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Veröffentlicht am 10.07.2024

Langeweile auf dem Teller war gestern

Das Gemüsekisten-Kochbuch
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Als langjährige Bezieherin einer Bio-Gemüsekiste habe ich mich sehr über dieses Kochbuch gefreut. Ich koche täglich und schätze die Abwechslung auf dem Teller, weshalb ich immer auf der Suche nach neuen ...

Als langjährige Bezieherin einer Bio-Gemüsekiste habe ich mich sehr über dieses Kochbuch gefreut. Ich koche täglich und schätze die Abwechslung auf dem Teller, weshalb ich immer auf der Suche nach neuen Rezepten bin, die die saisonalen Angebote von Gemüse, Salat und Obst berücksichtigen. Zusätzlich gibt es im Umland zahlreiche Hofläden, die sich mit ihrem Angebot ergänzen und in denen man ergänzend direkt beim Erzeuger einkaufen kann. Selbst die allseits beliebten Tomaten kann ich direkt beim Erzeuger einkaufen, werden sie doch in unmittelbarer Nähe unseres Wohnorts in hoher Qualität, umweltverträglich und ganzjährig angebaut. Beste Voraussetzungen also, wenn man auch Wert auf die kurzen Wege der Zutaten legt.

Anbau vor Ort und somit kurze Wege, saisonales Kochen und Abwechslung auf dem Teller. Wem diese Punkte wichtig sind, der sollte unbedingt zu Stefanie Hiekmanns Gemüsekisten-Kochbuch greifen.

100 Rezepte mit über 300 Variationen verspricht der Untertitel, und die Autorin löst dieses Versprechen ein. Gegliedert nach den zwölf Monaten stellt sie auf Doppelseiten jeweils fünf Gemüse mit schnickschnackfreien Fotos und den entsprechenden Rezepten vor. Als besonderen Clou gibt es zusätzlich, und das ist insbesondere für die weniger erfahrenen Hobbyköchinnen und –köche interessant, Ersatztipps für die Hauptzutat, falls diese nicht verfügbar sein sollte oder man sie nicht mag. Ergänzend dazu versorgt uns die Autorin auf separaten Seiten mit vertiefenden Zusatzinformation zu den Gemüsesorten und zusätzlichen Rezepten zu Basics, sowie Tipps zur Konservierung, was insbesondere für Gartenbesitzer sehr interessant ist.

Die Rezepte sind über wiegend, wie von einem Gemüse-Kochbuch erwartet, vegetarisch, teilweise aber auch vegan bzw. mit geringem Aufwand dahingehend abzuwandeln, aber auch Fleisch- oder Fischliebhaber kommen auf ihre Kosten. Sämtliche Rezepte sind unkompliziert und mit überschaubarem Zeitaufwand zu realisieren, die Zutaten halten sich in Grenzen und sind in jedem Bioladen bzw. Supermarkt erhältlich.

Mit diesem Kochbuch, das während des gesamten Jahres im Einsatz sein kann, ist Abwechslung angesagt. Langeweile auf dem Teller war gestern, also nichts wie ran an den Herd!

Veröffentlicht am 08.07.2024

Eine Geschichte von Familie, Loyalität, Menschlichkeit und Moral

Feuerjagd
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„Feuerjagd“ schreibt die in „Der Sucher“ begonnene Geschichte von Cal und Trey fort: Ardnakelty in Irlands Westen. Cal Hooper, Ex-Cop aus Chicago, fühlt sich wohl in der ländlichen Umgebung und hat seinen ...

„Feuerjagd“ schreibt die in „Der Sucher“ begonnene Geschichte von Cal und Trey fort: Ardnakelty in Irlands Westen. Cal Hooper, Ex-Cop aus Chicago, fühlt sich wohl in der ländlichen Umgebung und hat seinen inneren Frieden gefunden. Die anfänglichen Vorurteile der Einheimischen scheinen weitgehend ausgeräumt, auch wenn er noch immer wahlweise als „Amerikaner“ oder der „Zugezogene“ bezeichnet wird. Und auch sein Privatleben läuft in ruhigen Bahnen. Die Beziehung mit Lena ist stabil und auch der Kontakt mit Trey, die so etwas wie eine Ersatztochter für ihn ist, hat sich intensiviert. Er hat sie unter seine Fittiche genommen, lehrt sie das Schreinerhandwerk und gibt ihr damit eine Perspektive, damit sie nach ihrem Schulabschluss auf eigenen Beinen stehen kann.

Dass die Idylle trügerisch ist, wird spätestens dann klar, als unverhofft deren Vater Johnny, der typisch smarte Glücksritter und Taugenichts, nach Jahren der Abwesenheit in Begleitung eines Engländers auftaucht und sich wieder in ihr Leben einmischt. Die beiden haben hochfliegende Pläne, hat doch die irische Großmutter des Engländers von einem Goldschatz erzählt, der angeblich im Flussbett darauf wartet, gehoben zu werden und alle reich zu machen. Doch dafür brauchen sie die Hilfe der Einheimischen. Die könnten das Gold gut gebrauchen, denn der außergewöhnlich heiße und trockene Sommer schadet der Landwirtschaft und der Viehzucht, gefährden die Existenz. Aber dennoch, die Reaktion der Dorfgemeinschaft ist nicht eindeutig. Von Zustimmung und Euphorie einerseits und Ablehnung und Misstrauen andererseit ist alles dabei. Nicht zu vergessen, die Wut, die sich Bahn bricht. Und die Rachepläne, die Trey schmiedet…

Wie wir es von anderen Romanen Tana Frenchs kennen, nimmt sich die Autorin Zeit, ihre Geschichte zu entwickeln. Ihre Personen sind komplex, deren Charakter sorgfältig entwickelt. Zeit und Raum, in denen sie sich bewegen, sind gespickt mit scheinbar nebensächlichen Informationen, die allerdings im Lauf der Handlung relevant werden. Landschaft und Dorfleben werden genauestens beschrieben und kreieren damit diese ganz besondere Atmosphäre, die wir zwar mit Irland verbinden, sich aber außerhalb der üblichen Klischees bewegt.

French richtet unseren Blick auf die großen Themen wie Menschlichkeit und Moral, auf persönliche Integrität und zwischenmenschlichen Beziehungen, auf Familie und Freundschaft, aber auch die sich daraus entwickelnde Loyalität, die durchaus widersprüchlicher Natur sein und dafür sorgen kann, dass sich moralische Grenzen verschieben. Sie ist eine Meisterin der Zwischentöne, Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse gibt es bei ihr nur selten. Und damit kommt sie dem Kern der menschlichen Natur ziemlich nah.

Lest dieses Buch. Unbedingt!

Veröffentlicht am 06.07.2024

Weder Gewaltorgien noch Superhelden

Lost Places
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Jørn Lier Horst, Paul Finch und Norbert Horst. Was haben diese drei Autoren gemeinsam? Sie schreiben Kriminalromane, aber sie haben noch eine weitere Gemeinsamkeit. Alle drei haben bei der Kriminalpolizei ...

Jørn Lier Horst, Paul Finch und Norbert Horst. Was haben diese drei Autoren gemeinsam? Sie schreiben Kriminalromane, aber sie haben noch eine weitere Gemeinsamkeit. Alle drei haben bei der Kriminalpolizei gearbeitet, waren also auch mit Tötungsdelikten vertraut. Und diese Erfahrung fließt natürlich auch in ihre Bücher ein, die sich allesamt durch die realistischen Beschreibungen der Polizeiarbeit auszeichnen.

„Bitterer Zorn“, Band 4 der Steiger-Reihe und 2019 erschienen, war der letzte Krimi aus Norbert Horsts Feder, aber nun gibt es mit „Lost Places: Wo die Toten schweigen“ Nachschub, der Auftaktband einer neuen Reihe, die in und um Essen verortet ist und ein neues Dreier-Team einführt: Deniz Müller, KHK bei der Essener Kripo, Camilla Lopez, Staatsanwältin und Alexander Rahn, Journalist („nicht verwandt und nicht verschwägert“), die sich schon seit ihrer Schulzeit kennen. Eine interessante Figurenkonstellation, die mit Blick auf den Klappentext Vermutungen ins Kraut schießen lässt.

Drei Todesfälle, die auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeit aufweisen. Drei Fundorte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Drei Tote, deren Herkunft, Hintergrund und Lebensumstände keine Verbindungen zeigen. Und doch lassen sich während der kleinteiligen Ermittlungsarbeit und dem Auswerten der verschiedenen Hinweise Gemeinsamkeiten, aber auch bei genauerem Hinsehen ein Muster erkennen, was den Schluss zulässt, dass es sich um einen Serientäter handeln könnte.

In diesem Krimi gibt es weder Gewaltorgien noch Superhelden, da der Autor einmal mehr seine Erfahrungen aus seinem früheren Berufsleben einfließen lässt. Er zeigt, wie die verschiedenen Rädchen ineinandergreifen müssen, beschreibt Sammeln und Analyse der Informationen sowie die daraus logisch resultierenden Ergebnisse. Das ist weder trocken noch langweilig, sondern wirkt sich positiv auf die Spannung aus, deren Kurve im Verlauf kontinuierlich ansteigt.

Eine willkommene Abwechslung im Krimi-Einerlei, die die Vorfreude auf den Nachfolger „Sweet Home: Du bist nirgends sicher“ (erscheint im Januar 2025) wachsen lässt.

Veröffentlicht am 04.07.2024

Zu wenig des Guten

Reichlich spät
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Auf der Heimfahrt lässt Cathal die missglückte Beziehung mit Sabine Revue passieren. Er schon älter, geprägt durch die irisch-katholische Erziehung und die männlichen Vorbilder seiner Familie, mit einem ...

Auf der Heimfahrt lässt Cathal die missglückte Beziehung mit Sabine Revue passieren. Er schon älter, geprägt durch die irisch-katholische Erziehung und die männlichen Vorbilder seiner Familie, mit einem Frauenbild im Kopf, das aus den fünfziger Jahren zu stammen scheint. Sie, eine lebensfrohe irisch-französische Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht und auf den ersten Blick eigentlich alles in sich vereint, was er sich von seiner zukünftigen Ehefrau erhofft. Bis auf ihre Verschwendungssucht, und dann ist da ja auch noch der unnütze Krempel, den sie bei ihrem Einzug anschleppt und von ihm erwartet, dass er Platz macht. Und doch, wahrscheinlich hätte er ihr dieses Verhalten nach der Hochzeit schon ausgetrieben. Aber es hat nicht funktioniert, sie hat die Flucht ergriffen. Ist vielleicht auch besser so, denn eigentlich kann er froh sein, dass sie ging.

Die irische Autorin Claire Keegan beweist in ihrer kurzen Erzählung „Reichlich spät“ einmal mehr sehr eindrucksvoll, dass es nicht vieler Worte bedarf, um strukturelle Probleme der irisch-katholischen Gesellschaft aufzuweisen. Im vorliegenden Fall ist das die Geringschätzung, die Abwertung der Frauen, die tief in Cathal eingegraben ist, der nie gelernt hat, tolerant zu sein und einer Partnerin auf Augenhöhe zu begegnen.

Wer seinen Roddy Doyle gelesen hat, ist mit diesem Verhalten und den zugrunde liegenden Strukturen vertraut, weshalb die gerade einmal 50 Seiten, gesetzt in großer Schrift, wenig Neues bieten. Und leider verliert diese Erzählung durch die Kürze für mich ihre Eindringlichkeit, wirkt eher unfertig. Auch wenn das von Keegan so beabsichtigt war, mir fehlen hier Zwischenschritte sowie Sabines Reaktionen und Emotionen auf Cathals Verhalten. Warum hat Sabine die Alarmzeichen nicht früher erkannt und die Notbremse gezogen? Warum diese Passivität? Warum hat sie nicht die Auseinandersetzung gesucht? Warum ist sie nicht für sich eingetreten?

Leise Töne und verbale Verknappungen sind ja recht schön und gut, aber unterm Strich iwar mir das dann doch zu wenig des Guten.

Veröffentlicht am 03.07.2024

Ein Garten offenbart sich...wenn man ihn nur lässt!

Ein Garten offenbart sich
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Ein Haus mit Garten, für viele ein Wunschtraum. So auch für Katrin de Vries, die es mit ihrer Familie zurück nach Ostfriesland zieht. Das traditionelle Backsteinhaus mit dem dazugehörigen großen Grundstück ...

Ein Haus mit Garten, für viele ein Wunschtraum. So auch für Katrin de Vries, die es mit ihrer Familie zurück nach Ostfriesland zieht. Das traditionelle Backsteinhaus mit dem dazugehörigen großen Grundstück stellt sie allerdings anfangs vor eine große Herausforderung, braucht es doch, wenn man den gängigen Vorstellungen der Nachbarschaft gerecht werden will, jede Menge Zeit und körperlichen Einsatz, um die Natur in Schach zu halten. Die Grünflächen müssen wöchentlich gemäht, die Hecken im Frühjahr in Form gebracht, ihr Laub im Herbst entsorgt und die Beete permanent unkraut- und schädlingsfrei gehalten werden.

Aber es geht auch anders. Das ist eine Lektion, die die Autorin allmählich lernt. Dabei ist dieses Buch aber kein Ratgeber, eher eine meditative Betrachtung über Werden und Vergehen. Über die Freude an der Veränderung. Über die Vielfalt, die ohne menschliches Zutun entstehen kann.

Wieviel entspannter ist es doch, der Natur ihren Lauf zu lassen, die im Gegenzug mit üppigem Wachstum entschädigt. Und jeder Gartenbesitzer, der diesen Weg ebenfalls bereits eingeschlagen hat, wird das bestätigen können, vor allem nach den Regenmengen plus den dazwischenliegenden Sonnentagen der vergangenen Monate. So grün, so prall, aber auch so ertragreich war unser Garten schon seit langer Zeit nicht mehr.

Ein Garten offenbart sich...wenn man ihn nur lässt!