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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.07.2026

Oberflächlich

Alice im Land der Ideen
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Die Grundidee, Alice wie ihre berühmte Namensvetterin durch ein „Land der Ideen“ reisen zu lassen und dabei den großen Philosoph:innen zu begegnen, klang zunächst vielversprechend. Für mich funktionierte ...

Die Grundidee, Alice wie ihre berühmte Namensvetterin durch ein „Land der Ideen“ reisen zu lassen und dabei den großen Philosoph:innen zu begegnen, klang zunächst vielversprechend. Für mich funktionierte dieses erzählerische Konzept jedoch kaum. Das Setting wirkte zunehmend albern und schien vor allem dazu zu dienen, die eher oberflächlichen Erklärungen zu den einzelnen Denkern (!) aufzulockern. Darüber hinaus hatte die Rahmenhandlung für mich aber kaum eine eigene Funktion oder Entwicklung.

Auch inhaltlich blieb ich etwas enttäuscht zurück. Das Buch konzentriert sich fast ausschließlich auf den westlichen philosophischen Kanon. Nichteuropäische Denktraditionen tauchen nur als Exkurs und in Form von Religion auf. Gerade bei einer Frage wie „Wie sollen wir leben?“ hätte ich mir gewünscht, dass auch philosophische Konzepte wie Ubuntu oder Buen Vivir ihren Platz finden. Diese Perspektiven bieten spannende Antworten auf aktuelle Fragen des Zusammenlebens und der Klimakrise und hätten den Blick über Europa hinaus deutlich bereichert.

Wer einen literarisch gelungenen und gleichzeitig fundierten Einstieg in die westliche Philosophie sucht, ist meiner Meinung nach mit „Sophies Welt“ deutlich besser beraten. Und wer sich für konkrete Überlegungen zu einem verantwortungsvollen Leben in der Gegenwart interessiert, findet bei Timothy Snyder wesentlich inspirierendere Denkanstöße als in diesem Buch. Schade!

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Veröffentlicht am 26.06.2026

Warmherzige Familiengeschichte

Ein Riesenspaß für die ganze Familie
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Familiengeschichten ziehen mich fast immer in ihren Bann und auch „Ein Riesenspaß für die ganze Familie“ hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Im Mittelpunkt stehen vier Geschwister, die sich über Jahre ...

Familiengeschichten ziehen mich fast immer in ihren Bann und auch „Ein Riesenspaß für die ganze Familie“ hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Im Mittelpunkt stehen vier Geschwister, die sich über Jahre entfremdet haben und durch ein chaotisches Familientreffen in North Dakota wieder miteinander konfrontiert werden. Dabei geht es um alte Verletzungen, unerfüllte Wünsche und die Frage, ob ein Neuanfang auch nach langer Funkstille noch möglich ist.

Besonders mochte ich den flüssigen Schreibstil. Das Buch liest sich angenehm leicht, ohne oberflächlich zu sein, und die wechselnden Perspektiven sorgen dafür, dass man jede Figur besser kennenlernt. Mit jedem Kapitel öffnet sich ein weiteres Fenster in das Leben der Geschwister und nach und nach setzt sich das Familienbild zusammen. Auch die Charaktere haben mir gut gefallen. Da sie sehr unterschiedlich sind und ganz verschiedene Lebensentwürfe verfolgen, fand ich sie interessant und vielschichtig. Jede Figur bringt ihre eigenen Konflikte mit, sodass ich neugierig blieb, wie sich die Beziehungen untereinander entwickeln würden.

Das Erzähltempo war mir irgendwann allerdings etwas zu langsam. Manche Entwicklungen wurden für meinen Geschmack etwas zu ausführlich behandelt. Vor allem die wiederkehrende Betonung, dass die Geschwister trotz der jahrelangen Funkstille immer wieder aneinander denken und emotional miteinander verbunden bleiben, hatte ich schon früh verstanden. Hier hätte ich mir etwas mehr Straffung gewünscht, denn einige Wiederholungen haben die Handlung stellenweise ausgebremst.

Trotzdem hat mich der Roman mit seiner Mischung aus Familiengeheimnissen und emotionalen Konflikten gut unterhalten. Ein ruhiger, warmherziger Familienroman mit interessanten Figuren, der für mich nur ein wenig kürzer hätte sein dürfen!

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Veröffentlicht am 19.06.2026

Praktische Theorie

Was Sie (wirklich) über Erziehung wissen müssen
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Aufgrund des Titels habe ich mehr mit einem klassischen Erziehungsratgeber voller konkreter Handlungsempfehlungen und Tipps für den Familienalltag gerechnet. Bekommen habe ich stattdessen etwas, das ich ...

Aufgrund des Titels habe ich mehr mit einem klassischen Erziehungsratgeber voller konkreter Handlungsempfehlungen und Tipps für den Familienalltag gerechnet. Bekommen habe ich stattdessen etwas, das ich viel spannender fand: eine fundierte Einordnung dessen, was die Wissenschaft tatsächlich über Erziehung weiß und was eben nicht. Tillmann Prüfer arbeitet sich durch Studien, Forschungsergebnisse und pädagogische Debatten und schafft es dabei, komplexe Zusammenhänge verständlich und unterhaltsam aufzubereiten. Statt einfache Antworten zu liefern, zeigt er, wo wissenschaftlicher Konsens besteht, wo Unsicherheiten bleiben und wie sich Erkenntnisse im Laufe der Zeit verändern. Besonders interessant fand ich, dass einige Annahmen, die ich selbst noch aus meinem Pädagogikstudium kannte, inzwischen durch neuere Forschung anders bewertet werden. Gerade diese Einblicke in die Entwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse haben das Buch für mich besonders lesenswert gemacht.

Trotz seines wissenschaftlichen Ansatzes ist das Buch keineswegs trocken. Es liest sich angenehm zugänglich und vermittelt immer wieder das beruhigende Gefühl, dass gute Erziehung nicht davon abhängt, jede aktuelle Mode oder jeden Ratgebertrend perfekt umzusetzen. Stattdessen wird deutlich, wie wichtig Beziehung, gemeinsame Zeit und ein reflektierter Umgang mit den eigenen Entscheidungen sind. Das Buch ist daher sehr ermutigend. Es nimmt Eltern den Druck, alles richtig machen zu müssen, ohne dabei beliebig zu werden.

Für mich war das eine sehr gelungene Mischung aus Wissenschaftsjournalismus, Pädagogik und alltagsnaher Reflexion. Wer sich für Erziehung interessiert und dabei lieber verstehen möchte, was hinter den Empfehlungen steckt, statt einfach nur Anleitungen zu bekommen, sollte dieses Buch unbedingt lesen.

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Veröffentlicht am 12.06.2026

Berührend

Restsommer
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Mit „Restsommer“ taucht man ein in den Sommer von Nick und Biff. Nick ist in der 10. Klasse und fragt sich, ob der für ihn vorgesehene Weg wirklich sein eigener ist. Eigentlich soll er später das Bestattungsinstitut ...

Mit „Restsommer“ taucht man ein in den Sommer von Nick und Biff. Nick ist in der 10. Klasse und fragt sich, ob der für ihn vorgesehene Weg wirklich sein eigener ist. Eigentlich soll er später das Bestattungsinstitut seines Vaters übernehmen. Doch als Biff neu in seine Klasse kommt, gerät vieles ins Wanken.

Die Geschichte ist im besten Sinne ein klassischer Coming-of-Age-Roman: Es geht um Identität, Selbstfindung, Familie, Zukunftsängste und darum, den Mut zu finden, für das eigene Glück einzustehen. Besonders schön fand ich dabei, dass die queere Liebesgeschichte ganz selbstverständlich Teil dieser Entwicklung ist. Was mir am besten gefallen hat, war die Atmosphäre. Beim Lesen konnte ich die drückende Sommerhitze förmlich spüren. Über dem ganzen Roman liegt eine Mischung aus Melancholie, Sehnsucht und Aufbruchsstimmung, die perfekt zu dieser Lebensphase zwischen Jugend und Erwachsensein passt.

Auch sprachlich hat mich „Restsommer“ überzeugt. Die Erzählstimme wirkt authentisch und nahbar, gleichzeitig finden sich immer wieder kreative Metaphern und Vergleiche, die den Text besonders machen, ohne künstlich oder aufgesetzt zu wirken. Sie passen wunderbar zu Nicks Blick auf die Welt.

„Restsommer“ ist damit ein berührendes, stimmungsvoller Sommerroman über das Erwachsenwerden, die erste Liebe und die schwierige Frage, wer man sein möchte. Es wird Leser:innen von „Man vergisst nicht, wie man schwimmt“ und „Der große Sommer“ gefallen.

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Veröffentlicht am 08.06.2026

Familienkonflikte

Meeresdunkel
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Ein abgelegenes Ferienhaus, zwei Familien, eine Doppelbuchung und ein aufziehender Sturm: „Meeresdunkel“ startet mit einer klassischen Thriller-Prämisse, entwickelt sich dann aber überraschend anders, ...

Ein abgelegenes Ferienhaus, zwei Familien, eine Doppelbuchung und ein aufziehender Sturm: „Meeresdunkel“ startet mit einer klassischen Thriller-Prämisse, entwickelt sich dann aber überraschend anders, als ich erwartet hatte.

Wer hier von Beginn an einen rasanten Thriller mit Leiche erwartet, sollte wissen, dass der Roman sich Zeit lässt. Über weite Strecken steht nicht das Verbrechen im Mittelpunkt, sondern die Beziehungen zwischen den Figuren. Alte Konflikte, unausgesprochene Spannungen und familiäre Dynamiken bestimmen die Handlung. Für manche Leser:innen könnte das enttäuschend sein, mir hat dieser Ansatz jedoch gut gefallen, da ich normalerweise keine Thriller lese.

Etwa ab der Mitte zieht das Tempo dann deutlich an. Die Ereignisse überschlagen sich, Geheimnisse kommen ans Licht und die Handlung entwickelt sich immer mehr in Richtung Thriller. Dadurch entsteht eine spannende zweite Hälfte, die mich zum Weiterlesen motiviert hat. Mit der Auflösung hatte ich allerdings meine Schwierigkeiten. Sie wirkte auf mich etwas zu konstruiert und konnte die Erwartungen, die der Roman zuvor aufgebaut hatte, nicht ganz erfüllen. Schade, denn gerade die Figurenkonstellation und die psychologische Spannung haben mir zuvor sehr gut gefallen.

Insgesamt ist „Meeresdunkel“ für mich weniger ein klassischer Thriller, sondern eine gut geschriebene Mischung aus Familiendrama, Beziehungsroman und Spannungsroman.

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