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Veröffentlicht am 19.03.2018

Im Schatten der goldenen Akazie

Im Schatten der goldenen Akazie
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Australien zum Ende des 19. Jahrhunderts: Nachdem die Schwestern Catherine und Victoria Wagner ihre Mutter durch einen tragischen Unfall verloren und sich ihr Vater in seiner Trauer verschließt, haben ...

Australien zum Ende des 19. Jahrhunderts: Nachdem die Schwestern Catherine und Victoria Wagner ihre Mutter durch einen tragischen Unfall verloren und sich ihr Vater in seiner Trauer verschließt, haben sie nur noch einander. Als der Opalschürfer Luke als Zuckerrohrschneider nach Amber's Joy kommt und eine Liebelei mit Catherine beginnt, erleben beide Schwestern eine schmerzvolle Enttäuschung, und ihre Wege trennen sich. Es vergehen viele Jahre, und es muss viel geschehen, damit Catherine und Victoria wieder zueinander finden.

Hannover, etwa hundert Jahre später: Auch hier geht es um zwei Schwestern. Franziska und Alina Lindhoff haben früh ihre Eltern verloren, und Franziska, die ältere, musste bereits in jungen Jahren Verantwortung für ihre jüngere Schwester übernehmen. Nach einer schweren Enttäuschung, die das Verhältnis der Geschwister stark belastet, beschließt Franziska kurzfristig, nach Australien zu reisen. Einen alten Brief ihrer Großtante Ella, die sie Jahre zuvor eingeladen hatte, hat sie im Gepäck und besucht die ältere Dame. Ella ist auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, und Franziska hilft ihr dabei. Während ihrer Recherchen zu Ellas und damit auch zu ihrer eigenen Familiengeschichte, entdeckt sie so mancherlei Geheimnisse und auch Tragödien. Die gemeinsame Suche stärkt das Band zwischen Ella und ihrer Großnichte, aber dann scheinen ihre Pläne kurz vor dem Ziel zu scheitern. Wird es Franziska gelingen, auch das letzte Familiengeheimnis zu lüften?

In dieser faszinierenden Familiengeschichte geht es immer wieder um das Verhältnis zweier Schwestern. Sind es im 19. Jahrhundert Catherine und Victoria, so scheint sich das Schicksal auch in der Gegenwart zu wiederholen, denn zwischen Franziska und Alina herrschen ebenfalls negative Gefühle und Spannungen. Wie sich herausstellt, hatte auch Großtante Ella eine Schwester, und auch da war das Verhältnis nicht zum Besten, sondern von Enttäuschungen geprägt. Auf zwei Zeitebenen erlebt man die Entwicklung mit, wie es zum jeweiligen Bruch zwischen den Schwestern kam und auch, wie sie sich langsam wieder aufeinander zu entwickeln. Beide Erzählstränge haben mich fasziniert. In der Handlung, die im 19. Jahrhundert spielt, erfährt man viel über die Zuckerrohrplantage der Wagners, die damals als Einwanderer nach Australien kamen. Es ist kein leichtes Leben, das sie führen, sondern es ist arbeits- und entbehrungsreich. Der Tod von Amber Wagner hinterlässt eine Lücke, die sich nicht schließen lässt. Er reißt eine Kluft zwischen die Schwestern und ihren Vater, der sich gehen lässt und auf dem besten Weg ist, die Plantage und damit den Lebensunterhalt für seine Familie zu verlieren.

In der Gegenwart muss Franziska wieder lernen, anderen Menschen zu vertrauen. Nach allem, was sie gerade erst erlebt hat, fällt ihr das nicht leicht. Ihre Recherchen, gemeinsam mit ihrer Großtante, zur Familiengeschichte führt sie ebenfalls nach Amber's Joy. Nach und nach findet sie zu sich selbst, und es gelingt ihr, zu vertrauen und zu vergeben.

Die verschiedenen Charaktere sind auf beiden Zeitebenen detailliert ausgearbeitet, und man kann die Gefühle der Protagonisten nachvollziehen. Besonders Franziska, ihre Handlungen und Reaktionen, konnte ich sehr gut verstehen. In der Vergangenheit wie in der Gegenwart begegnet man auch Aborigines, und immer hatte ich das Gefühl, dass diese Menschen mehr sehen und anderen tief in die Seele schauen können. Sie, die rücksichtslos aus ihrer Heimat vertrieben wurden und bei den meisten weißen Einwanderern ein geringes Ansehen genießen, verfügen über eine anrührende Herzlichkeit und einen bewundernswerten Weitblick.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Tatsache, dass es in dem Handlungsstrang der Gegenwart eine sehr eigenwillige Katze gibt. Diese starken Katzencharaktere sind ein Markenzeichen der Autorin und für mich aus ihren Romanen nicht wegzudenken. Aber in diesem Buch gibt es eine Besonderheit, denn im Erzählstrang zur Vergangenheit bekommen Christiane Linds Katzen eine starke Konkurrenz in Form eines Hundes. Es ist ein Blue Heeler mit Namen Cookie, der treue Begleiter von Victoria, der einen ganz besonderen Charme hat. Obwohl ich eigentlich eher ein „Katzenmensch“ bin, habe ich den kleinen tapferen Kerl sofort in mein Herz geschlossen.


Zwischenmenschliche Emotionen kommen in der gesamten Handlung sehr ausdrucksstark zur Geltung. Mich hat dieser Roman von Anfang bis Ende gefesselt, und das Schicksal der Frauen in beiden Jahrhunderten hat mich tief berührt. Die bewegende Handlung, eingebettet in wundervolle Landschaftsbeschreibungen, hat mich nachhaltig beschäftigt. Es ist wunderschön, wie Christiane Lind alles zu einem Abschluss bringt, der zufrieden macht und rund ist.

Veröffentlicht am 18.03.2018

Die Sanfte

Die Sanfte
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Schon im Vorwort erfährt man, dass sich die junge, sanfte Frau des Pfandleihers aus dem Fenster gestürzt hat. Der Ich-Erzähler, der Pfandleiher selbst, führt einen Monolog, in dem er die Umstände und die ...

Schon im Vorwort erfährt man, dass sich die junge, sanfte Frau des Pfandleihers aus dem Fenster gestürzt hat. Der Ich-Erzähler, der Pfandleiher selbst, führt einen Monolog, in dem er die Umstände und die Vorgeschichte erklärt. Er ist bereits über vierzig, seine junge Frau war gerade einmal sechzehn. Als er um sie warb, geschah das wohl eher aus Zweckmäßigkeit. Zu dieser Zeit lebte sie bei ihren Tanten, für die sie mehr Bedienstete als Nichte darstellte. Sie sollte mit einem alten Krämer verheiratet werden. Indem sie den Pfandleiher nahm, wählte sie das kleinere Übel. Die Ehe verlief weitgehend in lähmender Stille. Mit seinem Schweigen signalisierte der Erzähler Strenge, denn er wollte seine junge Ehefrau unterwerfen. Als diese sich wehrt, wenn auch auf sehr sanfte Art, erkennt er wohl erst, dass er sie liebt. Er hat viel falsch gemacht in dieser Beziehung. Als er Reue zeigt und ihr gesteht, was er für sie empfindet, sieht es fast danach aus, als würde endlich Frieden in die Beziehung einkehren, aber dass dem nicht so ist, weiß man als Leser ja bereits aus dem Vorwort. Das Ende der „Sanften“ ist tragisch und bewegend, und man erkennt in der Erzählung des Pfandleihers dessen Reue und Erschütterung, auch wenn diese mit einer Menge Rechtfertigung einher geht.
Obwohl sprachlich sehr beeindruckend, hat mich die Erzählung nicht vollkommen überzeugt, denn so ganz konnte ich das Motiv der jungen Frau nicht erkennen. Mit der Heiligenfigur, die sie bei ihrem Sprung aus dem Fenster in Händen hielt, hat Dostojewski vermutlich in seiner Erzählung eine Parallele zu einer Heiligenlegende aufgezeigt. Die Geschichte enthält mehrere Botschaften, und einige, wenn auch nicht alle, sind bei mir angekommen und haben mich zum Nachdenken gebracht.

Veröffentlicht am 18.03.2018

Ein wundervoller historischer Krimi mit einem ganz besonderen Protagonisten und einem bis zuletzt fesselnden Plot.

Tulpengold
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Für ihren neuesten historischen Roman hat sich Eva Völler einen sehr interessanten Hintergrund ausgesucht, denn die Geschichte spielt zu der Zeit, als in Amsterdam das „Tulpenfieber“ grassierte. Jeder, ...

Für ihren neuesten historischen Roman hat sich Eva Völler einen sehr interessanten Hintergrund ausgesucht, denn die Geschichte spielt zu der Zeit, als in Amsterdam das „Tulpenfieber“ grassierte. Jeder, der einigermaßen das Geld dafür hatte, spekulierte plötzlich in Tulpenzwiebeln. Es wurden regelrecht Auktionen abgehalten, bei denen es zuging wie an der Börse. In dieser Zeit kommt Pieter als neuer Lehrling zu Rembrandt van Rijn. Pieter ist ein außergewöhnlicher junger Mann. Schon nach wenigen gelesenen Seiten vermutete ich autistische Züge bei ihm, und die Autorin bestätigt dies auch in ihrem Nachwort, dass man bei dem Protagonisten heutzutage vermutlich das Asperger Syndrom feststellen würde. Das ist wohl auch der Grund für Pieters Inselbegabungen, wie man es heutzutage nennt, denn der Junge hat nicht nur großes künstlerisches Talent, sondern seine Leidenschaft gehört daneben der hohen Mathematik. Was ihm dagegen weitgehend fehlt, ist Empathie. Er tut sich schwer damit, Emotionen bei seinem Mitmenschen zu erkennen und ihre Reaktionen einzuschätzen. Dieses mangelnde Gefühl versucht der junge Mann durch höchst komplizierte Berechnungen auszugleichen. Rembrandt erkennt die genialen zeichnerischen Fähigkeiten seines neuen Lehrlings sehr schnell, allerdings hat der Maler andere Probleme. Es kommt zu mehreren Todesfällen, und die Toten haben einiges gemeinsam. Einerseits sind sie alle Tulpenhändler, und sie waren alle Kunden bei Rembrandt, wollten sich vom Meister porträtieren lassen. Auch die Art, wie sie zu Tode gekommen sind, ist gleich und lässt auf Mord schließen. Rembrandt gerät unter Verdacht, denn einige seiner Handlungen sind verdächtig, und er hätte auch ein stichhaltiges Motiv, sich von den verstorbenen Männern trennen zu wollen.
Pieter nutzt sein mathematisches Genie und erstellt Berechnungen und Diagramme. Er hat sich in den Kopf gesetzt, damit den wahren Täter zu entlarven.

Pieter ist ein ganz besonderer Protagonist, der durch seine Eigenheiten nicht immer leicht zu verstehen ist, den ich aber innerhalb kürzester Zeit ins Herz geschlossen habe. Die Art, wie ihn die Autorin beschreibt, ist einfach genial und sehr realistisch. Zur damaligen Zeit war der Begriff „Autismus“ noch unbekannt, und die Menschen betrachteten Pieter wohl einfach als Sonderling. Im Haus seines Lehrherrn stößt Pieter nicht gerade auf viel Verständnis, zu fremd ist den anderen Mitgliedern des Haushalts seine Wesensart. Manch einer, der ihm freundlich entgegenkommt, will ihn in Wahrheit nur ausnutzen. Aber er lernt doch einige Menschen kennen, die sich für ihn interessieren und ihm ehrliches Verständnis entgegenbringen.
Dieser historische Krimi mit seiner vielschichtigen Handlung hat mich von Anfang an gefesselt und nicht mehr losgelassen, denn es gibt so vieles darin zu entdecken. Die beschriebene Zeit mit dem plötzlichen Run auf Tulpenzwiebeln, die Auswirkungen sowie Pieters Berechnungen und Prognosen dazu, fand ich äußerst spannend. Auch die intensiven Einblicke, die man zur damaligen Malerei erhält, sind sehr lehrreich und informativ. Man lernt vieles über die Vorgehensweise und die Gewinnung der benötigten Farben, und es werden Einzelheiten erklärt, die mich künftig alte Gemälde noch einmal mit ganz anderen Augen betrachten lassen.
Bei den Kriminalfällen folgt man so mancher falschen Spur, denn für mich war die Lösung ganz und gar nicht vorhersehbar. Nicht alles ist so wie es scheint, und in jedem Kapitel warteten neue Überraschungen.
Nicht zuletzt haben es mir die verschiedenen Charaktere angetan, die so treffend und lebendig dargestellt sind. Da sind neben Pieter natürlich Rembrandt und die Mitglieder seines Haushalts, von denen jeder so seine Geheimnisse hat. Aber auch andere Maler und die Tulpisten, die in der Geschichte eine Rolle spielen, sind sehr ausführlich gezeichnet, auch wenn sie sich nicht immer von ihrer besten Seite zeigen. In der jungen Schankwirtin Mareikje und dem Arzt Dr. Bartelmies hat Pieter verständnisvolle Freunde gefunden – oder scheint das nur so?
Der Roman ist wundervoll und abwechslungsreich von der ersten bis zur letzten Seite. Man ist nie vor Überraschungen sicher, und immer spielt da auch ein Quäntchen Humor mit. Ich habe dieses wunderbare Buch mit einem lachenden und einem weinenden Auge beendet. Das weinende Auge, weil es nun schon ausgelesen ist und es mir schwer fiel, mich von Pieter und seiner Geschichte zu verabschieden, und das lachende Auge, weil mir diese so ausgesprochen gut gefallen hat. Der Schluss ist ausgewogen und eine Mischung aus fertigen Lösungen und Erklärungen, dabei aber auch reichlich Platz für eigene Gedanken und Träumereien. Sicher wird es für mich nicht beim einmaligen Lesen bleiben, denn ich denke, bei einem Re-Read gibt es noch viel zu entdecken, was man beim ersten Mal vielleicht ganz übersehen hat. Auf jeden Fall ist dieser Roman schon jetzt ein großer Anwärter für meine Jahresfavoriten.

Veröffentlicht am 13.03.2018

Wahrheit oder Pflicht

Rosenstengel
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Dieser Roman ist außergewöhnlich, schon was die äußere Gestaltung angeht. Das pinkfarbene Cover mit einem Bild und Schriftzügen in kupfer-metallic fällt sofort ins Auge. Auf den inneren Buchdeckeln findet ...

Dieser Roman ist außergewöhnlich, schon was die äußere Gestaltung angeht. Das pinkfarbene Cover mit einem Bild und Schriftzügen in kupfer-metallic fällt sofort ins Auge. Auf den inneren Buchdeckeln findet man Karten der Schauplätze, vorne zur Handlung im 19. Jahrhundert und hinten zu den dokumentierten Ereignissen im 18. Jahrhundert. Es ist ein Briefroman, bestehend aus den Korrespondenzen der involvierten Personen, die im übrigen wirklich existierten. Der guten Übersicht halber sind die Briefe zur Zeit des Anastasius Rosenstengel in braun gedruckt, ebenso wie die dazu gehörende Landkarte. Die Korrespondenz zur Zeit Ludwigs II. und auch hier die passende Karte sind in blau gedruckt. Diese schöne Ordnung setzt sich auch im Anhang, bei der Bibliographie und den Kurzbiographien fort. Eine Übersicht aller 252 Briefe ist hier ebenfalls vorhanden, und auch da kann man genau sehen, welches Schreiben zu welchem Handlungsstrang gehört.
Es ist nicht einfach zu lesen, denn die Briefe sind sprachlich den entsprechenden Zeiten angepasst, in denen sie geschrieben wurden. Man benötigt etwas Geduld, um sich in die verschiedenen Sprachstile der beiden Zeitebenen hinein zu finden, und es ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, denn die Handlung erschließt sich dem Leser ausschließlich durch die Briefe, die zwischen den Persönlichkeiten hin und her gehen.
Den Rahmen des Romans bilden die letzten zwanzig Monate im Leben Ludwigs II., bis zu seinem mysteriösen Tod im Starnberger See. Ludwig ist einerseits fasziniert von den Forschungen seines Arztes Franz Müller, der sich mit dem Schicksal der Catharina Linck befasst, die unter dem Namen Anastasius Rosenstengel ein Leben als Mann führte. Durch den Briefwechsel wird einem auch bald klar, dass sich König Ludwig in seinen Arzt verliebt hat. Seine Briefe sprechen klare Worte, und auch Müller ist gefangen in dem Verhältnis zu seinem König und Geliebten. Schnell wird deutlich, dass dem König die Entmachtung droht, denn sein Streben nach Schönheit und Kunst, dem er immer wieder im Bauen teurer Schlösser nachgibt, ist einigen Staatsmännern ein Dorn im Auge.
Was an den Briefen der Realität entspricht und was die Autorin erfunden hat, ist nie so ganz zu durchschauen. Auf jeden Fall sind Wahrheit und Fiktion hier sehr geschickt und raffiniert miteinander verschmolzen. Einiges klärt die Autorin in den Kurzbiographien auf, anderes muss man eben einfach so stehen lassen, denn auch wenn die Protagonisten allesamt historische Persönlichkeiten waren, so ist die Handlung, trotz vieler realer Details, im Gesamten doch erfunden.
Die verschiedenen Briefwechsel geben tiefe Einblicke in die Sichtweise der Menschen zur damaligen Zeit. Zwischen den Schicksalen der Protagonisten auf beiden Zeitebenen gibt es gewisse Parallelen, so waren beispielsweise sowohl Catharina Linck als auch Ludwig II. homosexuell veranlagt, was in früheren Jahrhunderten als krankhaft galt. Die Einstellung der damaligen Ärzte Dr. Gudden und Dr. Westphal zu diesem Thema hat mir des öfteren eine Gänsehaut beschert. Auch die Behandlungsmethoden, die zum Teil in den Briefen thematisiert werden, lassen uns heute gruseln.
Wie gesagt, die 252 Briefe, die sich hier zu einem Ganzen fügen, lassen sich nicht einfach schnell nebenher lesen. Man sollte sich wirklich Zeit nehmen, um in die Handlung einzutauchen. Es lohnt sich auf jeden Fall. In den 384 Seiten dieses Buches steckt eine enorme Recherchearbeit und sehr viel Fingerspitzengefühl, denn die Art und Weise, wie hier schriftliche Fragmente zu einem harmonischen und verständlichen Ganzen zusammengefügt wurden, ist ein wahres Meisterstück.
Dass Angela Steideles Debütroman mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichnet wurde, kommt nicht von ungefähr!

Veröffentlicht am 12.03.2018

Winterblüte

Winterblüte
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Der größte Teil der Handlung spielt sich, während der Adventszeit im Jahr 1900, im Umfeld der Familie Baabe ab, die im Ostseebad Heiligendamm ein Gästehaus betreibt. Als Christian, der Sohn des Hoteliers, ...

Der größte Teil der Handlung spielt sich, während der Adventszeit im Jahr 1900, im Umfeld der Familie Baabe ab, die im Ostseebad Heiligendamm ein Gästehaus betreibt. Als Christian, der Sohn des Hoteliers, eine bewusstlose junge Frau am Strand findet, die offensichtlich Schiffbruch erlitten hat, wirft dies einige Fragen auf, denn die Gerettete kann sich an nichts erinnern, nicht einmal an ihren Namen. Die Mitglieder der Familie Baabe verhalten sich der jungen Frau gegenüber recht unterschiedlich. Christian fühlt sich von Anfang an für sie verantwortlich, weil er sie ins Haus gebracht hat. Er möchte ihr helfen, die Erinnerung wieder zu erlangen, und je öfter er mit ihr zusammen ist, umso stärker fühlt er sich zu ihr hingezogen. Johanna, Christians Schwester, sucht ihre Nähe, mit dem Wunsch, in der Fremden eine Freundin zu finden. Auch wenn diese nicht weiß, wie sie heißt oder woher sie kommt, so ist ihr aber ein Brauch in Erinnerung, der mit einem kleinen Zweig zusammenhängt, den die Schiffbrüchige in ihren Händen hielt, als Christian sie fand. Sie weiß sehr genau, dass es sich dabei um einen Barbarazweig handelt. Obstbaumzweige, die am 4. Dezember geschnitten und ins Wasser gestellt werden, sollen Glück bringen, wenn sie an Weihnachten blühen. Glück können beide jungen Frauen brauchen: Johanna, weil sie nach dem Willen ihrer Eltern eine Zweckheirat eingehen und eine gute Partie machen soll, obwohl sie in einen anderen Mann verliebt ist, den ihre Eltern jedoch nie und nimmer als Ehemann für sie akzeptieren würden, weil er einer Familie angehört, die seit Urzeiten mit den Baabes verfeindet ist.
Ihre neue Freundin, die von Johanna kurzerhand „Barbara“ genannt wird, wegen des Zweigs, den sie bei sich hatte, wünscht sich nichts sehnlicher als ihre Erinnerung zurück zu gewinnen.
Herr Baabe, der Vater des Geschwisterpaars, hat Mitleid mit Barbara und möchte alles versuchen, ihr zu helfen und etwas über ihre Herkunft in Erfahrung zu bringen, während seine Frau ganz und gar nicht mit dem neuen Hausgast einverstanden ist. Ihre Abneigung, die sie der jungen Frau entgegenbringt, kann man erst mit der Zeit ein wenig nachvollziehen, wenn man mehr über sie erfährt. In ihrem Bestreben, Barbara schnellstmöglich wieder loszuwerden, setzt sie Ereignisse in Gang, die sich bald als verhängnisvoll erweisen.
Die Charaktere des Romans sind alle sehr klar und gut ausgearbeitet. Johanna und Christian waren mir vom ersten Moment an sympathisch. Über die Eltern mit ihrem Standesdünkel konnte ich manchmal nur den Kopf schütteln, aber eine derartige Einstellung gab es sicher damals in vielen Köpfen. Obwohl Herr Baabe ein eher friedliebender, gerechter Mensch zu sein scheint, hat er so seine Probleme, was ein altes Familiengeheimnis angeht, mit dem auch die Feindschaft zu jener anderen Familie zusammenhängt, in deren Sohn Johanna verliebt ist.
Während die Geschwister Baabe darauf hoffen, ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen und ihre große Liebe heiraten zu dürfen, sieht es in der Gefühls- und Gedankenwelt ihrer Eltern ganz anders aus. Da gewinnen negative Gefühle die Oberhand, und so manche Handlung wird von Misstrauen und Eifersucht, von Neid und Hass angetrieben. Merete Brettschneider liest dieses Hörbuch sehr ausdrucksvoll und verleiht den Protagonisten mit verschiedenen Stimmlagen Charakter. Ich habe ihr nur allzu gerne zugehört, und das Hörbuch war leider viel zu schnell zu Ende. Neben der kurzweiligen, facettenreichen Handlung hat mir auch gefallen, dass man einiges über das damalige gesellschaftliche Leben des eleganten Ostseebads Heiligendamm erfährt.
Wie schon der Titel aussagt, spielt die Geschichte im Winter, genauer gesagt in der Adventszeit und endet an Weihnachten. Das ist ja auch schon in Hinblick auf die Barbarazweige klar, die im Roman ihre eigene, besondere Rolle spielen. Ob die Zweige bis Weihnachten blühen und ob sich damit die Hoffnungen der beiden jungen Frauen erfüllen, verrate ich natürlich hier nicht, denn das muss jeder Leser oder Hörer dieses schönen und stimmungsvollen Romans selbst herausfinden.