Beeindruckende Verbindung von Fiktion und Realität
Turmschatten – Peter Grandl
Taschenbuch, Piper Verlag 2022, 591 Seiten
In einem zur Wohnung umgebauten Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg hält Ephraim Zamir, Holocaust-Überlebender, drei Neonazis gefangen. ...
Turmschatten – Peter Grandl
Taschenbuch, Piper Verlag 2022, 591 Seiten
In einem zur Wohnung umgebauten Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg hält Ephraim Zamir, Holocaust-Überlebender, drei Neonazis gefangen. Über einen Livestream konfrontiert er sie mit ihren Verbrechen und überlässt es den Zuschauerinnen und Zuschauern, per Abstimmung über Leben oder Tod der Geiseln zu entscheiden. Parallel dazu läuft ein gewaltiger Befreiungsapparat an, der sich durch sämtliche Zuständigkeitsbereiche bis hin zum Innenminister zieht – begleitet von einem entfesselten Medienzirkus.
Peter Grandl widmet jeder Figur eigene Kapitel, ergänzt durch Rückblenden, die ihre Biografien und Motive offenlegen. Dadurch bleibt kein Charakter eindimensional: Der Leser betrachtet die Ereignisse immer wieder aus neuen Perspektiven. Nach und nach laufen alle Erzählstränge auf das Geiseldrama im Turm zu und verweben sich zu einem dichten Gesamtbild.
Besonders eindrucksvoll ist die Verbindung von Fiktion und Realität. Grandl greift reale Ereignisse wie das Gladbecker Geiseldrama auf und stellt so eine direkte Parallele zum medialen Umgang mit Gewalt und Sensation her.
Die Entwicklung der Figuren nimmt dabei mindestens ebenso viel Raum ein wie die Geiselnahme selbst. Immer wieder gerät man als Leser in moralische Konflikte: Sympathien entstehen, kippen, verschwinden – und lassen einen etwas ratlos zurück.
Für mich ist Turmschatten ein hochspannender Thriller, dessen Wirkung gerade durch den Bezug zur jüngeren Zeitgeschichte enorm verstärkt wird. Grandls klare, unaufgeregte Sprache trägt dazu bei, dass die fast 600 Seiten zu einem reinen Lesevergnügen für mich wurden.
Mehr als einmal musste ich mir bewusst machen, dass es sich um einen Roman handelt – so real und beunruhigend wirkt die Geschichte. Ich habe das Buch innerhalb von zwei Tagen verschlungen.
Sehr passend dazu ist Grandls eigene Erklärung zu seinem Erstlingswerk:
„Ich wollte eigentlich nie einen Thriller schreiben, sondern einen Tatsachenroman über die Entwicklung der rechten Szene in Deutschland nach dem Krieg. Während der Arbeit an dem Roman habe ich aber feststellen müssen, dass er nur all jene erreichen würde, die nicht mehr aufgeklärt werden müssen – das wäre sonst Eulen nach Athen tragen. Da entschloss ich mich, die Tatsachen in einen Thriller zu packen, um eine breite Leserschicht zu erreichen.“