Profilbild von Magnolia

Magnolia

Lesejury Star
offline

Magnolia ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Magnolia über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.09.2024

Grimms Märchen einmal anders

Cascadia
0

Zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, leben seit jeher mit ihrer Mutter auf San Juan, einer Insel im Nordwesten der USA. Sam, die jüngere der beiden, erzählt von ihrem Plan, eines ...

Zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, leben seit jeher mit ihrer Mutter auf San Juan, einer Insel im Nordwesten der USA. Sam, die jüngere der beiden, erzählt von ihrem Plan, eines Tages den Grundbesitz mitsamt dem Haus für eine stattliche Summe zu veräußern. Dieser Traum hält sie aufrecht, aber noch sind die beiden Schwestern mit der Pflege ihrer sterbenskranken Mutter an die Insel gebunden. Die Arztrechnungen wiegen schwer, beider Einkommen reicht nicht aus, die Schulden häufen sich.

Eines Tages wird ein Bär gesichtet, der neben der Fähre, auf der Sam arbeitet, schwimmt. Nun, sowas soll hier vorkommen. Als dieser jedoch kurz danach direkt vor der Tür der Schwestern auftaucht, meldet Sam dies bei der zuständigen Behörde. Groß wie drei Mann soll er sein, er war keine drei Meter von ihnen entfernt. Während Sam sich von dem Tier bedroht fühlt und es schnellstens wieder loswerden will, ist Elena geradezu fasziniert von ihm. Ohne Furcht nähert sie sich ihm an, sieht den Bären als ihre Chance auf ein schöneres, helleres Leben.

Dem Geschehen vorangestellt ist das Märchen der Gebrüder Grimm „Schneeweißchen und Rosenrot“ in Kurzform - der Bär und der verzauberte Prinz und Schneeweißchen und Rosenrot. Was hat sich die Autorin dabei gedacht, was will sie damit ausdrücken? Wird zumindest eine der beiden Schwestern ihren Prinzen finden? Aber wie es die Grimm´schen Märchen so an sich haben, erzählen sie eher von Düsternis denn von Helligkeit.

Die prekäre Lebenssituation der Familie offenbart sich in seiner Gänze erst spät, auch wird das dramatische Verhältnis der Schwestern untereinander von Kindheit an sichtbar. Es ist eine tragische Familiengeschichte, von flüchtigen, nicht immer ernst gemeinten Begegnungen durchzogen, die daneben auch die Auswirkung der Coronapandemie anspricht, überlagert vom unzulänglichen Gesundheitssystem der USA.

Julia Phillips vielgelobten Debütroman „Das Verschwinden der Erde“ habe ich nicht gelesen, habe somit auch keine Vergleichsmöglichkeit. Ihr neuestes Werk „Cascadia“ ist – trotzdem gefühlt nicht viel passiert, alles eher so dahinplätschert – gut zu lesen, der Schreibstil eher nüchtern. Der Bär ist für die eine Sehnsuchtsfigur, er zieht sie wie magisch an. Hier fällt sie aus ihrer Rolle der toughen, dominanten, alle und alles bestimmenden jungen Frau. Die andere erkennt, dass ihre trügerischen Hoffnungen wie Seifenblasen zerplatzen. Es ist ein durchaus gesellschaftskritisches Buch, das so gesehen nichts Märchenhaftes an sich hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.09.2024

Eine Familie inmitten des Zeitgeschehens

Nur nachts ist es hell
0

Judith W. Taschler wählt für dieses Buch eine ganz besondere Form des Erzählens. Elisabeth, die Ich-Erzählerin, schreibt an eine Person die Geschichte ihres Lebens. Erst spät wird sichtbar, dass Christina, ...

Judith W. Taschler wählt für dieses Buch eine ganz besondere Form des Erzählens. Elisabeth, die Ich-Erzählerin, schreibt an eine Person die Geschichte ihres Lebens. Erst spät wird sichtbar, dass Christina, ihre Großnichte, diese Zeilen erhält. „…als der erste große Krieg ausbrach, war ich ein Mädchen und eine alte Frau, als der zweite endete. In der Zwischenzeit kämpfte ich als Ärztin an anderen Fronten.“

Elisabeth Brugger hat ein Ziel vor Augen, das für sie in jener Zeit schier unerreichbar ist – wir befinden uns Anfang des 20. Jahrhunderts. Ärztin will sie sein, als Frau jedoch ist dieser Weg mehr als steinig. Ihr Bruder Eugen unterstützt sie in ihrem Vorhaben, dann auch Georg, den sie heiratet und mit dem sie zwei Söhne bekommt. Nach ihrem Medizinstudium arbeiten sie in ihrer gemeinsamen Praxis. Irgendwann dann kommt eine verzweifelte Frau zu ihr, die sie abweist. Sie will Leben erhalten und keines schon im Vorfeld töten. Eine Engelmacherin ist oftmals der letzte Ausweg aus dieser Hoffnungslosigkeit, leider überleben viele den Eingriff nicht. Kann sie, die Ärztin, davor die Augen verschließen?

Sie erzählt von ihrer Familie, von den Zwillingsbrüdern Carl und Eugen und von einem Geheimnis, das die beiden umgibt. Sie gibt Einblick in die Zeit des Nationalsozialismus und der damit einhergehenden Judenverfolgung, auch schreibt sie von ihrer Arbeit als Lazarettschwester während des Ersten Weltkrieges, von ihrer ersten Liebe und von denen, die später folgen. Es ist noch sehr viel mehr, das sie niederschreibt, dazwischen erinnert sie sich an das politische und gesellschaftliche Leben, an die Goldenen Zwanziger Jahre, die nicht für alle golden waren, erwähnt die Spanische Grippe, das Attentat in Sarajevo im Juni 1914 und dessen Folgen, kommt als Lazarettschwester nach Siebenbürgen, Fürst Vlad III. sei hier erwähnt, weiß vom Börsencrash und Firmenschließungen, von Hitler und der Entdeckung des Penecillins, tanzt Charlston und Shimmy, hört Jazz…

Ja, das hört sich jetzt ziemlich chaotisch und zeitlich komplett durcheinandergewirbelt an. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, aber genau diese Erzählweise prägt das Buch. Dieser Mix ist durchaus beabsichtigt, was jedoch das Lesen ziemlich erschwert. Eben noch erwähnt sie den Zweiten Weltkrieg und die jüdische Familie, die versteckt wird, dann ist sie im Alter, um im nächsten Augenblick im Jahre 1916 zu landen. Diese Brüche sind es, die sich anfühlen, als ob man ins eiskalte Wasser geschmissen wird, um ernüchtert wieder aufzutauchen. Die jeweiligen Passagen sind allesamt gut erzählt, sie ziehen ihre Leser ganz tief hinein, die Autorin versteht es, zu fesseln. Diese Sprünge jedoch haben mich immer wieder innehalten lassen, sie haben meinen Lesefluss schon gestört. Und doch ist es ein Buch, das das Zeitgeschehen gut eingefangen hat, das durchaus lesenswert ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.09.2024

Eine teuflische Amokfahrt

Deine größte Angst
3

Falk Hagedorns Plan, sich komplett von der Ermittlungsarbeit zurückzuziehen, scheitert genau in dem Moment, als er sich über den Jungen beugt. Er selber hat sich aus dem Rollstuhl auf den Boden zu dem ...

Falk Hagedorns Plan, sich komplett von der Ermittlungsarbeit zurückzuziehen, scheitert genau in dem Moment, als er sich über den Jungen beugt. Er selber hat sich aus dem Rollstuhl auf den Boden zu dem Schwerverletzten fallen lassen und kann gar nicht fassen, dass er für Leon – so heißt der Junge – nichts mehr tun kann. Kurz zuvor hat sich ein weißer Vito durch den gut besuchten Konstanzer Weihnachtsmarkt regelrecht gepflügt und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Den Hilfskräften und den Überlebenden bietet sich ein grauenhafter Anblick.

Der ermittelnde Hauptkommissar Marius Bannert bittet Falk um seine Mitarbeit und auch der Bürgermeister ersucht ihn, Therapiesitzungen für die Opfer anzubieten. Die Stadt stellt dafür Räumlichkeiten zur Verfügung. Es melden sich acht Personen, die auf diese Weise das entsetzliche Attentat mit Hagedorns professioneller Hilfe einigermaßen verarbeiten wollen. Falk Hagedorn war als LKA-Fallermittler tätig und führt nun mit einem Kollegen eine Psychotherapeutische Praxis.

Es ist der mittlerweile vierte Band um den Fallanalytiker Falk Hagedorn. Selbst wenn man die Vorgängerbände nicht kennt, werden zwischendurch genug Infos ins Geschehen involviert, sodass man ein gutes Gesamtbild von den Hauptakteuren bekommt, was ich sehr zu schätzen weiß, denn nicht immer hat man Gelegenheit, eine Reihe vollständig zu verfolgen. Matthias Bürgel, der Autor, ist als Kriminalbeamter mit all den menschlichen Abgründen bestens vertraut, er weiß, wovon er schreibt. Und leider ist so ein Szenario traurige Wirklichkeit, immer wieder erreichen uns Nachrichten von Amokfahrten, in denen Unschuldige zu Tode kommen oder aber mit lebenslangen Folgen zu kämpfen haben.

Schon der Prolog zieht mich komplett ins Geschehen, ich bin zutiefst entsetzt. Später dann sind Schlagzeilen von weiteren Todesopfern zu lesen, irgendwann sind es schon siebzehn Tote, die zu beklagen sind. Dann sind es die Therapiesitzungen, die für zusätzliche Bestürzung sorgen. Innerhalb der Gruppe können sie frei reden, es sollte nichts nach außen dringen, auch alle Handys und anderweitiges Aufnahmegerät sind zum Schutze aller nicht gestattet. Auch Falk kommt hier an seine Grenzen, seine Vergangenheit droht ihn erneut einzuholen.

Zwischendurch wird eine ganz andere Stimme laut, irgendwo in Konstanz lauert einer – so wie es den Anschein hat - mit unlauteren Absichten. Wer ist dieser Jemand und warum bekommt er hier seinen für ihn durchaus ergötzlichen Auftritt? Es sind noch so etliche Ungereimtheiten und finstere Typen, die nicht recht zugeordnet werden können. Auch innerhalb der Gruppe kommt so einiges ans Tageslicht, das sehr zu denken gibt. Daneben läuft die polizeiliche Ermittlungsarbeit ziemlich schleppend, schnelle Erfolge wären durchaus erwünscht.

Dieser Thriller hat mich von der ersten bis zu buchstäblich letzten Seite nicht losgelassen. Es ist ein durchaus realistisches Szenario, das der Autor hier verarbeitet. Die Merkmale und Eigenheiten seiner Charaktere einschließlich der Täterperson sind allesamt glaubhaft angelegt, ganz vorne ist es natürlich Falk Hagedorn, von dem wir eine ganze Menge erfahren. Die gar teuflische Amokfahrt mit den todbringenden Geräuschen und dem Tumult drumherum hat mich schockiert innehalten lassen, ich hatte so manchen Gänsehautmoment, habe spannende und abscheuliche Szenen durchlebt, garniert mit hinterhältigem Machtgehabe. Kurz - ein Thriller, der es in sich hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 08.09.2024

Johanna und Elsa - gibt es ein Miteinander?

Der Morgen nach dem Regen
0

Johanna hat das Haus von ihrer Tante Toni geerbt. Ein Haus, wunderschön gelegen, das viele Erinnerungen birgt. Sie hat ein bewegtes Leben hinter sich gelassen, sie war beruflich viel unterwegs und nun, ...

Johanna hat das Haus von ihrer Tante Toni geerbt. Ein Haus, wunderschön gelegen, das viele Erinnerungen birgt. Sie hat ein bewegtes Leben hinter sich gelassen, sie war beruflich viel unterwegs und nun, nach dreißig Jahren der Rastlosigkeit, will sie mit diesem Haus auch ihr Leben umkrempeln, es – wie das in die Jahre gekommene Haus – zu neuem Glanz verhelfen. Altes will sie entsorgen und dafür Neuem Platz machen. Gleich mal trifft sie auf ihren Nachbarn, der ihr Adressen von zuverlässigen Handwerkern gibt, der Renovierung steht nichts mehr im Wege.

Johannas Tochter Elsa lebt und arbeitet in Den Haag, sie gehört zu einem Verteidigerteam, das unter anderem grausamste Kriegsverbrecher vertritt. Ihr chronischer Erschöpfungszustand, vermutlich Burnout, zwingt sie zu einem mehrmonatigen Urlaub. Entschleunigung ist das Zauberwort, ihr Arzt redet ihr ins Gewissen. Tonis Haus in Sankt Goar wäre so ein Ort, an dem sie wieder Kraft schöpfen könnte. Nach anfänglichem Zögern freut sie sich dann doch darauf, aber das Aufeinandertreffen von Mutter und Tochter lässt alte Wunden neu aufbrechen…

…denn Johanna hatte nie Zeit für ihre Tochter. Kaum daheim, musste sie schon wieder weg, die Welt retten. Elsa blieb dabei auf der Stecke. Gut, sie hatte ihren Vater, der immer für sie da war, der ihre kleinen und großen Sorgen ernst nahm, der sie umsorgte, sie in die Schule begleitete, der ihr Vater und Mutter zugleich war. Elsa erinnert sich – sie war nie gut genug, Mutter hatte immer (wenn sie mal da war) etwas an ihr auszusetzen. Und genau das und noch vieles mehr steht zwischen ihnen. Es waren immer diese Ausreden, dass Mutter „so wahnsinnig gern dabei gewesen wäre…“. Nur hatte sie nie Zeit. Und jetzt sind sie beide in Tante Tonis Haus und wollen beide etwas anderes damit. Johanna reißt alles raus, will modernisieren. Elsa dagegen hängt an Tonis Vermächtnis.

Beide sind sie Powerfrauen, wenn man so will. Beide sind sie leidenschaftlich, gehen ihren Weg. Und ja, sie bewegen etwas. Die Erzählung wechselt zwischen Johannas und Elsas Geschichte und ist dann wieder im Hier und Jetzt in dem Haus, das auf Johannas Zutun renoviert wird, das gerade mal so bewohnbar ist. Mutter und Tochter – beide sind sie mir nahe, auch wenn ich Johanna als die eher egoistische Person wahrnehme, so kann ich sie und ihren Antrieb, immer wieder wegzugehen, dennoch gut verstehen.

Ja, es braucht viel Geduld und noch viel mehr Einsicht, was alles falsch gelaufen ist. Johanna muss hilflos zusehen, wie ihre Tochter ihr auch hier entgleitet. Vieles, sehr vieles gibt es aufzuarbeiten, viele Kränkungen und noch viel mehr Ungesagtes steht zwischen ihnen. Ist eine Annäherung überhaupt möglich? Miteinander reden, ohne anklagend zu sein, hilft. Wenn das mal so einfach wäre. Missverständnisse gibt und gab es reichlich und da ist ein gut gehütetes Geheimnis, das nicht länger zwischen ihnen stehen darf.

Dies alles und noch viel mehr hat Melanie Levensohn in ihrem wundervollen Roman „Der Morgen nach dem Regen“ beschrieben. Eine Mutter-Tochter-Geschichte, die es in vielen Abstufungen gibt, die das Zwischenmenschliche in geradezu brutaler Schonungslosigkeit präsentiert. Und doch irgendwo auch versöhnlich stimmt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.09.2024

Eine faszinierende Zeitreise durch fünf Jahrhunderte

Das Geheimnis der Glasmacherin
0

„Mit der Zeit alla Veneziana ist alles möglich. Wir beginnen am Nordufer von Venedig, nehmen einen flachen Kieselstein, werfen ihn mit einer Drehung schwungvoll über die Lagune und landen im Jahr 1486“ ...

„Mit der Zeit alla Veneziana ist alles möglich. Wir beginnen am Nordufer von Venedig, nehmen einen flachen Kieselstein, werfen ihn mit einer Drehung schwungvoll über die Lagune und landen im Jahr 1486“ auf Murano, direkt bei der Glasmacherfamilie Rosso. Die neunjährige Orsola, deren Leben wir ab hier begleiten, ist patschnass, ist sie doch von ihrem Bruder Marco in den nahen Kanal geschubst worden, was dieser aber vehement bestreitet. Nun, Giacomo, der nettere ihrer Brüder, hilft ihr heraus. Die unbeschwerte Balgerei ist bald vorbei, ein Unfall in der Werkstatt endet für ihren Vater Lorenzo tödlich. Von nun an leitet der älteste Sohn die Geschicke sowohl der Glasbläserwerkstatt als auch der Familie.

Wir sind auf Murano, bis heute ist diese Insel berühmt für seine Glasherstellung. 1295 hat der Doge von Venedig verfügt, dass alle Glasmacher nach Murano gehen mussten und nur dort arbeiten durften. Dadurch wollte er die Stadt vor der Brandgefahr durch die Schmelzöfen schützen und auch waren die Handwerker besser zu beobachten, denn das Wissen rund um die Glasherstellung durfte die Insel nicht verlassen. Etwaige Zuwiderhandlungen wurden schwerst bestraft.

Tracy Chevalier nimmt ihre Leser mit auf eine faszinierende Zeitreise. Über eine Spanne von fünfhundert Jahren tauchen wir ein in die Geschichte der Glaskunst. Den Kapiteln vorangestellt sind jeweils diese Steinhüpfer, die bis ins Jahr 2019 reichen. Dabei umreißt sie auch kurz die entsprechenden Epochen sowohl politisch als auch gesellschaftlich, nennt heute noch bekannte Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur, auch hat Casanova neben vielen anderen seinen Auftritt. Die Pest herrscht, es gibt Kriege, später dann hält die Elektrizität Einzug, um nur einiges hier zu nennen.

Die Zeit schreitet voran, Orsola und die ihren altern nur minimal, auch wenn für alle anderen ihre Zeit abläuft. Zunächst war ich ein wenig irritiert ob dieser Zeitsprünge, bald aber hat mir diese Art des Erzählens sehr gut gefallen. Durch diesen Kniff bleibt uns die Familie Rosso erhalten, wir müssen uns auf keine nachfolgenden Generationen und damit immer wieder andere Personen einstellen. Es gibt Nachwuchs, die Familie wird größer, die meisten von ihnen sind im Glasbläserhandwerk tätig.

Orsola ist eine Kämpfernatur. Mit ihren Glasperlen, die sie lange Zeit im Verborgenen herstellt, hält sie so manches Mal die Familie über Wasser. Die Rolle der Frau wird nur allzu deutlich, sie hat sich in die Männerdomäne nicht einzumischen. Liebe und Leid sind vorprogrammiert, so mancher Rückschlag ist schwer zu verkraften.

Die Reise durch die Jahrhunderte ist nun vorbei, es waren kurzweilige Stunden, die mir die Kunst der Glasherstellung und den bisweilen harten Kampf ums Überleben nähergebracht haben. Schön war so mancher Spaziergang durch Venedig mit Orsola und den ihren. Es war ein wundervoller Roman voller berührender Momente, aber auch voller Sorgen und Bangen um die Glasmacherfamilie Rosso. Gegen Ende jedoch war der Zauber vorüber, die Neuzeit mit Covid, Lockdown und Orsola inmitten der Schlange an der Supermarktkasse war ernüchternd, Orsola hat da so gar nicht hineingepasst. Waren die Zeitsprünge trotz des Zeitraffers vorher allesamt harmonisch, hat dieses Stilmittel zuletzt eher gestört. Das ist aber auch mein einziger Kritikpunkt, ansonsten bin ich von dem „…Geheimnis der Glasmacherin“ sehr angetan.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere