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Veröffentlicht am 01.04.2024

Zwei Brüder, zwei Leben, ein Suizid

O Brother
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John und Gary. Zwei Brüder. Zwei Leben, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Geboren in Irvine, einer schottischen Kleinstadt, setzt John, der Ältere, alles daran, diese zu verlassen. Guter Schüler, ...

John und Gary. Zwei Brüder. Zwei Leben, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Geboren in Irvine, einer schottischen Kleinstadt, setzt John, der Ältere, alles daran, diese zu verlassen. Guter Schüler, Studium in Glasgow, Karriere in der Musikindustrie, erfolgreicher Schriftsteller. Alles paletti. Ganz anders Gary, das schwarze Schaf, der den Absprung nicht schafft. Von Anfang an ein schwieriges Kind, unangepasst, eigensinnig, zornig. Er überfordert die Familie, woraufhin insbesondere der Vater immer öfter zuschlägt. Gary kehrt der Familie den Rücken, gleitet ab, strauchelt, rappelt sich wieder auf, gerät auf die schiefe Bahn, macht Schulden, bittet seinen Bruder um Hilfe, was dieser ablehnt, und begeht schließlich mit 42 Jahren Selbstmord.

John möchte verstehen und nutzt dafür die Mittel, die er beherrscht. Er schreibt. Schreibt sich die Trauer von der Seele, erinnert sich in „O Brother“ an Situationen aus der gemeinsamen Vergangenheit. An Situation der Nähe, aber auch an die schwierigen Zeiten. An Liebe und Unverständnis. An Zeiten, in denen sie gemeinsame Wege gegangen sind. An Höhen und Tiefen, bis jeder von ihnen in einen andere Richtung abgebogen ist.

Ein ungeschönter Rückblick, bei dem sich auch Niven nicht schont. In welcher Situation hat er falsch reagiert, was hätte er besser machen können? Wo hat die Familie versagt? Das Elternhaus, in dem seitens des Vaters das Verständnis für den „Missratenen“ fehlt und Prügel an der Tagesordnung sind?

John Nivens Erinnerungen an seinen Bruder Gary setzen diesem ein Denkmal .Zwar gibt es durchaus auch, wie wir es von dem Autor kennen, schwarzhumorige Passagen in „O Brother“, aber dennoch ist dieses Memoir über weite Strecken herzzerreißend, das unvergessliche Porträt einer Geschwisterbeziehung. Große Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 26.03.2024

Das Parfüm des Todes

Tödlicher Duft
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René Anour startet nach seinen vier Totenärztin-Krimis eine neue Reihe, die uns in den Südosten Frankreichs entführt. Handlungsort ist Grasse, das verschlafene, provenzalische Städtchen, das weltweit als ...

René Anour startet nach seinen vier Totenärztin-Krimis eine neue Reihe, die uns in den Südosten Frankreichs entführt. Handlungsort ist Grasse, das verschlafene, provenzalische Städtchen, das weltweit als Hauptstadt der Düfte bekannt ist und in dem zahlreiche bekannte und alteingesessene Parfümfabriken ihren Sitz haben. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Handlung des Reihenauftakts „Tödlicher Duft“ von diesem Hintergrund inspiriert ist.

In einem Bottich mit Kamelienblüten wird die Leiche eines renommierten Parfümeurs entdeckt. Pech für Commissaire Campanard, dessen fachliches Können jetzt mehr denn je gefordert ist, denn eigentlich wollte der die sonntägliche Ruhe genießen. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Doch so wirklich vorwärts gehen seine Ermittlungen nicht, ein anderer Blick ist gefordert, und das geht nur in Teamarbeit. Unterstützung erhält er durch den Kollegen Pierre Olivier, aber wesentlich interessanter sind die Interna, zu denen Linda Delacours Zugang erhält. Die Polizeipsychologin aus Paris wird nämlich undercover in einen Parfümer-Lehrgang eingeschleust, hält dort Augen und Ohren offen und fördert erstaunliche Informationen zu Tage.

Einmal mehr gelingt es René Anour außerordentlich gut, seine Leserinnen und Leser mit ins Innere einer Welt zu nehmen, die üblicherweise für Außenstehende nur schwer zugänglich ist. Keine Frage, die Landschaftsbeschreibungen sind getränkt von Eindrücken, die wir mit der Provence und dem südfranzösischen Lebensgefühl verbinden, was jede/r bestätigen wird, der Grasse und das Umland kennt. Wesentlich interessanter fand ich allerdings die Informationen und Innenansichten, vermittelt über die Beschreibungen von Lindas Lehrgang, die sich rund um das Kreieren außergewöhnlicher Düfte ranken.

Ein sympathisches Team, ein spannender Mordfall, den es zu lösen gilt, verbunden mit wunderbar treffenden Landschaftsbeschreibungen, dies alles verbunden mit der richtigen Portion Savoir vivre. Ein rundum gelungener Reihenauftakt für provenzalische Erst- und Wiederholungstäter, der es hoffentlich in Serie schafft und unbedingt ins Reisegepäck gehört.

Veröffentlicht am 23.03.2024

Brüchige Beziehungen

Meeresfriedhof
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Wenn ein Autor den Entschluss fasst, eine Familiengeschichte verteilt auf drei Bände zu erzählen, benötigt er schon eine immense Menge Stoff, wenn er seine Leserinnen und Leser nicht mit banalen Beschreibungen ...

Wenn ein Autor den Entschluss fasst, eine Familiengeschichte verteilt auf drei Bände zu erzählen, benötigt er schon eine immense Menge Stoff, wenn er seine Leserinnen und Leser nicht mit banalen Beschreibungen und irrelevanten Wiederholungen langweilen möchte. Glücklicherweise ist das, soweit ich es zumindest nach der Lektüre von „Meeresfriedhof“ (Band 1 der Falck-Trilogie) beurteilen kann, dem norwegischen Autor Aslak Nore außerordentlich gut gelungen.

Eine historisch verbürgte Schiffskatastrophe im Zweiten Weltkrieg, militärische Konflikte im Nahen Osten, ein vom Staatsschutz beschlagnahmtes Manuskript mit brisantem Inhalt, ein verschwundenes Testament. Vergangenheit und Gegenwart. Ereignisse, zwischen denen es auf den ersten Blick keinen Zusammenhang gibt.

Eine Reeder-Dynastie, brüchige Beziehungen, altes Geld, das Streben nach Macht und Einfluss, . Eine komplexe Familiengeschichte, die gekonnt mit Fakten und Fiktion hantiert und zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechselt. Vielschichtige Spuren sind gelegt und wecken großes Interessen an den beiden nachfolgenden Bänden „Felsensgrund“ (ET 08.05.25) und „Schattenfjord“ (ET 12.02.26).

Veröffentlicht am 12.03.2024

Außen hui, innen pfui

9mm Cut
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Sybille Ruge ist eine Autorin, die ich seit ihrem Erstling „Davenport 160x90“ auf der Watchlist habe. Mit „9mm Cut“ folgt nun ihr zweiter Roman, und auch dieser hat es geschafft, mich äußerst positiv zu ...

Sybille Ruge ist eine Autorin, die ich seit ihrem Erstling „Davenport 160x90“ auf der Watchlist habe. Mit „9mm Cut“ folgt nun ihr zweiter Roman, und auch dieser hat es geschafft, mich äußerst positiv zu überraschen.

9mm, das ist exakt die Höhe, auf die der Mähroboter eingestellt ist, der tagaus, tagein über den Rasen der Züricher Karnofsky-Villa fährt, um Außenstehenden den Eindruck von Funktionalität, Prosperität und Integrität zu suggerieren. Doch schiebt man die Kulissen beiseite, sieht’s dahinter ganz anders aus.

Der Prachtbau ist marode, die Familie im höchsten Maß dysfunktional. Max Karnofsky, Vorstand der NGO „Interni“, ist ein weinerlicher heavy Trinker und hat keine Kontrolle mehr über die Verwendung der Stiftungsgelder, seine Frau Hell (nomen est omen) kreist um ihr eigenes Projekt und bereitet klammheimlich ihren Abgang vor, die beiden Kinder, sich selbst überlassene Manövriermasse mit seltsamem Benehmen auf der Suche nach Zuwendung.

Im Zentrum des Vulkans eine taffe Spezialistin für besondere Missionen mit dem Decknamen Eve Klein, engagiert von Fleisch-Tycoon Wellinghofen, Hauptmäzen der Stiftung, der die Gelegenheit sieht, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen sind da die Barmittel, die eine Wäsche vertragen könnten, zum anderen macht er sich große Sorgen über die Vorgänge bei Interni (ein erschossener Geschäftsführer, ein abgetrennter Kopf auf der Schwelle, ein offensichtlich überforderter Stiftungsvorstand und nicht zuletzt der kreative Umgang mit den Barmitteln, die eigentlich benachteiligten Jugendlichen zugutekommen sollten), die seinen guten Ruf in der Öffentlichkeit gefährden könnten. Also muss Eve nach Zürich, um sich die Lage vor Ort anzuschauen und in die von Gier und Skrupellosigkeit dominierte Welt des Big Business einzutauchen.

Hört sich alles bekannt an, aber was diesen Roman von den üblichen 08/15-Thrillern unterscheidet, ist in erster Linie die Sprache. Bei Ruge gibt es kein Drumherumgerede, da ist jeder Satz ein Statement. Hart und präzise, kurz und knapp und dennoch auf den Punkt. Gleichzeitig überrascht sie mit entlarvenden Beobachtungen à la „Die Gäste standen Schlange für ein Foto mit dem Aufdruck A BETTER WORLD. Komplizen, die mit wohltemperierter Hilfe eine Eintrittskarte für die himmlische Seligkeit zu erschwinglichen Preisen erwarben. Die Oberschicht ergreift Partei für die Abgehängten, solange die Sicherheitsanlagen funktionieren…(S. 203)“. Dazu jede Menge pointierte Vergleiche und nicht zuletzt ein erfrischend trockener Humor. Eine seltene Kombination in einem Genre, das sich eher auf die Handlung als auf die Sprache konzentriert, aber gerade deshalb höchst willkommen ist.

Ein ungewöhnlicher, ein faszinierender Roman/Thriller, den ich allen nachdrücklich empfehle, die gerne auch abseits des Mainstream lesen.

Veröffentlicht am 10.03.2024

Ein Etikett, das falsche Erwartungen weckt

Die Entführung
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„Die Firma“ wurde 1991 veröffentlicht und hat, nicht zuletzt durch die nachfolgende Verfilmung 1993 mit Tom Cruise in der Hauptrolle des Mitch McDeere, John Grishams Ruf als Autor spannender Justizthriller ...

„Die Firma“ wurde 1991 veröffentlicht und hat, nicht zuletzt durch die nachfolgende Verfilmung 1993 mit Tom Cruise in der Hauptrolle des Mitch McDeere, John Grishams Ruf als Autor spannender Justizthriller etabliert. Ab diesem Zeitpunkt erschienen alljährlich neue Romane aus der Feder des Autors, die samt und sonders die Bestseller-Listen stürmten.

Ich habe sie alle gelesen, mal mehr, mal weniger begeistert, denn gerade in den letzten Jahren hat die Qualität spürbar nachgelassen. Mit „Die Entführung“ schlägt Grisham nun einen neuen Weg ein, auch wenn das Buch als Fortsetzung der „Firma“ beworben wird. Er verzichtet auf die statischen Gerichtsszenen, packt Tempo in die Handlung und konzentriert sich auf deren spannenden Thriller-Elemente.

Zum Inhalt: Fünfzehn Jahre später. Mitch lebt in New York, ist Partner bei Scully & Pershing, der größten Anwaltskanzlei der Welt, und noch immer frustriert über die Tatsache, dass er seine Mandanten in den Todeszellen von Tennessee und Alabama nicht retten kann. Ein Tapetenwechsel würde ihm gut tun, und so erklärt er sich bereit, bei einem Partner in Rom einzuspringen, um für ein türkisches Unternehmen die 400-Millionen-Schulden aus einem libyschen Bauprojekt einzutreiben. Als eine Londoner Kollegin sich vor Ort ein Bild machen möchte, wird sie gekidnappt. Sollte das Lösegeld nicht bezahlt werden, wird sie enthauptet. Und das war’s dann auch schon mit der Juristerei, denn es liegt nun in Mitchs Verantwortung, das Geld aufzutreiben, ihr das Leben zu retten und die Drahtzieher hinter der Geiselnahme zu entlarven.

Die Handlung ist gradlinig und zielorientiert, die tickende Uhr im Hinterkopf (erinnert stark an Steve Cavanaghs Eddie-Flynn-Reihe) und die ständigen Ortswechsel des Protagonisten, der alles daran setzt, das Lösegeld zu beschaffen, sorgt für hohes Tempo, allerdings nur bis kurz vor Schluss, denn offenbar kann es sich Grisham auch in einem reinen Thriller nicht verkneifen, langatmige Erklärungen zu den Hintergründen einzuschieben.

Während des Lesens habe ich mich immer wieder gefragt, worin die Verbindung zu der „Firma“ besteht, denn außer dem Protagonisten Mitch McDeere konnte ich hier null Überschneidung feststellen. Und selbst dieser hätte durch einen beliebigen NoName ersetzt werden können, aber durch den Verweis auf „Die Firma“ wird natürlich die Neugier der Leser geweckt, was unterm Strich förderlich für die Verkaufszahlen ist.

Ein über weite Strecken gelungener Thriller, in dem Grisham neue Wege beschreitet. Ein Experiment, auf das man sich durchaus einlassen kann, auch wenn die Erwartungshaltung eine andere ist.