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Veröffentlicht am 15.09.2016

Weiter, immer weiter

The Road
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Amerika, irgendwo in der Zukunft. Die Menschheit steht vor ihrem Ende, die Erde ist verbrannt, die Natur zerstört, die Zivilisation quasi zusammengebrochen. Ein Mann und sein Sohn gehen trotzdem ihren ...

Amerika, irgendwo in der Zukunft. Die Menschheit steht vor ihrem Ende, die Erde ist verbrannt, die Natur zerstört, die Zivilisation quasi zusammengebrochen. Ein Mann und sein Sohn gehen trotzdem ihren Weg, entlang der Straße. Gen Süden, in der Hoffnung auf… ja auf was eigentlich?

McCarthys düstere Dystopie hat Kultstatus erreicht, wurde unter anderem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, verfilmt und von vielen gelobt, höchste Zeit also sie mal selbst zu lesen.

Die Handlung lässt sich kurz zusammenfassen: Mann und Junge wandern auf einer Straße, buchstäblich durchs Nichts, auf dem Weg nach Nirgendwo. Und doch ist The Road viel mehr als reduzierte Handlung. Eine berührende Geschichte über Vater-Sohn-Beziehungen. Eine Geschichte über Hoffnung und starken Willen. Ein düsterer Blick auf das, was die Menschheit so schön Zivilisation und Nächstenliebe nennt. Oder zumindest das, was davon im Ernstfall übrig bleibt. Eine Betrachtung der kleinen Details des Lebens. Ein Buch mit einer reduzierten, klaren, aber gleichzeitig unglaublich intensiven Sprache, die doch so viel mehr ausdrückt als es 1000 blumige Worte gekonnt hätten. Eine deprimierende Endzeitatmosphäre, die einen bedrückt und nachdenklich macht.

McCarthy kommt ohne Kapitel aus, ohne Anführungszeichen etc. und gibt so dem Buch ein ähnlich trübes Aussehen wie der Welt selbst. Vater und Sohn bleiben namenlos, einfach weil Namen nicht mehr wichtig sind in dieser Welt aus Asche und Rauch. Zuerst fragt man sich schon warum die Welt so ist wie sie ist. Doch das tritt irgendwann in den Hintergrund, viel wichtiger die Frage ob und wie die beiden weiterleben können, während man gleichzeitig überlegt ob der Tod nicht doch gnädiger für beide wäre.

The Road hat mich auf ganzer Linie überzeugt, gerade weil McCarthy mit wenig so unglaublich viel ausdrückt.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Großartige Idee, ausgezeichnet umgesetzt!

Die Unvollendete
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„Die weiche Dunkelheit lockte sie mit dem Versprechen von Schlaf, endlosem Schlaf, und sachte begann der Schnee zu fallen, bis sie ganz davon bedeckt und alles dunkel war.“

So endet das Leben von Ursula ...

„Die weiche Dunkelheit lockte sie mit dem Versprechen von Schlaf, endlosem Schlaf, und sachte begann der Schnee zu fallen, bis sie ganz davon bedeckt und alles dunkel war.“

So endet das Leben von Ursula Todd. Eines zumindest. Denn jedesmal, wenn sie stirbt, springt die Geschichte zurück, z.B. zum Tag ihrer Geburt. Allein bis sie ihren sechzehnten Geburtstag erlebt, stirbt sie acht Mal um wieder- und wiedergeboren zu werden. Mit der Chance, das Leben anders zu leben und vermeintlich bessere Entscheidungen zu treffen. Doch man darf nicht vergessen, dass auch äußere Umstände und das Verhalten der Mitmenschen eine große Rolle spielen…

Eine großartige Buchidee, ausgezeichnet umgesetzt. Kate Atkinson hat mit Die Unvollendete einen eindringlichen, nachdenklichen, gefühlvollen Roman geschrieben, der sich aber auch nicht scheut, die Grauen und das Elend des zweiten Weltkriegs schonungslos darzustellen, das Ursula so oft hautnah miterlebt.

Die Figur der Ursula ist sehr tiefgründig, sie macht sich Gedanken um das Weltgeschehen, ist außerdem sehr belesen und findet für jede Situation ein entsprechendes Zitat. An ihrem Charakter kann man sehr gut ablesen, dass auch dieser durch Lebensumstände und Mitmenschen geprägt wird, mal ist Ursula eine toughe Frau, in einem anderen Leben völlig eingeschüchtert von ihrem Ehemann. Auch die anderen Protagonisten sind sehr plastisch, mit jedem neuen Leben lernt man auch die Familie und Mitmenschen von Ursula von einer neuen Seite kennen. Das Mutter-Tochter-Verhältnis beispielsweise zeigt alle Facetten von Liebe bis Verachtung und Hass.

Obwohl manche Tage in den verschiedenen Leben von Ursula immer wieder gelebt werden (beispielsweise der Tag ihrer Geburt), ist das keineswegs langweilig; denn jedes Mal wird eine andere Facette des Tages beleuchtet und jedes Mal ist ein Detail anders und man überlegt sich als Leser, welche Auswirkungen einen wohl erwarten werden. Wer ein Buch sucht, um mal schnell ein paar Seiten vor dem Einschlafen zu lesen, für den ist die Unvollendete nicht das Richtige. Um den Überblick über das aktuelle Leben zu behalten, muss man schon aufmerksam lesen, denn sonst geht es einem wie Ursula: „Die Vergangenheit war ein großes Durcheinander in ihrem Kopf“.

Dieses Buch spielt mit der Frage: was wäre wenn? Wenn dieses und jenes anders gelaufen wäre, welche Folgen hätte das? Und man erkennt: manche Zusammenhänge lassen sich nicht vorhersagen; kleine Dinge haben oft Konsequenzen, die man einfach nicht überblicken kann. Und das ist auch gut so.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Eine Wildnis aus Spiegeln

Der katholische Bulle
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Nordirland, Mai 1981: „Alles ist hier Gegensatz, nichts ist Synthese. Protestant - Katholik; Grün – Orange; Beatles – Stones; Sclaverandventil – Schraderventil (…). Man musste schon verrückt sein, um hier ...

Nordirland, Mai 1981: „Alles ist hier Gegensatz, nichts ist Synthese. Protestant - Katholik; Grün – Orange; Beatles – Stones; Sclaverandventil – Schraderventil (…). Man musste schon verrückt sein, um hier zu bleiben. Oder träge. Oder masochistisch.“

Ständige Unruhen prägen den Alltag in Carrickfergus; öffentliche Anfeindungen, Anschläge im nahen Belfast, Straßensperren und der tägliche Check nach der Bombe unter dem eigenen Auto sind an der Tagesordnung. Vor diesem Hintergrund geschieht nun ein Mord; die Leiche eines jungen Mannes wird mit abgehackter Hand aufgefunden.

Detective Sergeant Sean Duffy, 30 Jahre und brisanterweise katholischen Glaubens, wird mit diesem, seinem ersten Fall in Carrickfergus, betraut. Zu Seite stehen ihm zwei Kollegen, die sich nicht gerade durch übermäßige Kompetenz auszeichnen und schon mal gerne die Spuren am Tatort zertrampeln oder mit Terpentin vernichten. Zunächst scheint der Fall recht einfach zu lösen, doch dann taucht eine weitere Leiche auf. Hat es Duffy tatsächlich mit dem ersten Serienkillers Nordirlands zu tun? Oder führen die Spuren nicht doch in eine andere Richtung? Duffy kämpft sich durch; arbeitet sich durch widersprüchliche Beweise, gegen seinen widerstrebenden Chef und gegen Zeugen, die niemals einem Bullen die Wahrheit sagen würden. Denn „Wahrheit war etwas, worüber man im Grundkurs Philosophie sprach“…

Adrian McKinty erzählt in teils nüchternem, teils gefühlvollem Ton, bei dem auch eine Prise schwarzen Humors nicht zu kurz kommt. Die Figuren wirken authentisch und man kann sich schon nach wenigen Seiten mit Duffy identifizieren; ein Protagonist, der die nötige Tiefe und Entwicklungsfähigkeit zeigt und den Leser und sogar sich selbst überraschen kann. Die beklemmende Alltagsituation ist immer präsent und man kann erahnen, wie beängstigend das Leben in dieser Situation gewesen sein musste. Einen einzigen Kritikpunkt habe ich dann doch: manchmal hätte ich mir einfach etwas mehr Hintergrund-Informationen gewünscht. Natürlich kann man so etwas selbst nachschlagen, aber ein paar erklärende Sätze z.B. zu Gerry Adams oder der Sinn Fein im Allgemeinen hätten nicht geschadet.

Alles in Allem fand ich „Der katholische Bulle“ aber wirklich gelungen und freue mich schon sehr auf Teil zwei dieser neuen Reihe von McKinty.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Und immer wieder: Zwanzig nach drei

Die drei Leben der Tomomi Ishikawa
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Der Hobbyschriftsteller Ben Constable führt ein ganz normales Leben, sieht man mal davon ab, dass er an Prosopagnosie leidet und eine imaginäre Riesenkatze namens Cat hat. Seine tiefgründige und ehrliche ...

Der Hobbyschriftsteller Ben Constable führt ein ganz normales Leben, sieht man mal davon ab, dass er an Prosopagnosie leidet und eine imaginäre Riesenkatze namens Cat hat. Seine tiefgründige und ehrliche Freundschaft zu Tomomi Ishikawa scheint ein plötzliches, trauriges Ende zu finden, denn sie begeht Selbstmord. Zumindest steht das so in ihrem Abschiedsbrief an Ben. Und der begibt sich auf Spurensuche, denn Tomomi hat ihm in Briefen und emails Hinweise hinterlassen, die ihn auf eine Schnitzeljagd quer durch Paris und New York führen. Ben erfährt Dinge über seine Freundin, die er sich nie erträumt hätte und bei dem er immer ein großes Fragezeichen im Hinterkopf behalten muss: Realität oder Fiktion? Denn nichts ist so, wie es zuerst scheint und bald weiß Ben überhaupt nicht mehr was oder wem er glauben und vertrauen soll…

Mir hat Constables Buch wirklich gut gefallen, auch wenn (ohne hier zu spoilern) ich das Ende etwas schwach fand. Eine herrlich skurrile, spannende, manchmal auch verwirrende Reise durch Paris und New York, bei der so mancher Leser ins Schwärmen geraten wird. Der Stil ist gut zu lesen, Briefe, Hinweise etc. sind optisch hervorgehoben, sodass keine Missverständnisse aufkommen können. So manch kleines Detail aus Tomomis Leben (wie z.B. die Uhrzeit Zwanzig nach drei) erscheint plötzlich durch ihre Vergangenheit in einem völlig neuen Licht und auch sonst hält das Buch allerlei Überraschungen und Twists bereit. Cat, als imaginäre Verkörperung von Bens Gewissen und sein Partner in kniffeligen Situationen hat mir ausgesprochen gut gefallen; allerdings hätte der Autor dieses Mittel meiner Meinung nach etwas mehr ausschöpfen können.

Alles in allem ein besonderes Buch, bei dem der Autor mit dem Leser spielt und man auch nach der Lektüre noch rätselt: Realität oder Fiktion?

Veröffentlicht am 15.09.2016

Intrige – der Name ist Programm

Intrige
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Frankreich, 5. Januar 1895: Marie-Georges Picquart, Major der französischen Armee wird als Beobachter des Prozesses und der öffentlichen Demütigung des mutmaßlichen, jüdischen Landesverräter Alfred Dreyfus ...

Frankreich, 5. Januar 1895: Marie-Georges Picquart, Major der französischen Armee wird als Beobachter des Prozesses und der öffentlichen Demütigung des mutmaßlichen, jüdischen Landesverräter Alfred Dreyfus eingesetzt. Picquart ist ein integrer Mann, überzeugt von Anstand, Moral und Ehre, entsetzt von den Taten Dreyfus‘ und überzeugt von dessen Schuld. Dreyfus wird auf der Teufelsinsel in Südamerika inhaftiert; Picquart steigt auf zum Chef der Spionageabteilung. In dieser Funktion geraten ihm einige Schriftstücke in die Hände, die Zweifel wecken: nicht Dreyfus ist der Schuldige, sondern ein gewisser Esterházy. Picquart sammelt Beweise und stellt eigenmächtig Nachforschungen an, doch dieser Umstand in seinen Vorgesetzten ein Dorn im Augen, sodass Picquart bald selbst ins Schussfeld gerät…

Ein sehr interessantes und vor allem brisantes Thema hat sich Robert Harris für sein Buch Intrige ausgesucht: die Dreyfus-Affäre, „die größte Verschwörung der Moderne“. Erzählt wird die Geschichte von Major Picquart selbst, der zudem die Ereignisse vor dem 5.1.1895 in Rückblicken Revue passieren lässt. Der Schreibstil ist sehr flüssig, immer wieder werden kunstvoll eindrucksvolle Originalbriefe und Schriften eingeflochten; darunter auch der berühmte offene Brief von Émile Zola „J’accuse“. Besonders dieser Umstand lässt den Leser nie vergessen, dass es sich zwar um einen Roman handelt, dieser jedoch auf Tatsachen beruht, die der Autor hervorragend recherchiert hat.

Mir hat dieses Buch wirklich ausnehmend gut gefallen, dieser widerliche Sumpf aus vertuschten oder manipulierten Beweisen, Falschaussagen, Medienhetze und totgeschwiegenen Zeugen hat mich allerdings manchmal schier ins Buch beißen lassen wollen. Auch der allgegenwärtige, fast schon selbstverständliche Antisemitismus bricht sich immer wieder seine Bahn und sorgt für ein sehr flaues Gefühl in der Magengegend. Wer sein Wissen über die Dreyfus-Affäre auffrischen und erweitern will ist hier richtig; oder wer einen spannenden Spionagethriller sucht; oder wer Bücher über einsame Kämpfer sucht, die gegen alle Widrigkeiten für die Gerechtigkeit einstehen. Einfach ein klasse Buch!