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Veröffentlicht am 12.02.2024

Gelungene Fallbeispiele

Emotionales Erbe
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Die Psychoanalytikerin und Supervisorin erklärt anhand vieler Fallbeispiele und aus Sicht epigenetischer Zusammenhänge, wie stark wir mit unseren Verwandten verbunden sind. Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt:

1. ...

Die Psychoanalytikerin und Supervisorin erklärt anhand vieler Fallbeispiele und aus Sicht epigenetischer Zusammenhänge, wie stark wir mit unseren Verwandten verbunden sind. Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt:

1. Die Großeltern

Hier zeigt uns die Autorin, wie sehr Kriegseindrücke, Holocausterfahrungen, Vergewaltigung und Vertereibung, über Generationen, in unsere Seelen gebrannt sind. Gerade wenn über solche Erfahrungen nicht geredet und die Scham und Demütigung tabuisiert wird, besteht die Gefahr, dass kommende Generationen, diese nicht verarbeiteten Traumata be- und verarbeiten werden müssen.

2. Die Eltern

Wir wissen vieles nich über unsere Eltern, aber nicht alles. Manchmal schweigen sie, um uns nicht zu verwirren, oder den eigenen Schmerz von uns fernzuhalten, weil sie und nicht belasten wollen. Auch Galit Atlas ist bei einem ihrer “Fälle” der Verlust eines Zwillingskindes während der Geburt begegnet. Der verbliebene Zwilling fühlte sich bis zu Beginn der Therapie, zerrissen, so als wäre ihm etwas wichtiges abhanden gekommen. Ebenso belastend sind verdrängte Fehlgeburten, Abtreibungen, aber auch Suizide innerhalb einer Familie. Es zwingt die nächste Generation förmlich dazu, die dabei erlebten Gefühle, wie Trauer, Wut und Scham, an Stelle der anderen aufzuarbeiten.

Der dritte Teil ist uns, der letzten Generation gewidmet und beschreibt, welche Auswirkungen Tabuthemen, wie Missbrauch auf uns haben. Wie sich eine emotonal abwesende Mutter auf unsere Entwicklung auswirkt. Warum wir es jedem recht machen wollen und wie wir den Teufelskreis durchbrechen können.

Fazit: Ich mag die Autorin und ihre Arbeit. Sie zeigt an gelungenen Beispielen, wie Übertragung und Gehenübertragung funktionieren, indem sie zeigt, welche Gefühle ihr Gegenüber in ihr hervorruft. Ob sie Sympathie empfindet, sich kümmern und Sicherheit vermitteln möchte, oder zu Tränen gerührt wird und mitfühlt. Was sie macht wirkt authentisch. Die Fallbeispiele lesen sich wie Kurzgeschichten und sind frei von Psychologischer Termini und daher auch für den Laien verständlich. Ich hätte mir einen kleinen Exkurs in die Bedeutung der Epigenetik, die ja noch ein ganz junges Wissenschaftsfeld ist, gewünscht. Das ist aber mein ganz persönliches Interesse. Ein Anspruch, den eine andere Leser*in sicher nicht hätte.

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Veröffentlicht am 08.02.2024

Erschreckend schön

Liebe ist gewaltig
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Julis große Schwester Alex ist so sonderbar, dass man meinen könnte, sie sei noch im Krankenhaus vertauscht worden. Wenn der übliche Tumult zuhause losging hat sie sich hinter Buchdeckeln versteckt. Sie ...

Julis große Schwester Alex ist so sonderbar, dass man meinen könnte, sie sei noch im Krankenhaus vertauscht worden. Wenn der übliche Tumult zuhause losging hat sie sich hinter Buchdeckeln versteckt. Sie war die erste, die auszog. Juli selbst, ihre Brüder Max und Bruno haben sich allabendlich damit überschlagen, der oder die Beste zu sein, um Vater zu gefallen. Juli glänzte mit Schulnoten, Bruno mit Sport und Max, tja Max war zart und schön und zog oft den Kürzeren.

Wer mal keine Höchstleistungen erbrachte, musste damit rechnen, vor dem Rest der Familie gedemütigt und beleidigt zu werden. S. 22

Julis Vater war unantastbar der Allerbeste im Hause Ehre, er war immer noch so attraktiv, dass sich die jungen Frauen nach ihm umdrehten, wenn er in seinem Cabriolet saß. Als Jurist war er sehr angesehen weil man Intelligenz und Sinn für Gerechtigkeit voraussetzte. Julis Mutter, immer am Hungern, um Kleidergröße 34 zur Schau zu tragen. Julis Vater kontrollierte das Wiegen und nannte seine Frau bei der geringsten Gewichtszunahme “Fette Sau”.

Der Vater prügelt Frau und Kinder mit einer Regelmäßigkeit, die alle in ständiger Alarmbereitschaft hält. Als Juli noch kleiner war, kroch sie jede Nacht zu ihrem großen Bruder Bruno ins Bett, bis sich Schultern und Kiefer entspannten und sie in einen unruhigen Schlaf fiel.

Mutter erfüllte Wünsche, wenn es uns traf, damit wir niemandem davon erzählten. Traf es sie, suchte sie Trost. Mama die Tatortreinigerin. S. 106

Nachdem der Vater Bruno halbtot prügelt kann Juli kein Essen mehr bei sich behalten. Vaters Bruder schickt sie in Reha denn bei einer Psychotherapie wären die Eltern aufgeflogen. In der Reha zeigt sich wie verstört und destruktiv Juli wirklich ist. Dort ist man mit ihrem Verhalten überfordert und schicken sie wieder nach Hause. Alle anderen Geschwister sind mittlerweile ausgezogen und sie der Willkür ihrer Eltern gnadenlos ausgeliefert, bis ihre Dämme brechen und sie eskaliert.

Fazit: Das Cover verspricht einen sprachgewaltigen Roman und die Geschichte hält dieses Versprechen definitiv. Großartige Erzählkunst, absolut überzeugend. Claudia Schumacher erzählt die Geschichte von zwei Bilderbuchnarzisst*innen, die die Familie schikanieren, attakieren, manipulieren und so mutwillig zerstören, dass die Kinder ein Leben lang versuchen, das Erlebte zu verarbeiten. Hier sitzt jedes Wort, nichts scheint übertrieben, alles wirkt so schrecklich authentisch, dass ich mich frage, woher hat die Autorin dieses fundierte psychologische Wissen. Die Protagonistin verliert sich, zweifelt an ihrer eigenen Wahrnehmung, erkennt ihre Mutter, analysiert jedes Familienmitglied und dessen/deren Aufgabe, um das System am Laufen zu halten. Sie schafft es auszusteigen und sich in der Interaktion mit anderen zu finden, zu scheitern, sich wieder neu zu erfinden, bis sie am Ende echte Hilfe bekommt. Ein grandioses intelligentes Debüt, erschreckend schön. Ein Mutmacher!

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Veröffentlicht am 06.02.2024

Plötzlich Persona non Grata

Die Rassistin
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Nora Rischer, 44 Jahre, Sprachwissenschaftlerin, Germanistikdozentin, lesbische Cis Frau mit Kinderwunsch, sitzt im unbequemen gynäkologischen Stuhl ihrer Frauenärztin, um sich künstlich befruchten zu ...

Nora Rischer, 44 Jahre, Sprachwissenschaftlerin, Germanistikdozentin, lesbische Cis Frau mit Kinderwunsch, sitzt im unbequemen gynäkologischen Stuhl ihrer Frauenärztin, um sich künstlich befruchten zu lassen. Ein kurzes Pling signalisiert ihr einen E-Mail-Eingang und die Botschaft: Rassistischer Vorfall an unserer Uni! springt ihr ins Auge. Nach kurzer eingängiger Visionierung ihres Seminars gestern, kommt sie zu der Überzeugung, der Vorwurf könne nur an sie adressiert sein, weil, ja warum eigentlich? Nun ja, sie hatte drei ihrer chinesischen, also drei ihrer Studierenden aus der Volksrepublik China empfohlen, ihre Deutschkenntnisse aufzufrischen. Hatte daraufhin jemand gelacht? Schon, aber das hat sicher auch damit zutun gehabt, dass ein anderer Studierender, der mit der Aura eines Investmentberaters, EI-NEN AUUS-SPRAACHEE-KURRSSS empfahl.

Wer hatte ihr jetzt die AStA auf den Hals gehetzt, die behauptet:

Die Lehrperson missbraucht ihre strukturelle Macht, um drei international studierenden auf Grundlage ihrer Ethnizität die Lernfähigkeit abzusprechen. S. 24

Ihr anmassendes Eingreifen habe in verletzender Weise, große Unsicherheiten bei dieser ethnischen Minderheit ausgelöst.

Bisher hatte sie sich stets für eine aufgeschlossene, liberale Lesbe gehalten, jetzt degradierte man sie zur Persona non Grata, wegen einer unbedachten Äußerung.

Fazit: Nachdem die Protagonistin erkannt hat, dass man ihr Rassismus vorwirft, entsteht in ihrem Kopf ein Tribunal, aus Überzeugungen und Selbstzweifeln. Sie lässt Szenen aus ihrer Vergangenheit Revue passieren, erruiert wann sie sich noch schuldig gemacht hat. Als sie in der weiterführenden Schule einen übergewichtigen Mitschüler Schwabbelbacke genannt hatte, vielleicht. Obwohl das ja die Idee des Lehrers gewesen war. So entsteht ein Dialog aus Stimmen, die sie verurteilen, verteidigen und freisprechen. Dabei erfahre ich auch von Noras Panikattacken, die nach dem sechsten oder siebten Übergriff eines erwachsenen Mannes gegen sie, als junges Mädchen, seltsamerweise plötzlich aufhören. Die Geschichte mag uns auf zynische Weise vor Augen führen, dass nicht jedes Wort moralisch besetzt ist und geahndet werden muss. Der derzeitige politische und akademische Diskurs scheint tatsächlich Blüten voranzutreiben, die exotisch anzusehen sind und verunsichert vielleicht mehr, als er vermeintlich von Diskriminierung Betroffene schützen möchte. Grundsätzlich mochte ich die Verkörperung dieser Idee zu einer Geschichte, es war mir aber auch ein bisschen viel. Das allerdings ist mein ganz persönlicher Geschmack.

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Veröffentlicht am 05.02.2024

Kluge Aufarbeitung unserer Geschichte

Dünnes Eis
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Marietta wird morgen Einhundert Jahre alt, jetzt ist es 24 Uhr, sie liegt unruhig im Bett. Nicht wegen ihres Geburtstags, sondern wegen der Schatten, die die Dunkelheit wirft. Sie setzt sich an ihren Schreibtisch ...

Marietta wird morgen Einhundert Jahre alt, jetzt ist es 24 Uhr, sie liegt unruhig im Bett. Nicht wegen ihres Geburtstags, sondern wegen der Schatten, die die Dunkelheit wirft. Sie setzt sich an ihren Schreibtisch und kramt ein paar Fotos aus der Schublade hervor, so, wie sie es immer macht, wenn sie nicht schlafen kann. Sie dreht ein Bild um und schaut auf ihren Heinrich, “den der russische Winter verschluckt hat”. Zwei Jahre hatten sie miteinander gehabt und daraus war ihr Johann entstanden. Ihr Johann …ganz dünnes Eis.

An Gisela denkt sie, als sie das Foto mit Emil umdreht, Giselas Wellensittich. Sie hatte neben ihr gewohnt in der Residenz, wo sie nun schon seit zwanzig Jahren wohnt. Damals, als Elias sie verließ, ihr zweiter Mann, Psychoanalytiker.

Als sie sich fühlte wie ein verlassenes Haus, durch dessen zerbrochene Fenster und leere Räume der Wind fegt. S. 48

Ihr Elias, der so bestrebt war herauszufinden, warum sie beim Sex mit ihm, immer, die Augen schloss, aber sie konnte es ihm nie sagen. Nach Elias hatte sie 250 Quadratmeter gegen diese 45 getauscht, in denen sie nun lebt. Zuerst war sie als freiwillige grüne Dame von Zimmer zu Zimmer gegangen und hatte das Gespräch angeboten, das lag ihr einfach.

Wenn sie jetzt aus dem Fenster schaut sieht sie die Container mit den Flüchtlingen, die von weit übers Meer hirher, zu uns gekommen sind. Neulich erzählte ihr jemand, dass ein fünfzehnjähriges syrisches Mädchen und ihr kleiner Bruder von Männern durch den Park gejagt wurden. Da packte es sie wieder, der Druck in den Schläfen, Augen flackern, Knie wie Pudding. Atmen, ruhig, atmen.

Fazit: So eine wichtige Geschichte, so gut egemacht. Die Autorin hat klug erzählend, unsere Geschichte aufgearbeitet und mit großer Sensibilität, die Auswirkungen des Krieges, anhand von Marietta gezeigt. Wir vergessen nicht, dass wir einen völlig sinnlosen Krieg angezettelt und Völkermord begangen haben. Aber wir haben vergessen, was wir unseren Großeltern und damit den folgenden Generationen angetan haben. Unsere Frauen, die wie Vieh behandelt, gedemütigt und vergewaltigt wurden, ihre Männer und Kinder ganz verloren, oder versehrt und verändert zurück bekommen haben. All dieser unnötige Schmerz, das macht was mit einem. Ich hoffe, das passiert tatsächlich: Nie wieder!

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Veröffentlicht am 03.02.2024

Ganz großes Kino

Trophäe
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John Hunter White geht seiner Lieblingsbeschäftigung nach, während seine schöne Frau in Mexico weilt. Normalerweise entwirft Hunter Investitionsblasen, mit denen er seine Käufer blendet. Bevor die Blase ...

John Hunter White geht seiner Lieblingsbeschäftigung nach, während seine schöne Frau in Mexico weilt. Normalerweise entwirft Hunter Investitionsblasen, mit denen er seine Käufer blendet. Bevor die Blase platzt holt er das Maximum raus. Es ist durch und durch unethisch, aber schnelles Geld.

Van Heeren hat ihn wieder einmal nach Afrika eingeladen. Er betreibt eine Lodge umgeben von einer Unmenge Land, an den Grenzen zum Nationalpark. Hunter hatte schon alles vor der Linse, wendige Springböcke, schlanke Antilopen, gefräßige Löwen, sogar eine Giraffe, aber das war irgendwie unschön. Das stolze Tier hat sich gar nicht gewehrt. Selbst einen unberechenbaren Büffel, auf diese Drecksviecher verzichtet er lieber. Die rennen einfach weiter, selbst wenn man ihnen längst einen Krater zwischen die Augen verpasst hat. Hunter weiß genau, dass er in der Nahrungskette ganz oben steht.

Hier, die Gefahr zum Greifen nahe, kann er sein, wer er wirklich ist. Er, Hunter, Mann. S. 27

Van Heeren hat Hunter einen, von nur noch drei Spitzmaulnashornbullen angeboten. Eigentlich stehen sie unter Naturschutz, aber Van Heelen hat in seinem Bestand ein älteres Männchen, das den beiden jüngeren Konkurrenz macht und bevor er die anderen noch verletzt, hat Van Heelen ihn vernünftigerweise zum Schuss freigegeben. Hunter hat für die Jagdlizenz einen sechsstelligen Betrag investiert, für den er extra eine neue Firma eröffnet hat, aber was tut man nicht alles für ein ausgefallenes Geburtstagsgeschenk für die Gattin.

Seit über zwei Jahrzehnten jagen sein Gastgeber und er zusammen. Auch Van Heeren freut sich auf morgen. Nicht jeden Tag, macht einer seiner Gäste die Big Five voll.

Fazit: Ganz großes Kino. Die Geschichte läuft wie ein Film vor Augen ab. Ich war mittendrin, habe geschwitzt, mich verausgabt, gefürchtet und erschrocken. Von Anfang an gewann ich den Eindruck, dass der Protagonist ein selbstgefälliger Mensch ist und das, was er vorhat, nicht richtig. Doch dann flicht die Autorin gute Gründe ein, warum er so tickt und ich verstehe ihn. Der Logebetreiber macht plausibel, warum er selbst bestimmte Ideen protegiert und ich gerate ins schwanken. Am Ende wird mir ganz schwummrig, weil ich richtig und falsch nicht mehr auseinanderhalten kann. In dem Roman stecken so viele Informationen. Ich erfahre viel über die uralte Befölkerung, die fast ausgerottet wurde und deren Lebenseinstellung, ohne von Wissen erschlagen zu werden. Gaea Schoeters führt mir auf gekonnte Art vor, was Doppelmoral bedeutet. Wie verwerflich Menschen gestrickt sind und überlässt mich am Ende der Überzeugung, dass Geld eben doch ganz schön stinkt. Ich liebe dieses Buch, weil es mich fassungslos gemacht hat.

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