Ans Meer, da ist der Weg so weit
MirabellentageWas passiert, wenn ein Pfarrer plötzlich stirbt? Und was braucht eine Gemeinde, um angemessen zu trauern? Natürlich ein Grab! Das weiß auch Anna, seit dreißig Jahren Haushälterin von Pfarrer Josef in der ...
Was passiert, wenn ein Pfarrer plötzlich stirbt? Und was braucht eine Gemeinde, um angemessen zu trauern? Natürlich ein Grab! Das weiß auch Anna, seit dreißig Jahren Haushälterin von Pfarrer Josef in der fiktiven Gemeinde Blumfeld. Aber sie weiß auch: Josef wollte nicht begraben werden; also steht eine Kakaodose mit ungewöhnlichem Inhalt auf ihrem Küchenbüffet. Anna muss ans Meer, Pfarrer Josef wollte es so.
Mit “Mirabellentage” hat die SPIEGEL Bestseller-Autorin Martina Bogdahn ein Buch voll Herzenswärme geschrieben. Anna steht vor einem neuen Lebensabschnitt, sie trauert noch um ihren Jugendfreund Josef, doch der neue Pfarrer, Fridtjof, kommt schneller als gedacht. Leider versteht ihn keiner- Fridtjof spricht nur Platt. Aber früher wurde ja auf Latein gepredigt. Und wenn man das auch nicht kann, muss eben Annas italienisches Kochbuch herhalten- Rezepte inklusive.
Martina Bogdahn hat mit Anna eine Frauenfigur geschaffen, die in sich selbst zu ruhen scheint, zufrieden mit ihrem bisherigen Leben ist sie die gute Seele der Gemeinde Blumfeld. Aber wird man Anna jetzt noch brauchen? Lebensklug und freundlich tritt Anna dem neuen Pfarrer entgegen, der ohne sie in Bayern verloren wäre. Manches Gerücht kommt ihr ganz gelegen, denn kommt er nicht direkt aus Rom- vom heiligen Vater, wie die Gemeinde vermutet? Und da ist das Geheimnis in der Blechdose, die Anna dringend ans Meer bringen soll. Doch wie dort hinkommen? Außerdem hat Anna gerade so viel zu tun, sie muss die Mirabellen einkochen, im Garten steht ein Mirabellenbaum voll mit Früchten. Es ist Tradition, dass jeder, der im Pfarrhaus vorbeikommt, ein kleines Glas Marmelade bekommt.
Anna erkennt, dass es Zeit ist, für sich neue Perspektiven zu suchen. Mit ihrem Jugendschwarm, dem pensionierten Fahrlehrer Tanner, übt sie Auto fahren. Vielleicht sollte sie die Gemeinde ein paar Tage sich selbst überlassen, vielleicht ans Meer fahren, vielleicht mit der Blechdose im Gepäck?
“Mirabellentage” ist ein großartig geschriebener Roman, der sofort ein heimeliges Gefühl hervorruft und mit viel Witz und skurrilen Szenen die Vielfalt des Lebens beschreibt. Die Charaktere sind sympathisch und liebenswert, jeder auf seine Weise. Anna, die für alle Probleme eine Lösung weiß, ist liebevoll und zugewandt, ihr Leben als Pfarrersköchin war für sie genug. Doch kann sie jetzt einen neuen Lebensweg gehen? Pfarrer Josef, obwohl bereits verblichen, wird als eher ängstlich beschrieben, mit einer schweren Jugend und manchmal mit seiner Berufung als Priester hadernd. Doch hinterlässt er Anna nicht nur eine Blechdose, sondern auch einen Mercedes. Hier kommt Fahrlehrer Tanner ins Spiel, der von Anna beeindruckt ist, von ihren Fahrkünsten anfangs weniger. Fridtjof, der neue Pfarrer, wirkt hilflos und verloren, hat aber durchaus Qualitäten, mit denen Anna nicht gerechnet hat. So entsteht ein buntes Bild einer bayrischen Gemeinde und ein vergnüglich zu lesendes Buch.
Mein Fazit:
“Mirabellentage” ist ein gelungener Roman, der mit leichter Hand geschrieben ist und viel Witz und abstrus- komische Situationen bietet. Beschwingt folgt man den Protagonisten in eine heil erscheinende Welt, die doch manche persönlichen Tragödien birgt. Einfühlsam und empathisch stellt die Autorin die Frage, ob es mit Mitte Fünfzig noch möglich ist, dem Leben eine neue Wendung zu geben. Genau wie Anna gehen die Lesenden beschwingt dieser Frage nach. Schon das schön gestaltete Hardcover macht Appetit auf Mirabellen, zu denen man nur zurück kehren kann, wenn man den Mut hatte, sich auf den Weg in die Fremde zu machen. So ist “Mirabellentage” ein einfach schöner, menschlich berührender Roman mit viel Sinn für Humor im Alltäglichen.