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Veröffentlicht am 04.05.2021

Recht vorhersehbare Story zwischen Berlin und Amanpour

Traumprinz
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Ein typischer Safier – einfach unterhaltsam für zwischendurch
Nellie, eine leidlich erfolgreiche Comic-Zeichnerin, die auf die 30 zugeht, erlebt wieder einmal einen Reinfall mit ihrem „Traumprinzen“. Als ...

Ein typischer Safier – einfach unterhaltsam für zwischendurch
Nellie, eine leidlich erfolgreiche Comic-Zeichnerin, die auf die 30 zugeht, erlebt wieder einmal einen Reinfall mit ihrem „Traumprinzen“. Als ihr eine alte tibetische Lederkladde in die Hände fällt, zeichnet sie ihren perfekten Traumprinzen. Als dieser dann am nächsten Morgen mit Schwert, Dreitagebart (statt Hipsterbart) und Kettenhemd, edel und brutal ehrlich vor ihr steht, machen sie sich auf die Suche nach dem Geheimnis der Kladde. Doch da auch böse Mächte hinter dieser her sind, müssen sie viele Abenteuer bestehen, die in Berlin auf einen Prinzen lauern. Und da ist ja auch noch die Sache mit der Liebe…
David Safier verlässt sich hier auf sein altbewährtes Konzept, so wie er schon Jesus und Shakespeare auf unsere Gegenwart losgelassen hat, muss sich in diesem Buch ein gezeichneter Prinz durch Berlin schlagen. Das Buch lebt dabei vor allem von der Situationskomik, wenn sich zum Beispiel der Prinz völlig prinzenhaft einer Horde Skinheads entgegenstellt. Die Handlung auf der Suche des Geheimnisses der Lederkladde ist meistens unterhaltsam, manche Stellen sind leider etwas in die Länge gezogen. Nellies ständige Vergleiche mit anderen Helden wie Harry Potter oder Katness Aberdeen (sic !) wirken auf Dauer eher nervend, der Vergleich mit Donald Duck bietet dagegen schon fast so etwas wie tiefe Gedanken. Die Frage, was einen echten Helden ausmacht, ist dabei sehr gelungen. Und die Antwort ist nicht unbedingt, dass man sich dem Bösen entgegenstellen muss.
Einen besonderen Reiz bieten die comichaften Illustrationen von Oliver Kurth, die witzig sind und die Handlung trefflich ergänzen.
Auch wenn die Handlung oft sehr vorhersehbar ist und an einigen Stellen etwas platt wirkt, bietet der „Traumprinz“ gute Unterhaltung für einen entspannten Lesetag.

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Veröffentlicht am 04.05.2021

Humorvolle Dystopie einer Welt, auf die wir zusteuern

QualityLand (QualityLand 1)
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Eine voll digitalisierte Welt, wo keiner mehr Kontrolle über seine Daten hat
Peter Arbeitsloser, benannt nach dem Beruf seines Vaters, lebt in Qualityland, alle Daten werden gesammelt, die Menschen werden ...

Eine voll digitalisierte Welt, wo keiner mehr Kontrolle über seine Daten hat
Peter Arbeitsloser, benannt nach dem Beruf seines Vaters, lebt in Qualityland, alle Daten werden gesammelt, die Menschen werden in Level eingeteilt, und das System – das keine Fehler macht – bringt für jeden personalisierte Werbung, den passenden Partner und der Versandhandel bringt einem alles, bevor man weiß, dass man es braucht. Mit anderen Worten alles ist OK, oder besser gesagt am OKsten. Doch als Peter etwas geliefert bekommt, was er nun wirklich nicht will, kommt er ins Grübeln über seine Welt.
Marc-Uwe Kling ist eine humorvolle Dystopie gelungen, die unseren Weg in die vollständige Digitalisierung und das Ausschlachten unserer Daten, um unser Leben zu optimieren, weiterdenkt und dabei durchaus einen wahren Kern trifft.
Die Romanhandlung selbst ist eher einfach gehalten, andere Dystopien wie Orwells „1984“ haben da mehr Tiefgang. Grundsätzlich findet man nicht viele neue Gedanken. Den Reiz liegt dann in der Aktualisierung, denn der weltweit größte Onlinehandel TheShop, der schon vorher weiß, was man benötigt, hat wohl nicht zufällig Ähnlichkeiten mit einem real existierenden Online-Händler. Dennoch unterhält der Roman mit seinem Humor und regt dann durchaus auch mal zum Nachdenken an, ob es nicht eher erschreckend ist, was in Qualityland passiert und ob wir nicht schon selbst in Qualityland leben.
Was mir persönlich gefallen hat, ist die Idee, die Handlung immer wieder mit (Qualityland-)Werbung oder Social-Media Beiträge nebst den dazugehörigen Kommentaren zu unterbrechen (die dann im Buch weiß auf schwarz gedruckt sind). Schon das Impressum bietet etwas zum Schmunzeln .
Insgesamt ein guter, nicht allzu anspruchsvoll geschriebener Roman, der auf humorvolle Art unterhält und zum Nachdenken anstoßen kann, auch wenn er nicht den Tiefgang von Orwell, Huxley oder Bradbury hat.
Dennoch eine Leseempfehlung für einen schönen Lesetag.

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Veröffentlicht am 04.05.2021

Der Abgesang auf den Kriminalroman

Der Richter und sein Henker
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Friedrich Dürrenmatts erster Kriminalroman erschien 1952, doch was vordergründig ein Kriminalroman ist, ist viel tiefgründiger.

Der Polizist Schmied wird ermordet in seinem Auto aufgefunden. Der totkranke ...

Friedrich Dürrenmatts erster Kriminalroman erschien 1952, doch was vordergründig ein Kriminalroman ist, ist viel tiefgründiger.

Der Polizist Schmied wird ermordet in seinem Auto aufgefunden. Der totkranke Kommisär Bärlach soll den Fall untersuchen. Dieser erbittet sich wegen seiner Krankheit den jungen Tschanz als Assistenten. Die Spur führt die beiden schnell zu Gastmann. Gastmann und Bärlach verbindet ein 40 Jahre altes Geheimnis um einen perfide Wette.

Auch wenn es sich augenscheinlich um einen Krimi handelt, bei dem ein Ermittlerpaar versucht, einen Mörder zu überführen, so behandelt der Roman viel eher das Thema Gerechtigkeit und Moral, oder vielmehr, was kann ein Vertreter der Gerechtigkeit machen, wenn ein Täter sich der Gerechtigkeit entzieht. Dabei bricht Dürrenmatt mit den Traditionen des Kriminalromans, so dass man sich am Ende fragt, wer jetzt Täter und wer Opfer ist.

In dem kurzen (ca. 117 Seiten) langen, gut zu lesenden Roman, wird man durch die Mörderjagd gut unterhalten, wird aber auch mit grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz konfrontiert. Ein spannendes Lesevergnügen.

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Veröffentlicht am 04.05.2021

Die Suche nach der Gerechtigkeit – grotesk und moralisch

Der Verdacht
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Tiefgründige Fortsetzung von „Der Richter und sein Henker“
Einige Tage nach den Ereignissen aus „Der Richter und sein Henker“ unterzieht sich Kommisär Bärlach einer schweren Magen-OP. Seine Zeit läuft ...

Tiefgründige Fortsetzung von „Der Richter und sein Henker“
Einige Tage nach den Ereignissen aus „Der Richter und sein Henker“ unterzieht sich Kommisär Bärlach einer schweren Magen-OP. Seine Zeit läuft ab, er steht vor seiner Pensionierung und die Ärzte geben ihm noch ein Jahr. Da sieht er in einer Zeitschrift das Foto eines berüchtigten NS-Arztes, der im Konzentrationslager Stutthof Menschen ohne Narkose operierte. Als sein behandelnder Arzt in diesem Arzt den Leiter der Privatklinik „Sonnenschein“ zu erkennen meint, reift in Bärlach ein Verdacht, der ihn nicht mehr loslässt. Als Bärlach sich unter falschen Namen in der Privatklinik einliefern lässt, sieht er zwar in seinen Verdacht bestätigt, doch entgleitet ihm die Situation völlig.
Auch wenn es sich dem Titel nach um einen Kriminalroman handelt, so ist die Ermittlungsarbeit und die Suche nach dem Täter nur die Grundlage für eine moralische-philosophische Betrachtung des Themas Gerechtigkeit. Will Bärlach als Vertreter der Gerechtigkeit mit christlichen moralischen Grundsätzen den NS-Arzt für seine grausamen Verbrechen bestrafen, so muss er bald seine Unterlegenheit erkennen. Zum einen hindert ihn seine körperliche Schwäche, doch vor allem ist Bärlach moralische Philosophie der materialistisch-nihilistischen Weltanschauung unterlegen. Eine Herstellung der Gerechtigkeit scheint nicht mehr möglich (darin gleicht der Roman dem Vorgängerroman).
Noch viel mehr als der Vorgängerroman werden die philosophischen Fragen in den Mittelpunkt gestellt. Die Rechtfertigung des NS-Arztes für seine grausamen Verbrechen ist erschreckend, vor allem im Kontrast des unterlegenen Bärlachs, dessen Zeit abläuft – eine tickende Uhr zeigt das. Und auch hier zeigt Dürrenmatt, dass der Kriminalroman und die Figur des Detektivs überkommen ist.
Ein nicht leicht zu lesender Roman, der aber durch seinen Zynismus, das Groteske und die tiefe Charakterisierung der Personen zu einem philosophischen Genuss wird. Aber definitiv kein Roman für zwischendurch.

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Veröffentlicht am 03.05.2021

Toller Debütroman - eine bildgewaltige Beschreibung New Orleans mit Jazz, Korruption und dem Axeman

Höllenjazz in New Orleans
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Ray Celestins Debütroman „Höllenjazz in New Orleans“ ist der Auftakt einer vierteiligen Reihe über Geschichte des Jazz im 20. Jahrhundert.
„Höllenjazz in New Orleans“ beschreibt die Ereignisse um den ...

Ray Celestins Debütroman „Höllenjazz in New Orleans“ ist der Auftakt einer vierteiligen Reihe über Geschichte des Jazz im 20. Jahrhundert.
„Höllenjazz in New Orleans“ beschreibt die Ereignisse um den (realen) Axeman-Mörder, der im Jahr 1919 mehrere vorwiegend italienischstämmige Händler brutal ermordet und sich dabei wie ein Phantom durch New Orleans bewegt. Die Jagd nach dem Axeman wird dabei aus drei Sichtweisen beschrieben. Zum einen ermittelt Detective Lieutnant Michael Thalbot unterstützt vom jungen Iren Kenny. Thalbot ist wenig beliebt bei seinen Kollegen, nachdem er vor einigen Jahren ihren Kollegen Luca D’Andrea wegen seiner Beziehungen zur Mafia in Gefängnis gebracht hat. Dieser Luca D’Andrea wurde nun gerade aus dem Gefängnis entlassen und soll im Auftrag der Mafia den Axeman suchen. Außerdem stößt die junge Ida Davis, die den undankbaren Job einer Sekretärin bei Pinkertons Detektivagentur hat, auf eine Spur des Axemans, die sie zusammen mit ihrem Freund Louis „Lewis“ Armstrong verfolgt. Alle stoßen am Ende auf den Axeman, jeder auf seine Weise …
Was wie ein Krimi oder Thriller klingt, ist vielmehr ein Roman, denn Ray Celestin schafft es aufbauend auf der realen Mordserie des Axeman im Jahr 1919 ein faszinierendes Bild des frühen New Orleans und seiner vielfältigen Bewohner, Kreolen, Schwarze, Weiße, … entstehen zu lassen. „In New Orleans ist alles anders …“, sagt der Bürgermeister, ein Satz, der heute noch genauso gilt wie damals. Auf jeder Seite spürt man die durch viel Detailwissen angereicherte Atmosphäre dieser besonderen Stadt. Das Vergnügungsviertel Storyville wurde geschlossen, das Gesetz zur Prohibition wurde erlassen und in der Stadt herrschen die Mafia und die Korruption. Dazwischen sind all die Menschen, die nach Abwechslung und Vergnügen suchen, die ihnen besonders der neu entstandene Jazz liefert.
Eigentlich gibt es im ganzen Roman keinen einzigen glücklichen oder zufriedenen Menschen, alle stehen an einem Scheidepunkt in ihrem Leben und die Richtung, die ihr Leben nehmen soll, ist unklar. Dennoch wirkt das Buch oftmals auch erstaunlich positiv. Besonders gut wurde die Figur des jungen Jazz-Trompeters (damals noch mit dem Kornett) Lewis Armstrong mit seinen schwierigen Lebensverhältnissen und seiner Liebe zur Musik, die für ihn aber auch oft harte Arbeit bedeutet, gelungen. Ein oft trauriges, melancholisches Bild, das aber auch immer wieder Hoffnung auf Veränderung mit sich bringt.
Fazit: Der Roman bietet ein spannendes mit vielen historischen Details angereichertes Bild einer faszinierenden Stadt. Sehr gut zu lesen, obwohl eine große Anzahl von Personen auftreten (wobei das vierseitige Personenverzeichnis gut hilft, die Übersicht zu behalten). Auch die zahlreichen historischen Begriffe (von den Po’Boy-Sandwiches bis zum French Market) werden am Ende des Buches in einem Glossar erklärt.
Dieser Auftakt lässt mich mit Sicherheit bald auch zu den weiteren Bänden greifen. Also dann: Auf zum Blues nach Chicago.

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