

„Die Leichtturmwärter“ gewährt einen tiefen Einblick in die Seelen der Männer und ihrer Probleme, mit denen sie und ihre Frauen zu kämpfen haben, jenseits aller Seefahrerromantik. Das Meer als unberechenbarer und ständiger Begleiter, das den Leuchtturm wie eine Enklave umschließt und die Wärter zu Gefangenen macht. Sehr einfühlsam und schmerzhaft geschildert, aber nicht so spannend wie erhofft.

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Veröffentlicht am 26.05.2023

Kleinstadtstudie, Krimi und Schreibkurs

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
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1975 verschwindet in der Kleinstadt Aurora die 15-jährige Nola Kellergan spurlos. Dreiunddreißig Jahre später: Marcus Goldman, Schriftsteller in einer Schaffenskrise, besucht seinen früheren Dozenten und ...

1975 verschwindet in der Kleinstadt Aurora die 15-jährige Nola Kellergan spurlos. Dreiunddreißig Jahre später: Marcus Goldman, Schriftsteller in einer Schaffenskrise, besucht seinen früheren Dozenten und engen Freund Professor Harry Quebert, seinerseits unumstrittener Starschriftsteller, in Aurora. Kurz darauf werden in Harrys Garten die sterblichen Überreste von Nola gefunden. Skandal! Die beiden sollen eine Beziehung gehabt haben. Harry wandert in Untersuchungshaft, verliert seine Reputation, seinen Job und alle halten ihn für schuldig. Einzig Marcus will dies nicht wahrhaben und betätigt sich als Ermittler. Gemeinsam mit Sergeant Perry Gahalowood dreht er in Aurora alles auf den Kopf und überwindet zudem seine Schaffenskrise.

Das waren 725 Seiten super Unterhaltung. Dicker hat eine Vorzeigekleinstadt an der Ostküste geschaffen, die von einem Skandal erschüttert wird und nicht nur Harry in den Abgrund reißt. Nach und nach reißen die Fassaden ein und man schlittert als Leserin von einer Ohnmacht in die nächste. Die Story ist schlau aufgebaut und schlägt reichlich Haken. Dicker versteht es, die Figuren sehr lebendig zu schildern. Es ist, als würde man sich mit den Charakteren in Aurora bewegen, ins Clark's gehen, wo Harry seinen berühmten Roman schrieb oder auf der Terrasse der Schriftstellervilla sitzen und auf das Meer schauen. Der Autor schreibt sehr dicht, ausführlich und dennoch war keine Seite zu viel. Der Aufbau des Buches hat mir sehr gefallen. Die 31 Ratschläge für ein gutes Buch, die Harry einst seinem Schüler Marcus gab, bilden die Kapitel des Buches, sie laufen allerdings rückwärts, die erste Lektion kommt ganz am Ende. Denn gleichzeitig mit dem Fortgang der Geschichte wird auch ein Buch geschrieben, nämlich "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert". Da kann man noch was lernen. So heißt z.B. die Lektion für das erste Kapitel (Kapitel 31): "Das erste Kapitel, Marcus, ist entscheidend. Gefällt es den Lesern nicht, werden sie Ihr Buch nicht weiterlesen." Es hat mir gefallen, ich habe weitergelesen und es nicht bereut. Jetzt weiß ich u.a. auch, warum Verhafteten in den USA ihre Rechte vorgelesen werden müssen. Das steht auf Seite 56. Immer wieder wird in Rückblicken die Vergangenheit der Figuren näher beleuchtet und langsam fügen sich die einzelnen Puzzleteile zusammen und die Sicht auf einige Figuren verändert sich erheblich. Der Roman hat für mich eine Sogwirkung gehabt und ich habe ihn sehr schnell durchgelesen.

Ich freue mich auf den zweiten Teil, der zehn Jahre nach "Harry" im Juni erscheinen wird.

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