Ruhiger Coming-of-Age-Roman
AccabadoraMaria ist eine fill'e anima, ein "Kind des Herzens", wie es auf Sardinen heißt. Sie wurde mit sechs Jahren inoffiziell adoptiert und lebt bei Tzia (Tante) Bonaria, die bereits 60 Jahre alt ist, jedoch ...
Maria ist eine fill'e anima, ein "Kind des Herzens", wie es auf Sardinen heißt. Sie wurde mit sechs Jahren inoffiziell adoptiert und lebt bei Tzia (Tante) Bonaria, die bereits 60 Jahre alt ist, jedoch die Mittel hat, das Mädchen großzuziehen. Marias Mutter hingegen ist froh, eine Esserin weniger versorgen zu müssen. Bonaria arbeitet als Schneiderin, jedoch schleicht sie sich gelegentlich nachts aus dem Haus. Als Maria Jahre später hinter das Geheimnis ihrer Ziehmutter kommt, zerbricht für sie eine Welt.
Dieser ruhige Roman über ein Mädchen, das Mitte der 1950er Jahre auf Sardinen aufwächst und erwachsen wird, braucht ein paar Seiten, bevor er die Leserinnen für sich eingenommen hat. Dann folgt man der Geschichte aber gern und lernt die Menschen in dem kleinen Dorf kennen und nimmt Anteil an ihrem Schicksal. Im Grunde ist es eine Coming-of-Age-Geschichte, die tief mit der Geschichte der Accabadora auf Sardinen verknüpft ist. Was eine Accabadora ist? Tzia Bonaria ist eine solche, die ihre "Aufgabe" nicht leichtfertig ausübt, sondern wohl überlegt handelt, was letztlich auch Maria akzeptiert.
Den schmalen Roman (170 Seiten) habe ich sehr gerne gelesen. Er läßt einen über Leben und Tod nachdenken. Das Sterben ist hier im täglichen Tun der Menschen verankert und wird nicht ausgeklammert und verdrängt. Der Roman wirkt noch lange nach. Hilfreich ist ein kurzes Glossar sardischer Wörter am Ende des Romans.