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Veröffentlicht am 20.04.2026

Intensiver Roman über weibliche Selbstbestimmung

Das Tränenhaus. Roman
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In „Das Tränenhaus“ führt Gabriele Reuter uns in eine stille, abgelegene Welt irgendwo in der schwäbischen Provinz. Dort betreibt die Hebamme Frau Uffenbacher ein Heim, in dem unverheiratete Frauen ihre ...

In „Das Tränenhaus“ führt Gabriele Reuter uns in eine stille, abgelegene Welt irgendwo in der schwäbischen Provinz. Dort betreibt die Hebamme Frau Uffenbacher ein Heim, in dem unverheiratete Frauen ihre Kinder abseits der Öffentlichkeit bekommen sollen – eine Einrichtung, die mehr mit Wegsperren als mit Fürsorge zu tun hat. In diese Umgebung wird die Schriftstellerin Cornelie Reimann geschickt, die nach einer außerehelichen Affäre schwanger geworden ist. Was als Zuflucht gedacht war, entpuppt sich als Ort der Demütigung und des Zwangs – und zugleich als Labor weiblicher Erfahrung.
Reuter erzählt mit eindringlicher Genauigkeit vom Leben im Schatten gesellschaftlicher Verachtung. Sie kennt den Stoff aus eigener Erfahrung und das merkt man dem Text an. „Das Tränenhaus“ verbindet Beobachtungsgabe mit Reflexion: Neben den knappen, fast dokumentarischen Schilderungen findet sich eine Sprache voller Nachdenken, manchmal pathetisch, aber nie leer. Gerade dieser Wechsel zwischen Gefühl und Analyse verleiht dem Buch seine Intensität.
Cornelie, gebildet, unabhängig und anfangs stolz auf ihre Eigenständigkeit, gerät in eine Umwelt, die mit ihrer Welt nichts gemein hat. Während die anderen Frauen einfache Herkunft, eigene Dialekte und handfeste Überlebensstrategien mitbringen, begegnet Cornelie der Provinz zunächst mit Distanz. Erst allmählich öffnet sie sich – lernt, den Alltag der Mitbewohnerinnen zu verstehen, erkennt in ihnen weniger Fremde als Leidensgenossinnen. Aus Abschottung wird Nähe, aus Scham Solidarität.
Das Heim wird so zum Mikrokosmos gesellschaftlicher Abhängigkeiten. Die männliche Welt bleibt abwesend und taub für das Schicksal dieser Frauen – was bleibt, ist das Mit- und Gegeneinander unter den Zurückgelassenen. Frau Uffenbacher, die das Elend verwaltet, steht dabei exemplarisch für die Macht, die aus Not entsteht: Sie profitiert vom Leid anderer, hält Disziplin aufrecht und verdient an jeder Geburt. Gleichzeitig umgeben die Frauen im Dorf eine fast groteske „Pflegeindustrie“, in der Neugeborene gegen Geld weitergegeben werden – ein System, das das moralische Elend der Zeit bloßlegt.
Doch Reuter geht über Anklage hinaus. In Cornelies Weg liegt etwas Hoffnungsvolles: Sie findet, trotz aller Erniedrigung, zu einer neuen Form von Selbstbewusstsein. Sie entdeckt, dass Unabhängigkeit nicht in Rückzug, sondern in Verbindung liegt – in der Kraft, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Damit wird „Das Tränenhaus“ zu mehr als einem historischen Roman: Es ist eine frühe Studie über weibliche Selbstwerdung und gegenseitige Stärkung.
Der Schreibstil war für mich gewöhnungsbedürftig aber als ich mich einmal eingelesen habe, habe ich diesen Roman als ein ergreifendes Porträt einer Gemeinschaft, die aus Scham geboren ist und in Mitgefühl wächst. Die einzelnen Schicksale haben mich berührt und aufgeregt. Ich danke dem Reclam Verlag, dass er das Buch neu aufgelegt hat denn es ist ein weiteres literarisches Dokument gegen das Vergessen, dass zeigt, wie nah historische Zwänge und aktuelle Fragen nach weiblicher Selbstbestimmung beieinander liegen.

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Veröffentlicht am 15.04.2026

Ein Neuanfang

Dieser Sommer gehört mir
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Dies war mein erstes Buch der Autorin und ich habe ihr Buch sehr gern gelesen. Die Geschichte ist herzlich, es gibt wunderschöne Landschaftsbeschreibungen und der Schreibstil ist mitreißend, warmherzig ...

Dies war mein erstes Buch der Autorin und ich habe ihr Buch sehr gern gelesen. Die Geschichte ist herzlich, es gibt wunderschöne Landschaftsbeschreibungen und der Schreibstil ist mitreißend, warmherzig und bildhaft.
Im Roman begegnen wir Charlotte, die sich von ihrem Mann getrennt hat, mit ihm aber noch zusammen unter einem Dach lebt, die beiden Töchter sind gerade auf Auslandsjahr. Charlotte ist zu Beginn der Geschichte ein Luxusweibchen, die immer auf der Sonnenseite des Lebens steht, noch nie wirklich etwas geleistet hat, sondern ihre Zeit am liebsten mit Feiern und schönen Dingen verbringt. Ihre Anspruchshaltung hat sie mir ziemlich unsympathisch gemacht. Nichts desto trotz konnte ich ihre Wünsche nach Neuanfang gut nachvollziehen – ihr Kinderbekleidungsladen macht ihr keine Freude mehr, seit ihre eigenen Kinder groß sind, ihre Freundinnen haben alle eine Leidenschaft, für die sie brennen und ihre Mädchen beziehen sie nicht mehr in ihr Leben ein. In dieser Lebenssituation trifft sie zwei sehr spontane Entscheidungen, sie übernimmt eine Kneipe und zieht zu 2 Männern in ein Tiny Haus, nachdem ihr Noch-Ehemann ihr vorsichtig klargemacht hat, dass es nicht üblich ist, nach einer Trennung noch ewig zusammenzuleben und das Haus nun mal ihm gehört. Beide Entscheidungen hätte ich so nicht getroffen aber wenigstens bewegt sich Charlotte und ihr Zweifeln, ihr Suchen, ihre Freude und Trauer… der ganze Weg, den sie geht, haben mich berührt.
Ein zweiter Erzählstrang erzählt von der jüngsten Tochter Leni, die gerade ihr Auslandsjahr in England begonnen hat, zu dem sie von ihrer Mutter überredet wurde und die ebenfalls mit allerlei Problemen zu kämpfen hat. Im Gegensatz zu ihrer Mutter war mir Leni unglaublich sympathisch und hat mich in ihrem Denken und Handeln sehr an meine beiden Kinder im selben Alter erinnert.
Es hat insgesamt wirklich Spaß gemacht, die Entwicklung von Mutter und Tochter zu verfolgen, die sich entfernen und dann wieder annähern, die beide mit ähnlichen Themen zu kämpfen haben, sich nur eben in anderen Stadien ihres Lebens befinden.
Wer einen leichten Unterhaltsroman sucht, der sich wunderbar für die Liege am Strand eignet, von Neuanfängen handelt und mehr Wert auf die Atmosphäre als auf die Geschichte an sich legt, der ist mit diesem Buch gut beraten.

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Veröffentlicht am 15.04.2026

Mutige Entscheidungen

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Die 25jährige Studentin Sophie war schon immer eine, „aus der mal was wird“. Während sie aber in ihrem Praktikum vor Exceltabellen dahindümpelt, trifft sie eine ziemlich spontane und unüberlegte Entscheidung ...

Die 25jährige Studentin Sophie war schon immer eine, „aus der mal was wird“. Während sie aber in ihrem Praktikum vor Exceltabellen dahindümpelt, trifft sie eine ziemlich spontane und unüberlegte Entscheidung – sie kauft auf ebay-Kleinanzeigen ein verfallenes Haus in der ostdeutschen Pampa. Und um die Sache noch schlimmer zu machen, bricht sie alle Brücken hinter sich ab, kündigt ihr WG-Zimmer und macht sich nur mit einem Rucksack und ihrem Fahrrad mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg. Im Laufe der Geschichte begleiten wir Sophie nicht nur beim Streichen von Wänden, Schleifen von Dielen, Anlegen eines Kartoffelackers und dem Verpflegen von Hühnern, sondern auch bei ihrem inneren Wachstum. Dieses zu verfolgen, hat mir großes Vergnügen bereitet. Ich habe Sophies Mut bewundert, ihr Durchhaltevermögen, ihr Angst-Besiegen. Sie erkennt, dass sie was mit den Händen machen will und ihren eigenen Intentionen vertrauen muss, weil die sie schon auf den richtigen Weg führen werden.
Mir hat an dem Buch fast alles gefallen (den Nazi-Part hätte man sich schenken können) - der direkte, witzige, unbeschwerte Schreibstil, mit vielen leisen Tönen, die Charaktere – allen voran Sophie, mit der ich wirklich mitfühlen konnte -, die Landschaft, die Geschichte! Nichts wird beschönigt: Das Aussteigen ist hier nicht Vanlife pur mit Lichterketten und Traumfängern am Strand bei Sonnenuntergang, sondern die Angst, die Unsicherheit, der Dreck und die harte Arbeit werden genau als das benannt, was sie sind.
Nur, dass Sophie ihre Eltern so außen vorlässt, schmerzt mich als Mutter 2er fast erwachsener Kinder sehr, zumal sie selbst sagt, dass ihre Eltern sie mit Sicherheit unterstützt hätten. Ich wünsche mir sehr, dass meine Kinder mehr Vertrauen zu mir haben werden, wenn es mal so weit sein sollte.
Am Ende steht die Erkenntnis:
„Ich muss gar nichts, außer zu leben.“ Seite 340
Für diesen wirklich außergewöhnlichen Debütroman vergebe ich gern 5 Sterne und eine große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 15.04.2026

Wie sehr prägt uns unser Name?

Die Namen
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Das Buch hat mich in ein wahres Gefühlschaos geschickt! „Die Namen“ erzählt drei komplett unterschiedliche Geschichten, ausgehend von derselben Basis - Cora, die Mutter, Gordon, der Vater und Maia, die ...

Das Buch hat mich in ein wahres Gefühlschaos geschickt! „Die Namen“ erzählt drei komplett unterschiedliche Geschichten, ausgehend von derselben Basis - Cora, die Mutter, Gordon, der Vater und Maia, die 9jährige Schwester. Jeder wünscht sich einen anderen Namen für das Baby und je nachdem, welchen Namen der kleine Junge bekommt, ergeben sich drei völlig unterschiedliche Leben - nicht nur des Jungen, sondern auch von Mutter, Vater und Schwester. Die Geschichte wird in Sieben-Jahresschritten über insgesamt 35 Jahre erzählt, dieser Aufbau hat mir sehr gut gefallen, er ist komplex und die 3 Geschichten sind klug konstruiert.

Es passiert wahnsinnig viel! Dadurch bleibt zwar die Tiefe der Figuren auf der Strecke - es ist eher so, als würde der Leser immer mal wieder vorbeischauen und einen Blick auf die Personen erhaschen - aber das wertet die Geschichte mitnichten ab. Gerade weil man für die Zwischenjahre seine eigene Phantasie bemühen muss, dafür von der Autorin allerdings viele Hinweise bekommt, die sie so unglaublich gut in die Erzählung einfließen lässt, macht dieses Buch zu etwas ganz Besonderem! Dazu die clevere Verflechtung der drei Erzählstränge... Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum dieser Roman als der beste Debütroman seit langem beworben wird.
Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, jedes Mal, wenn ich das Gefühl hatte, dass jetzt das Schlimmste passiert ist, kam eine neue überraschende Wendung
Das Buch ist keine leichte Kost, der Inhalt ist schwer verdaulich, und doch empfehle ich dieses komplexe Buch! Ich werde den liebenswerten Bear, den sensiblen Künstler Julien, Gordon jun., der am Ende der Geschichte über sich hinauswächst, Cora, die immer ihre Kinder beschützt und Gordon sen., der so ein unglaublich manipulatives gewalttätiges Ekelpaket ist, auch so nicht vergessen.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Ich wünsche Erika einen Neuanfang

Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?
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Erika und Jan sind beide 65, seit über 40 Jahren verheiratet, haben einen erwachsenen Sohn. Ihre Beziehung ist respektvoll aber seit 8 Jahren ohne körperliche Nähe. Alles schon tausendmal gehört. Was die ...

Erika und Jan sind beide 65, seit über 40 Jahren verheiratet, haben einen erwachsenen Sohn. Ihre Beziehung ist respektvoll aber seit 8 Jahren ohne körperliche Nähe. Alles schon tausendmal gehört. Was die Geschichte von anderen abhebt, ist, dass sich in diesem Fall Erika nach Sex sehnt und Jan derjenige ist, der ihn verwehrt. Als er ihr in einem Urlaub dann gesteht, dass er bereits seit anderthalb Jahren ein Verhältnis zu einer deutlich jüngeren Frau hat, die beide kennen und die, laut Erika, deutlich unattraktiver ist als sie selbst, zieht das Erika den Boden unter den Füßen weg. Was nun kommt, haben viele von uns schon erlebt – Erika sitzt in einer Achterbahn der Gefühle, wütet, zweifelt, stalkt die Geliebte, kämpft um ihre Ehe. Schließlich begeben sich die Eheleute in Therapie. Aber macht das wirklich Sinn, die Beziehung ohne körperliche Liebe – denn Jan bleibt bei seiner Einstellung, dass er sich keine körperliche Liebe mehr mit seiner Frau mehr vorstellen kann und an der Beziehung zu seiner Geliebten festhalten will – fortzusetzen? Erika stellt sich viele Fragen und lässt die Leserin daran teilhaben. Ihre Gedanken springen hin und her und manchmal hat mich ihr selbstverletzendes Verhalten richtig geschmerzt. Ich hätte ihr am liebsten zugerufen: „Warum gehst Du nicht und suchst Dir einen Mann, der dich will?“ Immerhin kommen ihr diese Gedanken zwischendurch selbst, das lässt mich hoffen.
Das Büchlein, dessen Cover mich richtiggehend angezogen hat, liest man schnell durch, der Text ist fesselnd und ich habe mich oft in Erikas klugen Gedanken wiedergefunden. Was mir nicht so gut gefallen hat, waren die derbe Wortwahl bei Erikas Sexgedanken, damit habe ich mich unwohl gefühlt, was vielleicht mehr über mich als über Wencke Mühleisen aussagt. Die Autorin spricht Klartext, drastisch, konsequent und ehrlich. Manchmal auch witzig. Ich konnte ihren inneren Kampf fühlen und das macht den Roman zu einem, der berührt und manchmal auch weh tut.

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