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Veröffentlicht am 22.05.2026

Hilfe, Bonusgeschwister!

Meine schrecklich chaotische (Alb-)Traumfamilie
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Mit “Meine schrecklich chaotische (Alb-) Traum- Familie” hat die SPIEGEL- Bestseller- Autorin Heike Abidi ein fröhliches Buch über das verwirrende Leben in einer Patchworkfamilie geschrieben. Wie schon ...

Mit “Meine schrecklich chaotische (Alb-) Traum- Familie” hat die SPIEGEL- Bestseller- Autorin Heike Abidi ein fröhliches Buch über das verwirrende Leben in einer Patchworkfamilie geschrieben. Wie schon das bunte Hardcover des Buches beweist, kann diese mit Bonuseltern und Bonusgeschwistern ergänzte Familie nicht nur schwierig, sondern auch vielfältig und lustig sein. Bezeichnenderweise trägt der erste Band dieser neuen Reihe den Titel: “Der Schlamassel beginnt”.

Nelly ist zwölf Jahre alt, ihre Eltern haben sich getrennt. Heute ist der gefürchtete Tag, Nelly wird umziehen, eine Woche zu ihrer Mutter mit neuem Partner Florian, eine Woche zu ihrem Vater mit neuer Partnerin Romy. Doch das wäre noch nicht das Schlimmste, als Draufgabe gibt es viele Bonusgeschwister. Da muss sich Nelly bei ihrer besten Freundin Antonia ausheulen. Dumm nur, dass Antonia jetzt in Neuseeland lebt, am anderen Ende der Welt. Aber es gibt ja Videochats, so kann Nelly ihr Herz ausschütten: Da ist Annabell, vierzehn Jahre alt und gemein, Nevio, genau so alt und besserwisserisch, neunjährige Zwillinge und Gianna, die Nelly anhimmelt. Aber eigentlich hat niemand Nelly gefragt, ob sie das alles möchte. Also Schlamassel vorprogrammiert! Doch da gibt es plötzlich einen ganz süßen Jungen, Lounis. Vielleicht sollte Nelly ihre Pläne, nach Neuseeland auszuwandern, doch noch einmal überdenken!

Heike Abidi beschreibt humorvoll, aber durchaus realitätsnah, welche Gefühle dieses Familienchaos in Nelly auslöst. Einerseits möchte sie ihrer Mutter, die ständig versucht, ein harmonisches Familienleben zu schaffen, keine Sorgen machen. Andererseits aber erzählt Nelly niemandem, wie schwierig die Situation wirklich für sie ist. Als Einzelkind plötzlich so viele neue Geschwister zu haben ist einfach herausfordernd. Die Eltern haben wenig Zeit, an ihre neuen Zimmer muss sich Nelly erst gewöhnen. Und da ist auch noch die verflixte Pubertät. Glücklicherweise gibt es Großeltern, bei denen man Trost finden kann. Und Opa Kurt macht sogar mit Nelly angesagte Retro- Musik.

Die Autorin hat tolle Charaktere geschaffen und das Gefühlsleben der Kinder nach der Trennung der Eltern gut beschrieben. Einerseits wünscht sich Nelly, dass ihre Eltern wieder zusammenkommen, andererseits ist klar, dass das nicht funktionieren wird. Die Bonusgeschwister begegnen Nelly anfangs mit Abneigung oder übergroßer Begeisterung. Erst spät gelingt es Nelly, sich mit ihrer Mutter über ihre Gefühle auszutauschen und der neuen Familiensituation auch etwas Positives abzugewinnen. Denn eigentlich sind ihre Bonusgeschwister gar nicht so übel. Und Lounis ist einfach wunderbar. So ist Nelly inmitten des familiären Chaos einfach schockverliebt. Hier beschreibt Heike Abidi mit großem Einfühlungsvermögen die Unsicherheit dieser ersten jungen Liebe und das langsame Herantasten an die schwierige Welt der Erwachsenen, die mit der Liebe auch nicht immer klar kommen. Besonders schön fand ich, dass es auch eine kleine Liebesgeschichte für die ältere Generation gibt, oft ein Tabuthema, das in diesem Jugendbuch jedoch wie selbstverständlich mitbehandelt wird.

“Meine schrecklich chaotische (Alb-) Traum- Familie” ist ein gelungenes und warmherziges Jugendbuch, in dem die manchmal schwierige Situation in einer neuen Patchworkfamilie zwar locker- leicht, jedoch trotzdem mit großer Sensibilität beschrieben wird. Das Buch wird ab zehn Jahren empfohlen, aber auch Eltern und Großeltern werden manches ihrer Lebensrealität wiederfinden. Am Beginn des Buches gibt es ein Personenverzeichnis, in dem man auch die familiären Verflechtungen nachlesen kann. Also gelingt es gut, in diesen anfangs schwer durchschaubaren Familienkosmos einzutauchen, ein Abenteuer, das wirklich lesenswert ist. Daher gibt es von mir gerne eine Leseempfehlung und fünf Sterne für dieses witzige und kluge Buch.

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Veröffentlicht am 19.05.2026

"Trau dich, zu leben" sagt der Tod

Du hast noch einen Sommer, sagt der Tod
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Er ist immer da, auch wenn wir ihn ignorieren. Aber normalerweise spricht er nicht. Ganz anders ist das in dem romantischen Liebesroman der bekannten Autorin Marie-Kristin Hofmann, denn dort redet der ...

Er ist immer da, auch wenn wir ihn ignorieren. Aber normalerweise spricht er nicht. Ganz anders ist das in dem romantischen Liebesroman der bekannten Autorin Marie-Kristin Hofmann, denn dort redet der Tod mit Alba in Gestalt einer Steckdose. Einer Steckdose, ernsthaft? Ja, ernsthaft, meint der Tod.

Alba ist Soziophobikerin, wenn sie Menschen sieht, läuft sie davon. Natürlich hat sie daher keine Beziehung und nur eine gute Freundin, Rei. Der kann sie doch nicht erzählen, welches Ultimatum ihr der Tod gestellt hat. Fünf Aufgaben muss Alba lösen, sonst wird sie am Ende des Sommers sterben. Die erste davon ist, ein Date zu haben. Da ist Rei sofort begeistert und meldet Alba auf Tinder an. Tatsächlich möchte Marlon, ein Yogalehrer, ein Treffen mit Alba, das erst klappt, als er sie in dem Busch gefunden hat, in dem sich Alba versteckt hat. Doch dann gewinnt Marlon mit seiner ruhigen Art Albas Vertrauen, so dass sie sich mit ihm an Aufgabe zwei wagt. Nun werden die Aufgaben immer schwieriger, Alba muss sich den schlechten Erfahrungen ihrer Kindheit stellen, den berühmten Eltern, die sie jedoch nie ermutigt haben und ihrer Schwester, die sie seit jeher ignoriert. Denn Alba hatte schon als Kind einen Traum: Sie wollte auf der Bühne stehen und Musik machen.

Marie-Kristin Hofmann begleitet auf unterhaltsame, aber dennoch tiefgründige Art Alba bei ihrer Entwicklung. Immer mehr traut sich Alba zu, immer mehr wagt sie sich ins Leben. Zwischen den Aufgaben erscheint wieder der Tod, in wechselnden Gestalten und eher witzig und freundlich als furchterregend. Eigentlich beneidet er die Menschen, die lieben können. Das würde er auch gerne, oder zumindest ein bisschen beim Sex zuschauen. Obwohl Albas Beziehung mit Marlon intensiver wird, empfindet sie das als No Go. Dennoch, nie weiß man, wo der Tod gerade steckt. Alba genießt den Sommer mit Marlon auf seinem Berliner Hausdach, lernt seine Freunde kennen und will eines nicht- sterben. Denn Marlon hat Angst, einen Menschen zu verlieren, wie er schon seine Schwester an den Tod verloren hat. Soll Alba Marlon sagen, dass sie bald sterben könnte?

“Du hast noch einen Sommer, sagt der Tod” ist eine gelungene romantische Komödie, die jedoch auch Ernsthaftigkeit zulässt. Die Autorin zeichnet mit viel Einfühlungsvermögen die Charaktere der Protagonisten und gibt ihnen somit ein glaubhaftes Profil. Schon am gelungenen Cover dieses Romans sieht man das Fensterbrett in Albas Wohnung, von dem aus sie die Menschen auf der Straße beobachtet. Wird sie je vor ihnen singen und damit ihren Traum leben? Kann sie den Tod dazu bringen, ihr mehr Zeit zu geben? Marlon ist als ihr Freund und Liebhaber geduldig, nicht fordernd und akzeptiert Albas Sichtweise. Dennoch ermutigt er sie immer wieder, sich mehr zuzutrauen. Rei ist die beste Freundin ever, die Alba in allem unterstützt und alles unternimmt, um Albas Traum wahr zu machen.

Marie-Kristin Hofmann hat einen fein konstruierten Roman geschrieben, der mit leichter Hand und witzig Albas Weg zurück ins Leben erzählt, aber auch spüren lässt, dass der Hauch der Ewigkeit immer präsent ist. Daher ermutigt die Geschichte, neue Wege zu gehen, das Leben auszukosten und seine Träume nie aufzugeben. Passend zu Albas Traum findet sich am Beginn des Buches eine Playlist. Das Thema dieses Buches und seine Umsetzung haben mir sehr gut gefallen, denn die Autorin hat eine wirklich schöne und stimmige New Adult Romance vorgelegt, einen perfekten Sommerroman mit Witz und Tiefgang, den ich gerne weiterempfehle.

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Veröffentlicht am 19.05.2026

Bei Hochzeit Mord

Wiener Wedding Killer
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Nach ihren zwei Themenkrimis über fröhliches Morden in der Weihnachtszeit und im Sommer haben die drei bekannten Autoren Franziska Waltz, Claus Schönhofer und Norbert Peter nunmehr den dritten Band vorgelegt. ...

Nach ihren zwei Themenkrimis über fröhliches Morden in der Weihnachtszeit und im Sommer haben die drei bekannten Autoren Franziska Waltz, Claus Schönhofer und Norbert Peter nunmehr den dritten Band vorgelegt. Neun Hochzeitskrimis sollen von der Gefährlichkeit des angeblich schönsten Tages im Leben überzeugen, der im schlechtesten Fall auch der letzte Tag für mindestens einen der an dieser Feier Beteiligten sein wird.

In diesen Kurzkrimis fehlt es nicht an unterschiedlichen Motiven, Eifersucht und Geld werden gerne genommen, allerdings kommt es auch zu katastrophalen Missverständnissen, denn wer würde damit rechnen, dass ein Häufchen Mehl den Tod bringt. Gemordet wird an allen schönen Wiener Locations, die Szenerie gibt einen phantastischen Hintergrund für familiären Hass, missverstandene Liebe und ungewöhnlich endende Polterabende.

Die Autoren empfehlen, das Buch gerne zur Hochzeit, Scheidung oder einem ähnlich freudigen Anlass zu verschenken. Das kann ich mir gut vorstellen, zusammen mit einem kleinen Hackebeilchen hübsch verpackt, macht es sicher viel her- Entschuldigung, jetzt ist gerade das goldene Wienerherz mit mir durchgegangen, ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Auf jeden Fall sollten die so Beschenken Humor haben und über zumindest rudimentäre Kenntnisse des Wiener Dialekts verfügen, der manchmal charmant klingt, manchmal aber einfach nur ordinär ist. Natürlich gibt es in Wien auch heute noch die “Bassena-Sprache”. Für Unwissende sei erklärt: Bassena war die einzige Wasserentnahmestelle am Gang eines Stockwerks in einem Substandardmietshaus. Dort trafen sich die Frauen und der gute Ton war ein so seltener Gast wie unser Herr Bundespräsident in einem Strizzicafé (Strizzi= Kleinganove).

Die Wiener Polizei ermittelt durchaus kompetent, allerdings führt sie Leibesvisitationen auch gerne in den eigenen Reihen durch. Dumm nur, wenn so ein Schäferstündchen durch einen Mord gestört wird und man wieder an die Arbeit gehen muss. Dennoch haben die Autoren interessante und manchmal sogar sympathische Charaktere geschaffen- abgesehen von den Mördern natürlich.
Daher bietet “Wiener Wedding Killer” einen heiteren Zugang sowohl zur großen Liebe wie zum abgrundtiefen Hass. Durch die kurzen Geschichten eignet sich das Buch gut, um zwischendurch einmal hineinzulesen. Ob man das entspannend findet, hängt wohl davon ab, ob man gerade Hochzeitspläne schmiedet. Dann sollte man vielleicht das Bild auf dem Cover kritisch betrachten und überlegen, ob man wirklich mit dem Ehegespons die Hochzeitstorte anschneiden möchte. Unterhaltsam aber ist diese Lektüre auf jeden Fall.

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Veröffentlicht am 14.05.2026

Mit Charme und Witz: Im Wein liegt die Wahrheit

Tote trinken keinen Riesling
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Mögen Sie ältere Damen? Und speziell durch das Leben gereifte Hobbyermittlerinnen im Stil von Miss Marple? Dann sollten sie “Tote trinken keinen Riesling” lesen. Wenn sie trockenen Humor schätzen, dann ...

Mögen Sie ältere Damen? Und speziell durch das Leben gereifte Hobbyermittlerinnen im Stil von Miss Marple? Dann sollten sie “Tote trinken keinen Riesling” lesen. Wenn sie trockenen Humor schätzen, dann sind sie hier richtig! Die bekannte Autorin Lilly Hess hat den ersten Band ihrer Krimi- Reihe “Mord im Gepäck” veröffentlicht, der witzig und geistreich, manchmal ein bisschen ironisch, aber immer lebensfroh ist. Und den es sich ohne Zweifel zu lesen lohnt!

Rosi ist ehemalige Kanzlerreferentin von Helmut Kohl und nun Reiseleiterin einer munteren Seniorentruppe, die die Pfälzische Weinstraße erkundet- natürlich immer auf dem Weg zu den besten Schmankerln, den süffigen Pfälzer Weinen und zu den nächsten Toiletten. Zwei ihrer ältesten Freundinnen begleiten Rosi; Monique, die früher Assistentin von Präsident Mitterrand war und Olga, die als Ex-Kommissarin vom Fach ist, denn statt einer Toilette findet die Rentnergruppe eine Leiche. Anna, eine Winzerin, liegt tot im Wald. Als die Polizei nicht in die Gänge kommt, ermitteln die drei Golden Girls auf eigene Faust. Was sie herausfinden, gibt zu denken. War Konkurrenzneid ein Mordmotiv? Oder familiäre Katastrophen? Verschmähte Liebe? Oder doch das Auftauchen einer Person, die zwar zur Familie der Ermordeten gehört, sich aber verschlossen gibt und seltsam verhält?

Mit Genuss führt Lilly Hess die Lesenden immer wieder in die Irre, denn die Motive sind so vielfältig wie die Protagonisten, die die Autorin erschaffen hat. Sie zeichnet feine Verflechtungen und Animositäten zwischen den Winzerfamilien, die für die drei Hobbydetektivinnen ganz oben auf der Verdächtigenliste stehen. Rosi, die Geschichte studiert hat, hält sich an Zahlen und Fakten. Wenn etwas nicht nach Plan läuft, sieht sie die Katastrophe kommen- und die Ereignisse geben ihr Recht. Olga, die ursprünglich aus Georgien stammt und erfolgreich vier Ehemänner überlebt hat, hält sich an Alkohol. Nicht nur sie ist überzeugt, dass die Verhandlungen zur Deutschen Wiedervereinigung nicht durch taktisches Geschick, sondern durch eine gute Flasche Wodka einen positiven Abschluss gefunden haben. Bei diesen Verhandlungen begann die Freundschaft der drei Frauen. Zuletzt Monique, elegant, charmant und diplomatisch, erkennt einen Tangotänzer schon auf den ersten Blick.

Die drei zwar ungleichen, aber durch eine innige Freundschaft verbundenen Frauen machen sich daran, diesen verzwickten Mordfall zu lösen. Natürlich bekommen sie von der Polizei keine Unterstützung, daher müssen sie selbst mit subtilem Befragen der Verdächtigen ein Mosaik aus Indizien zusammentragen. Dass dabei die moderne Technik und gute Beziehungen helfen können, erleichtert das Unterfangen der Hobbydetektivinnen. Langsam, erst als Monique zu Schaden kommt, scheinen sich die Puzzleteile dieses Verbrechens zusammenzufügen. Dabei spart Lilly Hess nicht mit verwirrenden Familienkonstellationen, Eifersucht, Intrigen und einem ganz bösen Spiel aus Geld- und Machtgier.

“Tote trinken keinen Riesling” ist ein einfallsreich und logisch aufgebauter Kriminalroman, der die Lesenden auf beschwingtem Weg zur unerwarteten Lösung des Falles führt, denn die Autorin hat einige geschickte Twists eingebaut. Lilly Hess führt launig durch eine scheinbare Dorfidylle und lässt durch ihre bildhaften Beschreibungen sofort einen heiteren Film im Kopfkino ablaufen. Dieser Cozy Crime Roman überzeugt mit ansteckender Neugier, ist leichthändig geschrieben und liest sich so geschmackvoll wie guter Wein, den man gerne verkostet. Ich habe mich bei diesem sehr gelungenen Buch, das den Spannungsbogen bis zur letzten Seite hält, wirklich amüsiert und kann “Tote trinken keinen Riesling” sehr empfehlen. Vielleicht wollen Sie ihn ja auch mit einem guten Gläschen Wein genießen? Also: Prosit auf eine Bewertung mit fünf Sternen.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Im Spiegel siehst du deine Seele

Mit anderen Augen
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Die aus Australien stammende Autorin Jane Tara hat ihren bemerkenswerten Roman “Mit anderen Augen” über die Bedeutung der reiferen Frau in der Gesellschaft vorgelegt. Schon auf dem gelungenen Hardcover ...

Die aus Australien stammende Autorin Jane Tara hat ihren bemerkenswerten Roman “Mit anderen Augen” über die Bedeutung der reiferen Frau in der Gesellschaft vorgelegt. Schon auf dem gelungenen Hardcover kann man die Intention des Buches erkennen, das Frauen, egal welchen Alters, dazu ermutigen will, vor den Vorhang zu treten.

Tilda ist zweiundfünfzig, betreibt eine eigene Firma, die Motivationssprüche auf diverse Artikel wie beispielsweise Kaffeetassen druckt. Sie hat erwachsene Zwillingstöchter und wunderbare Freundinnen. Aber sie hat keinen Partner, ihr Ehemann hat sie für eine jüngere Frau verlassen. Als Tilda eines Tages bemerkt, dass ihre Körperteile sukzessive verschwinden, erhält sie die Diagnose “Unsichtbarkeit”, nicht heilbar! Doch Tilda nimmt Hilfe in Anspruch, eine berühmte Therapeutin verspricht Genesung. Dazu muss Tilda sich klar werden über ihr Selbstbild und ihre negativen Gedanken, die sie ständig begleiten. In einer Selbsthilfegruppe- denn sehr viele Frauen sind auch von Tildas Krankheitsbild betroffen- fühlt sich Tilda nicht wohl, Meditation und Schweigen scheinen einen Weg zu weisen. Und ihr Jugendtraum, Porträts zu fotografieren, tritt wieder in den Vordergrund.
Auch ein attraktiver Mann, der ihre Makel nicht bemerkt, zeigt Interesse an Tilda. Unsichtbarkeit, ein Schicksal?

Jane Tara bettet die Geschichte von Tilda in eine allgemeine Analyse des Lebens von Frauen, die das gebärfähige Alter hinter sich haben. Sind sie deswegen weniger begehrenswert? Werden sie tatsächlich nicht mehr gesehen, vor allem von den Männern? Stellen sie für die Gesellschaft keine Bereicherung mehr dar, vielleicht sogar eine Last?

All diese Fragen verwebt die Autorin mit Tildas Leidensweg. Vielleicht mag es irritieren, dass die Autorin hier als Protagonistin eine Frau wählt, die in komfortablen Verhältnissen lebt, über viele Sozialkontakte verfügt und ökonomisch keine Probleme hat. Dennoch ist die Annahme richtig, dass dieses Gefühl des Verschwindens, des nicht wahrgenommen Werdens, jede Frau, ganz unabhängig von ihrer Situation, betreffen kann. Oft ist die Unsichtbarkeit eine Folge von Traumata in der Kindheit, die Muster für die Partnerwahl im späteren Leben geprägt haben und die Frauen gelehrt haben, dass sie Konflikten am ehesten aus dem Weg gehen, wenn sie so unbemerkt wie möglich bleiben. Auch negative Gedankenspiralen zerstören den Selbstwert. Für Tilda scheinen die Hinwendung zur Selbstliebe und Meditation ein Heilmittel zu sein. Hier verallgemeinert die Autorin nicht, sondern zeigt Wege auf, die aus einer scheinbar aussichtslosen Situation, wenn man sich selbst aus dem Blick verloren hat, herausführen können.

Natürlich hilft Tilda auch die Liebesgeschichte, die Jane Tara gekonnt in das Geschehen einbaut. In diesem Zusammenhang mögen sich die Lesenden fragen, ob von Bedeutung ist, dass der Mann, Patrick, superreich, attraktiv und empathisch ist. Wird nicht zu sehr die Außensicht betont? Genau hier liegt aber Patricks Defizit, diese Sicht des Äußeren ist ihm verwehrt.

“Mit anderen Augen” greift ernste gesellschaftliche Entwicklungen auf, dennoch besticht das Buch immer wieder mit subtilem Humor. In klarer Sprache führt die Autorin durch ein Frauenleben, das zu kippen droht, dennoch fehlt es dem Buch nicht an Spannung und Zuversicht. Damit bietet der Roman in großen Linien soziologische Befunde über den Bedeutungsverlust von Weiblichkeit, jedoch führt er beschwingt, aber gelassen durch ein schwieriges Thema. So bietet “Mit anderen Augen” vieles, was gute Literatur erfüllen soll: Der Roman ermöglicht Diskussion und kritische Betrachtung, er regt an, dem Geschehen in eigenen Gedanken nachzuspüren. “Mit anderen Augen” ist ein empfehlenswertes Buch, das nicht nur Frauen lesen sollten.

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