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Veröffentlicht am 01.02.2026

Beeindruckende Verbindung von Fiktion und Realität

Turmschatten
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Turmschatten – Peter Grandl
Taschenbuch, Piper Verlag 2022, 591 Seiten

In einem zur Wohnung umgebauten Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg hält Ephraim Zamir, Holocaust-Überlebender, drei Neonazis gefangen. ...

Turmschatten – Peter Grandl
Taschenbuch, Piper Verlag 2022, 591 Seiten

In einem zur Wohnung umgebauten Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg hält Ephraim Zamir, Holocaust-Überlebender, drei Neonazis gefangen. Über einen Livestream konfrontiert er sie mit ihren Verbrechen und überlässt es den Zuschauerinnen und Zuschauern, per Abstimmung über Leben oder Tod der Geiseln zu entscheiden. Parallel dazu läuft ein gewaltiger Befreiungsapparat an, der sich durch sämtliche Zuständigkeitsbereiche bis hin zum Innenminister zieht – begleitet von einem entfesselten Medienzirkus.

Peter Grandl widmet jeder Figur eigene Kapitel, ergänzt durch Rückblenden, die ihre Biografien und Motive offenlegen. Dadurch bleibt kein Charakter eindimensional: Der Leser betrachtet die Ereignisse immer wieder aus neuen Perspektiven. Nach und nach laufen alle Erzählstränge auf das Geiseldrama im Turm zu und verweben sich zu einem dichten Gesamtbild.

Besonders eindrucksvoll ist die Verbindung von Fiktion und Realität. Grandl greift reale Ereignisse wie das Gladbecker Geiseldrama auf und stellt so eine direkte Parallele zum medialen Umgang mit Gewalt und Sensation her.

Die Entwicklung der Figuren nimmt dabei mindestens ebenso viel Raum ein wie die Geiselnahme selbst. Immer wieder gerät man als Leser in moralische Konflikte: Sympathien entstehen, kippen, verschwinden – und lassen einen etwas ratlos zurück.

Für mich ist Turmschatten ein hochspannender Thriller, dessen Wirkung gerade durch den Bezug zur jüngeren Zeitgeschichte enorm verstärkt wird. Grandls klare, unaufgeregte Sprache trägt dazu bei, dass die fast 600 Seiten zu einem reinen Lesevergnügen für mich wurden.
Mehr als einmal musste ich mir bewusst machen, dass es sich um einen Roman handelt – so real und beunruhigend wirkt die Geschichte. Ich habe das Buch innerhalb von zwei Tagen verschlungen.

Sehr passend dazu ist Grandls eigene Erklärung zu seinem Erstlingswerk:

„Ich wollte eigentlich nie einen Thriller schreiben, sondern einen Tatsachenroman über die Entwicklung der rechten Szene in Deutschland nach dem Krieg. Während der Arbeit an dem Roman habe ich aber feststellen müssen, dass er nur all jene erreichen würde, die nicht mehr aufgeklärt werden müssen – das wäre sonst Eulen nach Athen tragen. Da entschloss ich mich, die Tatsachen in einen Thriller zu packen, um eine breite Leserschicht zu erreichen.“

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Veröffentlicht am 01.10.2023

Kein gewöhnlicher Krimi

Sommer bei Nacht
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Sommer bei Nacht, Jan Costin Wagner
2020, Galiani Verlag

Ein 5-jähriger Junge verschwindet spurlos von einem Flohmarkt an einer Schule. Niemand hat wirklich etwas bemerkt, lediglich Kameraaufnahmen zeigen ...

Sommer bei Nacht, Jan Costin Wagner
2020, Galiani Verlag

Ein 5-jähriger Junge verschwindet spurlos von einem Flohmarkt an einer Schule. Niemand hat wirklich etwas bemerkt, lediglich Kameraaufnahmen zeigen den Jungen in Begleitung eines Mannes.
Die beiden Ermittler, Ben Neve und Christian Sandner, erkennen allerdings bald einen Zusammenhang zu einem anderen Vermisstenfall.
Die Geschichte wird immer wieder im Wechsel zwischen den verschiedenen Personen geschildert, auch der Entführer kommt zu Wort, so dass schon sehr bald klar ist, dass es um Kindesmissbrauch geht
Die Sätze sind zunächst sehr kurz gehalten.
„Sie laufen. Er spricht. Er erklärt dem Jungen, warum sie laufen. Die grauen Wände der Häuser sind jetzt auf der anderen Seite, spiegelverkehrt. Alles ist anders, alles ist neu.“

Alle Personen in diesem Roman tragen eine schwere Last mit sich herum, jede von ihnen hat eine Geschichte, die sie nur im Inneren mit sich ausmachen.
Bereits im ersten Kapitel erfahren wir, welch düsteres Geheimnis Ben Neve mit sich herumträgt. Er ist ebenfalls pädophil veranlagt. Doch noch hat er die rote Linie nicht übertreten.

Kindesmissbrauch ist ein schweres, düsteres Thema.
Jan Costin Wagner wählt die Worte jedoch sehr mit Bedacht, nie wird man brutal mit den Ereignissen konfrontiert, niemals überschreitet er eine Grenze.

Wer einen gewöhnlichen Krimi erwartet, ist ob der Schreibweise des Autor vielleicht enttäuscht. Jan Costin Wagner wird auf dem Cover als Poet unter den Krimiautoren beschrieben - und so liest sich auch der Roman.

Ich musste mich an diesen Schreibstil zunächst gewöhnen, war mir nicht sicher, ob ich diese Schreibweise mag.
Dann hat mich die Geschichte gefangengenommen, vielleicht auch gerade wegen des besonderen Schreibstils.
Die Charaktere sind schlüssig dargestellt, man bekommt einen guten Einblick in ihre inneren Kämpfe.
Diese Kämpfe sind im Buch ebenso wichtig wie der eigentliche Fall, den es zu lösen gilt und bei dessen Ermittlung der Leser immer im Vorsprung ist.

„Sommer bei Nacht“ ist mein erstes Buch dieses Autors, aufmerksam geworden bin ich durch die Empfehlung des dritten Teils („Einer von den Guten“) durch Elke Heidenreich.
Ich empfehle, unbedingt alle drei Teile in der richtigen Reihenfolge zu lesen, da die Bücher sehr aufeinander aufbauen.
Generell ist „Sommer bei Nacht“ sicherlich empfehlenswert für Krimileser, die auch gute Literatur mögen.
Wer blutige, spannende Thriller bevorzugt, kommt wahrscheinlich nicht auf seine Kosten.