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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.02.2025

Wie eine deutsche Filmkomödie

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
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Anika Deckers Roman erzählt die Geschichte von Nina, fast 50, geschieden, Mutter von zwei Kindern – und plötzlich in einer Affäre mit dem zwanzig Jahre jüngeren David. Während sie sich fragt, ob das wirklich ...

Anika Deckers Roman erzählt die Geschichte von Nina, fast 50, geschieden, Mutter von zwei Kindern – und plötzlich in einer Affäre mit dem zwanzig Jahre jüngeren David. Während sie sich fragt, ob das wirklich eine gute Idee ist, kämpft sie in ihrem Job bei einem Medienkonzern mit einem MeToo-Skandal. Der Roman changiert geschickt zwischen humorvollen Alltagsbeobachtungen und ernsten Themen wie strukturellem Sexismus, Mutterschaft und Karriere. Besonders den Blick hinter die Kulissen der Medienbranche fand ich spannend, und die MeToo-Thematik wurde überzeugend eingeflochten. Dabei ist der Roman durchweg unterhaltsam geschrieben – blieb mir aber oft zu sehr an der Oberfläche.

Positiv hervorzuheben sind die scharf beobachteten Frauenfiguren: Ninas Freundschaft mit ihrer Kollegin und Verbündeten Zeynep ist authentisch und herzlich, gemeinsam wollen sie das Patriarchat in ihrem Konzern stürzen. Ninas Beziehung zu ihrer Mutter und ihrer Schwester Lena werden facettenreich und komplex geschildert. Andere Figuren bleiben dabei eher auf der Klischeeebene: Ninas Ex-Mann als skrupelloser Anwalt, seine neue Frau als Influencerin in Yogakleidung, Ninas Neuer David als verletzlicher Schönling und Besitzer einer Hipsterbar. Das ist zwar durchaus auch unterhaltsam, irgendwann war es mir aber zu viel.

Letztlich blieb mir vieles zu glatt. Mich hat die Story damit an typische deutsche Film-Komödien erinnert: unterhaltsam, wichtige Themen im Blick, aber am Ende dann doch eher oberflächlich. Insgesamt ein durchaus witziger und leichter Roman mit feministischen Untertönen, der mich gut unterhalten hat – aber nicht wirklich überrascht oder nachhaltig beeindruckt. Vielleicht ein gutes Einstiegsbuch für Männer? Ich habe den Roman tatsächlich auf Empfehlung von Männern gelesen!

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Veröffentlicht am 15.02.2025

Vom Schweigen und von der Kraft der Sprache

Portrait meiner Mutter mit Geistern
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Dieser Roman war für mich ein echtes literarisches Highlight: schillernd, fragmentarisch, voller verdeckter Wahrheiten und mit Schweigen gefüllter Leerstellen. Rabea Edels „Portrait meiner Mutter mit Geistern“ ...

Dieser Roman war für mich ein echtes literarisches Highlight: schillernd, fragmentarisch, voller verdeckter Wahrheiten und mit Schweigen gefüllter Leerstellen. Rabea Edels „Portrait meiner Mutter mit Geistern“ erzählt die Familiengeschichte von Raisa und ihrer Mutter Martha, in der sich Generationen an Traumata und Geheimnissen verdichten. Während Raisa beginnt, Fragen nach ihrer Herkunft zu stellen, öffnen sich Risse in dem jahrzehntelang bewahrten Schweigen.

Von der ersten Seite an hat mich die subtile Spannung des Romans in den Bann gezogen. Edel entfaltet die Erzählung mit akribisch ineinander verwobenen Zeitsprüngen und einer ruhigen, aber eindringlichen Sprache, die Leerstellen bewusst stehen lässt. Die Vergangenheit Marthas, ihrer Mutter und ihrer Großmutter enthüllt sich Stück für Stück, oft nur durch Andeutungen oder sprachliche Bilder – und gerade das macht den Roman so intensiv. Die Verstrickung in die deutsche Nachkriegsgeschichte, die Nachwirkungen von Gewalt und Verlust, all das schwingt in den Dialogen, im Ungesagten und in Raisas vorsichtiger Annäherung an ihre eigene Familiengeschichte mit.

Besonders beeindruckt hat mich, wie Emotionen transportiert werden – sei es in der liebevollen, aber durch das Schweigen auch von Unsicherheit geprägten Beziehung zwischen gRaisa und ihrer Mutter oder in der Verzweiflung über das Schweigen und das Suchen nach der eigenen Sprache, was wie ein unsichtbares Erbe weitergegeben wird. Die Konstruktion des Romans ist dabei ebenso durchdacht wie seine Sprache: präzise, poetisch, aber dennoch ohne überflüssige Schnörkel - jeder literarische Kunstgriff hat eine wichtige Bedeutung für die Familiengeschichte.

„Portrait meiner Mutter mit Geistern“ ist so klug, feinfühlig und mit einer erzählerischen Tiefe, dass ich oft zurückblättern musste, um Absätze nachzulesen und neu einzuordnen. Gerade dieses langsame Lesen passt aber zu den großen Schwierigkeiten, das Schweigen über die Vergangenheit zu brechen und mit der Kraft der Sprache verlorene Geschichten zurückzuerobern. Ich bin mir sicher, dass man den Roman auch mit großem Gewinn noch ein zweites Mal lesen kann, bei mir bleibt er auf jeden Fall im Regal. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 15.02.2025

Bittersüße Leichtigkeit

Death in Brachstedt
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Tobias Wagners Debütroman „Death in Brachstedt“ erzählt die Geschichte von Leo, einem 15-Jährigen, der mit seinem zunehmend verwirrten, an Demenz erkrankten Vater lebt. Seine Mutter ist schon früh gestorben. ...

Tobias Wagners Debütroman „Death in Brachstedt“ erzählt die Geschichte von Leo, einem 15-Jährigen, der mit seinem zunehmend verwirrten, an Demenz erkrankten Vater lebt. Seine Mutter ist schon früh gestorben. Als dann sein Vater eines Morgens verschwindet, macht Leo sich zwar Sorgen, aber er sieht auch die Chance auf eine Woche voller Freiheit und Ablenkung von der Realität. Gemeinsam mit seinem besten Freund Henri, einem Filmfanatiker, nutzt er die Zeit, um einen Kurzfilm zu drehen und plant eine große Party für seinen Jahrgang, bei dem der Film Premiere feiern soll. Doch die Realität holt Leo zwischendurch immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Wagners Roman schafft es lässig locker, Tragik und Humor zu vereinen und damit einen für das Genre typischen Coming-of-age-Roman zu schreiben, wie ich ihn liebe. Die klare, unprätentiöse Erzählweise lässt die schweren Themen nie kitschig erscheinen, sondern bettet sie in eine lebendige Geschichte voller skurriler, liebenswerter Figuren ein. Die Vibes haben mich sehr an den Roman „Tschick“ und den Film „Abgedreht“ erinnert, welche beide als zwei von zahlreichen popkulturelle Referenzen auch explizit erwähnt werden. Wahrscheinlich werden das vor allem erwachsene Leser:innen erkennen, wobei ich die Geschichte ohnehin nicht so richtig zeitlich einordnen konnte, weil auch SMS geschrieben wurden.

Trotz des melancholischen Untertons bleibt Death in Brachstedt ein herrlich leichter Roadtrip ohne Auto – aber mit Kamera. Eine berührende und durchweg unterhaltsame Coming-of-Age-Geschichte, die sicher nicht nur Jugendlichen, sondern auch vielen Erwachsenen gefällt!

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Veröffentlicht am 09.02.2025

Neue Perspektiven

Überwintern. Wenn das Leben innehält
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„Überwintern“ ist ein wunderbar poetisches und kluges Sachbuch darüber, wie wir mit Krisen, Übergangsphasen und schwierigen Zeiten umgehen können. Katherine May nutzt das Bild des Winters – sowohl im wörtlichen ...

„Überwintern“ ist ein wunderbar poetisches und kluges Sachbuch darüber, wie wir mit Krisen, Übergangsphasen und schwierigen Zeiten umgehen können. Katherine May nutzt das Bild des Winters – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne – um zu erkunden, wie Menschen und Tiere mit Rückzug, Stillstand und Erneuerung umgehen.

Ich mochte besonders die Vielfalt an Perspektiven, die May einfließen lässt: von der Haselmaus, die sich zum Winterschlaf in ein gemütliches Nest zurückzieht, über skandinavische Saunakultur bis hin zu Ritualen wie Stricken oder Singen als Formen der Selbstfürsorge. Dabei bleibt Wintering angenehm unsentimental – es ist kein Selbsthilfebuch mit schnellen Lösungen, sondern eine feinfühlige Reflexion über das Akzeptieren schwieriger Phasen und das Finden von Wegen, sich selbst mit Geduld und Fürsorge zu begegnen.

Allerdings ist nicht zu übersehen, dass viele der Strategien, die May beschreibt – von Jobpausen bis hin zu Rückzugsreisen – einige Privilegien voraussetzen, die nicht viele Menschen haben. Dennoch bietet das Buch wertvolle Gedanken für alle, die lernen möchten, Krisen als natürliche Phasen im Leben zu betrachten, statt sich dagegen zu wehren. Ein zartes, tröstliches Sachbuch, das dazu einlädt, den eigenen Rhythmus zu finden und das Winterliche im Leben mit mehr Milde zu betrachten.

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Veröffentlicht am 08.02.2025

Rau und schön

Wenn wir lächeln
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Mascha Unterlehbergs Debütroman „Wenn wir lächeln“ ist ein rasanter, sprachlich eindringlicher Roman über Freundinnenschaft, Wut und das Aufwachsen als Mädchen in einer Welt, in der sie ständig patriarchaler ...

Mascha Unterlehbergs Debütroman „Wenn wir lächeln“ ist ein rasanter, sprachlich eindringlicher Roman über Freundinnenschaft, Wut und das Aufwachsen als Mädchen in einer Welt, in der sie ständig patriarchaler Gewalt ausgesetzt sind.

Es sind die Nullerjahre: Jara und Anto trinken Wodka, fahren ins CentrO, klauen Lipgloss. Sie verbindet aber noch mehr – sie sind eine Einheit, eine Schwesternschaft, die gemeinsam gegen eine feindliche Umwelt kämpft und die Wut über eine Welt auslebt, in der Mädchen nicht einfach nur sein können, sondern sich ständig behaupten müssen. Jara fixiert bald ihr gesamtes Leben auf Anto. Sie bewundert Anto, weil die immer alles im Griff hat. Doch nach und nach wird klar: Kontrolle ist eine Illusion – irgendwann entgleitet ihnen alles.

Unterlehberg erzählt diese Geschichte in einer rauen, ungeschönten Sprache, die zugleich voller Gefühl ist. Die kurzen Kapitel und präzisen Absätze wirken fast wie Gedichte, weil so intensiv und komprimiert komplexe Themen wie Freundinnenschaft, Verletzungen und Wut verhandelt werden. Ich mochte dabei besonders die vielen Zeitsprünge zwischen und innerhalb der Kapitel, weil sich dann die Zusammenhänge erst nach und nach entfaltet haben.

„Wenn wir lächeln“ ist ein aufwühlendes Porträt einer Freundinnenschaft, die an ihrer eigenen Intensität zu zerbrechen droht. Auch sprachlich hat mir der Roman sehr gut gefallen!

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