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Veröffentlicht am 26.01.2026

Von Kröten und Schwiegermüttern

Jetzt gerade ist alles gut
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Worum geht’s?
Das Auto für den Sommerurlaub am Atlantik ist gerade fertig gepackt, als der Erzähler urplötzlich schwer erkrankt. Stunden später steht fest, dass er sich wegen einer kleinen Verletzung am ...

Worum geht’s?
Das Auto für den Sommerurlaub am Atlantik ist gerade fertig gepackt, als der Erzähler urplötzlich schwer erkrankt. Stunden später steht fest, dass er sich wegen einer kleinen Verletzung am Finger eine Sepsis zugezogen hat, er landet im Krankenhaus und sein Leben hängt unerwartet am seidenen Faden.
Nach seiner Entlassung und während des langwierigen Genesungsprozesses stellt er sein ganzes Leben auf den Prüfstand, beschließt, künftig achtsamer durch den Alltag zu gehen, ein Sammler von schönen Momenten zu werden.

Wie war’s?
Eine Bewertung, mit der ich mich wirklich schwertue. »25 letzte Sommer«, das erste Buch von Stephan Schäfer, hat mich letztes Jahr sehr begeistert. Man konnte sich gut in die Geschichte einfühlen, die Charaktere hatten Tiefe, wirkten glaubwürdig.
Bei »Jetzt gerade ist alles gut« sah das leider schon ganz anders aus. Die Geschichte plätschert flach und ohne jeden Tiefgang so dahin. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus beschließt der Erzähler, bewusst zu leben, so will er nach Jahren endlich seine Schwiegermutter besser kennenlernen, radelt spontan mit ihr ans Meer, beobachtet die Krötenwanderung, trinkt mit seinem Sohn Espresso und philosophiert über die Zukunft. Kleine, zusammenhanglose Episoden, die mich leider so gar nicht abholen konnten. Das Ganze kommt einem vor wie ein bemüht zusammengeschusterter Achtsamkeitsratgeber, hier habe ich in mancher Lifestyle-Zeitschrift schon bessere Impulse gefunden.

Fazit
Ich persönlich kann dieses Buch leider so gar nicht empfehlen. Nebenbei bemerkt ist ein Preis von 22 Euro für dieses nicht mal 180 dünne Büchlein, das man problemlos in zwei Stunden gelesen hat, wirklich nicht gerechtfertigt. Um wenigstens etwas Positives dazu zu sagen: Das Cover ist großartig und macht sich wirklich toll als Hingucker im Regal. Davon abgesehen hätte ich in der Zeit lieber selbst die Kröten beobachtet, als dieses Buch zu lesen.

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Veröffentlicht am 19.01.2026

Es ist verflucht noch eins nicht leicht, ein Mensch zu sein

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
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Soeben habe ich mit einem dicken Kloß im Hals das Buch »Wenn die Kraniche nach Süden ziehen« von Lisa Ridzén behandelt und bin immer noch ganz verzaubert.

Worum gehts?

Bo (89) leidet. Seine Frau lebt ...

Soeben habe ich mit einem dicken Kloß im Hals das Buch »Wenn die Kraniche nach Süden ziehen« von Lisa Ridzén behandelt und bin immer noch ganz verzaubert.

Worum gehts?

Bo (89) leidet. Seine Frau lebt jetzt in einem Pflegeheim für Demenzkranke. Er selbst bleibt allein zurück, kommt dank täglicher Besuche vom Pflegedienst gerade eben noch so allein zurecht. Wirklich Halt gibt ihm nur sein Hund Sixten, doch nun ist sein Sohn Hans der Meinung, er könne sich nicht mehr angemessen um ihn kümmern und will ihm das Tier wegnehmen.

Wie wars?

Ein Buch, bei dem einem die Worte fehlen. Man schmunzelt, lacht und weint abwechselnd.

Bos Erinnerungen an sein bisheriges Leben, an seine gemeinsame Vergangenheit mit Friederika und an den "Alten", also seinen eigenen Vater, zum dem er ein durchaus problematisches Verhältnis hatte, sind so geschildert, dass man sich sehr gut einfühlen kann, warmherzig, oft komisch und manchmal eben auch tragisch. Auch seine enge Freundschaft mit Ture, dem Kollegen aus der Sägemühle, der ein Geheimnis mit sich herumträgt, das erst ganz gegen Ende des Buches gelüftet wird.

Beeindruckend fand ich Bos Gedanken über das Leben. So fragt er sich immer wieder, was eigentlich mit seinem Sohn los ist, der immer an der Schwelle zum Burnout steht, es immer so schrecklich eilig hat, während ihm selbst soclhe Probleme trotz jahrelanger Schufterei in der Sägemühle völlig fremd sind.

Auch der Umgang mit dem Thema letzte Lebensphase und unweigerlich bevorstehendes Ende ist sehr gut gelungen. Es wurde für meine Begriffe sehr deutlich, wie anders und unaufgeregt man in Schweden damit umgeht, das habe ich hier in Deutschland schon ganz anders erlebt. Sterben ist und bleibt ein ganz normaler Teil des Lebens.

Fazit:

Von mir eine unbedingte Leseempfehlung, 10 von 5 Sternen und auch die Übersetzung der Kollegin Ulla Ackermann ist prima gelungen. Man sieht (vor allem, wenn man selbst Schwedisch spricht) immer wieder die Sprache des Ausgangstextes durchblitzen, aber immer sehr gekonnt und niemals aufdringlich.

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Veröffentlicht am 03.10.2025

Nichts konnte mich nicht so richtig abholen

Dr. No
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Worum geht’s?

Wala Kitu, Mathematikprofessor und Experte für »Nichts«, soll dem Schurken John Sill, einem schwarzen Milliardär, beim größten Coup seines Lebens helfen: ein Einbruch in Fort Knox. Ziel: ...

Worum geht’s?

Wala Kitu, Mathematikprofessor und Experte für »Nichts«, soll dem Schurken John Sill, einem schwarzen Milliardär, beim größten Coup seines Lebens helfen: ein Einbruch in Fort Knox. Ziel: ein Schuhkarton, gefüllt mit »Nichts«. Denn wer das Nichts kontrolliert, der regiert die Welt.

Wie war’s?

Percival Everett war für mich seit »James« kein Unbekannter und ich habe seinem neuen Werk lange entgegengefiebert. Voller Begeisterung habe ich es angefangen, dann lag es nach den ersten Kapiteln unangetastet auf dem Nachttisch und hat mich in eine regelrechte Leseflaute befördert.

Warum eigentlich? Schwer zu sagen. Ich beschäftige mich als Literaturübersetzerin sehr viel mit Sprache, also hätten mir die vielen Exkurse über das »Nichts« eigentlich gar nicht so viel ausmachen sollen. Ich glaube, primär lag es an den ständigen Anspielungen auf irgendwelche mathematischen Zusammenhänge, schon in der Einleitung, mit denen man als Laie bzw. leidenschaftlicher Mathematik-Hasser eigentlich nichts anfangen kann. Solche Textstellen haben mich immer wieder aus dem Lesefluss geworfen.

Warum ich das Buch trotzdem beendet habe? Die Grundstory ist durchaus interessant, sympathisch waren mir vor allem Kitus Traumgespräche mit seinem einbeinigen Hund und auch seine Kollegin Eigen bringt noch einen interessanten Twist rein, der einen aufs Ende hinfiebern lässt.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Übersetzung des Kollegen Nikolaus Stingl, die wieder ein sprachliches Feuerwerk und ein Genuss war. An ihm lag’s jedenfalls nicht, dass mich Nichts nicht so richtig begeistern konnte.

Fazit

Percival Everett ist ein hochinteressanter Autor, und auch wenn mich Dr. No nicht vom Hocker gehauen hat, werde ich ihn und seine nächsten Bücher im Auge behalten. Vielleicht ist ja das Nächste wieder ein großer Wurf.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Unterhaltsame Urlaubslektüre, aber das Ende haut mich nicht um

Unbeugsam wie die See
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Worum geht’s?

Lucy und Jess, zwei ungleiche Schwestern. Jess ist Malerin, malt immer wieder rätselhafte Bilder von Galionsfiguren, spürt eine rätselhafte Verbindung zu zwei Frauen, die sie noch nie zuvor ...

Worum geht’s?

Lucy und Jess, zwei ungleiche Schwestern. Jess ist Malerin, malt immer wieder rätselhafte Bilder von Galionsfiguren, spürt eine rätselhafte Verbindung zu zwei Frauen, die sie noch nie zuvor gesehen hat. Lucy will Journalistin werden, erwacht aber eines Nachts schlafwandelnd, während sie gerade versucht, ihren Ex-Freund zu erwürgen. Sie flieht in Panik zu ihrer Schwester an die australische Westküste, doch Jess ist verschwunden.
In einem zweiten Handlungsstrang geht es um Mary und Eliza, zwei Frauen, die vor Jahrhunderten an Bord eines Sträflingsschiffs von Irland nach Australien gebracht wurden und auf der langen Reise seltsame Veränderungen an ihren Körpern entdecken, bevor sie unterwegs Schiffbruch erleiden.

Wie war’s?

Das Erste, was mir an „Unbeugsam wie die See“ sofort ins Auge gefallen ist, war das wunderbar ansprechend gestaltete Cover, das einen direkt in die Unterwasserwelt eintauchen lässt.
Und von den ersten 300 Seiten der Story war ich restlos begeistert. Lucy und ihre Verirrung nach dem Zwischenfall mit Ben, Jess, die es ausgerechnet zurück an den Ort zieht, an dem einst Baby Hope in einer Höhle ausgesetzt wurde und schon mehrere Männer auf rätselhafte Weise verschwunden sind. Und dann die Tagebuchausschnitte und die merkwürdige Beziehung zu Cameron. Das alles war sehr fesselnd und überzeugend erzählt, auch Lucys Zweifel und die Suche nach ihren wahren Wurzeln.
Die Zeitsprünge zu Mary und Eliza fand ich teils etwas anstrengend, aber auch dieser Handlungsstrang passt gut zum Gesamtkonzept des Buches und man kann sich die Verzweiflung und die Ungewissheit der Schwestern, was sie in der neuen Welt in Australien so erwartet, sehr gut vorstellen.
Auch die Übersetzung meiner lieben Berufskollegin Julia Walther liest sich so stimmig, dass man stellenweise fast vergisst, dass man hier eine Übersetzung vor sich hat und nicht das Original.
Was mich leider absolut nicht erreichen konnte, waren die letzten 100 Seiten. Die Auflösung, was es mit Lucy tatsächlich auf sich hat, das letzte Zusammentreffen von Jess und Cameron, das Schicksal von Mary und Eliza. Das war für mich teils sehr unglaubwürdig und an den Haaren herbeigezogen, sodass ich das Buch beinahe nicht beendet hätte.

Fazit

Als Urlaubslektüre sehr gut geeignet und ich bereue auch nicht, das Buch gelesen zu haben, auch wenn’s mich nicht komplett überzeugen konnte. Aber dafür eines der hübschesten Cover, die ich je gesehen habe, und es wird sich bestimmt gut im Bücherregal machen!

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Veröffentlicht am 18.08.2025

Eine Kur mit lebenslanger Wirkung

Am Meer ist es schön
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Worum geht’s?

Susie ist für ihr Alter zu dünn und schmächtig, sodass sie vom Arzt in Kur geschickt wird. 6 Wochen Sommeraufenthalt in St. Peter Ording sollen helfen. Doch als wäre das Heimweh nicht schon ...

Worum geht’s?

Susie ist für ihr Alter zu dünn und schmächtig, sodass sie vom Arzt in Kur geschickt wird. 6 Wochen Sommeraufenthalt in St. Peter Ording sollen helfen. Doch als wäre das Heimweh nicht schon schlimm genug, erlebt sie in Haus Morgentau Unbeschreibliches. Ein strenges Regiment, unerbittliche »Tanten«, drakonische Strafen für kleinste Vergehen. Schließlich endet der Aufenthalt mit einer tragischen Katastrophe. Als sie endlich wieder zuhause ist, der nächste Schock: Niemand glaubt, was wirklich passiert ist, nicht mal die eigene Familie. Erst Jahre später erzählt Susanne als erwachsene Frau, die immer noch an ihrem Trauma knabbert, ihrer Tochter Julie und ihrer sterbenden Mutter von ihren Erlebnissen und stößt endlich auf offene Ohren.


Wie war`s?

Schon als mir dieser Roman das erste Mal in einer Verlagsvorschau ins Auge fiel, wusste ich sofort, dass ich ihn irgendwann lesen muss. Meine eigene Mutter war auch so ein Verschickungskind. Bei ihr war es Borkum, aber bis auf den tragischen Ausgang der sogenannten Kur hätte das auch ihre Geschichte sein können. Zwangsernährung mit Haferbrei, vor dem vollen Teller sitzen, notfalls das Erbrochene aufessen, nachts nichts auf die Toilette dürfen. Und dann die Kontrolle der Briefe, welche die Kinder nach Hause schicken wollten. So oder so ähnliches hat sich das Schicksal damals immer und immer wieder wiederholt, und ich würde behaupten, dass sehr viele Verschickungskinder einen Knacks fürs Leben davongetragen haben.

Fazit

»Am Meer ist es schön« ist alles andere als leichte Urlaubslektüre. Ich persönlich kann sagen, dass mir dieses Buch ganz schön nachgelaufen ist. Ein Roman, der nachdenklich macht und zeigt, wie wichtig es ist, sich mit den Schicksalen dieser Kinder und dem damals getanen Unrecht auseinanderzusetzen. Trotz der ernsten Thematik von mir 5 Sterne und eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

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