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MichaelKarl

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Veröffentlicht am 28.12.2021

Selbstvergewisserung: Über das Annehmen und Ausschlagen von Erbschaften

"Die Herzen hoch und hoch den Mut"
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Ein Erbe anzunehmen oder auszuschlagen hat sicher viele Aspekte - diese können etwa zivilrechtlicher, biographischer oder ökonomischer Natur sein. Wenn man von einem „väterlichen Erbe“ spricht, kann es, ...

Ein Erbe anzunehmen oder auszuschlagen hat sicher viele Aspekte - diese können etwa zivilrechtlicher, biographischer oder ökonomischer Natur sein. Wenn man von einem „väterlichen Erbe“ spricht, kann es, in Deutschland zumal, noch ein wenig unübersichtlicher werden, denn es stehen z.B. die berühmten 68er in dem Ruf, das Erbe ihrer Väter komplett abgelehnt zu haben. Väter kommen dann vor den Richterstuhl der Nachgeborenen, und wie man mit ihnen, den Vätern, dabei umgeht, kann unvermittelt aufzeigen, wes Geistes Kind diese Nachgeborenen eigentlich waren - denn die Ankläger können leicht selbst zu Angeklagten werden. Auf der Ebene der ungezählten Familien in Deutschland, in denen noch in den letzten Kriegsjahren geborene Söhne und Töchter von ihren aus „dem Feld“ nicht heimgekehrten Vätern nichts weiter auf ihren Lebensweg mitnehmen konnten als eine „Nachlasskiste“, wendet sich ein solches Thema ins Beklemmende und Düstere und viele, die ihren eigenen Lebensweg „so“ beginnen mussten, haben es oft bis zu ihrem eigenen Ruhestand nicht gewagt, jene Kisten zu öffnen und sich die darin enthaltenen Habseligkeiten genauer zu betrachten. Beim vorliegenden Buch liegt der „Erbfolge-Fall“ etwas anders, denn der pensionierte Literaturwissenschaftler und kreative - und bis zuletzt produktive - Autor (1944-2021) hat sich auf seiner letzten Lebensetappe nach einem Buch über den älteren Bruder Ernst jun. (2016) nun auch dem eigenen Vater (Ernst sen., 1910-1970) zugewandt und dabei ein „Familienalbum“ dechiffriert, das dieser Vater von vier Söhnen, die zwischen 1938 und 1949 geboren wurden, im Zeitraum von 1940 bis 1949 akribisch angelegt hatte. Eingerahmt von einem das Terrain absteckenden Vorwort (5-13) und einem der Analyse gewidmeten Nachwort (146-161), dem noch eine Taufansprache von 1944, Gedanken aus der Gefangenschaft, eine Titelauswahl aus 376 theologischen Veröffentlichungen des Vaters seit 1935 sowie ein Dutzend „Gedichte im Kriege“ (1942-44) angehängt sind, wird das Familienalbum des „lutherischen Vaters“ in fünf Teilen, die teilweise „stark gekürzt“ wurden (143), dokumentarisch aufbereitet - der Geschwisterkreis, das Elternpaar, die Kriegs- und Nachkriegszeit sowie die Herkunft der Sippe (15-90). Die Vorlage „umfasst 82 Seiten außer Deckblatt und Namensregister (...). Etwa die Hälfte der Seiten füllen Fotos.“ Das Familienbuch „ist in einen gehäkelten grünen Wollumschlag eingebunden.“ (143f) Die Kohäsionskraft der Familienbande und die Adhäsionskräfte historischer Zerstörungsgewalten waren selten so ins Ungleichgewicht geraten wie in jener ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in die sich Ernst Kinder und seine Generation gestellt sahen, zumal in Deutschland, zumal in Europa. Dass sich ein Theologe, mit einer solchen Gegenwart konfrontiert, zu behelfen versucht, und zwar a) mit dem (heute vielleicht naiv anmutenden) Vertrauen auf die Bindekraft von Worten - immerhin leitet sich die lat. Wurzel lingua von Sprache/language/langue von ligare (verbinden) ab, - und b) mit einer neuerlichen Besinnung auf die eigene Familie, hat unsere Anerkennung und unseren Respekt verdient, zumal es nicht jedem Geisteswissenschaftler, der mit Wort und Schrift umzugehen weiß, gegeben war, etwa auch als Truppenführer bzw. Kompaniechef (99,141) seinen Mann zu stehen, „mit dem ´Eisernen Kreuz´ I.Klasse ausgezeichnet“ (52) zu werden und volle sieben Jahre, über zehn Prozent der eigenen Lebenszeit, eine Uniform zu tragen - im Krieg die zahlreichen Blessuren und ernsthaften Verletzungen (Granatsplitter am Hals, Lungensteckschuss) zu ertragen und zu überleben. Er stirbt (daran?) allerdings, erst im 60. Lebensjahr stehend, schon im Jahr 1970, und zwar „vor den Augen der Leute“ (105) - als sei das für einen Professor nicht gerade standesgemäß! Aber starb nicht auch der ebenso leidenschaftliche wie angriffslustige Historiker H.U.Wehler, noch einer aus Bielefeld, ebenso plötzlich und gleichfalls bei einem Gang durch die Stadt, eben der Stadt, in der Ernst Kinder (mit seinem älteren Bruder zusammen) in den 1920er Jahren Klassenkamerad von Robert Havemann war. (127) Sohn Hermann wurde 1944 in Thorn an der Weichsel geboren. Bei seiner Geburt im Krankenhaus von Thorn half eine jüdische Frauenärztin, die (vermutlich) aus ihrer Wohnung vertrieben wurde, die nun die Kinders bewohnten. (140) Dieser Sohn, der soeben verstorbene Literaturlehrer und Künstler, hat in seinem letzten richtigen Buch erstaunlich große Schwierigkeiten, diese Haltungen seines Vaters wenn nicht zu loben, so doch wenigstens zu achten und anzuerkennen, wobei wir natürlich in Rechnung stellen sollten, dass die anstrengende Bewältigung der - zudem oft fachfremden - Materie und Stoffmenge allein schon als Ausweis der Zuneigung für den Vater genommen werden darf (wie auch bei dem Buch über den älteren Bruder Ernst jun. zwei Jahre zuvor, 2016). Außerdem fallen selbstkritische Bemerkungen über „die selbstgerechten Vorwürfe gegen die Eltern-Generation (...), das hohe Ross der Überheblichkeit gegenüber den Eltern“ (95) oder „eine Verurteilung (...) die aus dem Hinterhalt der Nachgeborenen erfolgt“(101) exkulpierend ins Gewicht. Wie bei Joseph Ratzinger, dem Kardinal und späteren Papst, schließen jene fachfremden Fragen zum Beispiel ein, welche Rolle die menschliche Subjektivität bei der Auslegung von Gottes Wort haben darf (135 „Subjektivierung des Glaubens“); aber auch der Widerstandsmut evangelischer Christen - genannt werden Niemöller, Bonhoeffer, Gerstenmaier oder der Weißen Rose (v.a. Hans Scholz) - kommen zur Sprache (122), ebenso wie die Nazi-Anfechtungen und Verstrickungen hoher geistlicher Würdenträger wie Hans Meiser, für den Ernst sen. von 1938-1947 tätig war (132,140), Paul Althaus oder Werner Elert. (131f) Es geht um den Kirchenkampf zwischen Deutschen Christen (DC) und Bekennender Kirche und um Urteile darüber in Büchern von Historikern und Essayisten - etwa dem 4.Band von Wehlers Deutscher Gesellschaftsgeschichte, dem gelungenen Sammelband von Harald Welzer et.al - „Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis“ (123) oder Sabine Bodes erfolgreiches Buch über Kriegskinder, das 2004 bei Klett-Cotta erschienen ist und bis 2020 38 Auflagen (!) erreichte („Die vergessene Generation“). Sohn Hermann möchte aber geradezu alles auf den Prüfstand stellen und „aufklären“. Die eigene Mutter ist eine „Höhere Tochter“ des Kasseler Reichsbankrats Dessin (88) und lernt ihren Ernst im D-Zug auf der Rückreise von „einer Skitour aus der Wendelstein-Gegend zurück“ (89f) kennen, dessen Schienennetz wiederum der Ingenieur-Vater (Elektrotechnik) des Göttinger Mediävisten Hermann Heimpel konzipiert und beaufsichtigt hat, wie Leser von Heimpels vergnüglichem Buch „Die halbe Violine“ (st 1090) wissen, übrigens auch ein Buch der Selbstvergewisserung, wo der artverwandte, heute wohl obsolete Satz zu finden ist: „Das Schönste ist das Nachdenken selbst, so schön wie das Leben.“ (85) Das Zusammentreffen der Eltern war jedenfalls eine „Zufallsbekanntschaft“ und eine „Knall-auf-Fall-Liason“ (29), die auch heute in unser - wieder sehr biologisch-darwinistisch gewordenes - Bild vom Menschen und der Natur sehr gut passen würde, denn Emersons Erkenntnis in „Nature“ scheint ja weithin vergessen: „The foundations of man are not in matter, but in spirit.“ (50) Die umtriebige Lotte Dessin, wenige Wochen nach Ernst sen. in derselben Stadt Barmen 1910 geboren, war bei der ersten Begegnung im Zug noch „braungebrannt, und im Skikostüm“, wie der Vater notiert (29) - ist „aus ihrem gesunden Sportbedürfnis“ (89) Mitglied im „Schwimmverein“ und „Couleurdame“ mit einem „erhebliche(n) Bedürfnis nach Geselligkeit“ (139) - also im Grunde wenig begeistert von der Bekanntschaft mit einem theologischen Wortbastler und Argumentationskünstler, der sogar beim Rendez-vous „nur in seine Bücher“ schaut. Einen regelrechten Widerwillen „gegen den Beruf und die Lebensart unseres Vaters“ überwindet die bei der Hochzeit 28-Jährige nur auf „väterlichen Druck“ - der schon in ein Berufsziel (Zahnärztin) oder eine Liebschaft (Nazi) aus Standesgründen eingegriffen hat - oder sogar aus „Torschlusspanik“, denn das Heiratsalter „der Frauen (lag) bei 20 Jahren.“ (138f) Auf den Prüfstand kommt aber natürlich auch die „häufige Entrücktheit“ des „Theologen mit dem Holzbein“. (112) „Mein Vater war ein intensiver Nachdenker und Aufschreiber“; geradezu „manisches Aufschreiben“ und eine „Selbstvergewisserung (!) in der Schrift“ seien eben „Teil der Identität meines Vaters“ gewesen. Allerdings zeigt auch der Sohn in Kinder 2016 auf seinen Zugreisen als pensionierter Beobachter der modernen Verkehrssitten eben genau jene Manie, die man auch als eine Kompetenz auffassen kann und nicht schlechtreden muss. Seien wir doch froh, dass uns ein Eulenspiegel seinen vielfach geschliffenen Spiegel vorhält, in dem wir unsere Eigenschaften reflektiert finden. Streiten kann man dann immer noch.
Michael Karl

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Veröffentlicht am 28.12.2021

Elefant in Menschenhand: Vater der Runzeln (Abul Abaz)

Abul Abaz
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In den Knittelvers ist kondensiert, dass der Esel ein „dummes Tier“ ist und der Elefant „nichts dafür“ kann, das Zebra treffe man „streifenweise“ (Wilhelm Busch). Das markante Äußere zeichnet solche Tiere ...

In den Knittelvers ist kondensiert, dass der Esel ein „dummes Tier“ ist und der Elefant „nichts dafür“ kann, das Zebra treffe man „streifenweise“ (Wilhelm Busch). Das markante Äußere zeichnet solche Tiere bis heute aus, aber in der Bilderflut der ubiquitären Bild-Medien haben sie ihre Sonderstellung in der Natur längst eingebüßt. Europäer hatten einst wenig Anschauung von den größten unter den Landtieren, wie sie im 8. Band von Plinius Historia Naturalis als „maximum est elephans...“ eingeführt wurden (Reclam 18335, 51ff) - „Der Elefant ist für das europäische Mittelalter zunächst ein ´Buchtier´ und den Autoren aus eigener Anschauung kaum bekannt.“ (Tierlexikon. Probeartikel „Elefant“). Ihn anatomisch richtig zu zeichnen (wie 1516 Raffael) gelang lange Zeit eher nicht, die vielen misslungenen Versuche sind im Internet zur allgemeinen Schaulust und modernen Schadenfreude / Selbstbestätigung freigegeben. Der ältere Plinius, der am 24. August 79 n.Chr „am Vesus (starb), ohne sein letztes Werk vollendet zu haben“, schöpfte sein Wissen „nicht aus Büchern allein. Als im Jahr 42 ein Schwertwal im Hafen von Ostia auftauchte, sah Plinius der Jagd zu.“ (Arno Borst, Das Buch der Naturgeschichte, 20f). Elefanten imponierten dem Römer mächtig: „Er versteht nämlich die Sprache seines Landes, gehorcht den Befehlen, merkt sich, was er zu tun gelernt hat, und zeigt Freude an Liebe und Ruhm.“ (Reclam, 51) Später wird es bei Barnum in den USA einen Jumbo geben, dem dann ein Großflugzeug den Namen verdankt, der 3,5 Meter hoch war und 6,5 Tonnen auf die Waage brachte. Oder einen „Achten Elefanten“ in einem Brecht-Song: „Und der achte war´s, der sie bewachte.“ (edition suhrkamp 73, 116) Eine römische Schale aus Süditalien aus dem 3. Jht. v.Chr stellt den Kriegselefanten schon recht genau dar, inkl. den „süßen“ Nachwuchs, der hinterhertrottet und in verkitschter Form als Benjamin B, Babar oder Ottifant Einzug in Kinderzimmer und -herzen hielt. In der Tiermetaphorik des Deutschen hatten es Zebras oder Dickhäuter naturgemäß schwer, wie der Blick in eine Diss. aus Tübingen zum Thema aus dem Jahr 2000 zeigt, in der als Nr. 1344 der Zebrastreifen erwähnt wird. Der Elefant liegt alphabetisch zwischen Elch und Elster und konnotiert Gedächtnisstärke, Dickhaut, Hochzeit (Fusion zweier Großfirmen), Gewicht, Porzellanladen und Mücke (Nr. 117-125. Dem Verf. waren also die „Elefantenrunden“ als TV-Gesprächsformat mit politischen Schwergewichten nach Siegen oder Niederlagen bei wichtigen Wahlen noch unbekannt.). Ob man einem geschenkten Elefanten auch nicht ins Maul schauen sollte, ist gewiss eine müßige Frage. Ich habe es als Kind bei Zoobesuchen immer wieder versucht, bin aber nicht sehr weit damit gekommen. Ich freue mich im reiferen Alter, von Arbeiten zu hören, die die „Schaulust am exotischen Tier“ (Gerhild Kaselow 1999) oder „Die Schaulust am Elefanten“ (Stephan Oettermann 1982) zu ihrem Thema gemacht haben. Der Jenaer Mediävist Achim Th. Hack, 1967 in Stuttgart geboren, hat wohl den Vogel abgeschossen und viele Quellen genutzt und erschlossen, die uns die merkwürdige Sitte von höchst unhandlichen Herrschergeschenken über so weite Entfernungen (5000 km zwischen Aachen und Bagdad) in einer so weit zurück liegenden Zeit (der Zeit Karls des Großen und Harun al-Raschids) besser zu verstehen hilft, zumal die Sammlung diplomatischer Staatsgeschenke im Berliner Kanzleramt wohl nichts Vergleichbares aufzuweisen hat. Im „Aufstand der Massen“ hat Ortega Y Gasset (1883-1955) schon 1930 beklagt, „dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ´Leben´ nur an den Tag kommt, wenn man es im Sinn von Biographie, nicht von Biologie gebraucht“ (im Kapitel „Primitivismus und Technik“!) und Judith Schalansky (Jg. 1980) zeigt in „Der Hals der Giraffe“ (Berlin 2011) an der Biologielehrerin Inge Lohmar eine déformation professionelle, die ganz im Sinne von Ortegas Zivilisationskritik Leben als „eine Abfolge chemischer Reaktionen“, sozialdarwinistischen Deutungen, aber eben nicht als „ein realer Ablauf von Seelenzuständen“ (rororo 10, 57) versteht und begreift. Man kann sich das monatelange speditive Spektakel um das kolossale Geschenk eines (indischen?) Elefanten - über Jerusalem, Alexandria, Karthago, Porto Venere und „den relativ gut begehbaren Großen St.-Bernhard-Pass“ (27) - evtl. nicht prächtig (und umständlich) genug vorstellen, evtl. ist man an Überführungsprozessionen hochherrschaftlicher Bräute von Theophanu, der Zukünftigen von Kaiser Otto II, bis Marie Antoinette, der Tochter Maria Theresias, erinnert, aber auch Gastspiele großer Zirkusunternehmen wie Knie, Althoff oder Krone könnten einen Eindruck gegeben haben, wie die Verhältnisse en route („in itinere“) ausgesehen haben mögen. (22ff) Auch das recht gut erforschte Reisekönigtum, das man z.B. in der ehemaligen Kaiserpfalz Ingelheim ausgestellt findet, kann über die Bedeutung des physischen Unterwegsseins für die vormoderne Herrschaftsklammer zwischen Führungskräften und Gefolge Auskunft geben, wenn Herrschaft in weiter Ferne angesiedelt war, die Wegstrecken gefährlich, die Transportmittel bescheiden sind und nur mit Hilfe von metaphysisch-esoterischen Grandiositäten die eigene irdische Begrenztheit überformt (und hinterm Berg gehalten) werden konnte, verkörpert in der Nähe durch örtliche Waffen- und Würdenträger, die sich entsprechend benehmen und ausstaffieren mussten, um den Schein der Macht jederzeit aufrecht zu erhalten. Hannibals Alpenüberquerung war immerhin ebenso legendär wie lange her (218 v.Chr). Hack zitiert Literatur zur Ars donandi (J. Hennig), zu Figurations of Exchange (Groebner/Jussen), verweist auf „eine sehr lange Tradition“ im Austausch von Luxusgütern „im diplomatischen Verkehr“. (29) Bei Haruns Rüsseltier Abul Abaz („Vater der Runzeln“, 66) konnten sich Karls über 30 Jahre etablierten Beziehungen etwa zu den „norditalienischen Küstenstädten“, deren „seemännische(s) Know-how“ für den Erfolg wichtig war, bewähren, sein großzügiger Partner im fernen Osten, der auch als „rex Persarum“ oder „König der Sarazenen“ in den Quellen steht (16), war aber auch kein Kleinbauer: „Das Kalifat umfasste um das Jahr 800 selbst schon ein riesiges Gebiet, das sich vom Indus bis an den Atlantik erstreckte.“ (21) Mit der Kaiserkrönung war Karl in diese „Liga“ aufgestiegen. Die Ankunft des Geschenks am 20. Juli 802 in Aachen macht den neuen Rang den Einheimischen und der Welt augenfällig. Dennoch verfügen wir „über keine Ego-Dokumente, die uns einen verlässlichen Einblick in die Gedankenwelt Karls des Großen erlauben (...). Wer sich hinter der Chiffre ´Karl der Große´ verbirgt, ist eigentlich immer unklar.“ (43) Auf der abgelegenen Bodensee-Insel Reichenau jedenfalls sitzt ein aufmerksamer Zeitgenosse im Tragestuhl und „widmet in seiner Chronik gleich zwei Einträge dem fremdländischen Tier: Er verzeichnet sowohl seine Ankunft 802 als auch seinen Tod acht Jahre später.“ (77, Herimanni Augiensis Chronicon, S. 101f)
Michael Karl

Veröffentlicht am 20.12.2021

„Ich rufe David Selznick an.“ (170)

Das unbelehrbare Herz
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Habent Fatum: 1969 erschienen unter dem Titel The Kindness of Strangers, 1979 bei Rowohlt als Taschenbuch adaptiert (von Claassen 1970) - als rororo Nr.4320 mit 12 Abb. sw. von Berühmtheiten aus Theater, ...

Habent Fatum: 1969 erschienen unter dem Titel The Kindness of Strangers, 1979 bei Rowohlt als Taschenbuch adaptiert (von Claassen 1970) - als rororo Nr.4320 mit 12 Abb. sw. von Berühmtheiten aus Theater, Film, Literatur auf den Covers, Carl Zuckmayer steuerte ein Vorwort bei - neu aufgelegt vor etwa zehn Jahren für Die andere Bibliothek - eine Rezension von Ulrich Weinzierl dazu in der WELT (2010) ist weiterhin lesenswert, und nun - als vorläufiges Finale? - von der Veranstaltungsreihe SateLIT 2, einer Zusammenarbeit der Stiftung Brandenburger Tor mit dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach (DLA), entdeckt man „die Schauspielerin und Drehbuchautorin Salka Viertel (1889–1978) wieder. Aus der österreichisch-ungarischen Provinz stammend war sie auf vielen deutschsprachigen Bühnen zu sehen. Mit ihrem Mann, dem Regisseur und Autor Berthold Viertel, gründete sie in den 1920ern in Berlin ein eigenes Ensemble, zog aber 1928 von Berlin nach Hollywood, da Berthold dort lukrative Drehbuch-Aufträge bekam und Europa für Juden zunehmend unsicher wurde. In Kalifornien unterhielt Salka Viertel eine Art Salon, in dem europäische Exilanten auf Hollywoodgrößen trafen: Ernst Lubitsch, Sergej Eisenstein, Bertolt Brecht, Friedrich Wilhelm Murnau und Charlie Chaplin waren ebenso zu Gast wie diverse Mitglieder der Familien Thomas und Heinrich Mann, Christopher Isherwood oder Arnold Schönberg und Hanns Eisler. Ihrer engen Freundin Greta Garbo schrieb sie als Drehbuchautorin diverse Rollen auf den Leib und brachte neue, europäische und historische Themen nach Hollywood. In Salka Viertels Lebenswerk spiegeln sich die Spannungen zwischen Theaterkultur und Filmindustrie, Europa und Amerika, eingängigen Erzählungen und komplexen Dramen. Ihr engagierter Einsatz für Flüchtlinge und Fluchtwillige aus dem nationalsozialistischen Deutschland hat im Leben vieler Menschen Spuren hinterlassen“, heißt es auf der Homepage der Stiftung. Dauer der Ausstellung „Salka Viertel. Berlin - Hollywood“: 08. Sept. bis 12. Nov. 2021. Mein rororo Exemplar hat fast 360 eng gedruckte Seiten und fast verschlägt es mir die Sprache, wenn ich den Spannungsbogen der Lektüre zu überblicken versuche - ein gewaltiger Brocken Erinnerung, fürwahr! Wollte man beckmesserisch abwägen, käme man auf 46 Unterkapitel verstreut über nur sechs Hauptkapitel, von denen das vorletzte (Amerika, 136-353) weit über die Hälfte des Gesamten ausmacht, die prägenden zweieinhalb Jahrzehnte in den USA. Die fünf weiteren Hauptkapitel seien kurz aufgezählt: Kindheit (11-46), Werden (47-79), Weltkrieg (80-83), Berthold (84-135) sowie „Heimkehr nach Europa“ (354-56). Carl Zuckmayer (1896-1977) erinnert im Vorwort (7-11) an „diese Sivesternacht des Jahres 1939 in dem Haus an der Mabery Road, Santa Monica (...). Es war unser erstes Neujahr in Amerika.“ Man habe sich „einsam gefühlt, so fremd und gottverlassen.“ Old Zuck ist beeindruckt von „Geist“ und „fraulicher Anmut“ der Gastgeberin, die sich in „dieser Welt der unberechenbaren Geschäfte“ und der „Fron in den Studios von Hollywood“ einfügen und behaupten konnte. Sie selbst schreibt im Rückblick eher ernüchtert „von der amerikanischen Angst vor dem Tod“ (176), denn „in Hollywood hat der Tod keine Erhabenheit und Würde“ (160). Im Elternhaus war „Dr. Joseph Steuermann Papa“ (15) und wenig begeistert vom „Exaltiert sein“ (29) seiner Tochter, die zwischen einem späteren Pianisten (Edward) und einem Fußballnationalspieler (Dusko), ihren beiden Brüdern, mit einer Schwester aufwuchs, mit „vierzehn (...) äußerlich reif aus(sah)“ und bei diskreten Kostümproben im eigenen Zimmer schon mal „mein rotes Haar aufsteckte (... und) „die Brüste frei(ließ)“, denn Salomea „war vollbusig und rothaarig und zog die Aufmerksamkeit (...) auf sich.“ (48) Familie Steuermann musste „sich mit der Weigerung ihrer Töchter, ehrbare Hausfrauen zu werden“ (76) ebenso abfinden wie mit dem merkwürdigen Umstand, „dass meine `Freier´ immer verheiratete Männer waren.“ (93) Heutige Leser können mit einigem Recht schimpfen, dass dieses Buch der Erinnerungen keinen Index hat, denn die Viertels haben sich an vielen Orten mit noch mehr Bezugspersonen getroffen und verständigt, die man in der Tat als ein Who-is-Who der Kunstszene jener Zeit bezeichnet könnte (und auch so bezeichnet hat) - hier nur ein paar Kostproben zum Anregen des Appetits auf die Lektüre: Ein gewisser Fred Zinneman ist gerade mal 19 Jahre alt, stammt aus Wien, ist vom Film besessen und „Bertholds neuer Sekretär und Assistent.“ (156) Ernst Lubitsch ist noch Anfänger, aber schon bereit für „drastische Streiche“ (71), die er an Kollegen auslässt. Max Reinhardt ist „damals etwa 40 Jahre alt“ und schwer zu erreichen, jedenfalls für Berufsanfänger. (69ff) Rainer Maria Rilke hat die Rolle eines „zurückhaltenden, peinlich korrekt gekleideten und sehr höflichen Herrn.“ (99) Sergej Eisenstein „war etwa dreißig Jahre alt“, ein „wilder Tänzer“, der aber „nie trank“ (156f). Arnold Schönberg lebt in Zehlendorf und arbeitet mit Salkas Bruder zusammen. (74f) Greta Garbo ist „überempfindlich und nervös und deshalb leicht verletzbar.“ (154) Murnau ist hilfsbereit, aber hyperaktiv - er schickt „ein Telegramm nach dem anderen“ (136) und am Ende, als er auch noch den Chauffeur ersetzen will, ist er nach einem Autounfall tot - „aus dem einen Nasenloch sickerte eine dünne Blutspur zum Kinn.“ (159) Aldous Huxley hat die Rolle eines „distinguiert aussehenden, mageren, sehr großen Engländer(s)“ (229) und William Falkner erweist sich als „dunkel, mager, schnurrbärtig, ein reservierter, höflicher, schweigsamer Mensch“, den sie im Übrigen bei ihrem Nachbarn Oliver Garrett in der Maberry Road auf der Terrasse trifft , denn „sonntags nachmittags pflegten sich seine New Yorker Kollegen auf der Veranda zu versammeln.“ (173) Bei Viertels selbst ist Vicki Baum eingeladen (186), noch in Europa waren „Max Brod, Franz Kafka und manchmal Anton Kuh (...) zum Abendessen ein(geladen).“ Kafka „war ein großer, schöner Mann, dunkelhaarig, mit tiefen brauen Augen.“ (98) Hermann Broch wird von Berthold in einem Brief als „der wertvollste neue Mensch, den ich kennengelernt habe“, bezeichnet. (195) Salka wiederum empfiehlt der Crew einen jungen Engländer und „bald holten sie den jungen Mann zu Probeaufnahmen nach Hollywood, und er bekam die Rolle.“ Nur drei Drehtage später kam man „zu dem Schluss, dass der junge Engländer (...) kein Schauspieler sei. Und so wurde Laurence Olivier (!) durch John Gilbert ersetzt.“ (201) Am 1.9.39 ist „eine Kabine auf der Isle de France“ gebucht für die Rückreise nach Amerika. „Hier begegnete ich der Schriftstellerin Gina Kaus. (...) Sie wanderte mit ihren beiden Söhnen und ihrem zweiten Mann, Dr. Frischauer, nach Amerika aus.“ (245) Am Anfang dieses erstaunlichen Werdegangs stehen aber Amalia Kanarienvogel und schlechte Angewohnheiten von Offiziere, Provinzchargen und Direktoren: „Ich, die zukünftige Schauspielerin, wurde oft in den Popo gezwickt.“ (34) Die Harvey-Weinstein-artige Allmacht jener Provinzfürsten lernte sie bei ihrem kurzen Gastspiel in Teplitz kennen. Sie kann den schwergewichtigen Direktor F. in seinem Dienstzimmer nur schwer von ihrem Körper fernhalten und muss sich zur unausgesprochenen Strafe auf der Probenbühne schier endlos kujonieren lassen. Als sie dann einen „schweren bronzenen Kerzenhalter“ packte und ihn „nach F.s Kopf“ schleuderte, „entschloss sich F. mir ein Monatsgehalt zu zahlen und mich zu entlassen.“ (63) Michael Karl

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Veröffentlicht am 20.12.2021

Die letzte Kleinstadt in Amerika (27)

Briefe aus New York
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Die Stadt NYC hat schon vielen Autoren deutscher Zunge den Atem verschlagen und allein Peter Ensing zählte in seiner Mainzer Doktorarbeit „Das Bild New Yorks in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ ...

Die Stadt NYC hat schon vielen Autoren deutscher Zunge den Atem verschlagen und allein Peter Ensing zählte in seiner Mainzer Doktorarbeit „Das Bild New Yorks in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ (Heidelberg, Carl Winter, 1988) illustre Namen auf wie etwa Ingeborg Bachmann (8ff), Oskar Maria Graf (32ff), Peter Handke (77ff), Uwe Johnson (185ff), Wolfgang Koeppen (266ff), Max Frisch oder Günter Kunert (273ff). Das Gegenprogramm kommt von den US - Autoren selbst, etwa von Paul Auster, J.D. Salinger oder Jane Jacobs, die ein jeweils eigenwilliges Bild von Megalopolis zeichneten. Wer sich als deutschsprachige(r) Leser(in) ganz bodenständig für das Alltagsleben in NYC interessiert, kann sich der langjährigen FAZ - Korrespondentin Verena Lueken (Jg. 1955) anvertrauen, die bei Piper eine sehr unterhaltsame „Gebrauchsanweisung für New York“ (2005 u.ö.) verfasst hat. Wie die Amazon - Rezensionsspalten anschaulich zeigen, greifen viele Leser auch gern zu Helene Hanffs „Briefe aus New York“, die auf Radio-Features der BBC („Woman´s Hour“) zurückgehen, die von Oktober 1978 bis April 1984 ausgestrahlt worden waren - jeweils „fünf Minuten einmal im Monat“ (7). Das waren sechs Jahre lang jeweils „zweieinhalb Seiten lange() Texte()“, die „bis zum Sommer 1991“ in einem Schrank in Hanffs New Yorker Einraumwohnung - mit einem Erker und zwei Wandschränken (186), die New Yorker Küchen waren „ein Meter fünfzig breit und zwei Meter lang“(168) - unvergessen lagerten und eines Revivals harrten, das der Autorin (1916-97) fünf Jahre vor ihrem Lebensende noch tatsächlich zuteil wurde. Hoffmann und Campe hat sich auch anderen Werken der Autorin zugewandt. 2003 erschien hier die deutsche Übersetzung von Hanffs Spiegelung eines sechswöchigen Aufenthalts in London Anfang der 70er Jahre („Die Herzogin der Bloomsbury Street“); davor schon eine Sammlung von Briefen 1949-69 an ein kleines Londoner Buchantiquariat („84, Charing Cross Road“), die 1970 erstmals veröffentlicht wurde und die Autorin zu einer - vergleichsweise späten - öffentlichen wie auch internationalen Anerkennung ihrer jahrzehntelangen schriftstellerischen Bemühungen verhalf. Im Unterschied zu den Hollywood nahen Berufskolleginnen mit großbürgerlich-lockeren Einstellungen zu Liebe und Treue wie Gina Kaus, Salka Viertel oder Vicki Baum pflegte Helene Hanff wohl zeitlebens einen eher asketischen Lebensstil mit allenfalls funktionalen Männerbekanntschaften wie einigen Nachbarn, deren Pflanzen, Hunde oder Kinder fürsorglicher Zuwendung bedurften, dem für die Münzautomaten im Keller zuständigen Hausmeister oder dem als Taxi-Chauffeur im Nebenberuf auftretenden Portier.(25) Sie hatte zudem einen erstaunlich nüchternen Blick auf die eigene Person, nennt sich „unscheinbar und mausgrau“ (95), „klein und dünn“ (176), und lebt unter dem Joch eines beruflichen Ethos des nulla dies sine linea „nach einer strengen Diät“. (202) Im Nachwort von „Bloomsburry Street“ nennt Rainer Moritz (Jg. 1958) sie eine „nicht auf Rosen gebettete Drehbuchautorin.“ (203) Viel wichtiger als Männer scheinen ihr die nahen und fernen, alten und neuen Freundinnen zu sein, die dazu beitragen, dass Helene Hanff mal aus ihrer Bude herauskommt, und der großbürgerlichen Arlene steht nicht nur ein Vielfaches an Wohnfläche, an Dollars auf dem Bankkonto bzw. den Kreditkarten zur Verfügung, sondern auch etliche (vermutlich begehbare) Kleiderschränke ihres Achtraum-Apartments (31), wo für die Freundin zuverlässig und regelmäßig Ausgemustertes abfällt. Die Straßen, Hochhäuser, Parks und Treppenaufgänge zu den Wohnblocks in NYC sind aber nicht nur von Menschen bevölkert, sondern v.a. auch von Hunden. Helene ist ausgesprochen caniphil - „Bentley sieht aus wie ein schneeweißer Riesenmops“ (97) - und ganz NYC scheint diese Vorliebe für die anhänglichen Vierbeiner zu teilen. Das Urteil über den eigenen Wohnblock fällt zwiespältig, also nicht ganz humorlos aus. Er sei „ein gemütlicher Kaninchenschlag, in dem es sich gut überwintern lässt“; im „Umfeld von zwei Straßenblocks“ könne man sich „die ganz gewöhnlichen Dinge des täglichen Lebens“ bequem besorgen, auch für Unterhaltung sei gesorgt und eine „Vielzahl von Restaurants“ decke die Küche geradezu aller Erdteile ab. „Wenn man krank ist, bringen alle diese Geschäfte die Einkäufe ins Haus. Alle anderen Dienstleistungen werden im Gebäude selbst angeboten.“ (23f) Dieses Gebäude hat immerhin 17 Stockwerke, die von Fahrstühlen erschlossen werden, in denen Siamkatzen Ausflüge unternehmen (26f) und Hunden schon mal „ein Malheur“ passieren kann, wofür dann die Hausmeister als primäre Beschwerdestelle zuständig sind. „Die meisten Miethochhäuser haben dicke Wände, (...) aber die Decken sind dünn.“ (198) Man führe „ein Leben in der Gemeinschaft“ (197) - „wir sind die letzte Kleinstadt in Amerika“ (27) - und wenn die Autorin „die Grippe hatte“, bieten ihre Nachbarn auf ihrer Etage im 8. Stockwerk Botengänge und Dienstleistungen an, die in einem komplexen Austausch des do-ut-des den Zusammenhalt über Kalendertage und Jahreszeiten, Einzüge und Auszüge hinweg verbürgen. Dabei wurde Frau Hanff zur „Schlüsselhüterin vom achten Stock“ (80). Aber nicht alle New Yorker wohnen in einem „Kabäuschen im 47. Stockwerk eines Wolkenkratzers“. (27) Ein gewisser Richard Nixon zum Beispiel hat sich für 1,8 Mio Dollar eine Zwölf-Zimmer-Wohnung zugelegt und kann jeden Monat noch mal „2000 Dollar im Monat“ für deren Unterhalt ausgeben. (30) Die Hanff - Trilogie aus den 1970/80er Jahren des vorigen Jahrhunderts hat Anfang 2000 auch Deutschland erreicht und die Feuilletons beschäftigt. Einhellig gelobt wurde die „kleine Reihe für Romantiker“ (FAZ 2005) für ihren „charmant, schrullig, augenzwinkernd“ genannten Ton und seine „einfachen, sympathischen Geschichten“ (FAZ 2002). Die „New Yorker Bibliomanin“ sei „ein Konversationsgenie“, schrieb Paul Ingendaay, der man aber nicht mit Romanen hätte kommen dürfen: „Ich kann mich nicht für Dinge interessieren, die Leuten, die nicht gelebt haben, nie zugestoßen sind.“ Hanffs Schilderungen besäßen „jene rare Qualität des Unmittelbaren“ (FAZ 2003), meinte ein anderer Rezensent und Ingendaay pflichtete bei: „In das eine oder andere Buch scheint das Leben selbst hineinzuwehen.“ It surely does.
Michael Karl

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Veröffentlicht am 20.12.2021

Hesse als Kurgast - Socios habere malorum

Kurgast
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Ein halbes Jahr vor Thomas Manns „Zauberberg“ unter dem Titel „Psychologia Balnearia“ 1923 erschienen, „auf der Mitte seines Weges zwischen Siddhartha und Steppenwolf“ (Klappentext), hielt der 1946 mit ...

Ein halbes Jahr vor Thomas Manns „Zauberberg“ unter dem Titel „Psychologia Balnearia“ 1923 erschienen, „auf der Mitte seines Weges zwischen Siddhartha und Steppenwolf“ (Klappentext), hielt der 1946 mit Nobelpreis gewürdigte Hermann Hesse (1877-1962) seine „Aufzeichnungen von einer Badener Kur“ für sein „persönlichstes und ernsthaftestes Buch.“ Der Ich-Erzähler outet sich an zahlreichen Stellen als „der Kurgast Hesse“ (45, 115, 135 u.ö.), der 46-jährig „wegen zunehmender Gicht- und Ischiasbeschwerden erstmals in den schweizerischen Kurort Baden“ strebte, wo „jene chlornatriumhaltigen Schwefelquellen sprudeln, die schon Tacitus gerühmt hat.“ (Klappentext) Wie im „Zauberberg“ ist die körperliche Seite des Geschehens aber nur die „halb scherzhafte Fassade“ für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Künstlertum eines Schriftstellers und Außenseiters: res severa verum gaudium. Statt den „Freuden des Geistes und der Askese“ (41) freien Lauf zu lassen, in der Horizontalen seinen Jean Paul zu lesen (50, 71, 131) und zwischen Marmor, Schlagsahne und Musik (58) auf die „Erlösung durch die Kunst“ (53) zu hoffen, sieht sich der Badegast am Ende seiner Kur nur zum „Philister geworden“ (94), der einem im Hotel- und Badebetrieb eingebauten, aber fremdbestimmten Mechanismus von Zerstreuung und Augenlust (96) zum Opfer fällt und eine Art „unerschöpflicher Trost“ daraus erfährt, „dass ringsum Leute hinkten, Leute seufzten, Leute in Krankenstühlen fuhren, welche viel kränker waren als ich…“ (12) Der „alte() Solitär, dem alles Herden- und Hotelleben tief zuwider ist“ (17), macht sich angeblich „nichts daraus, die Majorität gegen mich zu haben“ (9), aber sein Zimmernachbar, als Holländer „der Mann aus dem Haag“ (69), strotzt vor Vitalität und Geselligkeit, und „im Lauf von zwölf bitteren Nächten ist mir dieser Herr überaus wichtig geworden“ (66), vor allem wenn in dessen Zimmer mit der „Nummer 64 ganz Holland Kirmes feiern (konnte)“, also im Sozialen so aus dem Vollen schöpfte, dass die Hotelakustik den nervösen Literaten und Einzelgänger nachhaltig daran zu hindern suchte, „angestrengt nachzudenken, angestrengt zu schreiben“ (68). „(…) und am meisten hasste ich alle die unzähligen Anzeichen seiner Kraft, Gesundheit und Unverwüstlichkeit (…), die überlegene Apathie seines Blickes, alle diese Anzeichen seiner biologischen und sozialen Überlegenheit.“ (76) Am Ende der Kur fällt dem Literaten der Abschied von den Leidensgenossen - socios habere malorum - dennoch schwer, denn die Versöhnung von Kunst und Leben, bezeichnet als „meine Doppelmeldodie“, als „diese Doppellinie“, als „die Zweiheit“ oder als „die beiden Pole des Lebens“ (141,143), stellen sogar bei einem mehrwöchigen Kuraufenthalt die perenniale Lebensaufgabe des Künstlers dar.
Michael Karl

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