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Veröffentlicht am 27.05.2023

Spaß beiseite: Die Sache ist ernst!

Es kann nur eine geben
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Die deutschlandweit bekannte Comedienne Carolin Kebekus hat ein Buch geschrieben – zusammen mit Mariella Tripke. Ist das also ein weiteres Buch, welches einfach nur die Comedy von der Bühne zwischen zwei ...

Die deutschlandweit bekannte Comedienne Carolin Kebekus hat ein Buch geschrieben – zusammen mit Mariella Tripke. Ist das also ein weiteres Buch, welches einfach nur die Comedy von der Bühne zwischen zwei Buchdeckel holt, aber eigentlich nichts Neues zu bieten hat? Nein, überhaupt nicht. Denkt man auf den ersten Seiten noch bei der ein oder anderen flapsigen Bemerkung, oh oh, da kommt jetzt viel Klamauk, steht dies in keinster Weise für den Inhalt des gesamten Buches.

Carolin Kebekus beschäftigt sich äußerst breit gefächert und tiefgründig mit dem Thema der Benachteiligung von Frauen in unserer Gesellschaft sowie den Weg zur Chancengleichheit in ebendieser. Dazu beschreibt sie zunächst das Bild von Frauen in der alten sowie der neueren Geschichte. So kann in ersterem Kapitel es um die Darstellung von Frauenfiguren in der Bibel gehen und in zweiterem um Frauen in Film und Fernsehen. Sie erörtert die historisch evozierten Rivalitäten zwischen Frauen und warum u.a. dies sie daran hindert, zusammen doch viel stärker zu sein. Nach einer durchweg quellenbasierten Herleitung inwiefern wir immer noch in einem handfesten Patriarchat leben und Frauenhass an der Tagesordnung ist (siehe Gewalt in Partnerschaften und Femizide), ruft sie zur Frauensolidarität und Lösungen, ganz ohne den im Zusammenhang mit dem Feminismus oft fälschlicherweise vermuteten „Hass auf alle Männer“, auf.

Dabei bewegt sich Kebekus ausdrücklich in Themenbereichen, über die sie auch etwas zu sagen hat. Es geht ihr nicht darum einen globalen Vergleich von Frauenrechten, Chancengleichheit, Gewalt gegen Frauen usw. zu ziehen. Wir bleiben mit diesem Sachbuch in Deutschland, hier gibt es noch genügend Bereiche, die einer oder mehreren Verbesserungen bedürfen.

Natürlich lässt Carolin Kebekus den Spaß in ihrem Buch nicht gänzlich beiseite. Häufig unterfüttert sie ihre Thesen mit lässig, witzigen Kommentaren und Beispielen. Das macht einfach Spaß zu lesen, keine Frage. Aber es ist wichtig dieses Buch nicht als ein Comedy-Buch zu unterschätzen. Hinter den Inhalten stecken knallharte Recherchen sowie 135 im Anhang befindliche Quellenangaben. Auch wenn durchaus das ein oder andere Mal ein persönliches Beispiel zur Verdeutlichung genutzt wird, bleibt dies ein wissenschaftlich korrektes Sachbuch. Gerade diese Verquickung gelingt der Autorin wirklich meisterhaft. Während ich viel gelernt habe, konnte ich auch häufiger schmunzeln, ohne dass der Ernst der Sache jemals in den Hintergrund getreten ist. Erfrischend lebhaft und gleichzeitig knallhart präsentiert die Autorin ihre feministische Bestandsaufnahme und macht dieses Buch damit zu einem wahren Lesegenuss.

Von mir gibt es dafür eine klare Leseempfehlung. Meines Erachtens macht sich das Buch auch super als Geschenk für Interessierte, die einen leichten Einstieg in den Themenbereich suchen.

5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 27.05.2023

Kurzweilige Geschichten in einer Genre-Potpourri-Sammlung

Menschen und andere seltsame Wesen
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In ihrer Anthologie versammeln Monika Loerchner (geb. 1983)und Leveret Pale aka Nikodem Skrobisz (geb. 1999) 22 Kurzgeschichten aus zwei Jahren kreativer Zusammenarbeit. Dabei entstand eine Geschichte, ...

In ihrer Anthologie versammeln Monika Loerchner (geb. 1983)und Leveret Pale aka Nikodem Skrobisz (geb. 1999) 22 Kurzgeschichten aus zwei Jahren kreativer Zusammenarbeit. Dabei entstand eine Geschichte, an der beide Autor:innen mitgewirkt haben, die restlichen teilen sich in Geschichte von der einen und der anderen Person auf. Inhaltlich rangieren die Geschichten zwischen verschiedensten Genres. So gibt es viele phantastische Geschichten, einige skurrile, aber auch richtig böse und blutrünstige. Auf mich machten dabei die meisten den Eindruck, dass sie mit einem Augenzwinkern zu lesen sind. Zwei meines Erachtens tiefgründigere, ernstere Geschichten tauchen ebenso auf.

Es ist schwer diese wilde Sammlung an Kurzgeschichten der beiden Autor:innen zusammenzufassen, da man hier viele Topoi in einen Topf werfen müsste. So tauchen in einer Geschichte scheinbar durch eine Ansteckung psychotisch und damit gewalttätig gewordene Menschen auf, in einer anderen Zombies, in einer weiteren sprachfähige Tiere, Aliens oder Drachen. Aber auch die Geschichten mit „nicht-phantastischen“ Menschen sind skurril und abwegig. Menschen zeigen hier ungewöhnliche Verhaltensweisen, die häufig gegen andere Menschen gerichtet sind.

Sprachlich variieren die Geschichten recht stark. Sind manche stilistisch sehr einfach gehalten, können andere durch tolle Beschreibungen und Tiefe glänzen. Meines Erachtens merkt man den Unterschied in Schreib-/Lese- und eventuell auch Lebenserfahrung den unterschiedlichen Generationen an, denen die beiden Autor:innen angehören. So konnten mich meist die Texte von Loerchner sprachlich mehr überzeugen, besser ins das Geschehen ziehen und die Atmosphäre entsprechend vermitteln. Nichtsdestotrotz zeigt auch Pale in der ein oder anderen Geschichte seine Stärken und kann mit den entsprechenden Geschichten herausstechen.

Mit einer abschließenden Bewertung dieser Sammlung tue ich mich jedoch schwer, da die einzelnen Geschichten so stark in stilistischer Qualität, Genre und Inhalt variieren. Ich bin ganz ehrlich, mir hat zum Beispiel die erste Geschichte eher weniger gefallen. Hätte ich diese als Leseprobe vorab gelesen, hätte ich wohl das Buch nicht im Gesamten weiterlesen wollen. Im Gesamtpaket habe ich sie aber für mich als reine trashige Splatter-Geschichte verbucht. Andere mitunter sehr blutrünstige und einfach übertrieben gewalttätige Geschichte, musste ich lesen, weil sie nun einmal im Buch dazugehören, habe sie aber nicht sonderlich gern gelesen. Das ist einfach nicht das, was ich gern lese. Da haben mir die unerwarteten Szenarien und so manch eine unvorhersehbare Wendung am Ende der ein oder anderen Geschichte schon besser gefallen. Ich habe auch das Gefühl, dass das Cover des Buches mich nicht ausreichend auf die gewalttätigen Inhalte vorbereitet hat. Das Cover sieht dafür viel zu ausgeglichen, lieb, gewöhnlich aus. Erst nach der Lektüre erkennt man, dass sich so einige Protagonisten auf das Cover verirrt haben.

Was mich nachdenklich gestimmt hat während der Leserunde, an der ich zusammen mit Loerchner und Pale teilnehmen durfte, dass ich bei zwei Geschichten von Loerchner mit sehr ernsten, tiefgründigen Themen (Vergewaltigung und Selbstmordgedanken) diese beim Lesen nicht als solche erkannt habe. Bei der Geschichte, in welcher die Vergewaltigung implizit erwähnt wird, habe ich diese nicht einmal als solche identifizieren können. Auch anderen Teilnehmer:innen ist dies so ergangen. Meine Vermutung ist, dass diese Geschichten zwischen den vielen skurrilen, unterhaltsamen Geschichten untergegangen sind. Sie würden vielleicht besser in eine andere Geschichtensammlung passen, um dort besser im Kontext verstanden zu werden.

So schwanke ich abschließend sehr bezüglich der Sternebewertung. Mein persönlicher Leseeindruck bewegt sich eher im 3-Sterne-Bereich. Da ich jedoch wenig Leseerfahrung mit Krimi-, Thriller-, oder blutrünstigen Geschichten (Horror?) habe, kann ich diese nur schwer im Kontext der Genre einschätzen. Mir fehlen hier die Vergleichsmöglichkeiten. Manche Geschichten waren für mich eher banal in ihrer Aussage und andererseits gab es aber auch die ein oder andere Perle (z.B. „Delphys Mobil-Reisen“, „Im Wald“, „Gülen hat es satt“) in der Sammlung. Man sollte sich jedenfalls eher auf Geschichten aus dem kurzweiligen Unterhaltungssektor einstellen und am besten selbst ein Bild machen. Unter diesem Gesichtspunkt und weil ich es grundsätzlich toll finde, dass sich diese beiden Menschen zusammengetan haben, um gemeinsam ein Buch zu veröffentlichen, runde ich meine 3,5 Sterne jetzt einfach auf die ganze Bewertungszahl 4 auf.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 27.05.2023

Das Labyrinth des Mohamed Mbougar Sarr

Die geheimste Erinnerung der Menschen
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Würde man sich eine Konzeptzeichnung zum Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ von oben anschauen, sähe sie wahrscheinlich aus wie ein Labyrinth. Ein Labyrinth der Literatur, der Leser:innen, der ...

Würde man sich eine Konzeptzeichnung zum Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ von oben anschauen, sähe sie wahrscheinlich aus wie ein Labyrinth. Ein Labyrinth der Literatur, der Leser:innen, der Kritiker:innen und der Autor:innen. Mit unendlich vielen Verschachtelungen, denen man auf den ersten, schnellen Blick nicht folgen könnte. Nur eine behutsame Herangehensweise und aufmerksames Betrachten würde das Unübersichtliche sichtbar und durchschaubar machen. Für die Lektüre dieses Romans begibt man sich zu Beginn in dieses Labyrinth, ohne dass man weiß, dass es eines ist. Am Ende kommt man auch wieder nach draußen. Man tritt aus dem Labyrinth und hätte niemals erwartet, dass man an dieser Stelle rauskommt und man kaum glauben, was man in der Zwischenzeit alles gesehen hat.

Man begibt sich zunächst mit Diégane, einem jungen mittelmäßig erfolgreichen Autor aus dem Senegal, der in Paris lebt, auf die Suche nach dessen Idol, T. C. Elimane. Einen sagenumwobenen, aber auch mittlerweile vergessenen Autor aus dem Senegal, der in 1938 in Paris das einzige Buch seiner Karriere veröffentlichte, dann von der Bildfläche verschwand und sein Buch gleich mit. Allerdings bleiben wir nicht bei Diégane, denn in diesem Roman von Mohames Mbougar Sarr kommen viele Menschen zu Wort und tragen einen kleinen Teil zum Labyrinth dieser Geschichte bei.

Dabei ist dies keinesfalls ein einfacher, plotgetriebener Roman. Die Bezeichnung des Verlags, es handle sich unter anderem um eine „soghafte Kriminalgeschichte“, ist meines Erachtens irreführend. Soghaft: auf jeden Fall. Kriminalgeschichte: nein. Es ist vielmehr eine Geschichte über die Rezeption von Literatur und im Speziellen die Rezeption von Literatur aus Afrika. Die Wahrnehmung von Schriftsteller:innen aus afrikanischen Ländern, die im sogenannten „Mutterland“, dem Land, welches sie ehemals kolonialisierte, Gehör und Anerkennung finden wollen. Dabei geht Sarr durchaus stark (selbst-)ironisch mit sich und dem Literaturbetrieb um. Er legt mitunter satirisch aber auch knallhart und ehrlich den Finger in vergangene und immer noch vorhandene Wunden durch den Kolonialismus. „Die Kolonisation sät bei den Kolonisierten Verzweiflung, Tod, Chaos. Doch sie sät in ihnen auch – und das ist ihr teuflischer Erfolg – den Wunsch zu werden, was sie zerstört.“ (S.406)

Stilistisch schafft dies Sarr auf grandiose Weise. Denn Prämissen, die inhaltlich benannt werden, werden stilistisch in die sehr unterschiedlich geschriebenen Textpassagen überführt. Nach dem recht bildungssprachlich überladen, hochtrabenden Einstieg ins Buch (wovon man sich nicht abschrecken lassen sollte), wird uns dieses Stilmittel an anderer Stelle versteckt angekündigt bzw. erklärt. So wird in einer im Buch eingebauten Kritik geschrieben: „Schade, dass ein offenkundig begabter Autor es vorgezogen hat, sich in sinnlosen Stilübungen zu ergehen und hinter Bildungsbeflissenheit abzuschotten, anstatt uns etwas wiederzugeben, was uns viel mehr interessiert hätte: den Pulsschlag eines Kontinents“ (S.93). Sarr spielt hier gekonnt mit den Erwartungen seiner (europäischen) Leser:innen und hebelt damit das aus, was noch heute häufig in der Wahrnehmung und Bewertung von Literatur vom afrikanischen Kontinent falsch läuft. Diese vielen Hinweise und mitunter gut versteckte Auseinandersetzungen mit diesem Thema waren für mich das zentrale Themengebiet des Romans und haben mich vollends vom meisterhaften Können des Autors überzeugt.

Eine andere Stelle verdeutlicht die Vielstimmigkeit und Komplexität des vorliegenden Romans. So wird gesagt auf S. 130: „In einer Erzählung befinden wir uns immer – aber vielleicht, allgemeiner, auch zu jedem Zeitpunkt unserer Existenz – zwischen den Stimmen und den Orten, zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.“ Man kann bei der Lektüre durchaus mal kurzzeitig den Überblick verlieren, wer hier eigentlich wann wem was erzählt. Aber man findet sich wieder hinein in den Text und wird belohnt mit augenöffnenden Erkenntnissen, die ich nicht mehr missen möchte. Wie der Autor die inhaltlichen und sprachlichen Ebenen miteinander verwebt ist wirklich großartig. Sarr gibt nie "die eine Antwort", sondern bietet durch seine verschiedenen Protagonist:innen verschiedene Lebenswege und Möglichkeiten der Deutung an. Dabei „war der sagenumwobene Autor T. C. Elimane in dieser ganzen Geschichte immer abwesend, ungreifbar gewesen.“(S.417) Auch dies ein Zitat aus dem Text, auch hier weißt uns Sarr daraufhin, dass sein gesamter Roman durchkonzipiert ist und nichts zufällig passiert.

Abschließend ist noch diese Idee aus dem Roman für mich herauszustellen: "Es könnte sein, dass jeder Schriftsteller nur ein grundlegendes Buch in sich trägt, ein grundlegendes Werk, das er zwischen zwei Leerstellen schreiben muss." Also ich persönlich hoffe sehr, dass es nicht so ist, und dass Mohamed Mbougar Sarr mit seinen jungen 32 Jahren noch nicht "das eine grundlegende Buch" abgeliefert hat, sondern noch viele weitere, interessante Romane veröffentlichen wird. Ich bin ab jetzt eine begeisterte Leserin seiner (hoffentlich) noch kommenden, ebenso spannenden und intellektuell anregenden Werke.

5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 27.05.2023

Simple Form für intellektuell gewichtigen Inhalt

Stella Maris
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Der vorliegende zweite Teil des Doppelromans „Der Passagier“ und „Stella Maris“ von Cormac McCarthy besteht ausschließlich aus einem Dialog zwischen der Protagonistin Alicia Western, Schwester von Robert ...

Der vorliegende zweite Teil des Doppelromans „Der Passagier“ und „Stella Maris“ von Cormac McCarthy besteht ausschließlich aus einem Dialog zwischen der Protagonistin Alicia Western, Schwester von Robert „Bobby“ Western, welcher in „Der Passagier“ im Mittelpunkt steht, und ihrem Psychiater in der Nervenheilanstalt Stella Maris. Der Aufenthalt spielt sich in 1972 und damit acht Jahre vor der Handlung von „Der Passagier“ ab. Dies ist wichtig zu beachten, denn so gehören die beiden Romane inhaltlich eng zusammen. Warum der Autor mit seinem Verlag die Entscheidung getroffen hat, nun aber die Therapiegespräche von Alicia in ein gesondertes Buch zu packen, ist mir unverständlich. Denn ganz für sich alleinstehend hat dieser Roman mir persönlich leider nicht viel zu bieten.

Alicia springt im Schriftbild mitunter unübersichtlichen Dialog mal von allein mal von ihrem Psychiater angeregt von einem Thema zum nächsten. Sie hat sich selbst eingewiesen, äußert immer wieder latente bis akute Suizidgedanken, wird aber weder medikamentös noch anderweitig behandelt. „Noch anderweitig“ steht hier für mich auch dafür, dass die Therapiegespräche in wirklich keinster Weise Therapiegespräche sind. Es wird im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt, inzestuöse Liebe, Mathematik, Philosophie, Physik und den Sinn des Lebens - ach ja und Alicias Halluzinationen in Form eines missgestalteten Zwergs und anderen Begleiter:innen - gesprochen. Alicia ist ein Genie auf dem Gebiet der Mathematik und lässt sich zu verschiedenen Mathematikern und ihren Theorien aus. Dem zu folgen war mir zwar durchaus möglich, trotzdem hat sich mir leider nicht erschlossen, was mir der Autor mit seinem Roman eigentlich grundsätzlich sagen möchte. Hat der Roman überhaupt eine Aussage? Ich weiß es wirklich nicht.

Mögen die Passagen zu Mathematik, Physik usw. eventuell fachlich korrekt sein, so ist es das gesamte psychiatrische Setting überhaupt nicht. Es wird mitunter Vokabular falsch verwendet, so nutzt McCarthy als Adjektiv für die Erkrankung „Schizophrenie“ das Wort „schizoid“, was fachlich vollkommen falsch ist, weil „schizoid“ erst einmal „nur“ eine Persönlichkeitsausprägung auf einem Kontinuum von Persönlichkeitseigenschaften beschreibt, die in der höchsten Ausprägung einer Persönlichkeitsstörung auftreten kann und somit einem grundsätzlich anderen Konstrukt zugrunde liegt als die psychische Erkrankung der schizophrenen Psychose. Ob dies unwahrscheinlicherweise in der Übersetzung schiefgelaufen ist, kann ich nicht beurteilen, da mir bis zu dieser Stelle im Roman nicht der englischsprachige Originaltext vorliegt. Was aber darüber hinaus zu bemängeln ist, die Umsetzung des gesamten therapeutischen Kontakts zwischen diesen beiden Personen. Der Therapeut folgt keinerlei authentischen Vorgehensweise oder zumindest den Grundregeln der Gesprächsführung. Einen Behandlungsplan scheint es nicht zu geben. Die Patientin scheint sich Hände tätschelnd in eine Sterbebegleitung begeben zu haben. Hanebüchen ist die Übersetzung des vom Psychiater (ermüdend) oft genutzten „All right.“ ins deutsche „Na gut.“ Damit sorgt der Übersetzer Dirk van Gunsteren zu noch mehr passiver Schicksalsergebenheit des Psychiaters als ohnehin schon im Gespräch in jedem zweiten Ausspruch von ihm steckt. Ich könnte mich an dieser Stelle noch ausführlicher über diese alles andere als authentische Behandlungssituation auslassen, belasse es aber dabei und nehme an, der Autor hat zwar sehr viele Freunde aus diversen naturwissenschaftlichen Fachgebieten, deren Wissen er in diesem Buch einfließen hat lassen, ein:e Psychiater:in oder Psycholog:in scheint jedoch nicht darunter zu sein.

Nach der ersten Hälfte des Buches hätte ich es am liebsten frustriert abgebrochen, habe dann aber doch unter der Prämisse weitergelesen, dass sich hier einfach nur zwei Menschen unterhalten, von der eine ein fachsimpelndes Genie ist und der andere irgendeine Person, aber kein Psychiater. Dann war es erträglich und wurde zum Ende des Buches hin sogar noch interessanter. Dies lag meines Erachtens auch daran, dass Alicia endlich noch längere und zusammenhängendere Redebeiträge zugestanden wurden. Allein aufflackernde Deutungen im Zusammenhang mit dem Inhalt aus „Der Passagier“ sind an diesem Roman wirklich interessant. Für mich erschließen sich jedoch kaum die tatsächlich dahintersteckenden Theorien, die uns Cormac McCarthy (hoffentlich) mitteilen möchte. Vielleicht gibt es diese aber auch gar nicht und es handelt sich bei „Stella Maris“ allein um ein prätentiöses Spätwerk eines gut belesenen Autors. Die Figurenkonstellation, die Figurenzeichnung sowie - und vor allem! - das Setting ist mir also zu unauthentisch. Die Figuren und ihr Dialog scheinen mir nur Marionetten und Mittel für McCarthys Anliegen, all sein gesammeltes Wissen in kondensierter Form in dieses (letzte?) Buch zu packen.

Wenn ich nun meine komplette Lektüre betrachte und die mildernden Umstände gelten lasse, wie ab der Hälfte des Romans getan, komme ich auf solide 3 Sterne. Ein gutes Buch, welches ich empfehlen würde nicht alleinstehend sondern als Folgelektüre zu „Der Passagier“ zu lesen; welches vielleicht besser als Ergänzung zum Inhalt innerhalb des ersten Romans (also alles in einem) funktioniert hätte.

3/5 Sterne

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Veröffentlicht am 27.05.2023

„Grauenvoll! Grauenvoll!“ Naja, nicht ganz. Aber fast!

Herz der Finsternis
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Nein, ganz so schlimm, wie der Titel dieser Rezension andeutet, ist die Erzählung „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad nicht. Es bot sich nur an, diesen doppelten Ausruf aus dem Buch direkt zu übernehmen. ...

Nein, ganz so schlimm, wie der Titel dieser Rezension andeutet, ist die Erzählung „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad nicht. Es bot sich nur an, diesen doppelten Ausruf aus dem Buch direkt zu übernehmen. Tja, aber so richtig überzeugen konnte mich Conrad mit seinem Buch und vor allem Penguin mit seiner 2022 erschienen Ausgabe des selbigen leider nicht.

Zunächst einmal zur Erzählung an sich. Ein Seemann, Marlow, erzählt mit einem Boot auf der Themse schippernd seinen teilweise eingeschlafenen Mitreisenden eine Geschichte aus seinen jungen Jahren. Damals (Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts) sei er abenteuerlustig mit einer Handelsflotte als Kapitän eines Flussdampfers den Kongo hinaufgefahren, mit dem Ziel den Elfenbeinhändler Kurtz aus dem Inland abzuholen.

Nachdem ich mich auf der Themse so überhaupt nicht mit zu Marlow ins Boot hieven konnte und nur schwer auf den ersten 10-15 Seiten Zugang zum Text fand, gelang mir dies auf den ersten Seiten seiner Erzählung über die Reise zum Kongo und vom Aufenthalt auf dem afrikanischen Kontinent dann schon besser. Die zu Beginn häufiger auftauchende subtile, zynische Kritik am Kolonialismus empfand ich hier aussagekräftig in den Gedankengängen des jungen Marlow widergespiegelt. Diese durchaus vorhandene Kritik zeigt sich in Äußerungen wie diesen:

"Die Eroberung der Welt ist - genau betrachtet - nichts Erbauliches; meist läuft es darauf hinaus, dass man denen, die eine andere Hautfarbe oder platte Nase haben, ihr Land wegnimmt." (S.12-13)

"Sie sprach von der Notwendigkeit, 'diese unwissenden Menschen ihrer grässlichen Lebensweise zu entwöhnen', bis mir nachgerade nicht mehr wohl war in meiner Haut." (S.24-25)

"Also nannte man sie [die Schwarzen] Verbrecher, und das verletzte Recht war, wie die krepierenden Granaten, geheimnisvoll über sie hereingebrochen, ein unlösbares Rätsel von jenseits des Meeres." (S.31)

Diese ersten 50 Seiten empfand ich als gekonnte Beobachtung des Kolonialismus und den daraus entstandenen „Handel“ mit Kolonialwaren, wie Elfenbein, aber auch Darstellung eines jungen, abenteuerlustigen Menschen, der zunehmend desillusioniert wird durch seinen Eintritt in die Handelsflotte und deren Verstrickungen mit der Politik und dem Menschenbild der damaligen Zeit. Man beachte, das Buch wurde 1899 erstmals veröffentlicht, in einer Zeit, in der der Kolonialismus noch en vogue in Europa war. Von der Schifffahrt vor allem nach Afrika versteht der Autor auch etwas, war er doch selbst ab 1888 bis 1893 Kapitän der Otago und verarbeitete seine Erlebnisse u.a. im Kongo in seinen Werken.

Nur ist es so, dass mich das Buch mich für die darauffolgenden 110 Seiten nicht mehr einfangen konnte. Das lag zum einen am ausufernden Schreibstil des Autors. Seine schwülstigen Formulierungen sind sicherlich der Zeit geschuldet, konnten mir aber leider nicht die Atmosphäre dieser Reise auf dem Kongo vermitteln. Die in Worten beschriebene Stimmung auf dem Flussdampfer übertrug sich nicht auf mich als Leserin. Auch konnten die Beschreibungen in mir nur selten ein inneres Bild der Szenerie entstehen lassen. Nie wollte ich in einer kurzen Lesepause zurück ins Buch und damit zurück in diese Geschichte. Im Gegenteil, mit zunehmender Seitenzahl wurde die Lektüre zunehmend zäh, unverständlich und entzog sich mir in seiner Aussagekraft, dass ich mich regelrecht quälte die Lektüre abzuschließen. Zurück ließ sie mich mit riesigen Fragezeichnen bezüglich einer Aussage des Buches bzw. des Autors. Man findet in Analysen des Textes die Beschreibung, dass Kurtz hier als das „charismatische, moderne Böse“ dargestellt sein soll. Leider übertrug sich diese Interpretation überhaupt nicht auf mich während der Lektüre. Zuletzt fehlte mir die Nachvollziehbarkeit sowohl der Handlung als auch der handelnden Personen. Zu lang für eine Novelle, zu kurz für einen Roman, bekommen für mich die wichtigen Handlungsstränge nicht genug Raum und Zeit, um das Anliegen Conrads zu vermitteln. (Andererseits hätte es mich davor gegraut, noch länger Conrads Sprache folgen zu müssen.) Die Kolonialismuskritik ging zum Ende hin, nach meinem Verständnis zunehmend verloren, die afrikanischen Ureinwohner bleiben in ihrer Beschreibung eindimensional „die Wilden“, obwohl es Anknüpfungspunkte gegeben hätte, diese menschlicher, mit – zumindest ein wenig – mehr Tiefe darzustellen. Denn natürlich ist das Buch noch während der Kolonialzeit geschrieben, dennoch sollte man im Blick behalten, dass es innerhalb der Intelligentsia zu dieser Zeit der Jahrhundertwende durchaus schon realistischere Darstellungen von Schwarzen Menschen existierten und sich gegen die triebgesteuerte, tierische Darstellung von indigenen Völkern aussprach. Den verschiedenen Figuren bin ich leider über die Erzählung hinweg nicht näher gekommen, ihre Beweggründe wurden für mich kaum ersichtlich, was vor allem für die zentrale Figur Kurtz gilt.

Vielleicht hätte sich das Buch, die verwendete Symbolik und die Aussage dessen mir mehr geöffnet, wenn die Ausgabe vom Penguin Verlag in der „Penguin Edition“ besser gelungen wäre. Dem Text allein hätte ich 3 Sterne für sich stehend zugesprochen, aber in Form der leider wenig zugänglichen Aufmachung, habe ich mich für ein Abrunden auf 2 Sterne entschieden. Denn aus der Ausgabe erfährt man die grundsätzlichsten aber gleichzeitig unglaublich wichtigen Informationen zum Text, um diesen einordnen zu können, nicht. Man muss sich ergoogeln, dass der Originaltext 1899 erschien, dass der Übersetzer Fritz Güttinger in 1992 verstarb, somit die Übersetzung aus einem früheren Jahr stammt, welches bleibt offen, dass das Nachwort, welches mit „Ernst Weiss“ unterschrieben ist, scheinbar vom österreichischen Schriftsteller und Übersetzer Ernst Weiß stammt, der 1940 verstarb, demnach also auch schon etwas älter ist. Ob es dieser Ernst Weiß ist, keine Ahnung, es gibt keinerlei Angaben im Buch diesbezüglich, auch kein Jahr des Verfassens des Nachworts. Und einmal von diesem eklatanten Fehlen der Rahmeninformationen abgesehen, konnte mir das ähnlich nebulös verfasste Nachwort – hier wähnt man sich sprachlich fast noch im Text von Conrad – keine Erkenntnisse zum vorliegenden Text vermitteln. Es ist ein allgemein gehaltenes Nachwort zum Autor und dessen Werk, wobei „Her der Finsternis“ hier kaum auftaucht. Es konnte mir nicht einmal ansatzweise Tipps geben, wie ich die Geschichte verstehen könnte. Hinweise zu mythologischen Bausteinen, biografischen und historischen Zusammenhängen sind bei Wikipedia dann nachzulesen. Da erwarte ich mehr von einer neuen Veröffentlichung im Jahre 2022. Hätte die Erzählung doch eine perfekte Steilvorlage gegeben ein aktuelles, modernes Nachwort anzuhängen, welches die Geschichte in einen entsprechenden Kontext setzt oder verschiedene Interpretationen und Bewertungen ermöglicht. Denn unumstritten scheint dieser historische Text nicht zu sein, wie Äußerungen Chinua Achebes aus der (durchaus gelungenen) editorischen Notiz zu entnehmen ist. Warum hat der Verlag dieses Potential zur Diskussion verschenkt?

Also noch einmal: „Grauenvoll!“ ist die Erzählung nicht gleich, keine Angst. Aber in dieser Präsentation leider auch nicht besonders gut. Lesende, die Prosatexte aus dieser Zeit mit pathetischer Sprache lieben, werden hier sicherlich auch auf ihre Kosten kommen. Für mich war das leider unterm Strich nichts.

2,5/5 Sterne

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