Zwischen Fluch und psychischer Erkrankung
Die Stimmen der NachtIn ihrem Debütroman spannt die nigerianische Autorin Tochi Eze den Bogen über die Geschichte zweier Familien von 1905 bis 2005 und damit über ein ganzes Jahrhundert hinweg. Wir erleben den Wandel von einer ...
In ihrem Debütroman spannt die nigerianische Autorin Tochi Eze den Bogen über die Geschichte zweier Familien von 1905 bis 2005 und damit über ein ganzes Jahrhundert hinweg. Wir erleben den Wandel von einer noch von den weißen Kolonisatoren und Missionaren unberührte Zeit hin in die globalisierte Gegenwart mit all ihren Folgen. Dabei greift die Autorin sowohl ursprüngliche Glaubensvorstellungen als auch die Thematik von psychischer Störung auf und verwebt sie in eine unglückliche Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, deren Vorfahren zwar teilweise aus demselben Dorf stammen, die aber doch ganz unterschiedliche Wege gegangen sind, bis sie sich fanden und wieder verloren.
Zentrale Figuren sind Margaret und Benjamin, die sich in den 1960ern in Lagos kennen und lieben lernen. Allerdings wird hier keine stringente Liebesgeschichte erzählt. Immer wieder springen wir zwischen den Jahren 1905, den 1960/70ern und 2005 hin und her. So bekommen wir einen breiten Überblick über die Vorfahren von Margaret, welche schon immer „verflucht“ zu sein scheinen, und von Benjamin, der hellhäutig ist, da sein Großvater ein weißer Missionar gewesen ist. Durch die zeitlichen und örtlichen Sprünge wird der Roman zu einem Flechtwerk von Lebensrealitäten, die den Wandel der Zeit aufzeigen und auch den Wandel von Definitionen und Zuschreibungen. Was früher allgemein akzeptiert wurde als ein Fluch, der auf einer Ahnenreihe liegt, wird heutzutage als Schizophrenie benannt. Mir gefällt sehr, dass Tochi Eze hier keine klare Antwort liefert, sondern es offen lässt, was dies nun ist, was diese Familie befallen hat, und dem wir in unterschiedlichen Generationen unterschiedliche Namen geben. Diese thematische Fokussierung war für mich überraschend und gleichzeitig dadurch die größte Stärke des Romans.
Auch wenn der sprunghafte Erzählstil, der allerdings immer zu Beginn eines neuen Kapitels durch Zeit- und Ortsangaben angekündigt wird und damit nicht überraschend kommt, es manchmal schwer macht, auf Anhieb noch genau zu wissen, wer jetzt von wem gleich der Vorfahr oder Nachfahr war, hat mich der Roman nie verloren. Ich fand den Erzählstil und vor allem den Fokus der Geschichte sehr erfrischend. Zwar bilden Margaret und Benjamin die Bindeglieder zwischen den Familien und Zeiten, trotzdem sind sie auch nie nur die einzigen Hauptfiguren.
Ein insgesamt gelungener, inhaltlich überraschender Debütroman, dessen Autorin man weiterhin im Blick behalten sollte.
4,5/5 Sterne