Wer außergewöhnliche Bücher sucht kauft Knüwer!
Giftiger Grund„Giftiger Grund“ ist wieder einmal ein Beweis dafür, dass Thomas Knüwer zu den Autoren gehört, die man einfach nicht ignorieren kann. Sein Schreibstil ist außergewöhnlich – fast poetisch, bildstark, faszinierend. ...
„Giftiger Grund“ ist wieder einmal ein Beweis dafür, dass Thomas Knüwer zu den Autoren gehört, die man einfach nicht ignorieren kann. Sein Schreibstil ist außergewöhnlich – fast poetisch, bildstark, faszinierend. Die Sätze sitzen, die Wortwahl malt Bilder, und die Kapitel sind perfekt portioniert.
Der Roman erzählt aus drei unterschiedlichen Perspektiven: Joran, der frisch entlassene Ex-Häftling mit geballter Verzweiflung; Edda, das kleine Mädchen im Schlafanzug, das viel zu viel sieht; und Charu, die Lost-Places-Fotografin auf der Suche nach dem perfekten Bild. Zu Beginn wirken diese drei Leben wie drei völlig fremde Planeten – und genau das ist der Clou. Man fragt sich ständig: Wie zum Teufel sollen die je zusammenkommen und warum? Knüwer lässt einen lange im Dunkeln tappen, webt die Fäden aber mit großer Erzählkunst irgendwann doch zusammen. Das ist spannend, erschütternd und psychologisch vielschichtig.
Der eigentliche Kriminalfall – die Leiche im Kanalschacht – steht dabei gar nicht so sehr im Vordergrund. Die Morde und die Gewalt passieren eher in Nebensätzen, fast beiläufig. Der wahre Kern des Buches liegt in den zwischenmenschlichen Abgründen, in Trauma, Schuld, Einsamkeit und den winzigen, grausamen Momenten, in denen Menschen einander zerbrechen oder retten. Wer klassische Whodunit-Action oder rasante Ermittlungen sucht, wird hier enttäuscht sein. Wer jedoch Lust auf einen düsteren, introspektiven Psychothriller hat, der mehr über die Seele als über die Tat handelt, der bekommt hier etwas wirklich Besonderes.
Trotzdem: Ein kleiner Stern Abzug. Mir hat am Ende ein bisschen mehr … das kribbeln / die Spannung gefehlt. Die Auflösung ist stimmig und konsequent, aber sie hat mich nicht so richtig gepackt oder überrascht. Die psychologische Tiefe ist grandios, doch der Krimi-Anteil bleibt dadurch etwas blass.
Fazit: Kein „klassischer“ Krimi, sondern ein intensives, sprachlich brillantes Drama mit Verbrechen im Hintergrund. Wer Knüwers besondere Erzählkunst schon kennt und liebt, wird auch „Giftiger Grund“ feiern. Für mich ein starkes, ungewöhnliches Leseerlebnis.
Und ja, ich lese trotzdem jedes seiner Bücher sofort.