Profilbild von Gabiliest

Gabiliest

Lesejury Star
offline

Gabiliest ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Gabiliest über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.08.2025

Ein berührendes Buch über das Anderssein und die Macht der Phantasie

Leo und Ralph
0

Mit “Leo und Ralph” hat der vielfach preisgekrönte australische Autor und Illustrator Peter Carnavas ein wunderbares Buch vorgelegt, das den Lesenden erlaubt, Leo, das besondere Kind, kennen zu lernen. ...

Mit “Leo und Ralph” hat der vielfach preisgekrönte australische Autor und Illustrator Peter Carnavas ein wunderbares Buch vorgelegt, das den Lesenden erlaubt, Leo, das besondere Kind, kennen zu lernen. Ralph, der Außerirdische, wird bereits auf dem Hardcover des Buches, das für Kinder ab acht Jahren empfohlen wird, liebevoll dargestellt.

Leo ist anders als andere Kinder. Er ist zu klein für sein Alter, spricht zögerlich und tut sich schwer mit sozialen Kontakten. Daher hat er auch keine Freunde. Aber Leo stellt viele Fragen, besonders interessiert ihn das Weltall und ob dort Außerirdische leben. Eines Tages prallt etwas gegen das Haus der Familie und Ralph klettert durch das Fenster, ein freundlicher Außerirdischer, dessen Fellfarbe je nach Stimmung wechselt. Obwohl Leo bewusst ist, dass nur er Ralph sehen kann, wird er doch sein bester Freund und Spielkamerad. Als die Familie umziehen muss, soll sich Leo von Ralph verabschieden. Aber Leo weiß: Ralph wird bei ihm bleiben, solange er ihn braucht.

Mit “Leo und Ralph” hat Peter Carnavas eine berührende Geschichte darüber geschrieben, dass es in Ordnung ist, anders zu sein und erst langsam seinen Platz in dieser Welt zu finden. Leo, ein wissensdurstiges, wenn auch unangepasstes Kind, hat eine liebevolle Familie, die ihn immer unterstützt. Mit seinem Phantasiefreund Ralph wird er glücklich, erst als ihn seine Mutter bittet, sich von Ralph zu verabschieden, merkt Leo, wie schwer es fällt, einen so guten Freund loszulassen. Auch wenn sich Leo um einen Neuanfang in der neuen Schule bemüht, ist es schwierig einen realen Freund zu finden. Auch die Lehrerinnen in der neuen Schule versuchen, Leo den Einstieg zu erleichtern und eines Tages findet er einen Fußball hoch in einem Baumwipfel…..

Peter Carnavas hat nicht nur Leo sehr einfühlsam gezeichnet, sondern auch Ralph, den Außerirdischen, der mit Leo Spiele erfindet und ihm das Weltall erklärt. Dabei entwickeln die Beiden sogar eine eigene Sprechweise. Auch wenn Leo ein Neuanfang ohne Ralph schwerfällt, erkennt er doch, welchen Wert Freundschaft auch in der realen Welt haben kann.

Dieses Buch eignet sich besonders gut dafür, dass Eltern mit ihren Kindern den Text lesen, denn vielleicht muss den Kindern die eine oder andere Verhaltensweise von Leo erst nahe gebracht werden. Die Geschichte ist jedoch gut und flüssig erzählt, die große Schrift und die kurzen Kapitel tragen zur Lesefreude bei. Abwechslung bieten die gelungenen schwarz-weiß Illustrationen.

“Leo und Ralph” ist eine psychologisch einfühlsam erzählte Geschichte über den wahren Wert von Freundschaft, die Macht der Phantasie und darüber, wie schwierig es ist, sich auf etwas Neues einzulassen. Stimmungsvoll und ehrlich wird beschrieben, wie Leo langsam Teil einer Gemeinschaft wird. Das Buch betont, dass es in Ordnung ist einzigartig zu sein und dass sich der Wert eines Menschen nicht an seinem Aussehen oder seinen Verhaltensweisen bemisst. Und wer von uns hätte sich nicht schon einmal gewünscht, einen so guten Freund wie Ralph zu haben?
Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung für dieses Buch und eine Bewertung mit fünf Sternen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.08.2025

Ich hasse dich, weil ich dich liebe

Nightblood Prince
0

Warum ich das mache, magst du erfragen…..

Die Antwort auf diese Frage gibt uns Fei, in deren Geburtsstunde die Sternenseherin vorhergesagt hat, dass sie als Kaiserin aller Kaiserinnen alle Reiche einen ...

Warum ich das mache, magst du erfragen…..

Die Antwort auf diese Frage gibt uns Fei, in deren Geburtsstunde die Sternenseherin vorhergesagt hat, dass sie als Kaiserin aller Kaiserinnen alle Reiche einen werde. Auf ihrer Stirn prangt das Mal des Phönix. Der grausame Kaiser von Rong lässt Baby Fei in seinen Palast bringen, wo Fei gemeinsam mit dem Prinzen Siwang aufwächst, um ihn später zu heiraten. Doch obwohl Siwang Fei abgöttisch liebt, möchte sie frei sein, ein Leben führen, in dem nicht die Männer über die Frauen bestimmen. Und entgegen der Prophezeiung der Seherin sieht Fei in ihren Visionen Krieg, Blut und Tod. Aber auch ein zweiter Prinz liebt Fei, Yexue aus dem Königreich Lan. Der Roman erzählt, wie Fei im Palast des Kaisers lebt, heimlich Kampfkünste übt und sogar einen Beiying- Tiger erlegt, eine enorme Mutprobe.

Doch Feis Visionen erfüllen sich. Es gibt Krieg zwischen Rong und Lan. Nunmehr versucht Fei alles, um ihre Visionen nicht wahr werden zu lassen. Abwechselnd findet sie sich im Lager der verfeindeten Prinzen, ihre Loyalität zu Siwang wird mehrfach auf die Probe gestellt. Dennoch kann sie das Blutvergießen und die Gräueltaten nicht verhindern. Besonders Yexue verfügt über magische Kräfte. Wird es Fei dennoch gelingen, einen Friedensvertrag zwischen den beiden Prinzen auszuhandeln?

Mit ihrer Asiatischen Romantasy hat die internationale Bestsellerautorin Molly X. Chang einen Roman vorgelegt, der Fei zwischen zwei Männern zeigt, deren Grausamkeit sie zwar erkennt, die aber für sie alles tun würden. Schon das hochwertig gestaltete Cover mit Golddruck und der exklusive dreiseitige Motivfarbschnitt machen das Buch zu einem echten Hingucker. Ein Highlight ist die dem Buch beigelegte Character-Card.

Der Roman lebt von starken Charakteren: Fei, die lieber ein einfaches Mädchen wäre, zieht tapfer für ihre Familie in den Krieg. Siwang und Yuxue sind überzeugt, dass nur der Krieg über die Vorherrschaft ihres Reiches entscheiden kann, beide Prinzen lieben jedoch Fei bedingungslos. Das Buch schildert Gräueltaten zwar nicht im Detail, aber über lange Strecken wird das Kriegsgeschehen thematisiert. Fei jedoch weist immer wieder darauf hin, wie sehr die einfache Bevölkerung unter dem Krieg leidet. Aber Intrigen und Verrat sind alltäglich.

Der Jugendroman wird ab vierzehn Jahren empfohlen und natürlich darf auch ein bisschen Spice nicht fehlen. Die jungen Lesenden finden in dieser aus drei Teilen bestehenden Erzählung Magie, starke Kampfszenen und unverbrüchliche Liebe. Die Figur der Fei steht für weibliche Gleichberechtigung und die Freiheit, das eigene Leben zu gestalten. Das Buch ist flüssig geschrieben und gut übersetzt, die Szenerie wird sehr bildhaft dargestellt. Durch die actionreiche Schilderung der Ereignisse bleibt die Spannung bis zum Schluss erhalten. Kurze Kapitel wirken oft wie Schlaglichter. “Nightblood Prince” ist ein gelungener Roman für Lesende, die die Themen enemies to lovers und love triangle mögen.

Mein Fazit:
Der Roman bietet viele phantasiereiche Szenen und mit der Figur der Fei eine furchtlose Protagonistin, die zwischen zwei Männern steht, jedoch selbst über ihr Leben bestimmen möchte. Da sie von furchtbaren Prophezeiungen heimgesucht wird, tut sie alles, um den Krieg zwischen den zwei Reichen Rong und Lan zu beenden. Da sich der Roman stark auf die kriegerischen Auseinandersetzungen konzentriert bleiben die Figuren in ihren Rollenmustern verhaftet. Eine Fortsetzung ist geplant, hier findet sich vielleicht die Antwort auf offen gebliebene Fragen. “Nightblood Prince” ist ein gelungenes Jugendbuch, das ich mit vier Sternen bewerte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.08.2025

Schau mal, wer da unterrichtet

Schule des Schreckens, Bd. 1
0


Mit seinem Jugendbuch “Schule des Schreckens: Die Gruftis sind los” hat der bekannte Autor Boris Koch ein witziges und spannendes Buch für Kinder ab zehn Jahren vorgelegt. Schon das gelungene und phantasievolle ...


Mit seinem Jugendbuch “Schule des Schreckens: Die Gruftis sind los” hat der bekannte Autor Boris Koch ein witziges und spannendes Buch für Kinder ab zehn Jahren vorgelegt. Schon das gelungene und phantasievolle Hardcover macht deutlich, wie im Internat Buchenschlag der Lehrermangel bekämpft werden soll. Da zu der Schule auch ein Friedhof gehört, haben ehemalige in einer Gruft bestattete Lehrer einen Schwur abgelegt: Wenn sie gebraucht werden, kommen sie zurück.

Kilian ist fast zwölf Jahre alt, als seine Eltern eine neue Arbeit in Buchenschlag übernehmen, die Mutter als Friedhofsgärtnerin und der Vater als Steinmetz. Zuerst ist Kilian von einem Umzug nicht begeistert, vor allem empört ihn, dass er dazu nicht gefragt wurde. Doch schließlich gefällt ihm die neue Schule, nur etwas haben ihm die Eltern verschwiegen; in der Schule herrscht Lehrermangel und die Schulleiterin, Frau Fuchs, greift schlauerweise auf die Friedhofsbewohner ihrer Schule zurück. Zuerst sind alle Kinder skeptisch, doch bald erkennen sie, dass die meisten Gruftis nett sind. Nur der Lehrstoff ist veraltet- wer spricht heute noch Mittelhochdeutsch oder Altgriechisch? Auch mit der modernen Technik tun sich die untoten Lehrer schwer. Und manche Unterrichtsmethoden sind heute einfach unmöglich! Natürlich werden die Gruftis angefeindet, vor allem von Dominik, der auch Kilian immer wieder anstänkert. Doch Kilian hat schnell Freunde gefunden, Ole und Yunai, Kinder anderer Angestellter. Sie mögen die Gruftis und versuchen alles, um sie zu beschützen und zu verhindern, dass sie wieder auf den Friedhof verbannt werden. Dabei haben die drei Freunde zahlreiche ungewöhnliche Abenteuer zu bestehen. Als zudem noch die Presse Wind von den außerordentlichen Lehrkräften bekommt, wird die Schule von Neugierigen gestürmt. Werden Kilian und seine Freunde wirklich verhindern können, dass die Schule auf ihre ungewöhnlichen Lehrkräfte verzichten muss?

Die Schule des Schreckens ist ein sehr witzig geschriebenes Buch mit schrägen Charakteren. Das eigentlich ernste Thema Tod wird hier so leicht und lustig aufgearbeitet, dass die Kinder das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen wollen. Die Geschichte ist unterhaltend, die Schulatmosphäre wird sehr gut geschildert, zahlreiche Geheimnisse müssen von Kilian und seinen Freunden erkundet werden. Auch Alchemie und der Stein der Weisen sollen bei der Lösung der Probleme helfen, eine Situation, die den Kindern alles abverlangt. Boris Koch erzählt hier eine zwar phantastische, aber sehr lebendige Geschichte, die gelungenen Illustrationen, die den Text auflockern, sind von Michael Hülse. Immer wieder werden andere Schriftarten verwendet, wenn aus dem Text etwas herausgehoben werden soll, das macht das Lesen abwechslungsreich und das Buch auch für Lesemuffel interessant. Oft werden die lesenden Kinder im Text direkt angesprochen und so zu Mitwissern gemacht, denen Kilian gerade ein Geheimnis anvertraut.

Doch nicht nur Kinder werden an diesem Buch ihre Freude haben. Erwachsene, die die Probleme im Bildungswesen mit einem Augenzwinkern betrachten können, finden hier viele Anspielungen, die zum Schmunzeln anregen. Auch die Boulevardpresse wird sehr treffend aufs Korn genommen. Also lohnt es sich durchaus auch für Eltern, Großeltern und andere Interessierte, dieses Buch mit ihren Kindern zu lesen.

Mein Fazit:

“Die Schule des Schreckens- Die Gruftis sind los” ist angenehm gruselig und sehr, sehr lustig. Der Wert von Freundschaft steht im Mittelpunkt, auch dass man mit Neugier und Durchhaltevermögen ungewöhnliche Probleme meistern kann, selbst wenn sie nicht ganz von dieser Welt sind. Um mit Kilian zu sprechen: “In diesem Buch steht die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit”. Die Wahrheit ist auch, dass dieses Buch wirklich gelungen ist und die Geschichte bald in einer Fortsetzung weiter erzählt wird.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.08.2025

Alte Schuld- neue Liebe

Der Sommer am Ende der Welt
0

Mit “Der Sommer am Ende der Welt” hat die Spiegel Bestseller-Autorin Eva Völler einen Unterhaltungsroman, der tief in die Vergangenheit blickt, vorgelegt. Inspiriert wurde die Autorin durch die Erlebnisse ...

Mit “Der Sommer am Ende der Welt” hat die Spiegel Bestseller-Autorin Eva Völler einen Unterhaltungsroman, der tief in die Vergangenheit blickt, vorgelegt. Inspiriert wurde die Autorin durch die Erlebnisse ihrer Geschwister, die als Verschickungskinder traumatische Erfahrungen machen mussten. Daher wird in dieser fiktiven Geschichte auf wahre Begebenheiten Bezug genommen und die Leiden und Demütigungen dieser Kinder thematisiert. Schon das stimmige Cover zeigt ein Kind, das mit gesenktem Kopf das Wasser betrachtet und in sein Schicksal ergeben scheint.

Die Journalistin Hanna ist mit ihrer sechzehn Jahre alten Tochter Katie auf dem Weg nach Borkum. Sie will einen Artikel über das Schicksal der Verschickungskinder schreiben. Nicht nur auf Borkum gab es viele Heime, es waren tausende Kinder betroffen. Dieser Aufenthalt sollte die Gesundheit der Kinder bessern, sie wurden jedoch von den Betreuern zu Nummern gemacht, gequält, geschlagen und verspottet. Hanna erhält bei ihrer Recherche unerwartete Hilfe durch ein geheimnisvolles Tagebuch einer früheren Betreuerin, vor allem die Zeitzeugin Sabine bietet wertvolle Informationen, auf die Hanna mit tiefem Mitgefühl reagiert.

Doch neben diesem düsteren Kapitel hat die Autorin zwei interessante Liebesgeschichten in die Handlung verwoben. Eine betrifft Hanna, die sich in den Arzt Ole verliebt und auch dazu beiträgt, dass Oles Familiengeschichte mit entsetzlichen Geheimnissen ans Licht kommt. Katie verliebt sich in Bengt, den Sohn der Hoteleigentümerin, die alles daran setzt, dass Hanna ihren Artikel nicht veröffentlicht, denn auch das Hotel war in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein übel beleumdetes Kinderheim.

Mit “Der Sommer am Ende der Welt” schlägt Eva Völler eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Aufdeckung vergangener Verbrechen, die Lieblosigkeit, die die Kinder erleiden mussten, Traumata, die auch in den Nachkommen fortwirken sind oft bestürzende Themen, denen sich der Roman widmet. Auch Hanna hat unerwartet mit Krankheit zu kämpfen. Dennoch bleibt sie optimistisch und bemüht sich sehr um ihre Tochter Katie, die in Bengt ihre erste Liebe gefunden hat. Haben die Beziehungen von Hanna und Katie eine Chance? Und wird Hanna wirklich ihren Artikel schreiben oder aus Rücksicht auf Oles Familie davon Abstand nehmen?

In ihren Roman bietet die Autorin ein breites Spektrum an Themen, sodass die Lesenden selbst entscheiden können, auf welchen Handlungsstrang sie ihr Hauptaugenmerk richten wollen. Manchmal scheint der Sprung zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu groß, denn das Schicksal der Verschickungskinder steht gleichrangig mit gegenwärtigen Ereignissen, was einige Lesende vielleicht irritieren könnte. Dem Grauen der Nazi-Zeit und den damals begangenen Verbrechen sowie den erschütternden Kinderschicksalen stehen eine nicht ganz einfache Mutter-Kind Beziehung und eine gefühlvolle Liebesgeschichte gegenüber, deren Ausgang die Autorin erst in ihrem Epilog verrät.

Eva Völler besticht in ihrem Roman durch eine gelungene Zeichnung einprägsamer Charaktere. Der Roman, der sich gut und flüssig liest, lässt immer wieder Mitleid und auch Abscheu vor den Ereignissen der Vergangenheit aufkommen, wobei in der Gegenwart positive Entwicklungen, aber auch Probleme in diesem Buch thematisiert werden. Viele Handlungsstränge bringen Abwechslung. Der Autorin ist hoch anzurechnen, dass sie den damals gepeinigten Kindern eine Stimme gibt. Eva Völler bietet in ihrem Buch eine große Themenvielfalt, für Lesende, die zeitgeschichtlich interessiert sind und auch Liebesgeschichten mögen, kann ich das Buch gerne empfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.08.2025

Auf der Flucht

Deckname: Bird
0

Die vielfach preisgekrönte Autorin Louise Doughty hat mit “Deckname Bird” ihren zehnten Roman vorgelegt, einen Thriller der etwas anderen Art. Die Titelfigur des stimmigen Covers zeigt Heather Berriman, ...

Die vielfach preisgekrönte Autorin Louise Doughty hat mit “Deckname Bird” ihren zehnten Roman vorgelegt, einen Thriller der etwas anderen Art. Die Titelfigur des stimmigen Covers zeigt Heather Berriman, Deckname Bird, die Protagonistin, die ihre Geschichte in der Ich- Form erzählt.

Heather erkennt schon als Kind, dass in ihrer Familie die Lüge dominiert, später versteht sie, dass ihr Vater als Geheimagent arbeitet. Sie selbst schlägt eine militärische Laufbahn ein, um nach einigen Jahren und Zwischenschritten auch im Dienst des britischen Secret Service zu landen. Dort macht sie Karriere, ist zufrieden im Job und sieht ihre Rolle im Schutz der Bürger. Doch alles ändert sich, als Heather, nunmehr eine Frau mittleren Alters, nach Birmingham versetzt wird. In einer Teambesprechung erkennt sie, dass sie nur wenige Sekunden Zeit hat, um zu fliehen. Den Grund für ihre Flucht und von wem Heather verfolgt wird, erfahren die Lesenden erst spät.

“Deckname Bird” ist kein typischer Agententhriller. Es geht weder um Staatsgeheimnisse, Bedrohungen durch ausländische Mächte oder Verfolgungsjagden. Einzig die Flucht von Heather ist relevant. Hier beschreibt die Autorin akribisch, welchen Weg die Protagonistin zurücklegt. Ebenso bringen die detaillierten Schilderungen der Stationen und Szenerien die Lesenden dazu, Heather auf ihrer Flucht, die bis nach Island führt, zu begleiten. Die Lesenden sehen die Gefahr durch Heathers Augen, hören durch ihre Ohren den Gesprächen der Menschen zu und fühlen mit ihr die Angst, verfolgt, bedroht und ermordet zu werden. Wird es für Heather möglich sein, jemals zur Ruhe zu kommen und ein normales Leben zu führen?

In diesem psychologisch ausgefeilten Thriller werden in Rückblenden die persönlichen Beziehungen von Heather, der Computer lieber sind als Menschen, thematisiert. Aus ihrer Militärzeit hat Heather nur eine enge Freundin, Flavia, die sie platonisch innig liebt, mit der sie sich aber überwirft. Denn Heather kann ihr nicht erklären, warum sie nicht immer da sein kann, wenn Flavia sie braucht. Diese Entwicklung ist für Heather schmerzlich, denn sie fühlt auch große Zuneigung zu Flavias Tochter Adelina, hat aber lange keinen Kontakt mit ihr. Erst nach langen Jahren wird sie versuchen, wieder an Adelinas Leben teilzunehmen, auch wenn sie weiß, dass ihr Beruf eine enge Bindung unmöglich macht. Die Beziehungen zu Männern bleiben oberflächlich, dennoch spürt man, dass Heather sich wünschen würde, Geborgenheit und Ruhe zu finden. Letztlich bleibt der Ausgang dieses tiefgründigen Romans offen.

Louise Doughty hat mit “Deckname Bird” eine faszinierendes Buch geschrieben, das den Spannungsbogen bis zum Ende halten kann und ein genaues Persönlichkeitsprofil der Titelfigur zeichnet. Als Lesernde:r erlebt man mit, welchen Erkenntnisschock es für Heather bedeutet, von der Jägerin korrupter Agenten selbst zur Gejagten zu werden. Lange ist nicht klar, wer sie ausgenutzt und betrogen hat. Die Sprache der Autorin ist präzise und realitätsnah, dennoch ist das Buch gut lesbar und die Geschichte sehr eindringlich erzählt. Ich kann daher diesen Thriller gerne empfehlen und bewerte ihn mit verdienten fünf Sternen.

Mein Fazit:

“Deckname Bird” ist ein vielschichtiger Roman, der den Lesenden die Schrecken von Verfolgung und Bedrohung vor Augen führt, ohne dass es einer fulminanten Handlung bedarf. Hier geht es um die Kunst zu überleben, etwas, das selbst der Geheimagentin Bird schwer fällt und sie immer wieder in scheinbar ausweglose Situationen bringt. Durch die intensive Beschreibung der Flucht der Protagonistin wird man direkt in das Geschehen mit einbezogen, die detailreiche Beschreibung
des Fluchtweges und der widrigen Umstände machen ein Mitfühlen möglich. Louise Doughty ist ein Buch gelungen, dessen Geschichte Spannung bietet und fasziniert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere