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Veröffentlicht am 18.03.2024

Zu viel Leichtigkeit

Das Gewicht eines Vogels beim Fliegen
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1926 kommt der Bildhauer Constantin Avis in New York an. Das Blitzlichtgewitter leuchtet nicht für ihn als er von Bord geht, sondern für die atemraubende Alsa Fantonie, die Filmschauspielerin, die Avis ...

1926 kommt der Bildhauer Constantin Avis in New York an. Das Blitzlichtgewitter leuchtet nicht für ihn als er von Bord geht, sondern für die atemraubende Alsa Fantonie, die Filmschauspielerin, die Avis schon lange verehrt. Der Kunstmäzen und Galerist Max Milner, hat Avis persönlich aus Paris einschiffen lassen, weil er den Bildhauer protegieren will.

Während Avis sich auf die Suche nach seinem Hotel macht, kommt die Schriftstellerin Dora und Erfinderin Avis, in ihrem an. Sie lebt im Jahr 2020, hat ein Auslandsstipendium, im sommerlichen Ligurien bekommen und frönt ihrer Idee, sich schreibend auf die Frage, was Kunst ist, zuzubewegen. Ihr achtjähriger Sohn und sein Kindermädchen Macedonia begleiten sie.

Während Macedonia, Doras Sohn beschäftigt, bleibt der Schriftstellerin genügend Zeit ihre Umgebung zu beobachten. Die ockerfarbenen Vorhänge ihres Zimmers bewegen sich sanft im Wind und werden sogleich bildlich nach New York transportiert, wo sie in Avis Hotelzimmer ähnlich wehen. Was Avis veranlasst, die Galerie seines Gönners aufzusuchen. Dort angekommen, lernt er die kesse Lidy kennen, die sich erfahrungsreich um das Interieur kümmert. Gut gelaunt lädt er sie zu einem Drink ein, nicht ahnend, dass er nicht, wie vermutet, die Tochter des Galeristen vor sich hat. Am Ende des Abends erfährt Avis, dass sein Gönner kürzlich verstorben ist.

Fazit: Die Autorin hat ein buntes Potpourris an Szenen entstehen lassen. Die Sprache ist quecksilbrig und flatterhaft. Der Charakter Avis tänzelt mit einer Leichtigkeit durch die Sinnbilder, die erahnen lässt, dass er noch nie, vom Ernst des Lebens gebeutelt wurde. Mir fehlten bei Avis die Konturen. Unklar blieb auch, welche Stelle Regis in Doras Leben füllte. War er ihr Freund, Geliebter? Zuerst fand ich den Roman arg amüsant. Zum Ende hin nervte mich diese, nicht enden wollende Leichtigkeit. Dann hat die Autorin noch ein Fass aufgemacht, um auf die Frage, was Kunst ist, zurückzukommen, das eigentliche Ansinnen des Romans, indem sie einen Prozess beschrieb. Etwas weniger vom Leichten, eine Prise Ernst, hätte, für mich mehr sein können.

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Veröffentlicht am 15.03.2024

Eine solide Geschichte

Die Arbeiter
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Sommerferien. Wie immer geht es an die Nordsee. Drei Kinder auf der Rückbank des alten Polo. Lisbeth, deren Rollstuhl im Kofferraum liegt, der zweitälteste Kristof und er, “der Kurze”. Die Mutter sitzt ...

Sommerferien. Wie immer geht es an die Nordsee. Drei Kinder auf der Rückbank des alten Polo. Lisbeth, deren Rollstuhl im Kofferraum liegt, der zweitälteste Kristof und er, “der Kurze”. Die Mutter sitzt auf dem Beifahrersitz und steckt dem Vater, der fährt, eine Zigarette nach der anderen an.

Als sie endlich ankommen, ist der Vater kaputt von der Fahrt und muss sich erstmal hinlegen. Die Mutter sitzt in der Küche und raucht. Weil sie kaum Luft kriegt, sitzen sie bald beim Kurarzt im Wartezimmer. Das Reizklima.

Der Vater hat wieder sein Ritual zelebriert. Das ganze Jahr über sammelte er Münzen und kleine Scheine, nun zählen sie alle zusammen nach, über 350 Mark für Pommes, Hamburger und Cola. Jetzt werden sie sich mal richtig erholen von der Maloche, den Bausparverträgen und Ratenkrediten.

Mein Vater, der nie genug arbeiten konnte, um am Ende des Monats nicht im Minus zu landen. Meine Mutter, die ständig in Sorge war, irgendwo zu kurz zu kommen: So waren wir. S. 87

Viele Jahre später ist “der Kurze” vierzig. Für ihren Sohn wollen er und seine Frau Katja alles anders machen als die Eltern. Aber dann sind sie doch auf Kante genäht, brüllen sich an, sind cholerisch und kalt zueinander, fallen, verlieren fast alles und fangen sich im letzten Moment wieder.

“Der Kurze” muss es erst noch lernen, das Sprechen über Gefühle. Zuhause war kein Platz fürs Fühlen, erst recht nicht, um darüber zu sprechen. In seiner Familie wurde alles verdrängt, später dann auch der Tod seines Vaters.

Fazit: Eine solide geschriebene Geschichte über eine Arbeiterfamilie, die Generation davor und die Kinder. Martin Becker schreibt in lockerem, gut lesbarem Stil. Frischt mit lustigen Anekdoten auf, die tatsächlich passiert sein könnten. Gut gezeichnet, hat er die Charaktere. Der cholerische Vater, der bei jedem Konflikt seine Überforderung herausbrüllte und damit jeden Widerspruch unter seine Kontrolle brachte. Die Mutter, die unter grausigen Verhältnissen aufgewachsen war und versuchte, sich so viel wie möglich vom Leben zu gönnen, dazu leider aber auch “den Kurzen” benutzte. Bei aller Liebe, die “der Kurze”als Erwachsener für seine Familie empfindet, ist er auch zornig, weil manches anders, besser gelaufen wäre. Ich habe es, wie beabsichtigt als Ode an die Arbeiterfamilie gelesen, die weder beschönigt, noch sentimental verklärt, aber auch nichts übertreibt und sich damit abfindet, wie es war. Und ich habe das gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 14.03.2024

Sehr eindringliche Aufarbeitung

Maifliegenzeit
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Katrin und Hans haben ihren Sohn, wenige Tage nach seiner Geburt, verloren. Jetzt liegt Katrin in ihrem Bett und weint. Die Suppe, die Hans ihr brachte, hat sie nicht angerührt, den Tee nicht getrunken. ...

Katrin und Hans haben ihren Sohn, wenige Tage nach seiner Geburt, verloren. Jetzt liegt Katrin in ihrem Bett und weint. Die Suppe, die Hans ihr brachte, hat sie nicht angerührt, den Tee nicht getrunken. Er weiß, dass er mit Katrin reden muss, ihr Trost schenken, sie festhalten, aber er verlässt das Haus, geht zügig runter zum Fluss.

Am siebten Mai 1978 begräbt Hans seinen Sohn. Der Feuerwehrmann, dessen Aufgabe das eigentlich war, ist in Urlaub. Der Einfall des Sonnenlichts setzt alles ihn Umgebende grell in Szene. Die weißen Blüten des Apfelbaums, die pastelgelbe Kirche, den roten Traktor. Nachdem er auf die Erde eingehackt hat, mit der ganzen Kraft des fünfundzwanzigjährigen, bricht er zusammen und weint.

Der Tod eines Neugeborenen gehört zu den Dingen, die am äußersten Rand unserer Vorstellungskraft liegen. Er widerspricht dem natürlichen Ablauf des Lebens auf so ungeheuerliche Weise, dass mich auch heute noch, der leiseste Gedanke daran aus dem Gleichgewicht bringen kann. S. 22

Katrin wollte nicht wahrhaben, dass unser Sohn verstorben war. Sie hielt Monologe darüber, wie er laut geschrien hatte, als sie ihn von ihr fortbrachten, dass er nicht geklungen habe, wie ein Säugling mit schweren Herzproblemen. Der Arzt, der uns habe die Papiere unterschreiben lassen, habe ihr nicht in die Augen gesehen. Hans kann es nicht mehr hören, er schreit Katrin an, sie solle ihn endlich ruhen lassen und dann schüttelt er sie, wie man ein unwilliges Kind schütteln möchte. Danach ist Katrin weg, sie hat ihn verlassen.

Vierzig Jahre später bringt seine Lebensgefährtin Anna ihm einen Zettel.

Daniel hat angerufen, sagt sie, mit trockener und brüchiger Stimme. S. 15

Daniel, mein einziges Kind, das seit vierzig Jahren tot ist.

Fazit: Der Autor drückt sich sehr präzise aus. Er weiß genau, was er sagen will und das macht er, nicht mehr, nicht weniger und damit erzielt er die Essenz von Trauer, der Unfähigkeit zu Trösten, des Weglaufens, der Angst vor der eigenen Erschütterung und des Kontrollverlusts, wie sie Männern zuzutrauen ist. Seine Sprache ist eindringlich, durchzogen von Erinnerungen an den eigenen Vater, der als manisch-depressiver Mann, die Flucht nach vorn antrat, um seinen Dämonen zu entkommen. Er saß die meiste Zeit am Fluss, und angelte. Die Geschichte spricht über die Verletzlichkeit durch einen Verlust, der einen ein Leben lang begleitet. Wundervoll verbindend, eine solche Geschichte aus Sicht eines Mannes zu lesen. Und eine gelungene Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel in der Vergangenheit Ostdeutschlands. So war die Geschichte von Karin S. aus Sachsen-Anhalt Grundlage für dieses Buch. Sie sucht noch heute nach ihrem Kind.

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Veröffentlicht am 14.03.2024

Die Protagonistin hat mich nicht überzeugt

Kosakenberg
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Kathleen reist aus London an, um ihre Eltern in Kosakenberg zu besuchen. Schon am Bahnhof holt sie dieses alte Gefühl ein, an einem Rand zu stehen, hier am Ende der Welt. Ihr wortkarger Vater, dessen Blaumann ...

Kathleen reist aus London an, um ihre Eltern in Kosakenberg zu besuchen. Schon am Bahnhof holt sie dieses alte Gefühl ein, an einem Rand zu stehen, hier am Ende der Welt. Ihr wortkarger Vater, dessen Blaumann über dem Bauch strammt, verspätet sich auch noch, was ganz untypisch für ihn ist. “Der Verkehr”, als sei er durch Berlin hierher gekommen. Im Auto sitzen sie schweigend nebeneinender. Wie immer fragt er sie nichts, stattdessen fährt er ziemlich schnell.

Ihrem Freund Octavio verschweigt sie ihre Herkunft, so sehr schämt sie sich für ihre Eltern, für das Dorf, ihr Elternhaus. Das Leben, das sie in London führt, hat keinerlei Ähnlichkeit mit ihrer Vergangenheit. Sie war nach dem Abitur nach Berlin gegangen, um Grafikdesign zu studieren. Ein Praktikum in Hannover, dann wieder Berlin, folgten. Alles war gut, aber sie war noch nicht weit genug von Zuhause weg, fand sie. Deshalb hatte sie ihren vorletzten Arbeitgeber gefragt, ob er sie nach Amerika versetzen könnte. Er bot ihr London an, sie sagte sofort zu und hat es keinen Tag bereut. Ihr Highlight war der Besuch bei der Queen, auf der Gartenparty im Buckingham Palace. Dort waren nur hochrangige Persönlichkeiten geladen. Sie schüttelte Camilla die Hand, die in Natura ganz anders aussah, als auf Fotos.

Jetzt ist sie wieder hier in dem Haus, das schon ihrer Großmutter gehört hat, ohne Heizung, mit dem Plumpsklo im Garten. Ihr Vater verlor schon 1990 seine Arbeit als die Fabrik geschlossen wurde, das Geld, das er mit seinen Nebenjobs verdient reicht gerade so.

Fazit: Die Autorin lässt ihre Protagonistin zurückblicken. Jedes Kapitel beschreibt eine Heimreise und was sie dort erlebt. Sie schwelgt in der Vergangenheit und lässt mich erfahren, wie sie aufgewachsen ist, dann blickt sie in die Gegenwart und beschreibt ihr Leben in England. Ich mochte die Interaktionen mit den Dorfbewohnern sehr, damit hat mich die Autorin in ihren Bann gezogen. Die Protagonistin mochte ich ebensowenig, wie ihre damalige Freundin Nadine. Müssen Protas immer sympathisch sein? Nein sicher nicht, aber es erleichtert die Identifikation mit ih*r und damit das Lesen ungemein. Was ich allerdings beanstande ist, dass die Autorin ziemlich dünn gezeichnet war. Ich hätte mir ein wenig mehr Charakterfestigkeit und klare Ansichten gewünscht und weniger Schuldzuweisungen.

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Veröffentlicht am 12.03.2024

Der Inhalt kann den Selbstwert stärken, Freude und ein wenig Frieden schenken

Die sieben Türen
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Das kleine Leuchten weiß noch nicht was es ist, als es die kleine Raupe, mit der großen Brille kennenlernt. Die kleine Raupe stellt sich als Jara vor und möchte das kleine Leuchten auf eine Reise mitnehmen, ...

Das kleine Leuchten weiß noch nicht was es ist, als es die kleine Raupe, mit der großen Brille kennenlernt. Die kleine Raupe stellt sich als Jara vor und möchte das kleine Leuchten auf eine Reise mitnehmen, an dessen Anfang, das kleine Leuchten selbst steht. Als dieses sich umdreht, schält sich aus dem Dunkel eine Reihe von Türen heraus, sieben an der Zahl. Hinter jede davon, wird es schauen dürfen. Hinter jeder wird es zwei Dinge finden, die gegensätzlich und doch untrennbar miteinander verbunden sind.

Die erste Tür, die sich öffnet, präsentiert Licht und Dunkelheit. In der tiefen Schwärze spürt das kleine Leuchten, das so schwach strahlt, dass es von der Dunkelheit nahezu absorbiert wird, große Angst. Doch die freundliche Stimme der Dunkelheit, macht es auf sein eigenes Strahlen aufmerksam. Bei dieser Übung lernt das kleine Leuchten, dass es besser ist, die Dunkelheit zu akzeptieren, statt sie zu verfluchen. Es lernt, dass wir meist erst durch das Dunkel ins Licht gelangen. Nachdem es das verinnerlicht hat, fühlt es sich nicht nur größer, sondern leuchtet auch schon ein wenig heller.

Hinter der zweiten Tür verbergen sich die Gegensätze Mut und Angst. Das kleine Leuchten betritt eine dunkle Stadt mit erleuchteten Fenstern und vielen Türen. Es erfährt, dass hinter jeder dieser Türen, eine, der Ängste des kleinen Leuchtens steht und sein Leben lang darauf wartet, dass es eine nach der anderen öffnet. So prophezeit es ihm eine raue Stimme, die Mut gehört. Lieber würde das kleine Leuchten keine dieser Türen öffnen, aber Mut hält das für keine gute Idee, weil dann immer mehr Türen dazu kämen.

Während das kleine Leuchten sich durch Zeit und Raum bewegt, um seine Erfahrungen zu machen, weicht die kleine Raupe ihm nicht von der Seite und beantwortet eine Vielzahl seiner Fragen. Bei manchen bittet sie um Aufschub, weil sie später selbsterklärend würden.

Am Ende seiner Reise, wird das kleine Leuchten, das dann schon deutlich heller strahlt, eine Entscheidung treffen müssen, die sein jetziges Dasein verändern wird.

Fazit: Was für eine kluge und liebevolle Geschichte, die ich jeder Familie mit Kindern zwischen drei und acht Lebensjahren empfehlen möchte aber ebenso allen jung gebliebenen Erwachsenen. Dieses zauberhaft und bildreich gestaltete Kleinod ist eine gelungene Geschenkidee. Es enthält soviel Weisheit, die mit wenigen Worten kinderleicht transportiert wird.

Achtung! Der Inhalt kann den Selbstwert stärken, Freude und ein wenig Frieden schenken.

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