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Veröffentlicht am 08.10.2017

Schockierend und bewegend

Epidemie
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Der charismatische Ministerpräsident Johan Svärd hat vor den anstehenden Wahlen mit seiner Gesundheitspartei nur ein Ziel, Schweden soll das schlankste Land Europas werden. Er hat dem Land versprochen, ...

Der charismatische Ministerpräsident Johan Svärd hat vor den anstehenden Wahlen mit seiner Gesundheitspartei nur ein Ziel, Schweden soll das schlankste Land Europas werden. Er hat dem Land versprochen, dass es gesünder und dünner wird und um dieses Versprechen einhalten zu können lässt er nichts unversucht und greift zu immer schlimmeren Maßnahmen. Bald reichen ihm schon die ganzen vorhandenen Auflagen nicht, es muss schneller gehen, die Fettepidemie in seinem Land muss mit allen Mitteln bekämpft werden.

Unglaublich, dass dieser Roman ein Debüt ist, die Autorin hat mich regelrecht sprachlos zurückgelassen. Ein absolutes Lesehighlight und gehört jetzt schon zu meinen Lieblingsbüchern.
Ein Roman, der aus verschiedenen Perspektiven die Grausamkeiten erzählt, die die Gesundheitspartei sich ausdenkt und immer wieder umsetzt ohne, dass irgendjemand etwas dagegen unternimmt. Die Gesellschaft wird manipuliert, es scheint als hätte man sie einer Gehirnwäsche unterzogen, wie die Verrückten feiern sie Johan, ihren gutaussehenden Ministerpräsidenten, der es schafft jeden um den Finger zu wickeln.
Für viele besteht das Leben nur noch aus Kalorienzählen, überall sind Fitnessstudios, es wird nicht davor zurückgeschreckt selbst Normalgewichtigen Diätpräparate zu verabreichen oder gar Baby's und Kinder einer Operation zu unterziehen. Alles für die Gesundheit, wer's glaubt.
Es ist unfassbar wie real der Inhalt wirkt, oftmals musste ich das Buch kurz schließen und durchatmen, weil es so unglaublich menschenverachtend ist was hier dargestellt ist und gerade deswegen kommt man nicht umhin Assoziationen zu der Hitler Zeit oder selbst zu Trump zu ziehen. Kann es wirklich so weit kommen fragt man sich und die Antwort ist eindeutig ja, zuzutrauen wäre es. Das was hier beschrieben wird richtet sich zwar gegen die Übergewichtigen aber man könnte sie ganz leicht durch eine andere diskriminierte Gruppe von Menschen ersetzen. Es zeigt auf wie wichtig es ist nicht allem Gesagten zu vertrauen, dass man nicht einfach jemandem folgen sollte nur weil es der leichtere Weg ist. Lasst nicht andere für euch denken. Keiner sollte aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden nur weil er kinem perfekten Idealbild entspricht.
Die Erzählweise ist brisant, die Autorin beschönigt nichts und dadurch, dass man direkt mitten im Geschehen ist bekommt man einen ziemlich guten Einblick in Schwedens Entwicklung nach nur drei Jahren Amtszeit der Gesundheitspartei. Und wenn man denkt, dass es ja eigentlich kaum schlimmer kommen könnte, geschieht genau das.
Mit diesem Roman habe ich alle Emotionen durchgelebt, ich war mich am aufregen, den Tränen nahe, geschockt und fassungslos und einfach nur von tiefer Trauer ergriffen. Dieses Buch ist aufrüttelnd, meisterhaft geschrieben und behandelt ein brisantes Thema. Ich wünschte mir, dass es so viele Menschen wie nur möglich lesen würden. Es ist keine leichte Kost und dennoch ist die dahinter stehende Message immens wichtig.
Die Charaktere sind unglaublich gut ausgearbeitet und bis auf Svärd habe ich sie alle nur zu gerne begleitet. Im Gegensatz zu anderen Büchern freut man sich hier auf die Perspektivwechsel, weil man dadurch viel mehr mitbekommt, erlebt und es einfach nötig ist um sich ein besseres Bild machen zu können. Einige Charaktere habe ich wirklich ins Herz geschlossen.
Man muss dieses Buch selber lesen um auch nur ansatzweise verstehen zu können wie ich mich beim Lesen gefühlt habe. So realitätsnah und erschütternd, einfach nur unglaublich.

Veröffentlicht am 08.10.2017

Überragender Roman

Herz auf Eis
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'Fassungslos stehen sie da, außerstande, auch nur ein Wort zu wechseln. Allmählich breitet sich in ihnen das Entsetzen aus: kein Zuhause mehr, weder Nahrung noch Kleider, keine Möglichkeit die Insel zu ...

'Fassungslos stehen sie da, außerstande, auch nur ein Wort zu wechseln. Allmählich breitet sich in ihnen das Entsetzen aus: kein Zuhause mehr, weder Nahrung noch Kleider, keine Möglichkeit die Insel zu verlassen oder irgendjemand zu erreichen. Sie sind geradezu empört, empfinden ihre Lage als unangemessen.'


Isabelle Autissier hat mich mit 'Herz auf Eis' hellauf begeistert und gleichermaßen nachdenklich zurückgelassen. Man kommt nicht umhin sich zu fragen wie man selber in einer solchen Extremsituation reagieren würde.
Und so finde ich die Art und Weise wie die Autorin die Geschichte gnadenlos ehrlich, authentisch und realistisch erzählt hat sehr gelungen. Es ist ein intensives Leseerlebnis, das mich regelrecht sprachlos gemacht hat. Man bekommt das Gefühl mittendrin zu sein, kann sich dem Sog dieses Romans nicht entziehen und erlebt alles hautnah. Die Beschreibungen kann man geradezu vor sich sehen. Der Schreibstil ist präzise und eindringlich, es wird nicht dramatisiert, beschönigt oder übertrieben, man bekommt einen klaren Blick in die Gedanken- und Gefühlswelt der beiden Protagonisten und begibt sich mit ihnen an die Grenzen des menschlichen. An manchen Passagen musste ich kurz durchatmen weil das Erzählte fast schon zu viel war.
Die beiden Protagonisten Louise, die eher zurückhaltend ist und sich mitreißen lässt und Ludovic, der ein absolut aufgeschlossener Typ ist und mehr die Kontrolle übernimmt, kommen schnell an ihre Grenzen. Sie kämpfen gegen den Hunger und miteinander, versuchen den Trieben nicht die Überhand zu lassen und trotz der Rückschläge optimistisch zu bleiben, planen und möchten einen Alltag heraufbeschwören als wären sie Teil der Gesellschaft um ihre Menschlichkeit beizubehalten. In dieser einsamen Gegend kommen sie nicht umhin sich nacheinander zu sehnen, sie möchten nicht der Einsamkeit ausgeliefert sein und versuchen alles um eine Lösung zu finden und ihr Überleben zu sichern.
Ich interessiere mich sehr für Psychologie und so war das Buch in diesem Bereich absolut ansprechend. Man bekommt einen tiefgründigen Einblick darauf wie sich Louise und Ludovic den Herausforderungen stellen, um ihre Liebe bemüht sind, wie sie mit ihrer Situation psychisch umgehen und was dieses Erlebnis aus und mit ihnen macht.
Obwohl es einige extreme Situationen gab habe ich mich nicht getraut Louise und Ludovic zu verurteilen denn wer bin ich schon ihnen sagen zu können wie sie sich zu verhalten haben. Wer bin ich, auf dem Sofa sitzend, das Ganze beurteilen zu können? Es ist das eine darüber zu lesen, selber diese Erfahrung zu machen wünsche ich wahrlich keinem.

Der Roman überrascht oft, man weiß nie was als nächstes passiert und oft hatte ich wirklich Angst gehabt weiter zu lesen, weil ich nicht im geringsten wusste was mich erwartet und ob ich mich dem überhaupt stellen kann. Hat man zu Beginn noch die Hoffnung auf ein Happy End wird die ganze Situation so schnell extrem, dass man sich fragt ob ein glückliches Ende überhaupt in Frage kommen kann. Es ist unvorstellbar was Louise und Ludo durchmachen müssen und so muss jeder für sich erfahren wie es endet.

Ein Buch das zwar aus nur 224 Seiten besteht dafür aber solch eine immense Wirkung auf mich hatte, dass es unvergesslich bleibt. Ganz klare Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 08.10.2017

Ein Traum, der sich zum Gegenteil entwickelt

Das geträumte Land
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Für den hart arbeitenden Kameruner Jende Jonga geht es in Amerika endlich bergauf, er hat seine Frau Neni und seinen kleinen Sohn Liomi bei sich, durch seinen Cousin bekommt er die Stelle als Chauffeur ...

Für den hart arbeitenden Kameruner Jende Jonga geht es in Amerika endlich bergauf, er hat seine Frau Neni und seinen kleinen Sohn Liomi bei sich, durch seinen Cousin bekommt er die Stelle als Chauffeur bei dem erfolgreichen Wallstreet Banker Clark Edwards und sein Anwalt Bubakar ist sehr zuversichtlich, dass sein Asylantrag genehmigt wird. Es könnte also kaum besser laufen, doch schon bald holt die harte Realität auch die Jongas ein. Der Traum von einem besseren Leben für sich und ihren Sohn in New York entwickelt sich langsam zu einem Albtraum. Können sich Jende und Neni dem entgegensetzen?

The American Dream, wer hat das nicht schon das ein oder andere mal gehört? Der Traum, sich durch harte Arbeit eine gute Zukunft sichern zu können, der Traum, dem so viele Migranten erliegen und ihn Wirklichkeit werden lassen möchten. Dadurch, dass die Autorin aus Kamerun stammt und nach Amerika ausgewandert ist, wirkt vieles von dem was sie schreibt glaubhaft und authentisch. Man nimmt es ihr ab und kommt nicht umhin sich zu fragen ob sie oder Menschen, die sie kennt selber die ein oder andere beschriebene Situation erlebt haben. Dieses Buch behandelt ein Thema, das so aktuell wie nie ist und ich finde es gut aus der Sicht von Einwanderern zu lesen, zu erfahren was ihre Beweggründe für das Auswandern ist, was ihre Wünsche sind, ob sie sich integrieren wollen und können und wie sie letztendlich mit der neuen Umgebung klar kommen.
Ich mag den Schreibstil der Autorin, der eher einfach gehalten ist und somit gut zum Roman passt. Sie schafft es in einem ruhigen Ton eine Geschichte voller Gefühl und teilweise auch Überraschungen zu erzählen, eine Geschichte über zwei Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten und bei denen man doch auch Gemeinsamkeiten findet. Der Roman hat mich von der ersten Seite an überzeugt und mich zum Nachdenken gebracht, was vor allem an der Sichtweise der Jongas liegt.
Es ist ziemlich interessant etwas über Limbe, Kamerun zu erfahren, was für Vergleiche zu New York gezogen werden und zu verfolgen wie es Neni und Jende mit ihrem neuen Leben in Amerika ergeht.
Die Charaktere sind sehr facettenreich, so haben wir die ehrgeizige Neni Jonga, die sich um den Haushalt und ihren Jungen kümmert und nebenbei noch arbeitet und studiert, ihr Mann Jende ist der andere Protagonist, der nur das Beste für seine Familie möchte, fast den ganzen Tag arbeitet und auch immer wieder Geld nach Kamerun schicken muss obwohl sie selber nicht so viel haben. Die zwei geben alles und sind voller Hoffnung, die fast greifbar ist. Auf der anderen Seite haben wir den Workaholic Clark Edwards und seine Frau Cindy, die ein Familienmensch ist und dennoch viel zu oft allein gelassen wird. Die Kinder der zwei Ehepaare sind einfach nur wirklich süß.
Auch wenn die Familien sich nicht gleichen, so haben beide mit einigen Problemen zu kämpfen. Die Jongas haben Zukunftsängste und machen sich oft Sorgen um Geld, die Edwards hingegen scheinen alles zu haben und sind dennoch weit davon entfernt glücklich zu sein. Man bekommt durch Jende und Neni nur allzu gut mit was bei den Edwards alles schief läuft. Geld allein macht eben doch nicht glücklich.
Diese Gegenüberstellung der Familien macht einen gewissen Reiz aus und es ist interessant zu verfolgen wie die Erwachsenen mit den Extremsituationen umgehen, die vor ihnen liegen. Ich hätte nie erwartet wie sich alles entwickelt und zu was manche Charaktere überhaupt im Stande sind, zwischenzeitlich hat so manch einer Sympathiepunkte verloren. Und auch wenn ich nicht alle Entscheidungen gut heißen kann und Probleme mit manchen Verhaltensweisen hatte, kann ich vieles nachvollziehen. Es ist sehr nah an der Realität und diese ist bekanntlich nicht immer rosarot.

Ein überaus aktueller Roman über die Einwanderung. Ein Buch, das die afrikanische sowie amerikanische Lebenskultur sehr gut rüber bringt und auch sonst einige weitere Themen miteinbezieht. Eine authentische Geschichte, die einen wahren Blick auf das heutige Amerika bietet und einige schöne Lesestunden verspricht.

Veröffentlicht am 08.10.2017

Habe mir mehr erhofft

Forever 21
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Ava ist 21 als sie nach einem Ereignis von einem Fluch belegt wird, sie wird zur Seelenwanderin und hüpft von nun an von einem Körper in den nächsten, durch verschiedene Epochen mit nur einer Aufgabe: ...

Ava ist 21 als sie nach einem Ereignis von einem Fluch belegt wird, sie wird zur Seelenwanderin und hüpft von nun an von einem Körper in den nächsten, durch verschiedene Epochen mit nur einer Aufgabe: sie muss zwei Seelenverwandte zusammenbringen. Und dies auch noch unter Zeitdruck, denn je länger sie braucht, desto mehr höllische Schmerzen empfindet sie. Als sie bei einem ihrer Sprünge auf Kyran trifft wird alles umso komplizierter für sie. Denn wie könnte sie überhaupt mit ihm zusammen sein?

Wenn das mal nicht absolut verlockend klingt oder?
Ich mochte den Beginn, der Schreibstil lässt einen nur so durch die Seiten fliegen und es ist interessant Ava direkt nach einem Sprung in einen neuen Körper zu begleiten. Man ist sofort mitten im Geschehen und kann sich schnell einen Überblick davon verschaffen, was Ava tun muss und wie sie überhaupt weiß welche zwei Menschen sie zusammenbringen muss. Vor allem hat es mich auch zum Lächeln gebracht zu sehen wie sie sich in der neuen Situation zurecht finden muss und wie sie dabei unweigerlich in einige Fettnäpfchen tritt. Ava meckert nicht oder schwimmt in Selbstmitleid, sie tut einfach das wozu sie hergebracht wurde und gibt ihr Bestes um ihre Aufgabe schnell zu erledigen.
Die Grundidee klingt so überaus ansprechend und gerade der Anfang hat mir Freude beim Lesen bereitet, weil mir unter anderem auch die ersten zwei Seelenverwandte gefallen haben. Doch schon bald wird deutlich, dass die Aufgaben ganz schön schnell und problemlos erledigt werden, man keinen größeren Bezug zu den anderen Charakteren aufbauen kann und man einfach nur von einer Geschichte in die nächste hüpft ohne dass es einen wirklich Wert für die Erzählung selbst hat. Es scheint als würde man versuchen das Buch mit Nichtigkeiten zu füllen. Man darf nur kurz in die verschiedenen Epochen eintauchen und wenn mal Probleme auftauchen, werden sie in Rekordzeit durch glückliche Zufälle gelöst. Und von dieser Art von Zufällen gibt es reichlich.
Ein weiteres Problem waren für mich die Protagonisten zu denen ich keine Verbindung aufbauen konnte. Ava war mir teilweise viel zu oberflächlich, ist es wirklich wichtig wie die Frau dessen Körper sie kurzzeitig übernimmt aussieht? Muss man jeden Makel anderer Menschen ansprechen? Irgendwann wurde es einfach zu viel auch wenn sie sich Mühe gibt und nett ist kommt ihre oberflächliche Art immer wieder durch. Hinzu kommt, dass man nicht viel über Ava erfährt, ihre Vergangenheit ist größtenteils ein einziges Fragezeichen. Selbst über den Fluch erfährt man weder von wem er stammt noch weshalb Ava damit belegt wurde. Es bleiben am Ende viel zu viele Fragen unbeantwortet. Und die Sache mit Kyran ist einiges nur nicht romantisch wenn ich ehrlich sein soll. Ich kann die Verbindung nur teilweise verstehen und wenn es nach mir gehen würde, würde zwischen ihnen nichts sein, weil es einfach nicht passt. Wenn sie beieinander sind fühle ich nichts und gerade Kyran konnte ich des öfteren nicht verstehen, die Entscheidungen, die er manchmal trifft sind zum Kopfschütteln.

Trotz allem war es ein unterhaltsames, schnell zu lesendes Buch mit einem ganz fiesen Cliffhanger, der schon etwas die Neugier auf den zweiten Band weckt . Ich würde gerne sehen ob die Autorin aus der wundervollen Idee noch etwas rausholt, der Geschichte und den Charakteren Tiefe verleihen kann und ob ich mich doch noch mit Ava und Kyran anfreunden kann.