Berührend, literarischer Blick auf unsere deutsche Vergangenheit
„Kein Fleck in diesem Land ist frei von seiner Geschichte, denkt sie.“ S. 159
Das ist nur einer, dieser vielen Sätze, die in mir nachhallen und dieses Buch für mich zu einem ganz besonderen machen. Henrik ...
„Kein Fleck in diesem Land ist frei von seiner Geschichte, denkt sie.“ S. 159
Das ist nur einer, dieser vielen Sätze, die in mir nachhallen und dieses Buch für mich zu einem ganz besonderen machen. Henrik Szántó schafft es in seinem Roman viele Male Gefühle und Wahrheiten so treffend auf den Punkt zu bringen, dass ich immer wieder innehalten musste beim Lesen und über diese Fähigkeit mit Sprache umzugehen gestaunt habe.
Die Handlung selbst spielt einzig und allein in einem Mehrparteienhaus und das Einzigartige darin ist die Erzählperspektive, denn die übernimmt das Haus selbst. Klingt im ersten Moment seltsam, hat für mich aber unheimlich gut funktioniert. Gerade auch, weil das Haus fühlt, leidet, sich freut und somit sehr menschlich wirkt.
Dabei stellt es Ruth, Nele und Irma in den Mittelpunkt und wechselt maßgeblich zwischen zwei Zeitebenen. Einmal begleiten wir Ruth und Irma während den 1930ern und 1940ern und zum anderen befinden wir uns mit einer über 90jährigen Ruth und Nele in der Gegenwart.
Wie die erste Zeitebene vermuten lässt, spielt die NS-Zeit und ihre Folgen eine große Rolle. Ruth ist Jüdin und Irma ein Kind nazitreuer Eltern und auch wenn es zu Beginn eine Freundschaft zwischen den beiden Mädchen gibt, brauchen wir leider alle keine Fantasie, um uns vorzustellen, wie die Situation für Ruths Familie ausging.
Der Autor nutzt diese Zeitebene allerdings nicht als Fokuspunkt der Geschichte, sondern eher als Ausgangspunkt, um zu veranschaulichen, wie prägend diese Erfahrungen für uns Menschen sind. Denn Ruths Charakter und Verhalten ist ein klares Produkt ihrer Erziehung und jetzt am Ende ihres Lebens, setzt sie sich damit auseinander. Den Anstoß dazu bekommt sie durch die Teenagerin Nele, die für ihre Geschichtsklausur lernen muss und Ruth als Zeitzeugin nutzt.
Die Folge davon ist, dass auch Nele in ihrer Familie nachzufragen beginnt, denn „Vielleicht hat die eigene Familie nicht nur erlebt, sondern auch getan.“ S.72
Es ist ein Roman, der mich sehr berührt hat und für mich eine große Entdeckung darstellt. Henrik Szántó schreibt äußerst einfühlsam, ohne dabei alles auserzählen zu müssen. Vieles klingt und hallt zwischen den Zeilen und verfängt dadurch vielleicht sogar noch viel mehr.
Für mich ein Highlight.