Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit
Feine RisseNachdem Elisa Hoven, Professorin für Strafrecht und Richterin am Sächsischen Verfassungsgerichtshof, mit Dunkle Momente einen sehr erfolgreichen Roman veröffentlicht hat, greift sie in Feine Risse auf ...
Nachdem Elisa Hoven, Professorin für Strafrecht und Richterin am Sächsischen Verfassungsgerichtshof, mit Dunkle Momente einen sehr erfolgreichen Roman veröffentlicht hat, greift sie in Feine Risse auf das bewährte Konzept zurück. Unterschiedliche Rechtsfälle sind in eine Rahmenhandlung rund um die Strafverteidigerin und Ich-Erzählerin Eva Herbergen eingefasst. Alle dargestellten Fälle beruhen im Kern auf realen Ereignissen, die Geschichten und Figuren drumherum entstammen der Fantasie der Autorin.
Der Titel ist erneut sehr passen gewählt, denn feine Risse durchziehen nicht nur den Schädel eines Toten (S.163), sondern auch das Bild, dass wir uns von einer Person gemacht haben, kann Risse bekommen (S. 29).
"[...] bereits ein feiner Riss im Recht konnte zu einem Bruch werden, es gab keine Alternative zu einem absoluten Verbot." (S. 275) Dies ist die dritte Verwendung des Titels und sie steht exemplarisch für das ganze Buch. Denn erneut muss man an vielen Stellen fragen, ist das gerecht, was hier geschieht? Warum kann nicht in diesem Fall, wo es gefühlt so zwingend erscheint, eine Ausnahme gemacht werden, das Recht gebeugt werden? Die hoch interessanten Fällen laden zu entsprechenden Überlegungen ein und ich kann sie mir sehr gut als Grundlage für Diskussions- oder Leserunden vorstellen. Häufig ist es nicht so, wie es zunächst scheint und eine Wendung dreht die ganze Geschichte. Auch wenn hier einige Fälle dargestellt werden, die man ähnlich bereits kennt, liest man sie jedoch gebannt. Der Schreibstil ist ausgewogen, neben einem eher nüchternen Grundton, sorgen die Geschichten an sich für Emotionen. Die Protagonistin und ihr Mann Peter erzeugen in der Rahmenhandlung Ruhe und Ausgeglichenheit, aber auch einen roten Faden, denn ein Fall betrifft das Paar persönlich. Ihre Gespräche über die Fälle sortieren Gedanken und Überlegungen, die auch den Leserinnen helfen.
Ich habe den Roman sehr gerne gelesen und wurde an alte Gerichtsfälle und Schicksale erinnert, die seinerzeit Schlagzeilen gemacht haben. Der erste Roman "Dunkle Momente" hat mir allerdings noch besser gefallen, die Fälle waren vielschichtiger und es war für mich eine neue Leseerfahrung.
Dennoch eine unbedingte Leseempfehlung für True-Crime-Fans, Rechtsinteressierte und alle anderen.