Eine perfekte Fassade voller Risse
Die Fletchers von Long IslandKurzmeinung: Spannend, bissig, klug – eine satirische Gesellschaftsstudie mit Sogwirkung und düsterem Humor.
Inhalt:
„Die Fletchers von Long Island“ beginnt mit der spektakulären Entführung des wohlhabenden ...
Kurzmeinung: Spannend, bissig, klug – eine satirische Gesellschaftsstudie mit Sogwirkung und düsterem Humor.
Inhalt:
„Die Fletchers von Long Island“ beginnt mit der spektakulären Entführung des wohlhabenden Familienvaters Carl Fletcher im Jahr 1980. Von der ersten Seite an zieht der Roman die Leser mitten hinein in das Chaos einer wohlhabenden jüdischen Vorortfamilie auf Long Island. Was wie ein Kriminalfall beginnt, entfaltet sich bald als tiefgreifende Erzählung über Trauma, Macht, Geld, familiäre Erwartungen und jüdische Identität.
Thematik und Handlung:
Brodesser-Akner erzählt nicht nur die Geschichte einer spektakulären Entführung, sondern beleuchtet die Nachwirkungen dieses Ereignisses auf die gesamte Familie. Der Roman thematisiert Klassenunterschiede, das Erbe jüdischer Geschichte, weibliche und männliche Rollenbilder, gesellschaftliche Außendarstellung und innerfamiliäre Machtstrukturen. Dabei vermischt die Autorin kunstvoll Familiensaga, Satire und psychologische Milieustudie.
Charaktere:
Die Charaktere sind vielschichtig und glaubwürdig – Ruth, die sich von der Glitzerfassade ihres Lebens täuschen ließ, Carl, der sich selbst im eigenen Reichtum verliert, Phyllis, die matriarchale Strippenzieherin, und die Kinder, die alle auf ihre Weise mit dem Trauma aufwachsen. Besonders bemerkenswert ist, wie authentisch und ohne Schönfärberei sie dargestellt werden – oft unsympathisch, aber nie uninteressant.
Schreibstil:
Brodesser-Akner schreibt pointiert, sarkastisch, messerscharf beobachtend – immer mit einem Hauch Melancholie. Die Sprache ist lebendig, die Perspektivwechsel gekonnt eingesetzt, der Erzählrhythmus dicht. Besonders hervorzuheben ist ihr Talent, feine psychologische Beobachtungen mit gesellschaftlicher Kritik zu verweben.
Atmosphäre und Weltaufbau:
Das Long Island der 1980er wird lebendig: ein Vorort der jüdischen Oberschicht mit all seinen stillen Rivalitäten, Nachbarschaftsgerüchten und oberflächlicher Harmonie. Hinter gepflegten Rasenflächen und Bowling-Ligen lauert eine dunkle, menschlich allzu reale Wahrheit. Die Atmosphäre ist gleichzeitig nostalgisch und beunruhigend – wie ein längst vergilbter Familienfilm mit düsteren Zwischentönen.
Fazit:
Ein vielschichtiger, kluger und scharfzüngiger Roman, der sich nicht mit einfachen Wahrheiten zufriedengibt. Die Entführung dient nur als Katalysator für eine tiefgreifende Erkundung von Familie, Schuld und der Illusion von Kontrolle. Ein Buch, das sich unterhaltsam liest, aber lange nachwirkt.
Empfehlung:
Für Leser:innen von Jonathan Franzen, Philip Roth oder Meg Wolitzer – wer literarische Familiendramen mit Tiefgang, jüdischem Humor und gesellschaftlicher Relevanz mag, wird dieses Buch verschlingen.