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Veröffentlicht am 03.10.2025

Nichts konnte mich nicht so richtig abholen

Dr. No
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Worum geht’s?

Wala Kitu, Mathematikprofessor und Experte für »Nichts«, soll dem Schurken John Sill, einem schwarzen Milliardär, beim größten Coup seines Lebens helfen: ein Einbruch in Fort Knox. Ziel: ...

Worum geht’s?

Wala Kitu, Mathematikprofessor und Experte für »Nichts«, soll dem Schurken John Sill, einem schwarzen Milliardär, beim größten Coup seines Lebens helfen: ein Einbruch in Fort Knox. Ziel: ein Schuhkarton, gefüllt mit »Nichts«. Denn wer das Nichts kontrolliert, der regiert die Welt.

Wie war’s?

Percival Everett war für mich seit »James« kein Unbekannter und ich habe seinem neuen Werk lange entgegengefiebert. Voller Begeisterung habe ich es angefangen, dann lag es nach den ersten Kapiteln unangetastet auf dem Nachttisch und hat mich in eine regelrechte Leseflaute befördert.

Warum eigentlich? Schwer zu sagen. Ich beschäftige mich als Literaturübersetzerin sehr viel mit Sprache, also hätten mir die vielen Exkurse über das »Nichts« eigentlich gar nicht so viel ausmachen sollen. Ich glaube, primär lag es an den ständigen Anspielungen auf irgendwelche mathematischen Zusammenhänge, schon in der Einleitung, mit denen man als Laie bzw. leidenschaftlicher Mathematik-Hasser eigentlich nichts anfangen kann. Solche Textstellen haben mich immer wieder aus dem Lesefluss geworfen.

Warum ich das Buch trotzdem beendet habe? Die Grundstory ist durchaus interessant, sympathisch waren mir vor allem Kitus Traumgespräche mit seinem einbeinigen Hund und auch seine Kollegin Eigen bringt noch einen interessanten Twist rein, der einen aufs Ende hinfiebern lässt.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Übersetzung des Kollegen Nikolaus Stingl, die wieder ein sprachliches Feuerwerk und ein Genuss war. An ihm lag’s jedenfalls nicht, dass mich Nichts nicht so richtig begeistern konnte.

Fazit

Percival Everett ist ein hochinteressanter Autor, und auch wenn mich Dr. No nicht vom Hocker gehauen hat, werde ich ihn und seine nächsten Bücher im Auge behalten. Vielleicht ist ja das Nächste wieder ein großer Wurf.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Unterhaltsame Urlaubslektüre, aber das Ende haut mich nicht um

Unbeugsam wie die See
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Worum geht’s?

Lucy und Jess, zwei ungleiche Schwestern. Jess ist Malerin, malt immer wieder rätselhafte Bilder von Galionsfiguren, spürt eine rätselhafte Verbindung zu zwei Frauen, die sie noch nie zuvor ...

Worum geht’s?

Lucy und Jess, zwei ungleiche Schwestern. Jess ist Malerin, malt immer wieder rätselhafte Bilder von Galionsfiguren, spürt eine rätselhafte Verbindung zu zwei Frauen, die sie noch nie zuvor gesehen hat. Lucy will Journalistin werden, erwacht aber eines Nachts schlafwandelnd, während sie gerade versucht, ihren Ex-Freund zu erwürgen. Sie flieht in Panik zu ihrer Schwester an die australische Westküste, doch Jess ist verschwunden.
In einem zweiten Handlungsstrang geht es um Mary und Eliza, zwei Frauen, die vor Jahrhunderten an Bord eines Sträflingsschiffs von Irland nach Australien gebracht wurden und auf der langen Reise seltsame Veränderungen an ihren Körpern entdecken, bevor sie unterwegs Schiffbruch erleiden.

Wie war’s?

Das Erste, was mir an „Unbeugsam wie die See“ sofort ins Auge gefallen ist, war das wunderbar ansprechend gestaltete Cover, das einen direkt in die Unterwasserwelt eintauchen lässt.
Und von den ersten 300 Seiten der Story war ich restlos begeistert. Lucy und ihre Verirrung nach dem Zwischenfall mit Ben, Jess, die es ausgerechnet zurück an den Ort zieht, an dem einst Baby Hope in einer Höhle ausgesetzt wurde und schon mehrere Männer auf rätselhafte Weise verschwunden sind. Und dann die Tagebuchausschnitte und die merkwürdige Beziehung zu Cameron. Das alles war sehr fesselnd und überzeugend erzählt, auch Lucys Zweifel und die Suche nach ihren wahren Wurzeln.
Die Zeitsprünge zu Mary und Eliza fand ich teils etwas anstrengend, aber auch dieser Handlungsstrang passt gut zum Gesamtkonzept des Buches und man kann sich die Verzweiflung und die Ungewissheit der Schwestern, was sie in der neuen Welt in Australien so erwartet, sehr gut vorstellen.
Auch die Übersetzung meiner lieben Berufskollegin Julia Walther liest sich so stimmig, dass man stellenweise fast vergisst, dass man hier eine Übersetzung vor sich hat und nicht das Original.
Was mich leider absolut nicht erreichen konnte, waren die letzten 100 Seiten. Die Auflösung, was es mit Lucy tatsächlich auf sich hat, das letzte Zusammentreffen von Jess und Cameron, das Schicksal von Mary und Eliza. Das war für mich teils sehr unglaubwürdig und an den Haaren herbeigezogen, sodass ich das Buch beinahe nicht beendet hätte.

Fazit

Als Urlaubslektüre sehr gut geeignet und ich bereue auch nicht, das Buch gelesen zu haben, auch wenn’s mich nicht komplett überzeugen konnte. Aber dafür eines der hübschesten Cover, die ich je gesehen habe, und es wird sich bestimmt gut im Bücherregal machen!

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Veröffentlicht am 18.08.2025

Eine Kur mit lebenslanger Wirkung

Am Meer ist es schön
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Worum geht’s?

Susie ist für ihr Alter zu dünn und schmächtig, sodass sie vom Arzt in Kur geschickt wird. 6 Wochen Sommeraufenthalt in St. Peter Ording sollen helfen. Doch als wäre das Heimweh nicht schon ...

Worum geht’s?

Susie ist für ihr Alter zu dünn und schmächtig, sodass sie vom Arzt in Kur geschickt wird. 6 Wochen Sommeraufenthalt in St. Peter Ording sollen helfen. Doch als wäre das Heimweh nicht schon schlimm genug, erlebt sie in Haus Morgentau Unbeschreibliches. Ein strenges Regiment, unerbittliche »Tanten«, drakonische Strafen für kleinste Vergehen. Schließlich endet der Aufenthalt mit einer tragischen Katastrophe. Als sie endlich wieder zuhause ist, der nächste Schock: Niemand glaubt, was wirklich passiert ist, nicht mal die eigene Familie. Erst Jahre später erzählt Susanne als erwachsene Frau, die immer noch an ihrem Trauma knabbert, ihrer Tochter Julie und ihrer sterbenden Mutter von ihren Erlebnissen und stößt endlich auf offene Ohren.


Wie war`s?

Schon als mir dieser Roman das erste Mal in einer Verlagsvorschau ins Auge fiel, wusste ich sofort, dass ich ihn irgendwann lesen muss. Meine eigene Mutter war auch so ein Verschickungskind. Bei ihr war es Borkum, aber bis auf den tragischen Ausgang der sogenannten Kur hätte das auch ihre Geschichte sein können. Zwangsernährung mit Haferbrei, vor dem vollen Teller sitzen, notfalls das Erbrochene aufessen, nachts nichts auf die Toilette dürfen. Und dann die Kontrolle der Briefe, welche die Kinder nach Hause schicken wollten. So oder so ähnliches hat sich das Schicksal damals immer und immer wieder wiederholt, und ich würde behaupten, dass sehr viele Verschickungskinder einen Knacks fürs Leben davongetragen haben.

Fazit

»Am Meer ist es schön« ist alles andere als leichte Urlaubslektüre. Ich persönlich kann sagen, dass mir dieses Buch ganz schön nachgelaufen ist. Ein Roman, der nachdenklich macht und zeigt, wie wichtig es ist, sich mit den Schicksalen dieser Kinder und dem damals getanen Unrecht auseinanderzusetzen. Trotz der ernsten Thematik von mir 5 Sterne und eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 05.08.2025

Ein Geschenk, das sich nicht umtauschen lässt

Das Geschenk
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Worum geht’s?

Schon oft habe ich mich gefragt, wie Autorinnen und Autoren wohl auf ihre Ideen kommen. Sebastian Fitzek hat in einem Schreibkurs mal geraten, sich die ›Was wäre, wenn?‹ -Frage zu stellen.

Also, ...

Worum geht’s?

Schon oft habe ich mich gefragt, wie Autorinnen und Autoren wohl auf ihre Ideen kommen. Sebastian Fitzek hat in einem Schreibkurs mal geraten, sich die ›Was wäre, wenn?‹ -Frage zu stellen.

Also, was wäre, wenn die Nachricht, dass der Präsident von Botswana wie letztes Jahr angedroht tatsächlich 20.000 Elefanten nach Deutschland geschickt hätte, um gegen das Einfuhrverbot für Jagdtrophäen zu protestieren, wirklich wahr wäre?

Gaea Schoeters hat daraus einen zwar kurzen, aber überaus packenden Roman geschrieben.

Plötzlich tauchen Elefanten mitten in Berlin auf … der Bundeskanzler glaubt zunächst an einen Ausbruch aus dem Zoo, doch es werden immer mehr. Allgemeine Verwirrung und Verkehrschaos inklusive. Was also tun? Wohin mit den Hinterlassenschaften von 20.000 Elefanten? Und was, wenn sich die ungeliebten Gäste auch noch vermehren?

Wie war’s?

»Das Geschenk« ist ein Buch, das auch langsame Leserinnen und Leser gut an nur einem Abend durchsuchten können. Ich hatte die Autorin bisher noch gar nicht auf dem Schirm, werde mir aber nach diesem elefantastisch unterhaltsamen Buch auf jeden Fall auch »Trophäe« anschauen.

Eigentlich lese ich lieber längere Bücher, aber bei diesem muss ich wirklich sagen, in der Kürze liegt die Würze. Besonders gut gefallen haben mir die Parallelen zur aktuellen Flüchtlingspolitik (à la: ›Keine Sorge, wir schaffen das!‹) inklusive des Besuchs bei der Altkanzlerin, die mich verdächtig an Frau Merkel erinnert hat.

Fazit

Ein absolut elefantastisches Lesevergnügen! Auch die Übersetzung der Kollegin Lisa Mensing hat mir sehr gut gefallen, sie liest sich wie aus einem Guss. 5 Sterne und eine dicke Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 21.06.2025

Literaturtipps von einem, der es wissen muss!

Einfach Literatur
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Worum geht’s?

Klaus Willbrand, Kölner Antiquar und Büchernarr, bekannt und beliebt, lädt ein … nämlich dazu, Literatur zu entdecken.

Wie war’s?

Klassische Literatur – für viele ein Thema, um das sie ...

Worum geht’s?

Klaus Willbrand, Kölner Antiquar und Büchernarr, bekannt und beliebt, lädt ein … nämlich dazu, Literatur zu entdecken.

Wie war’s?

Klassische Literatur – für viele ein Thema, um das sie seit der Schulzeit und der ›Zwangslektüre‹ im Deutschunterricht einen großen Bogen machen. Peinlicherweise muss selbst ich als Literaturübersetzerin gestehen, dass das bisher so gar nicht mein Thema war. Ich bin zwar immer über die neuesten Neuerscheinungen informiert, aber Thomas Mann? Emily Dickinson? Alles schon mal irgendwo gehört, aber nie einen näheren Blick darauf geworfen.

Auch Klaus Willbrand war mir nur vom Antik-Markt auf dem Kölner Neumarkt ein Begriff. Nun, nachdem ich »Einfach Literatur – Eine Einladung« gelesen habe und dabei leider auch erfahren musste, dass Herr Willbrand im Januar 2025 verstorben ist und die Fertigstellung des Buches nicht mehr erleben durfte, bereue ich es, diesen wunderbaren Menschen nicht persönlich kennengelernt und seinem Antiquariat mal einen Besuch abgestattet zu haben.

Klaus Willbrand bzw. Daria Razumovych, die Klaus und sein Antiquariat auf Instagram und Tick-Tock berühmt gemacht und etlichen Menschen den Weg zurück zur Literatur gezeigt hat, geben auf 220 Seiten seine Empfehlungen weiter. Locker-flockig, nie belehrend, zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, dass man hier irgendwie beeinflusst oder von jemandem, der es besser weiß, in eine bestimmte Richtung gedrängt wird. Nein, es ist einfach nur eine Einladung, in die Welt der Literatur einzutauchen. Umfassend werden zunächst die deutsche Literatur, dann die anglo-amerikanische und schließlich auch die französische Literatur aufgegriffen und die aus Klaus Sicht wichtigsten Werke genannt. Das Ganze gespickt mit Anekdoten aus Klaus eigenem Werdegang, von der Kindheit, wo er während eines langen Krankenhausaufenthaltes den Weg zum Buch gefunden hat, über sein dreijähriges Lese-Sabbatical, um das ihn bestimmt nicht nur ich glühend beneide, bis hin zur Begegnung mit Daria und der erfolgreichen Rettung seines von der Schließung bedrohten Antiquariats.

Fazit

Ich bin begeistert von diesem Büchlein. Es wird einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal bekommen und wer weiß, vielleicht wird zukünftig doch mal der eine oder andere Klassiker neben ihm einziehen. Lustige, aber wahre Anekdote: An dem Tag, an dem ich »Einfach Literatur« ausgelesen hatte, fiel mir auf einem Spaziergang durchs Severinsviertel plötzlich eine uralte Ausgabe von Thomas Manns »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« in die Hände, achtlos weggeworfen, nur einen Tag, nachdem ich Klaus Meinung zu dem Buch lesen hatte. Ob da wohl jemand vom Himmel aus seine Hand im Spiel hatte? Ich habe es jedenfalls direkt mitgenommen und werde es als nächstes Buch in Angriff nehmen.

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