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Veröffentlicht am 13.10.2019

New Adult auf Französisch – humorvoll, frech und traumhaft schön!

Never Too Close
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Normalerweise fällt es mir leicht, eine unverfängliche Einleitung für meine Rezensionen zu finden. Ein kontroverses Zitat hier, eine Anekdote aus dem aktuellen Tagesgeschehen dort. Hier könnte ich bestimmt ...

Normalerweise fällt es mir leicht, eine unverfängliche Einleitung für meine Rezensionen zu finden. Ein kontroverses Zitat hier, eine Anekdote aus dem aktuellen Tagesgeschehen dort. Hier könnte ich bestimmt auch darüber sinnieren, ob eine innige Freundschaft zwischen Mann und Frau überhaupt möglich ist, ohne langfristig in eine Beziehung überzugehen. Bei diesem Buch erscheint mir diese Vorgehensweise aber zu banal, denn ironischerweise hat mir meine eigene Erfahrung ganz plötzlich und unerwartet eine Antwort auf diese Frage gegeben. Ich habe mich in meinen besten Freund verliebt und war somit in einer ähnlichen Situation wie die Hauptfiguren in „Never Too Close“. Ich bin der Meinung, dass es für meine Gefühlslage kein besseres Buch geben konnte. Warum dieses Buch so wertvoll für mich war und mich trotz einiger Schwächen überzeugen konnte, möchte ich euch nachfolgend erzählen.

Worum geht’s?
Nach einer Silvesternacht, die Violette und Loan unfreiwilligerweise gemeinsam im Fahrstuhl verbrachten, sind die beiden unzertrennlich. Ihre Freundschaft kennt keine Grenzen und kann für Fremde schon mal zu Kopfschütteln führen – sehr zur Verärgerung von Loans Freundin Lucie. Doch ihre Liebe ist rein platonisch, da ist sich Violette sicher. Als sie eines Tages Clement kennen lernt, ist sie sicher, dass er der Richtige für sie ist. Nur wäre da ein kleines Problem: Violette ist noch Jungfrau und schämt sich, diese Schwäche vor ihrem Freund preiszugeben. Der einzige Mann, dem sie sich anvertrauen kann, ist Loan. Aber wird ihre Freundschaft danach wieder so sein wie früher?

Meine Meinung:
Natürlich ist das grobe Konzept von Anfang an sehr vorhersehbar – das Prinzip „Friends to Lovers“ ist schnell erklärt und gehört wohl zum Standardrepertoire des New Adult-Genres. Ich denke, dass man als Leser in Bezug auf den Ausgang wohl kaum große Überraschungen erwartet. Das Interessante ist hier allerdings weniger das „Was“, sondern das „Wie“. Und an dieser Stelle muss ich der Autorin ein großes Kompliment aussprechen, denn trotz der offensichtlichen Figurenkonstellation gelingt ihr ein in vielerlei Hinsicht unterhaltsamer Roman!

Die Figuren:
Violette und Loan sind nicht nur die zentralen Figuren des Buches, sondern gleichzeitig auch Erzähler, die jeweils abwechselnd zu Wort kommen.

Anfangs hatte ich in Bezug auf Violette schlimme Befürchtungen: sie studiert Mode (was auch sonst in einer Stadt wie Paris), hat ein schlechtes Verhältnis zu ihrer Mutter und leidet unter Panikattacken (was offenbar zur Zeit auch ein beliebtes Thema in New Adult-Romanen zu sein scheint). Insoweit war ich skeptisch, ob ihr erfrischend ungekünstelter Auftritt in der Leseprobe vielleicht zu viel versprochen hatte. Glücklicherweise bot Violette viele Möglichkeiten, mich mit ihr zu identifizieren. Sie redet ohne vorher großartig nachzudenken und nimmt dabei selten ein Blatt vor den Mund. Noch dazu ist sie etwas tollpatschig und braucht eigentlich keinen Glanz und Glamour, um glücklich zu sein – ein Abend vor dem Fernseher mit einem Vorrat Schokolade reicht völlig aus.

Loan hingegen ist ein Idealist, für den sein Job als Feuerwehrmann eine Lebensaufgabe ist. Auch als Violettes bester Freund ist er äußerst fürsorglich und kümmert sich rührend um sie. Natürlich trägt er ein für New Adult-Romane typisches Geheimnis mit sich herum, das erst am Ende des Buches vollständig offenbart wird. Allerdings bleibt er insgesamt im Vergleich zu Violette deutlich blasser und zu „aalglatt“, hier hätte die Autorin ruhig noch mehr schrullige Angewohnheiten einarbeiten dürfen. Trotzdem war er mir von Anfang an sympathisch - was man von Clement, Violettes Freund, nicht gerade behaupten kann.

Von Anfang an steht fest, dass Violette und Loan ein harmonisches Pärchen abgeben würden, was die beiden aber zunächst nicht bemerken bzw. sich nicht eingestehen wollen. Damit die beiden aber nicht auf gewöhnliche Weise zueinander finden, braucht es Clement, dessen Rolle ebenfalls von Anfang an feststeht. Er ist deutlich kühler, distanzierter und vor allem elitärer als der bodenständige Loan. Trotzdem geht Violette eine Beziehung mit ihm ein, auch wenn ich dies nicht wirklich nachvollziehen konnte. Dass sie sich Clement gegenüber keine Blöße geben möchte, ist aufgrund seines Verhaltens hingegen zumindest einigermaßen nachvollziehbar.

Auf Jason und Zoe, Loans Freund und Violettes Mitbewohnerin, möchte ich nicht allzu sehr eingehen. Die beiden haben eine sehr interessante (weil im Vergleich zu Violette und Loan komplett gegensätzliche) Dynamik, von der wir bald im Folgeband „Never Too Late“ mehr erfahren dürfen. Ich bin jedenfalls sehr gespannt!

Die Handlung:
Dass Violettes und Loans gemeinsame Nacht ihre Freundschaft nachhaltig verändern würde, hätte den beiden trotz vieler Überlegungen klar sein müssen. Aber aus eigener Erfahrung kann ich nun berichten, dass man sich leicht etwas vormacht, wenn man etwas fühlt, das man eigentlich nicht fühlen sollte... Und so nimmt das Gefühlschaos seinen Lauf, für welches ich persönlich der Autorin nicht nur ein großes Lob, sondern auch ein Dankeschön aussprechen möchte. Denn sie geht mit großer Einfühlsamkeit nicht nur auf die Gefühle der Protagonisten ein, sondern auch auf ihre Gedanken, Befürchtungen und Ängste für die Zukunft. Ich habe mehrmals beim Lesen meine eignen Sorgen in ihren Zeilen wiedererkannt und war schockiert, wie sehr ich mich mit Violette identifizieren konnte. Die Angst, dass Gefühle die Freundschaft nachhaltig verändern könnten und ein Geständnis binnen Sekunden alles zunichte machen könnte, beschäftigte mich auch jeden Tag. Es war sehr heilsam, ein Buch wie dieses zu lesen, denn egal wie vielen Freunden man sich anzuvertrauen versucht: nichts vermag ein aufgewühltes Herz so zu stoppen wie ein geschriebenes Wort. Allein für die nachvollziehbare Darstellung des Gefühlschaos würde ich dieses Buch jedem empfehlen, der in einer ähnlichen Lage steckt!

Gerade im letzten Drittel überschlagen sich jedoch die Ereignisse, denn zu den familiären Problemen der beiden Protagonisten gesellt sich auch noch weiterer Besuch aus der Vergangenheit und ein schwerer Schicksalsschlag. Wer es eher weniger dramatisch mag, wird hier wohl überfordert sein, wer aber mit der genretypischen Portion Drama keine Probleme hat, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Das Ende war allerdings auch mir ein wenig zu kitschig und klischeehaft, auf den Epilog hätte ich aus diesem Grund am liebsten vollständig verzichtet.

Trotzdem konnte mich das Buch zu jeder Zeit gut unterhalten. Es gab keine merklichen „Füllkapitel“ zwischen wichtigen Szenen, auch auf verwirrende Nebenschauplätze wurde gänzlich verzichtet. Das frische, unverbrauchte Pariser Setting lädt zusätzlich zum Träumen ein – eine nette Abwechslung im ansonsten sehr amerikanisch geprägten Genre!

Der Schreibstil:
Am Ende möchte ich noch kurz auf den Schreibstil eingehen, der sich tatsächlich den beiden Charakteren anpasste. Meiner Meinung nach kommt es leider häufig vor, dass zwischen zwei „Erzählern“ keine stilistischen Unterschiede erkennbar sind. In diesem Fall merkt man allerdings zu jedem Zeitpunkt, ob gerade die freche, aufgedrehte Violette oder der eher introvertierte Loan erzählt. Beide haben jedoch gemein, dass sie humorvoll und flüssig erzählen und, wie bereits angemerkt, nachvollziehbare Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt gewähren.

Fazit:
„Never Too Close“ ist der beste Beweis, dass New Adult auch auf Französisch bestens funktioniert. Die relativ vorhersehbare Handlung wirkt dank der authentischen Protagonistin und ihrer Unverblümtheit niemals platt und weiß durch realistische Einblicke in die Gefühlswelt der Figuren zu überzeugen. Schließlich sorgen auch der freche, temporeiche Schreibstil und die Kulisse der Hauptstadt Frankreichs dafür, dass man über das klischeehafte Ende mit übersprudelnder Dramatik hinwegsieht. Für mich ist dieses Buch ein neuer Stern am New-Adult-Himmel und ich werde den Nachfolger, „Never Too Late“, mit Sicherheit auch lesen. Was meine persönliche Situation angeht, werde ich wohl kein Happy End mit meinem besten Freund erleben, dies trübt jedoch nicht den positiven Gesamteindruck des Buches. Ein herzliches Dankeschön an die Lesejury und den LYX-Verlag für die Bereitstellung des Leseexemplars!

Veröffentlicht am 11.08.2019

Eine Sports Romance ohne Sport, die bis auf den feinfühligen Umgang mit häuslicher Gewalt nichts Neues zu bieten hat

Chicago Devils - Die Einzige für mich
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Worum geht’s?
Anton Petrov, der Kapitän der Eishockey-Mannschaft „Chicago Devils“, ist eigentlich ein „Good Guy“, wie er im Buche steht. Anders als seine Mannschaftskameraden steht er nicht gern im Mittelpunkt ...

Worum geht’s?
Anton Petrov, der Kapitän der Eishockey-Mannschaft „Chicago Devils“, ist eigentlich ein „Good Guy“, wie er im Buche steht. Anders als seine Mannschaftskameraden steht er nicht gern im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit. Er lebt diszipliniert und vor allem enthaltsam, denn sein Herz gehört Mia, der Frau seines Mannschaftskameraden. Doch seine Zurückhaltung gerät ins Wanken, als er feststellen muss, dass Mia nicht nur unglücklich verheiratet ist, sondern zu allem Überfluss auch häusliche Gewalt erfährt. Von nun an kennt Anton nur noch ein Ziel: Mia die Kraft zu schenken, die sie braucht, um sich selbst aus dieser Ehe zu befreien und endlich glücklich zu sein.

Man mag es mir übel nehmen, dass ich in meiner Zusammenfassung der Handlung mehr verrate als der Klappentext. Mir persönlich ist es aber wichtig, auf das Vorkommen häuslicher Gewalt in körperlicher wie seelischer Form hinzuweisen, damit jeder selbst entscheiden kann, ob er sich dadurch getriggert fühlt oder nicht. Auf die Frage, ob der Autorin die Umsetzung dieses Themas gelungen ist, möchte ich später eingehen.

Die Charaktere:
Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht der beiden Protagonisten erzählt, sodass die unterschiedlichen Persönlichkeiten zur Geltung kommen, wobei die handlungsrelevanten Szenen aber auffällig häufig aus Antons Sicht erzählt werden. Entgegen dem anhaltenden „Bad Boy“-Trend ist Anton ein sensibler Idealist, der sich zu seinem eigenen Leidwesen ausgerechnet in die Frau seines Mannschaftskameraden verliebt hat. Eigentlich hatte er sich geschworen, sich niemals dieser verbotenen Anziehung zu ihr hinzugeben. Doch dann trifft er sie eines Abends in einer Bar wieder und weiß, dass er nicht länger nur zusehen kann.

Denn Mia, die sonst so selbstbewusst durchs Leben ging, ist nur noch ein Schatten ihrer Selbst. Ihre Ehe hat sich zum absoluten Albtraum entwickelt und Mia kämpft sich Stück für Stück zurück in ihre Unabhängigkeit. Das verlangt ihr im Laufe der Handlung viel Kraft ab, die sie bei Anton findet. Er erkennt ihre traumatischen Erfahrungen, die aus physischer wie psychischer Misshandlung bestehen und hilft ihr – zunächst nur als Freund – damit umzugehen. Was die sich anbahnende Liebesbeziehung angeht, war es wirklich erfrischend, dass Anton seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt, um Mia zu helfen. Dadurch kommt die Annäherung ohne unnötige Konflikte aus und sorgt für einen flüssigen, reibungslosen Handlungsablauf. Andererseits ist es genau das, was ich irgendwie vermisst habe – ist ein Streit nicht auch eine Chance, sich gemeinsam weiterzuentwickeln?

Aber genau da liegt das Problem: insgesamt sind die Charaktere von Anfang an stereotyp angelegt. Wie sollte sich Anton, der makellose, harmoniebedürftige „Good Guy“, denn weiterentwickeln, wenn es in seinem Leben keine Ecken und Kanten gibt? Mias Entwicklung ist leider auch relativ früh absehbar, auf Überraschungen wird vollständig verzichtet. Ein kleiner Twist, den die Autorin bereits zu Beginn der zweiten Hälfte verpulvert, hätte meiner Meinung nach auch nichts Neues zur Handlung beigetragen.

Sehr positiv sind mir hingegen die liebenswerten Nebenfiguren in Erinnerung geblieben. Sei es Antons pflegebedürftiger „Onkel“ Dix, der hinter seiner rauen Fassade ein butterweiches Herz verbirgt, oder Anita, Mias alleinerziehende Mitbewohnerin – die Nebenfiguren sorgen für die Abwechslung, die ich bei den Protagonisten vermisse. Mit ihnen habe ich gelacht, gebangt und getrauert – neben ihnen wirkte die vordergründige Liebesbeziehung beinahe langweilig.

Die Handlung:
Prinzipiell weiß man bereits durch den Klappentext, dass unter diesen Voraussetzungen Ärger vorprogrammiert ist. Mias Ehemann ist gleichzeitig Antons Mannschaftskamerad, die Rivalität gießt zusätzliches Öl ins Feuer und sorgt für Spannung auch abseits des Spielfelds.

Apropos Spielfeld: der Roman wird zwar als „Sports Romance“ beworben, kann aber auch von einem absoluten Sportmuffel gelesen werden. Grund dafür ist schlichtweg der Umstand, dass der Sport kaum Erwähnung findet. Bis auf ein, zwei kurze Spielszenen, die noch dazu ohne verwirrende Fachtermini auskommen, ist von Sportfeeling nichts zu spüren. Das ist vermutlich Geschmackssache, ich habe das Spielgeschehen und vor allem die Interaktion zwischen Anton und seinem Bruder Alexei auf dem Feld vermisst.

Aber der Sport ist nicht das Einzige, was in diesem Roman zu kurz kommt. Die Liebesgeschichte, die durch die Abwesenheit der sportlichen Komponente eigentlich besonders überzeugen sollte, entwickelt sich für meinen Geschmack viel zu schnell. Dass Mia nach ihren verstörenden Erfahrungen nach ca. 50% des Buches bereits von Liebe spricht, obwohl Anton nicht mehr getan hat als für sie da zu sein, kam mir doch etwas unrealistisch vor. Zwar besteht von Anfang an eine gewisse Anziehungskraft zwischen den beiden, allerdings hatte ich erwartet, dass Mia etwas mehr Zeit braucht, um sich vollständig auf eine neue Beziehung einzulassen.

Neben der Liebesgeschichte werden immer wieder Nebenschauplätze eröffnet, die die liebenswerten Nebenfiguren in den Mittelpunkt gerückt und das Potenzial gehabt hätten, die Handlung immer wieder aufzulockern. Leider werden diese Handlungsstränge sofort wieder fallen gelassen, was die fehlende Charakterentwicklung der Protagonisten noch mehr in den Fokus rückt.

Der Schreibstil:
Über den Schreibstil kann meiner Meinung nach nur gesagt werden, dass er sich ins Gesamtbild einfügt und den Erwartungen entspricht, die man an einen derart angelegten Roman haben könnte: keine prosaische Meisterleistung, dafür aber ohne lange oder verschachtelte Sätze und daher umso leichter zu lesen. Im Rahmen der Leserunde wurde die unreife Übersetzung der Liebesszenen kritisiert, was aber momentan ein allgemeines Problem der Lokalisierung von Romanen mit Liebes-/Erotikszenen zu sein scheint. Mich hat es nicht wirklich gestört, es sollte aber trotzdem erwähnt werden, da es doch die grundsätzliche Wahrnehmung der Szenen stark beeinflussen kann.

Das Besondere:
Die unverblümte, realistische Beschreibung körperlicher und seelischer Krankheiten gelingt der Autorin unerwartet gut. Bemerkenswert ist auch der feinfühlige Umgang Antons mit Mias Erlebnissen und dem Vorschlag, ihr Trauma im Rahmen einer Therapie zu bewältigen. Er signalisiert damit, dass er ihr vielleicht zuhören kann, aber nur ein Arzt oder Psychologe ihr beibringen kann, auf Dauer damit umzugehen. Ich denke, dass es der Autorin gelungen ist, betroffenen Frauen mehr Mut zu machen und offen über häusliche Gewalt zu sprechen. Allein diese Sensibilität hat dafür sorgen können, dass ich über einige Punkte hinwegsehen konnte, die ich sonst als störend empfunden hätte. Toll, dass psychische Krankheiten auch in Romanen nicht länger als Tabuthema behandelt werden!

Fazit:
Der Auftakt der „Chicago Devils“-Reihe bietet eine Liebesgeschichte, deren Konstellation erfrischend anders beginnt, sich aber nicht wie erwartet weiterentwickelt. Wäre da nicht der sensible Umgang mit psychischen Erkrankungen und häuslicher Gewalt, würden die Vernachlässigung der Nebencharaktere, das nicht ausgeschöpfte Potenzial einiger Handlungsstränge und das Fehlen der Sportszenen eher negativ ins Gewicht fallen. Insgesamt wird ein Vielleser von Liebesromanen nicht viel Neues entdecken, wer aber einen Roman mit nicht allzu viel Tiefe für Zwischendurch sucht, könnte hier voll auf seine Kosten kommen. Vielen Dank an den LYX-Verlag und die Lesejury, die mir die Teilnahme an einer Vorableserunde ermöglicht haben!

Veröffentlicht am 03.07.2019

Eine differenzierte Milieustudie, aber mit gewöhnungsbedürftigem Schreibstil und einigen Längen!

So schöne Lügen
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Worum geht’s?

Louise hat sich ihr unabhängiges, selbstbestimmtes Leben fernab der Kleinstadtidylle ihrer Eltern irgendwie anders vorgestellt. Mit fast 30 Jahren muss sie voller Ernüchterung feststellen, ...

Worum geht’s?

Louise hat sich ihr unabhängiges, selbstbestimmtes Leben fernab der Kleinstadtidylle ihrer Eltern irgendwie anders vorgestellt. Mit fast 30 Jahren muss sie voller Ernüchterung feststellen, dass sich weder ihr Traum, eines Tages eine gefeierte Schriftstellerin zu werden, noch der Wunsch nach einer glücklichen Beziehung erfüllt hat. Stattdessen hält sie sich mit drei schlecht bezahlten Jobs über Wasser und hat keine ernsthafte Aussicht auf Besserung. Bis Lavinia in ihr Leben tritt: Lavinia ist schön und reich. So reich, dass sie mit allen Stars und Sternchen der Upper East Side bekannt ist und keine Gala auslässt. Plötzlich ist Louise ebenfalls mittendrin im Geschehen und erlebt eine berauschende Party nach der anderen. Doch im Gegensatz zu Lavinia ist Louise in dieser Welt voller Glitzer, Glamour und Gerüchten nur zu Gast, was sich bald vor allem an ihrem Kontostand bemerkbar macht. So begibt sie sich in eine gefährliche Abhängigkeit von den ständig wechselnden Launen ihrer neuen Freundin. Wohin wird Louise diese Freundschaft führen? Wird sich Louise von ihrer Ohnmacht – und letztlich von Lavinia - befreien können?

Meine Meinung

Die schimmernde Gold- und Silberprägung des Schutzumschlags hätte nicht treffender gewählt werden können. „So schöne Lügen“ ist ein Buch über Glanz und Gloria, aber auch über die Persönlichkeiten, die sich hinter dieser Fassade verbergen. Die New Yorker Upper East Side ist geprägt von Exzessen, vom Rausch des Geldes und der ständigen Selbstdarstellung. Auf ein Genre mag ich mich gar nicht zu sehr festlegen, denn gerade in der zweiten Hälfte versucht dieses Buch mehr als nur eine Milieustudie zu sein. Die spärlich gesäten Spannungsmomente reichen jedoch nicht aus, um den Ansprüchen eines zeitgemäßen Thrillers gerecht zu werden. Insgesamt würde ich daher „So schöne Lügen“ als Gesellschaftskritik bezeichnen, die sich immer wieder durch kleinere Konfliktsituationen von anderen Romanen dieser Art abhebt. Nachfolgend möchte ich auf die einzelnen Elemente eingehen, die meiner Meinung nach besonders hervorzuheben sind:

Die Charaktere

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die Protagonistin Louise, die mit ihrer durchschnittlichen Biografie und genügsamen Lebensweise eigentlich so gar nicht in das Milieu der Superreichen passt. Sie ist im Grunde der Rohentwurf der „modernen“ Frau – und damit stets auf der Flucht vor den Erwartungen ihrer Mitmenschen. Die Aussicht auf ein gewöhnliches Leben als Haus- und Ehefrau in der Kleinstadtidylle treibt sie schließlich zur Flucht nach New York. Doch dort angekommen muss sie feststellen, dass es eine Herausforderung ist, sich dort allein über Wasser zu halten, geschweige denn als Schriftstellerin entdeckt zu werden. Louise ist mit ihrer Enttäuschung und (scheinbaren) Perspektivlosigkeit für den Leser ihrer Altersklasse sofort eine greifbare und ungemein menschliche Identifikationsfigur. Sie versinnbildlicht das Ende eines Jugendtraums, gepaart mit dem Gefühl, durch genau diesen Traum wertvolle Zeit verloren zu haben oder gar auf der Strecke geblieben zu sein. Ein großes Plus ist daher von Beginn an die Darstellung der Hauptfigur, die auch im weiteren Verlauf des Buches dynamisch und damit realistisch bleibt.

Im Gegensatz zu Louise steht Lavinia ständig im Rampenlicht. Sie ist in erster Linie das Kind reicher Eltern ist und musste sich nie mit den Sorgen einer gewöhnlichen Erwachsenen abgeben. Sei es Literatur, Theater oder der obligatorische Opernbesuch - Lavinia widmet ihr Leben den darstellenden Künsten und vereinnahmt mit ihrer Exzentrik sofort die gesamte Aufmerksamkeit ihrer skurrilen und nicht weniger oberflächlichen Mitmenschen. Gerade im Vergleich zur stillen, unauffälligen Louise wirken ihre nie enden wollenden Skandälchen des Öfteren leider aufgesetzt und unglaubwürdig. Hinzu kommt, dass Lavinia als Gegenpol zu Louise dem Leser zwar von Anfang an unsympathisch ist und damit als potenzielle Antagonistin dient. Allerdings reizt de Autorin diese Rolle nicht ausreichend aus, um ihr Raum für Charakterentwicklung zu geben und so mehr zu sein als eine hervorragende Selbstdarstellerin. Enttäuschenderweise bleibt Lavinia bis zum Schluss eine mystische, aber blasse Figur, die deutlich mehr Potenzial gehabt hätte.

Das Setting

Ein großes Plus ist die realistische (Schein-)Welt der Upper East Side, die dieser Roman in ihrer schillernden wie abscheulichen Gestalt darstellt. Man merkt der Autorin zu jeder Zeit an, dass sie selbst als Journalistin in New York tätig ist und dieses Milieu eindringlich studiert zu haben scheint. Sie gibt faszinierende Einblicke in das Leben einer Gesellschaft, für die Geld keine Rolle spielt und die voller Fassaden und falscher Freunde ist. Eine Welt voller Oberflächlichkeiten, die ihre Abgründe hinter einer dicken Schicht aus Glitzer verbirgt und dabei nie langweilig wird. Es ist nicht auszuschließen, dass es dem einen oder anderen Leser in all dem Trubel mitunter zu absurd zugehen könnte – ich persönlich fand diese Darstellung aber eindrucksvoll und rundum gelungen.

Die Handlung

Über die Handlung möchte ich an dieser Stelle nicht allzu viel verraten, da der Klappentext bereits sehr aussagekräftig ist und sogar einen Hinweis auf eine große Wendung innerhalb der Geschichte gibt. Die Autorin hält noch den einen oder anderen Konflikt bereit, sodass nie Langeweile aufkommt. Allerdings können diese kurzen Spannungsmomente nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Ende doch recht vorhersehbar ist und die aufgeworfenen moralischen Konflikte nicht zufriedenstellend gelöst werden. Der Leser sollte daher keine allzu großen Überraschungen erwarten, auch wenn sich die Autorin immer wieder an simplen, aber effektiven Thriller-Elementen bedient.

Der Schreibstil

Größter Kritikpunkt ist allerdings der ganz und gar nicht glamouröse Schreibstil, der mit seinen asyndetischen Sätzen stets auf einem schmalen Grat zwischen schlichter Eleganz und plumper Einsilbigkeit wandert. Die Sätze sind wenig abwechslungsreich, wobei ich mir nicht sicher bin, ob dies sogar von der Autorin beabsichtigt ist, um den immer gleichen Ablauf des Zusammenlebens mit Lavinia widerzuspiegeln. Ich bin mir auch Wochen nach Beendigung des Buches nicht sicher, was ich von diesem Schreibstil halten soll – lakonisch oder langweilig? Auf jeden Fall empfehle ich vor dem Kauf einen Blick in die Leseprobe zu werfen, andernfalls droht das Buch spätestens nach dem ersten Drittel auf dem Friedhof der abgebrochenen Bücher zu landen.

Fazit

Insgesamt ist „So schöne Lügen“ eine eindrucksvolle und vor allem glaubwürdige Milieustudie, die einen stets gesellschaftskritischen Blick auf die Welt der Reichen und Schönen wirft. Der Versuch, darüber hinaus auch Psychothriller-Elemente einzubauen und damit einen Spannungsbogen zu ziehen, führt dabei jedoch nur bedingt zum Erfolg. Auch die beiden weiblichen Hauptfiguren bleiben mitunter blass, da sie sich zu sehr hinsichtlich ihrer Emanzipation und Charakterentwicklung voneinander unterscheiden. Der Schreibstil ist entweder Fluch oder Segen, je nachdem, ob der Leser kurze oder anspruchsvolle Sätze bevorzugt. Letztlich weiß die Autorin mit ihrem Debüt zu unterhalten, schafft jedoch durch fehlende Überraschungen für die Zukunft auch Verbesserungspotenzial. Ein herzliches Dankeschön gilt dem DuMont Verlag und vorablesen.de für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars!

Veröffentlicht am 28.04.2019

Eine poetische Reise - außergewöhnlich, lebensbejahend und voller Gefühl!

Liebende
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Koreanische Literatur ist momentan auch auf dem deutschen Buchmarkt schwer angesagt: ob Thriller wie „Der Plotter“ von Un-Su Kim oder die Studien menschlicher Abgründe aus der Feder von Han Kang - die ...

Koreanische Literatur ist momentan auch auf dem deutschen Buchmarkt schwer angesagt: ob Thriller wie „Der Plotter“ von Un-Su Kim oder die Studien menschlicher Abgründe aus der Feder von Han Kang - die originellen Ideen vor exotischen Schauplätzen haben ihren ganz eigenen Charme. Daher war es nur eine Frage der Zeit, dass auch die lyrischen Werke des Schriftstellers Jeong Ho-Seung ihren Weg nach Deutschland und damit in die Herzen der Poeten unserer Zeit finden. Ursprünglich 2008 in Südkorea erschienen, verkaufte sich dieses etwa 128 Seiten umfassende Büchlein dort über zwei Millionen Mal.

Worum geht’s?
Blauperlenauge hat alles, wovon ein Kupferfisch eigentlich träumen könnte: einen festen Platz am Dach des Unju-sa- Tempels, ein ruhiges Leben im Einklang mit den Tempelglöckchen und die Liebe zu seinem Gefährten namens Schwarzperlenauge. In letztere hat allerdings die Routine des Alltags Einzug gehalten, sodass sich Blauperlenauge allmählich fragt, ob Schwarzperlenauge ihn immer noch liebt. Gleichzeitig sehnt sich Blauperlenauge nach einem Leben außerhalb des Tempels, was für Schwarzperlenauge unvorstellbar ist. Als Blauperlenauge anstelle seiner Flossen eines Tages Flügel wachsen, beginnt er eine Reise, die ihn durch das ganze Land führt und zahlreichen Personen und Tieren begegnen lässt. Doch ist es wirklich das, was er will? Was ist der Sinn seines Lebens? Und was bedeutet es, wahrhaftig zu lieben?

Meine Meinung:
Während Schwarzperlenauge zweifelsfrei als männlicher Kupferfisch angesprochen wird, bleibt es offen, ob der Protagonist Blauperlenauge ein Männchen oder Weibchen ist. Und das geschieht meiner Meinung nach absichtlich, denn das Zusammenleben dieser beiden Figuren und die Entwicklung ihrer Liebesbeziehung beschränkt sich gewiss nicht nur auf die typischen Mann-Frau-Klischees. Es ist vielmehr eine Ode an die Liebe, die bereits die erste Phase ungezügelter Verliebtheit hinter sich gelassen hat und den nunmehr unverklärten Blick in die Zukunft richtet. Wie stellt man sich seine gemeinsame Zukunft vor? Was sind die eigenen Ziele, was erwartet der Partner von mir? Diese Fragen hat sich wohl jeder, der eine langjährige Beziehung führt, schon einmal gestellt. Während Blauperlenauge die Welt erkunden und das ruhige Leben des Tempels hinter sich lassen will, ist Schwarzperlenauge mit diesem Dasein vollends zufrieden. Unterschiedliche Erwartungshaltungen und das vermeintlich mangelnde Verständnis für die Bedürfnisse des Partners führen schließlich zur Trennung – ein realistisches Bild, das sich wohl tatsächlich in genau dieser Form jeden Tag irgendwo auf der Welt so abspielen dürfte. Auch wenn sich nicht jeder mit den eigentlich unbeweglichen, nicht lebendigen Kupferfischen als Protagonisten anfreunden kann, ist die Studie ihrer Beziehungsdynamik durchaus nachvollziehbar.

Abstrakt wird es erst, als Blauperlenauge eines Morgens Flügel erhält und nun, mehr Vogel als Fisch, endlich seine Reise abseits des geregelten Tempelalltags beginnt.Wie sich später herausstellt, ist es eine Reise, die ihn durch unterschiedliche Begegnungen zu sich selbst finden lässt. Insgesamt fallen die Auftritte der Nebenfiguren recht kurz aus, auf eine aufwändige Charakterisierung und Hintergrundinformationen wird angesichts der Kürze von nicht einmal 130 Seiten verzichtet. Wichtiger ist vielmehr, dass jede Nebenfigur eine weitere Lektion für Blauperlenauge bereithält. Allzu viel soll hier nicht verraten werden, aber eines steht fest; auch die Menschen und Tiere dieser Geschichte stellen sich die großen Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Bedeutung von Liebe im eigenen Alltag.

Der Kürze der einzelnen Episoden ist es wohl auch geschuldet, dass die Moral, die Blauperlenauge aus jeder Begegnung zieht, sehr knapp und manchmal wie aus einem Lehrbuch erzählt wirkt. Natürlich sind die Gesamtumstände immer noch, wie bei einer Fabel typisch, sehr vage gehalten, sodass sich der geneigte Leser immer noch in einzelnen Passagen wiedererkennen kann. Doch das Resümee am Ende jedes Abschnitts fällt meiner Meinung nach ungewöhnlich sachlich und bisweilen anspruchslos formuliert aus – „ohne Opfer keine Liebe“ (S. 48) , „lieben musst du jetzt, in diesem Augenblick“ (S. 66) oder „ohne Wunden gibt es keine Schönheit“ (S. 114). Gerade in Anbetracht des ansonsten doch recht abstrakten Konzepts wollten einige Lehrsätze kein stimmiges Gesamtbild ergeben. Hier wären weniger Pathos und euphorische Gefühlsbekundungen manchmal mehr gewesen. Schade, denn insgesamt hätte die Handlung deutlich mehr Potenzial gehabt und schon ca. 40 Seiten und einige Hintergrundinformationen mehr hätten dieses Störgefühl eines zu schnell herbeigeführten Endes beseitigen können.

Der Schreibstil fällt gerade für einen Kurzroman unerwartet poetisch aus und beweist ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Feingefühl, wenn es um die Darstellung von Emotionen geht. Auch die Wahrnehmung der Umwelt wird wunderbar in diese Gefühlsebene einbezogen und bringt das exotische Lebensgefühl aus Fernost treffend zur Geltung. Wer sich darauf einlassen kann und vielleicht schon ein wenig Hintergrundwissen über die koreanische Kultur mitbringt, wird mit diesem Buch viel Freude haben. Für jemanden, der sich dafür jedoch gar nicht begeistern kann, können die vielen Ortsangaben vielleicht schnell zu viel werden. Ich gehörte definitiv zur ersten Lesergruppe und habe zumindest grob versucht, die „Reiseroute“ von Blauperlenauge nachzuvollziehen.

Schließlich muss ich auch die liebevollen Farbillustrationen von Gisela Goppel lobend erwähnen, die eigens für die deutsche Ausgabe angefertigt wurden. Die dargestellten Szenen wurden behutsam und meiner Meinung nach sehr treffend ausgewählt und unterstreichen ebenso die fernöstliche, exotische Szenerie.

Fazit:
Insgesamt ist „Liebende“ ein fabelhaftes Buch für Zwischendurch, das mit einer außergewöhnlichen Rahmenhandlung vor exotischer Kulisse und einem farbenfrohen Schreibstil aufwartet. An einigen Stellen stören kleinere Wiederholungen und die meiner Meinung nach zu sachlich geratene Moral das ansonsten recht stimmige Gesamtkonzept. Ich habe mich dennoch gut unterhalten gefühlt und bin, genau wie Blauperlenauge, über den Sinn des Lebens ins Grübeln gekommen. Eine faszinierende kleine Lektüre für den Sommer!

Veröffentlicht am 07.04.2019

Grausam, abstoßend und trotzdem ungemein betörend - ein erzählerisches Meisterwerk!

Das Volk der Bäume
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„Das Volk der Bäume“ ist das ursprünglich im Jahre 2013 veröffentlichte Debüt der Autorin Hanya Yanagihara, das jedoch erst nach dem Erfolg ihres monumentalen Meisterwerks „Ein wenig Leben“ auch in Deutschland ...

„Das Volk der Bäume“ ist das ursprünglich im Jahre 2013 veröffentlichte Debüt der Autorin Hanya Yanagihara, das jedoch erst nach dem Erfolg ihres monumentalen Meisterwerks „Ein wenig Leben“ auch in Deutschland veröffentlicht wurde. Inhaltlich stand nach eigenen Angaben der Aufstieg und Fall des Virologen Dr. Daniel Carleton Gajdusek Modell für den Wissenschaftler Dr. Norton Perina, der vor allem eins ist: ein überaus fähiger Erzähler.

Worum geht’s?
Der Roman liest sich wie eine Biografie, die von Nortons Freund und Mitarbeiter Dr. Kubodera behutsam bearbeitet und durch Fußnoten ergänzt wurde. Norton berichtet von seiner Kindheit, seinen Anfängen in medizinischen Laboren und schließlich von seiner Reise nach Ivu'ivu, die sein Leben grundlegend verändern sollte. Gemeinsam mit seinem Mentor, dem Anthropologen Paul Tallent, entdeckt er auf der mikronesischen Insel eine Gruppe von Menschen, die körperlich nicht altern, was sie dem Verzehr einer bisher unbekannten Schildkrötenart verdanken. Doch anders als sein Mentor tritt Norton mit diesem Wissen an die Öffentlichkeit und eröffnet so den Weg zur systematischen Ausbeutung und allmählichen Vernichtung des zuvor unberührten Inselvolks. Ebenso rasch wie der Aufstieg Nortons, der für die „Entdeckung des ewigen Lebens“ später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird, zeichnet sich jedoch auch sein Untergang ab, als er Jahre später vor Gericht seinen eigenen Adoptivkindern gegenübersteht und schließlich, des Kindesmissbrauchs bezichtigt, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird.

Inhaltlich wird all das bereits zu Beginn des Buches in einem Zeitungsartikel offenbart, weshalb diese Informationen keine „Spoiler“ darstellen. Umso verwunderlicher ist es, dass mit dieser Zusammenfassung tatsächlich alle wichtigen Ereignisse abgedeckt sind und darüber hinaus nichts grundlegend Bedeutsames geschieht. Wie schafft es die Autorin also, dem Leser einen Charakter, dessen menschliche Abgründe und Grausamkeit von Beginn an bekannt sind, nahe zu bringen?

Der Erzähler:
Es sei vorab noch einmal klargestellt: Dr. Norton Perina ist keine Identifikationsfigur. Er ist genau der überhebliche und nach Anerkennung lechzende Mann, den der Klappentext verspricht. Und doch muss ich gestehen, dass er mich durch seinen Erzählstil mitgenommen hat, in die kargen Labore der medizinischen Fakultät, in die aus grünen Schattierungen bestehenden Wälder Ivu'ivus und schließlich in die Mitte seiner Familie, wenn man sie denn als solche bezeichnen darf. Der Schreibstil schafft mit einer unvergleichlichen Feinfühligkeit den Spagat zwischen deskriptiver Ausführlichkeit und behutsamen Kürzungen, um die Handlung voranzutreiben. Hinzu kommt ein Wortschatz, der so reich ist, dass ich mich glücklich schätzen dürfte, könnte ich mich jemals derart gewählt ausdrücken. Und so muss ich ganz ohne Scham gestehen, dass ich wie hypnotisiert war von der Art des Erzählens, in den Bann gezogen von einem Charakter, für den ich noch vor dem Einlegen der CD nichts als Verachtung empfunden hatte.

Doch immer genau dann, wenn ich Nortons Gedanken zu verstehen glaubte und beinahe einen Anflug von Verständnis verspürte, riss mich die geballte Abscheulichkeit der Handlung, insbesondere Nortons eigener Anteil daran, zurück in die Realität. „Das Volk der Bäume“ ist kein angenehmes Buch, das sich zwischendurch lesen bzw. hören lässt. Es ist in erster Linie ein Buch über menschliche Abgründe und lässt dabei nur wenig aus. Es spiegelt den Zwiespalt von Wissenschaft und Ethik wider, über vor langer Zeit faktisch nicht vorhandene Rechte der für Versuchszwecke herangezogenen Tiere und Menschen. Nicht zuletzt ist es auch eine unterschwellige, aber klare Kritik an der Überheblichkeit westlicher Kulturen über indigene Völker, die sich scheinbar mit jeder Entdeckung eines unberührten Naturvolks wiederholt. Und vor allem ist es ein Buch über krankhafte Obsession und was daraus erwachsen kann, wenn man nicht damit umzugehen lernt.

Ich habe viele Rezensionen gelesen, die an genau dieser Stelle der Autorin vorwerfen, sie selbst würde mit diesem Buch die Tierquälerei, Frauenfeindlichkeit und ganz besonders den Missbrauch Minderjähriger rechtfertigen, ja sogar unterstützen. Doch wer dies behauptet, hat sich wohl selbst vom Erzähler hypnotisieren lassen und vergessen, wer dort eigentlich zu uns spricht. „Das Volk der Bäume“ ist vordergründig die versuchte Rehabilitation eines Wissenschaftlers, ein Schriftstück „in eigener Sache“ sozusagen, um die in Verruf geratene Reputation wiederherzustellen. Aus diesem Grund vermag ich diesen Vorwurf nicht zu teilen, auch wenn ich gestehen muss, dass auch ich stellenweise vergaß, dass ich gerade dem Täter zuhörte. Die Autorin selbst kommt nicht zu Wort und wertet das Geschehen nicht, sodass es dem Leser selbst überlassen bleibt, sich seine Meinung zu bilden.

Darüber hinaus habe ich des Öfteren gelesen, dass die Wendung am Ende des Buches für einige Leser überraschend kam. Was diese Wendung beinhaltet, werde ich aus offensichtlichen Gründen nicht verraten, aber nur so viel: ich hätte es der Autorin übel genommen, wenn sie uns die Antwort auf diese Frage schuldig geblieben wäre, selbst wenn ich insgeheim längst wusste, wie sie lauten würde.

Insgesamt bleiben dennoch viele kleine Fragen offen, sodass ich jedem empfehlen würde, sich nach dem Lesen oder Hören mit jemandem über dieses Buch auszutauschen. Die Autorin lässt gerade so viel Freiraum für Spekulationen, um dem Leser seine eigenen kleinen Theorien zu ermöglichen, ohne dabei Norton zu heroisieren. Genau diese Feinfühligkeit, dieser Anspruch ist es, den ich Tag für Tag in zahlreichen anderen Büchern zu finden hoffe und dabei meist enttäuscht werde. Es ist eine Kunst, gerade so viel zu sagen, um alles Wesentliche begreifbar zu machen, und gerade so viel zu verschweigen, um mich zum Nachdenken anzuregen. Auch wenn das Buch gerade im zweiten Drittel einige kaum merkliche Längen offenbart, dienten diese rückblickend dazu, um auch den Nebenfiguren genügend Raum zur Entfaltung zu bieten und dem Leser Gelegenheit zum Aufstellen weiterer Theorien zu geben. Und um vorsichtig eine meiner ganz persönlichen Theorien zu äußern, spielt die gezielte Unterdrückung homosexueller Neigungen eine nicht zu unterschätzende Rolle in den Interaktionen der Figuren. Aber das ist, wie gesagt, nur meine ganz persönliche Auffassung.

Letztlich bleibt es dem Leser selbst überlassen, welche Antwort er auf die zentrale Frage des Romans findet. Ist ein großartiger Wissenschaftler, der Abscheuliches getan hat oder getan haben soll, tatsächlich großartig?

Die Sprecher:
Zunächst war ich etwas überrascht, dass sich der Hörbuch Hamburg Verlag bei einer derart bekannten Autorin nicht für die „üblichen Verdächtigen“ der Hörbuchbranche, zum Beispiel für einen Herrn Nathan oder einen Herrn Jäger, entschieden hat. Stattdessen übernehmen die Schauspieler Gunter Schoß als Dr. Norton Perina und Matthias Bundschuh als Dr. Ronald Kubodera die Hauptrollen, die mir bis dahin nahezu unbekannt waren. Aber bereits nach der ersten halben Stunde lernte ich diese Entscheidung zu schätzen, da man sich für zwei stimmlich stark kontrastierende, aber gleichermaßen fähige Sprecher entschieden hat, die ihre Rollen mit einer Feinfühligkeit vertonen, die der des Erzählstils allemal gerecht wird. Ihr einmaliges Gespür für Zwischentöne und Implikationen machen das Hörbuch zu einem anspruchsvollen, aber ungemein fesselnden Hörerlebnis.

Fazit:
„Das Volk der Bäume“ ist genau das, was man von Hanya Yanagihara erwartet: eine schonungslose Charakterstudie über menschliche Abgründe, so grausam und abstoßend, dass man vermutlich weghören würde, wäre da nicht der unvergleichlich betörende, hypnotische Schreibstil, der auch über kleine Längen hinwegtäuscht und einen eigenen Sog entwickelt, dem man sich nicht entziehen kann. Ebenso brillant ist die Vertonung geraten, die mit zwei Sprechern aufwartet, die mit der nötigen Seriösität, aber auch Feinfühligkeit den Charakteren ihre Stimme leihen. Ein Hörbuch, das mich schockiert zurückgelassen, aber ungemein anspruchsvoll unterhalten hat. Mein bisheriges Jahreshighlight!