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Veröffentlicht am 14.08.2020

Bewegender und fesselnder Roman

Der Leutnant und das Mädchen
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„...Colin presste die Lippen zusammen, als er an die nächsten Stunden dachte. Jetzt würde er den ganzen Tag damit zubringen, verschlüsselte Nachrichten von der Front zu decodieren...“

Leutnant Colin Mabry ...

„...Colin presste die Lippen zusammen, als er an die nächsten Stunden dachte. Jetzt würde er den ganzen Tag damit zubringen, verschlüsselte Nachrichten von der Front zu decodieren...“

Leutnant Colin Mabry ist während des Krieges in Frankreich verschüttet und schwer verletzt worden. Dabei hat er eine Hand verloren. Er hat es Lord Walenford, seinem zukünftigen Schwager, zu verdanken, dass er überlebt hat und in Hastings eine neue Aufgabe bei der Armee gefunden hat. Doch sein Kampf mit sich selbst ist noch nicht zu Ende.

„...Er sah auf die leblose behandschuhte Hand hinunter. Ungeachtet all seiner Gebete hatte ein Jahr des Kampfs ihn gelehrt, dass der Friede lediglich ein naives Ideal war, eine unhaltbare optimistische Vorstellung, die den Leidenden Trost bot...“

Dann aber codiert er einen Text, der ganz persönlich an ihn gerichtet war. Es wird ein Treffen in Paris angeboten. Unterschrieben ist mit J. R. Sollte Jewel Reyer noch leben? Sie hat ihn in einer schweren Zeit unter die Arme gegriffen. Dafür hat er ihr versprochen, für sie dazu sein. Dann aber hat der Krieg sie getrennt.
In Absprache mit seinen Vorgesetzten fliegt Colin nach Paris. Wir schreiben das Jahr 1918. Die Stadt liegt unter dem Beschuss der deutschen Armee.
Die Autorin hat einen fesselnden und gut recherchierten historischen Roman geschrieben. Das Buch hat mich schnell in seinen Bann gezogen.
Colin trifft nicht Jewel, sondern deren Halbschwester Johanna. Die sucht ihre Schwester und ihren Vater. Colin soll ihr helfen. Zu dem Zeitpunkt ahnen beide noch nicht, dass sie in ein Wespennest stechen und mit mehreren Geheimdiensten zu tun bekommen werden.
Sehr gekonnt integriert die Autorin eine besondere Art der Nachrichtenübermittlung in das Geschehen. Ich erfahre, wie, wo und warum im Ersten Weltkrieg Brieftauben eingesetzt wurden. Johanna erklärt das so:

„...Die Vögel werden in mobilen Taubenschlägen aufgezogen und kehren zu ihrem Lastwagen zurück, auch wenn er eine weite Strecke zurücklegt. Unsere Vögel […] fliegen häufig sogar hinter die Front...“

Die gemeinsamen Erlebnisse schweißen Johanna und Colin zusammen. Johanna hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Die hat sie geprägt. Ihr Vater und ihre Schwester sind die einzige Familie, die sie noch hat. Colin will sein Versprechen gegenüber Jewel einlösen. Er fühlt sich schuldig, dass er sie einst zurückgelassen hat. Gekonnt werden ihm jedoch Steine in den Weg gelegt. Keiner scheint der zu sein, für den er sich ausgibt. Einem britischen Offizier sagt Colin auf den Kopf zu:

„...Sie haben zugesehen, wie man mit uns gespielt hat. Johanna und ich waren die ganze Zeit nur Schachfiguren in einem ausgeklügelten Plan...“

Es ist wie meist: Wenn es um Krieg oder Frieden geht, ist ein Menschenleben durchaus verzichtbar. Ihr Weg führt sie von Paris über Toulouse nach Spanien. Colin wächst an der Aufgabe. Er überwindet seine Angst vor der Dunkelheit, die auf eine Verschüttung zurück geht, und erkennt, was er trotz Behinderung zu leisten vermag. Gleichzeitig geht es um Vergebung und Neuanfang.
Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen. Es verfügt über einen hohen Spannungsbogen, gut charakterisierte Protagonisten und gibt die Tiefe der Empfindungen wieder.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.08.2020

Schönes Jugendbuch

Der freie Vogel fliegt, Band 5
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„...Jeder macht in seinem Leben Phasen durch, wo er nicht das tun kann, was er gern tun möchte. Da muss man auch an den unangenehmen dingen etwas Interessantes finden, was einem Freude macht...“

Damit ...

„...Jeder macht in seinem Leben Phasen durch, wo er nicht das tun kann, was er gern tun möchte. Da muss man auch an den unangenehmen dingen etwas Interessantes finden, was einem Freude macht...“

Damit hat Xiaoyue recht. Man könnte auch kurz sagen: Da muss man durch. Und für die jungen Leute ist das als erstes die Hochschulaufnahmeprüfung im Fach Kunst.
Zu Beginn dieses Bandes gibt es eine kurze Zusammenfassung der ersten vier Teile.
Dann bekommt Xiaolu mit, dass der Buchhändler Xu die Stadt verlässt. Sie hilft ihm beim Packen und erfährt die Geschichte seiner unglücklichen Liebe.
Während sich Xiaolu und Xiaoyue jeder auf ihre Art und doch gemeinsam auf die Prüfung vorbereiten, wechselt die Geschichte zu Su Yan. Es geht und Verlust und Trauer, um Abschied und Neubeginn.
Mit der letzten Unterrichtsstunde von Xiaolu und ihrer Freundin endet dieser Band. Sehr berührend und aufbauend fand ich die Abschiedsworte der Lehrerin.
Wie schon zum letzten Band geschrieben, besticht auch dieser Teil durch die fein ausgearbeiteten Zeichnungen. Erstaunlich vielfältig ist die Miene der Lehrerin während ihrer letzten Worte. Trotzdem ist jeden ihrer Gesichtsausdrücke zu entnehmen, wie nah ihr der Abschied geht.
Auch der temperamentmäßige Unterschied zwischen Xiaolu und Xiaoque spiegelt sich in ihren Gesichtern wider. Gleiches gilt für die Trauer und die neue Hoffnung von Su Yan.
Der Affe auf dem Titelbild findet sich im Bild vor einigen Kapiteln wieder. Er steht meiner Meinung nach für eine gewisse jugendliche Leichtigkeit.
Wie gehabt gibt es wieder einen deutschen und einen chinesischen Teil.
Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.08.2020

Tobis Krankheit und die Familie

Hanna und die Zauberer
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„...Freunde kannst du dir aussuchen, die Familie hast du am Hals. Ob du willst oder nicht...“

Hannas Stoßseufzer erfolgt nicht ohne Grund. Sie war 17 Jahre alt, als sich ihr Vater als homosexuell outete ...

„...Freunde kannst du dir aussuchen, die Familie hast du am Hals. Ob du willst oder nicht...“

Hannas Stoßseufzer erfolgt nicht ohne Grund. Sie war 17 Jahre alt, als sich ihr Vater als homosexuell outete und die Familie verließ. Damals setzte sich Hanna mit ihren Freund Amand nach Südamerika ab. Seit sechs Jahren ist sie zurück. Da ihr ein Schulabschluss fehlt, arbeitet sie bei Hilde in der Kneipe.
Vor ihr liegt Tobis 18. Geburtstag. Ihr kleiner Bruder bekam nach einer Fahrt mit Freunden plötzlich eine heftige Diagnose. Er mag Routine und Rituale, rastet aber sofort aus, sobald ein falschen Wort fällt.
Die Mutter, die sich als Malerin verwirklicht, ist mit ihm zunehmend überfordert. Die älteren Zwillingsbrüder gehen ihre eigenen Wege und Mike, jünger als Hanna, ist als Musiker kaum in Wien.
Die Autorin hat einen Familienroman geschrieben, der tief berührt, weil er zeigt, dass es eben nicht nur Schwarz und Weiß im Leben gibt. Die Geschichte wird aus Hannas Sicht erzählt.
Trotz seiner Krankheit ist Tobi hochintelligent. Hanna ist bereit, den Bruder bei sich aufzunehmen. Sie möchte ihn ein Heim geben und hofft, dass ihre Liebe ihn heilt. Unterstützung von der Familie? Schwierig!
Die medizinische Behandlung ist anfangs nicht optimal. Die Nebenwirkungen der Tabletten sind heftig, was dazu führt, dass Tobi sie verweigert.
Das führt allerdings nach einem Ausraster zur Einweisung in die Psychiatrie. Die Verhältnisse dort sind irgendwann in der Vorzeit stehen geblieben. Ruhigstellen ist das Mittel der Wahl.
Auch Tobis Verhältnis zur Mutter ist sehr durchwachsen. Einerseits besteht Tobi darauf, sie regelmäßig zu sehen, andererseits eskaliert die Situation meist in ihrer Gegenwart. Hanna lädt zu einem Familientreffen, um ihren Standpunkt darzulegen

„...Die wollen bestimmt nicht hören, was ich alles auf der Psych gesehen habe, ganz gewiss wollen sie das nicht. Wollen nicht haben, dass ein Rädchen in der Familie ihr selbst zusammengestückeltes Bild von Glück und Harmonie zerstört….“

Drei der Protagonisten haben mich in ihrem Auftreten und in ihrer Entwicklung echt überrascht. Das ist zum einen Orlando, der Freund des Vaters. Er möchte nicht abseits stehen, er sehnt sich nach Familie und gibt sich viel Mühe, wenn er mit Tobi zusammen ist.
Zum anderen ist es Bruno, Hannas betagter Nachbar. Er bringt Tobi allein mit Worten dazu, Dinge zu tun, die der nicht möchte, die aber notwendig sind.
Und als dritte möchte ich Hannas Chefin erwähnen, nach außen hart und ruppig, aber innerlich weich wie Butter. Sie vertritt fast Mutterstelle an Hanna.
Es geht durch einige Tiefen, bis Hanna begreift, dass sie nicht das Leben ihres Bruders leben kann, dass er sein Leben in die eigene Hand nehmen und Hilfe akzeptieren muss. Hanna formuliert das so:

„...Was sich nicht aufhalten lässt, muss man loslassen. Jetzt habe ich es geschnallt, fühlt sich gut an...“

Hanna wird immer für Tobi da sein, kann aber nun auch ihr eigenes Leben führen.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Es zeigt auf zugespitzte Art, wie schwierig es ist, mit mancher Diagnose in der Familie umzugehen. Wegducken ist genauso wenig eine Lösung wie zu viel Fürsorge.

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Veröffentlicht am 11.08.2020

mimi und flo im Italienurlaub

Ziemlich beste Schwestern - Volle Kanne Urlaub
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„...Der Osterhase kommt dieses Jahr aber ja nach Italien. Der weiß doch gar nicht, dass Knolle und Bolle hier im Garten auf ihn warten...“

Die Schwestern Mimi und Flo werden mit ihren Eltern in den Osterurlaub ...

„...Der Osterhase kommt dieses Jahr aber ja nach Italien. Der weiß doch gar nicht, dass Knolle und Bolle hier im Garten auf ihn warten...“

Die Schwestern Mimi und Flo werden mit ihren Eltern in den Osterurlaub nach Italien fallen. Alssie das letzte Mal nach ihren Kaninchen sehen, wird dort gerade ein Nest gebaut. Das kann nur für den Osterhasen sein. Für Mimi und Flo gibt es nur eine Lösung: die Kaninchen müssen mit nach Italien. Und wenn die Schwestern etwas wollen, dann fällt ihnen auch eine Lösung ein.
Die Autorin hat ein humorvolles Kinderbuch geschrieben. Die Geschichte ist kindgerecht und gut zu lesen.
Abenteuer - oder sollte ich besser sagen, Katastrophe - reiht sich an Abenteuer. Die Eltern brauchen gute Nerven. Dabei sind Mimi und Flo bei allem, was sie tun, der Meinung, das dies so gut und richtig ist. Nur die Erwachsenen sehen das meist anders.
Nicht nur der Urlaub, auch die lange Fahrt dorthin und zurück lässt bei den erwachsenen Lesern sicher manche Erinnerung an die eigenen Kinder aufkommen.
Viele farbige Zeichnungen veranschaulichen die Handlung. Sie sind humorvoll und mit liebevollen Kleinigkeiten gemalt.
Das Buch hat mir sehr gut gefallen.

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Veröffentlicht am 11.08.2020

Sehr schön gestaltet

Der freie Vogel fliegt, Band 4
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„...Langsam dämmerte ihr, warum Su Yan das Leid geradezu suchte: Sie wartete – wartete, dass dieser Schmerz, der ihr Herz durchbohrt hatte, allmählich vergehen und sie eines Tages reif genug werden würde, ...

„...Langsam dämmerte ihr, warum Su Yan das Leid geradezu suchte: Sie wartete – wartete, dass dieser Schmerz, der ihr Herz durchbohrt hatte, allmählich vergehen und sie eines Tages reif genug werden würde, nicht mehr mit dem Streich zu hadern, den ihr das Schicksal gespielt hatte...“

Gerade hat Su Yan Xiaolu von ihrer Vergangenheit erzählt, als ihr die oben zitierten Gedanken kommen.
Auch im dritten Band lassen mich die Autorinnen am Leben junger Leute in China teilnehmen. Mittlerweile besucht Xiaolu die 12. Klasse. Die Abschlussprüfungen rücken immer näher.
Während es in mehreren der acht Abschnitte um die erste Liebe geht, mal erfüllt, mal unerfüllt, durchzieht das Schulthema fast sämtliche Kapitel. Deutlich wird der enorme Druck, der auf den Schülern lastet.
Außerdem heißt es für Xiaolu Abschied zu nehmen. Zwei ihrer Freundinnen verlassen den Ort und gehe neue Wege. Dafür bekommt Guo Xiaoyue eine größere Rolle. Sie freundet sich mit Xiaolu an. Gleichzeitig erfahre ich, was bei ihr dazu geführt hat, dass sie die Schule gewechselt hat.
Die kurzen Texte allerdings sind nur eine Seite des in Art eines Comics gestalteten Buches. Die weit bedeutendere sind die Zeichnungen. Die gemalten Personen haben einen hohen Wiedererkennungswert. Gleichzeitig gelingt es der Künstlerin, durch die Variation der Gesichtszüge die Menge der Emotionen darzustellen. Guo mit ihren großen Augen und der Brille ist dafür eine dankbare Protagonistin. Schon die Öffnung der Augen deutet an, was sie fühlt und wie es ihr gerade geht. Doch auch Kopfhaltung, Mundbewegung und Körpersprache geben eine Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten. Die ersten drei Seiten vor dem Einstieg in eine neues Kapitel wecken durch ihre besondere Gestaltung das Interesse an dem, was da wohl kommen wird.
Chinesische Beschriftungen in den Bildern werden sofort auf der Seite übersetzt.
Im Nachwort erklären Jidi und Agend, warum sie sich in diesen Band für Veränderungen der Personenkonstellation gegenüber den Bänden 1 – 3 entschieden haben.
Das Buch erscheint zweisprachig. Die erste Hälfte wird in Deutsch erzählt, dann kommt das gleiche nochmals in Chinesisch.
Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen.

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