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MichaelKarl

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Veröffentlicht am 20.12.2021

Lasst die Masse blöde tanzen: Dulce est disipere in loco (32)

Canaletto im Bahnhofsviertel
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Gustav Seibt (Jg.1959) hat 2005 und 2008 mit Hilfe des kleinen, aber feinen zu Klampen Verlags in Springe seinen treuen Lesern zwei sehr handliche Essay-Sammlungen zugänglich gemacht, noch dazu in einer ...

Gustav Seibt (Jg.1959) hat 2005 und 2008 mit Hilfe des kleinen, aber feinen zu Klampen Verlags in Springe seinen treuen Lesern zwei sehr handliche Essay-Sammlungen zugänglich gemacht, noch dazu in einer attraktiven Aufmachung. Sein „Canaletto“ umfasst 15 Texte, die er „Aufsätze“ nennt und die er als „der kleine Erntedank“ bezeichnet. Sie sind zwischen 1993 und 2005 entstanden. Die im Vorwort aufgeworfene Frage nach dem gemeinsamen Motiv der Texte beantwortet Seibt so: „… der Wunsch, ein liberales, durchaus gegenwartsfreudiges Weltgefühl mit einem Geschichtsbewusstsein zu verbinden, das über die gegenwärtig modische Sentimentalisierung meist jugendlicher Generationserfah-rungen deutlich hinausreicht.“ Seibt rät zu einer Auffassung von Bildung als einer „geistigen reservatio mentalis“, die es vermeiden helfe, „dass man sich dem Moment, dem betörenden Reiz, dem betäubenden Schrecken oder der lähmenden Langeweile des heutigen Tages widerstandslos überlassen müsste.“(9) Was einen anno 2019 zudem ohnehin bloß in die weit ausgespannten Arme der ubiquitär zugänglichen, digitalen Netzwerke treiben würde. Historisches Bewusstsein und aus ihm genährte „Sensibilität für Kunst und Gegenwart“ weise dagegen den „Provinzialismus des Heute“ in die Schranken und unterstütze eine „Gelassenheit (…), die sich den Verstand nicht von den Suggestionen der Plötzlichkeit und vom Terror der Echtzeit abkaufen lässt.“ (10f) Dem Enigma des Eigenen und Persönlichen spürt Seibt nicht eben häufig nach. Im Folgeband „Erhebungen“ (2008) betrifft es zum Beispiel ein etwas trüberes Semester im Luhmannschen Bielefeld, wo auch Koselleck eine Schülerschar betreut, und zwar im „Raketenwinter 1983/84“. Im „Canaletto“ findet es sich in dem einzigen englischen Titel unter den Essays: „My Own Private Tradition“ (192-203). „Erzogen wird man durch Eltern und Gleichaltrige, die eigentlichen Gegenbegriffe sind nicht Tradition und Fortschritt, sondern Tradition und Generation. Traditionen werden weitergetragen im Familiengedächtnis und in den Institutionen der Ausbildung, sofern sie nicht alle fünf Jahre (!) Reformen über sich ergehen lassen müssen.“ (202) Seibt spricht von der „Stille meines Elternhauses“ und „einem Schonraum der Ruhe“, in dem ihm und seinen Brüdern nie „irgendetwas aufgedrängt“ wurde. Bis zum Tod seines Vaters sei „kein Fernseher ins Haus“ gekommen“ - „so war mein Elternhaus eine stille Welt, in der unentwegt gelesen wurde.“ (200) Ohne Ablenkungen durch die sonst seit den 70er Jahren in den meisten Haushalten obligatorische Flimmerkiste in den bundesdeutschen Wohnzimmern liest Seibt „mit fünfzehn“ Huizinga, Borst und Haller. Bald ist er auch ein noch sehr junges Mitglied in der ehrwürdigen „Wissenschaftlichen Buchgesellschaft“ in Darmstadt und beim Zivildienst findet sich zwischen den Rettungsdiensteinsätzen genügend Zeit, um „die fünfzehn Lederbände (einer Goethe-Ausgabe) von vorn bis hinten durchzulesen.“ (195) Das Fernsehen ist inzwischen zwar „längst uncool geworden“ (zumindest bei der smartphone-Jugend), aber für viele Ältere ist es „immer noch der unwiderstehlichste Lieferant von Gegenwart. Zu uns kam die Gegenwart nur gedämpft durch Rundfunk und Zeitungen. Am Radio verfolgte ich die Bundestagsdebatten zu den Brandtschen Ostverträgen, das erste politische Ereignis, an dem ich Anteil nahm. (…) Während am Radio das Endspiel der Fußball-WM 1974 lief, büffelte ich Griechischvokabeln auf selbstgeschriebenen Karteikarten, um abends zum Haller zurückzukehren.“ (201) In Essay 1 schlägt Seibt einen Bogen von der „wilhelminischen Spaßgesellschaft um 1900“ (13) in die „ummauerte Insel“ West-Berlin vor 1989 (20) zu der „Generation von Erben, die wieder Freude an zeremoniellen bürgerlichen Formen findet“, etwa dem „bourgeoise(n) Geist der Stuckaltbauten.“ (30) In Essay 2 geht es um eine Historisierung der Kulturkritik: „Kulturkritik erwächst aus der wertenden Rekonstruktion unterschiedlicher zivilisatorischer Zustände; sie stellt nicht mehr einfach Sittenverfall fest, sondern historisiert Sittlichkeit überhaupt.“ (38) Im Essay 3 findet sich der titelgebende Canaletto in der Besprechung eines Romans von Martin Mosebach aus dem Jahr 2000. (55) Den „Biographie - Designern aus der letzten Weltkriegsgeneration (10) ist der 9. Essay gewidmet. Vier hochrangige Künstler und Gelehrte jener Generation haben in der Nachkriegszeit ihre „Lebensläufe begradigt und verschönert“ (121) und die eigene Legendenbildung (134) für die Exzellenz des eigenen Werks nutzbar machen können. Die Frage für Philister und Pharisäer lautet zwar: „Kann eine Biographie ein Werk zerstören?“, wird aber von Seibt abschlägig mit einem eindeutigen „Nein“ beantwortet.
Michael Karl

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Veröffentlicht am 20.12.2021

Paarlauf fürs Leben: 57 Jahre nie abreißende Gespräche (11)

Unvollständige Erinnerungen
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Als Rezensent weiß man gar nicht, was es an diesem schönen Buch zu mäkeln gibt. Da versucht jemand, der von der Bildungsrepublik Deutschland so einiges miterlebt hat, sich selbst reinen Wein einzuschenken, ...

Als Rezensent weiß man gar nicht, was es an diesem schönen Buch zu mäkeln gibt. Da versucht jemand, der von der Bildungsrepublik Deutschland so einiges miterlebt hat, sich selbst reinen Wein einzuschenken, bevor nicht nur der Körper verfällt, sondern - weit schlimmer - auch das Bewusstsein. Auch wenn der aktuelle Zeitgeist die ökonomisch viel nutzbareren Aspekte des Körperlichen grell ausleuchtet, überbetont und verherrlicht, wissen doch nicht nur wir Büchermenschen, dass es eben jenes Bewusstsein ist, das die Person, das Personale und letztlich auch die Persönlichkeit ausmacht. Und da hat die jahrzehntelange Begleiterin eines Tübinger Rhetorikgenies keinen Mangel an eigener Profilstärke zu beklagen. Ganz im Gegenteil. An der Seite des weithin gerühmten Hochschullehrers, der sich am Katheder oder im Studio vor zahlreichem Publikum stets pudelwohl fühlte - die kreatürliche Angst holte ihn erst am Schluss, dann aber massiv ein - und in die Tausende gehende Auftritte hinlegte und Examina abnahm, hat Inge Jens über Jahr-zehnte an einer Quadratur des Kreises gezimmert - der Rolle der Ehefrau und Mutter ebenso gerecht zu werden wie der Rolle als schreibende und edierende Intellektuelle, die mit und ohne „Walter“ manch öffentliche Bühne zu bespielen wusste. Hölderlins „ein Gespräch sind wird“ hat nicht nur dieses Ehepaar über die Runden gebracht (11) und allein dieser humane Aspekt rechtfertigt ein immerhin moderates Interesse an den Erinnerungen einer first lady der akademischen Welt, die der Enkelin Paula gewidmet sind. Wer seinen Urlaub nicht auf „Malle“ verbringt, dem kann es passieren, dass er (noch zu DDR-Zeiten) eine Führung im Naumburger Kaiserdom erlebt (200), die schon mal drei Stunden dauern kann, wenn die Teilnehmer gebildet sind, also nicht nur Augen im Kopf haben, sondern auch vielfältige Kenntnisse besitzen und keine bloß ökonomischen, dealrelevanten Interessen verfolgen. Kann man sich vorstellen, welch ein rhetorischer Aufwand zum Tragen kommt, wenn versuchsweise ein Brückenschlag unternommen werden soll zwischen den fernen Zeiten der Ottonen - Kaiser und den aktuellen Tagen der Honecker - Diktatur, die gerade dem eigenen Ableben entgegenstrebte? Das Loskommen von „dem nie problematisierten Kategorienschema meines Elternhauses“ (146) hat auch Inge Jens (Jg. 1927) ein Leben lang beschäftigt. Man sieht sie im Bild 1 mit Schultüte 1933, in Bild 4 die großbürgerliche Villa der Eltern in Wandsbek, in Bild 30 als junge Frau 1964, die fast aussieht wie Petra Kelly. Der „Hausgenosse“ Walter ist auf vielen Abbildungen zu sehen, auch er ein Hanseat aus Hamburg, den es in die schwäbische Provinz verschlagen sollte. Das junge Paar fährt Rad und Stocherkahn (Bild 12-16), hat oft gute Laune (17f), tagt mit der Gruppe 47 (19), kennt Gott und die Welt, u.a. die Bachmann, den Enzensberger, Hans Mayer oder die beiden Ernsten (Bloch + Rowohlt) - Bild 21, 24f, 29 + 32. Ca ira! Wer mit Walter Jens nichts anfangen kann, schaue sich doch einmal Bild 37 an, bei der Sitzblockade in Mutlangen am 1.9.83 aufgenommen - der Mann hatte doch immerhin einigen Mutterwitz! Nun ja - „Sprache: Das war sein Werkstoff.“ (304) Die Folge: „Mir gefiel das Leben mit ihm.“ (288) Auf den Rat naher und anderer Menschen zu hören, das gehörte zum „Betriebssystem“ der Inge Jens und war ein wesentlicher Baustein dieser Auffassung vom Leben als einem Gespräch. „Mein Vater hatte in Tübingen studiert. Also versuchte auch ich es mit Tübingen.“ (59) Systemdenken sieht sie allerdings eher mit Skepsis: Ich „brauchte (…) kein geistiges System, (… sondern) eine Fülle signifikanter Details.“ (74) Das Eigene wurde mit dem Mut zur Unterbrechung oder Störung immer beharrlich verfolgt, „während Walter seine Seminare hielt.“ (76) Ernst Rowohlts exotische Büchersammlung hilft bei der Themenfindung für die Doktorarbeit (75ff); Katja und Golo Mann sind bei den Editionen verlässliche Stützen (89ff, 222ff); der stets zugängliche Hans Mayer wird zum Ratgeber, auf den ebenfalls Verlass ist (111ff), auch weil er Tübingen und dem Neckar bis an sein (mit rastloser Arbeit zugebrachtes) Lebensende verbunden bleibt, und auch wenn man seine sterblichen Überreste dann lieber auf dem Dorotheenstätter Friedhof beerdigte, wo die vielen anderen Literaten zur letzten Ruhe gebettet sind. Heute leben wir ja in einem anderen, einem neuen Zeitalter. Dieses braucht keine Literaten mehr, denn es verlässt sich voll und ganz auf Methoden, Maschinen und Verwaltungen, gerade im exportorientierten Deutschland.
Michael Karl

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Veröffentlicht am 20.12.2021

Vom Schämen zum Fremdschämen

Scham
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ANDREA KÖHLER zu lesen ist Gewinn und Genuss. Ihre Spanne reicht von „Autokino bis Zwischengas“, mindestens. Ein Geniestreich über das WARTEN liegt in Übersetzungen vor: Passing Time - An Essay on Waiting; ...

ANDREA KÖHLER zu lesen ist Gewinn und Genuss. Ihre Spanne reicht von „Autokino bis Zwischengas“, mindestens. Ein Geniestreich über das WARTEN liegt in Übersetzungen vor: Passing Time - An Essay on Waiting; The Waiting Game: An Essay on the Gift of Time; El tiempo regalado oder L'arte dell'attesa. Richard Ford hat sich begeistert gezeigt. Die „Lange Weile“ oder die „Geschenkte Zeit“ - bei Ingeborg Bachmann war es noch eine „gestundete“ - ist eingespannt in den „Gezeitenwechsel von Kommen und Gehen“, folgt dem Pulsschlag von „An- und Abwesenheit“, begleitet den Künstler auf seiner eigensinnigen Reise: „In der Latenz der Seelenflaute lauert die gute Idee.“ Vom Warten zum Schämen ist es ein weiter Weg. Was Wolfgang Fach über „moralische Konflikte im politischen Kontext“ herausgefunden hat - „liberale Menschen vertreten keine positiven Werte“ und „tun sich von Natur aus schwer mit dem Strafen“ - hat eine „Welt der größtmöglichen Sichtbarkeit“ entstehen lassen, in der das früher unbekannte Fremdschämen erfunden werden musste. Denn zwischen Post-Op-Selfie und Dschungelcamp wurden die Zeitgenossen als Artisten in der Zirkuskuppel zunehmend sorglos und schamlos. Die Körper der Pikten wurden zu einer letzten „Sinnprovinz der eigenen Existenz.“ Das Zeitalter der Augenlust und der Fitnessgeräte ist eines der Schamlosigkeit geworden. Sie haben keine Bücher mehr!
Michael Karl

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Veröffentlicht am 19.12.2021

So gut wie die Monroe, so lustig wie die MacLaine (108)

Was vergeht, ist nicht verloren
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Mir stand eine sehr angenehm gestaltete Hardcover-Ausgabe von Frau Pulvers gelungener Öffnung ihres Privatarchivs aus dem Verlag Hoffmann & Campe zur Verfügung, die man in einigen wenigen Mußestunden ganz ...

Mir stand eine sehr angenehm gestaltete Hardcover-Ausgabe von Frau Pulvers gelungener Öffnung ihres Privatarchivs aus dem Verlag Hoffmann & Campe zur Verfügung, die man in einigen wenigen Mußestunden ganz durchgelesen hat. Ein Drehbuch fürs eigene Leben bleibt sicher ein frommer Wunsch (auch für Schauspieler), und dass das Vergangene nicht verloren sein möge, ist eine Hoffnung, die wir mit fast allen anderen Mitmenschen teilen. Die zwei Dutzend Kapitel sind kurz und vergnüglich, also auch kurzweilig - hier schreibt eine erfolgreiche Mimin (aus einer schreiblustigen Familie), die schon sehr lange im Ruhestand lebt - Lilo Pulver ist wie Jürgen Habermas oder Hans-Magnus Enzensberger dem Jahrgang 1929 zugehörig - 2019 war also bereits ihr 90. Geburtstag. Vermutlich hat sie sich vor dem Glamour, der ihre Branche gerade in den beiden ersten Nachkriegsjahrzehnten so unübersehbar begleitete und überstrahlte, beizeiten in Sicherheit gebracht, ganz im Unterschied zu manchen Berufsgenossen, denen der Erfolg wie perlender Schaumwein zu Kopfe gestiegen ist. Vielleicht war Lilo Pulver als eine Art „helvetisches Fräuleinwunder“, das aus dem stocksoliden Bern stammt und von den eigenen Eltern bis 1948 auf dem wenig glamourösen Pfad zum Handelsdiplom gehalten wurde (48), vor dem ungewissen Start in die Zirkusluft der Filmbranche ab 1949 mit geradezu preußischen Tugenden ausgestattet, die man gerade auch in dieser Branche, wie man in Pulvers Buch als Leser an vielen Stellen merken wird, wahrlich gut gebrauchen konnte. Nehmen wir nur das Text- und Rollenlernen. Man stelle sich vor, praktisch jeden Tag Deutschunterricht zu haben und vom Lehrer täglich aufgerufen zu werden, einen längeren Text aus dem Gedächtnis vorzusprechen - sich solches zum Beruf zu wählen! Mit Recht ist Frau Pulver im Rückblich stolz darauf, dass man sich am Set auf sie immer verlassen konnte, und vergisst nicht den „Bammel“ zu erwähnen, der mit langen Monologen an langen Drehtagen verbunden war (66). Oft, ja eigentlich fast immer, ist der Zeitdruck am Set enorm und wird von dem zweifach ins Bild gerückten „Tagesdispo“ kommandiert und reglementiert (50,117). Und wenn eine Drehbuchseite endlich „im Kasten“ war, hat man die entsprechende Seite nicht nur genussvoll durchgestrichen (38f), sondern zusätzlich „die Ecken der entsprechenden Seiten oben rechts“ abgerissen als „das Ergebnis harter Artbeit“ (34f). Am Ende zahlloser, nicht selten aufregender Drehtage gibt es nicht nur viele Filme, sondern auch eine beachtliche und messbare Menge an Regalmetern mit Drehbüchern und Leitzordnern, die in Helvetien auch gerne mal „Bundesordner“ heißen dürfen, wie die Bilder auf den Seiten 11 und 12 unter Beweis stellen. Wer so erfolgreich war wie Lilo Pulver, hat dann eines schönen Tages eine - keineswegs protzige - Villa am Genfer See mit einem, natürlich heute unbezahlbaren, jedenfalls äußerst gepflegten Ufergrundstück, wie das schöne Bild auf Seite 193 es uns zeigt. Aber ohne Familie wäre die sichere Peilung und das letztlich überlegene Kurshalten schwierig geworden - die schon erwähnten Eltern, der treue und loyale Ehemann Helmut Schmid „ohne dt“ (Kap.10) oder die beiden Geschwister; der Bruder „Buebi (wurde) Ingenieur“ und die Schwester Corinne, der das Buch gewidmet ist, ging zu Rundfunk und Fernsehen (127, und hat einige Anekdoten, zum Beispiel über Siegfried Unseld, auf Lager, was hier aber diskret unerwähnt bleibt). Auch ein Regisseur wie Kurt Hoffmann - „wir armen Dürren“ (47), mit dem die Pulver immerhin zehn Filme drehte, trägt zu dem Gesamterfolg gerade am Anfang Wesentliches bei. (Kap.4) Ansonsten sind Männer, zumal als jugendliche Filmpartner, für die junge Pulver eher ein gemischter Segen, zumal „meine Neigung, mich immer in meinen jeweiligen Filmpartner zu verlieben, () ja kein Geheimnis (ist).“ (62) Lilo hatte es mit einigen der einschlägigen und verwegensten Herzensbrecher der Filmgeschichte ihrer Zeit zu tun - man denke an Robert Mitchum, Lex Barker, Curd Jürgens, Paul Hubschmid („einer der schönsten Schweizer“, 67), Heinz Rühmann, O.W. Fischer, Blacky Fuchsberger, Horst Buchholz, Hardy Krüger etc, die aber alle schon „vergeben“ waren oder - wie Blacky als Hobby-Judoka - es bei ihren regelmäßigen Begegnungen privat und en famille auf eine wohl eher deutsche Art offenbar nicht lassen konnte, sie jeweils mit einem kurz angesetzten (und durchaus ausgeführten) Schulterwurf zu begrüßen (kein Witz, 157). Die Dame hatte ja bekanntlich Humor und den brauchte sie auch. Lilos Markenzeichen (sie nennt es selbst so), das schallende Lachen, dürfte ja allgemein bekannt sein; weniger bekannt die Tatsache, dass Schauspieler, die am Set locker bleiben können, obwohl ihnen der Text und der Dispo im Nacken sitzen, gar nicht so häufig sind, wie man von außen vielleicht meinen könnte. Fürs Betriebsklima am Set und darüber hinaus ist eine solche Surplus-Eigenschaft allerdings gerade wegen ihrer relativen Seltenheit von einigem Wert, sodass kein geringerer als Gustav Gründgens, - nun wahrlich ein grand seigneur der gesamten Zunft und durchaus einer aus der Laurence-Olivier-Klasse, von der noch zu reden sein wird - als Lilo „einmal einen Tag drehfrei hatte“, ihr „einen großen Blumenstrauß ins Hotel“ schicken ließ mit einer Karte, auf der doch wahrlich stand: „Filmen ohne Sie ist halb so lustig!“ (163) Kapitel 12 liegt in der Buchmitte und gehört folgerichtig einem der wirklichen Höhepunkte von Lilos toller Schaupielerinnenkarriere - der Arbeit mit Billy Wilder beim Film „Eins-Zwei-Drei“; als Untitel käme wohl „Zack-Zack-Zack!“ in Frage, denn Wilders Vorstellung von „Verve und halsbrecherischem Tempo“ (111) lag offenbar in der Nähe der damals schon flotten Formel Eins. Nach dem Urteil des verstorbenen Filmkritikers Hellmuth Karasek (1934-2015), der zu Lilos 75. Geburtstag die Laudatio halten durfte, habe Wilder 1959-1961 hintereinander drei Filmkomödien für die Filmgeschichte geschaffen, wobei Lilo Pulver nicht gerade schlecht wegkam - sie sei so gut wie die Monroe (1959), so lustig wie die MacLaine (1960) „und außerdem noch so diszipliniert wie beide zusammen nicht.“ (108) Solche wohl gesetzten Schmeichelworte sind hier gewiss als verdienter Lohn für ausgestandene Ängste und nachhaltig bewiesene Willenskraft zu werten. Ein Blick in die Erinnerungen des schon erwähnten Laurence Olivier (1907-89) mag dies unterstreichen und uns an den Abgrund erinnern, über den fast jeder Mime in seinem Berufsleben praktisch ständig und scheinbar mühelos balanciert. Für Larry war „die Arbeit des Schauspielers kein ergötzliches Handwerk.“ Das Überwinden der stage fright kann mitunter ein lebenslanges Ringen auch bei so bekannten Namen sein und Larry „erwischte“ es noch mal im vorgerückten Alter - „die lähmende Bühnenangst (...), die mich seit Jahren quälte.“ „Unglaublich, aber ich hatte fünfeinhalb Jahre mit dieser entsetzlichen Angst ausgehalten.“ (Bekenntnisse eines Schauspielers, 227, 378, 380)
Michael Karl

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Veröffentlicht am 19.12.2021

Relata refero (186): Glücklich ist, wer vergisst (Maxi-Haar + Mini-Röcke)

Die Dämonie der Gemütlichkeit
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Von Hilde Spiel (1911-90) könnte man eigentlich fünf solide Werke als Hardcover aus dem Paul List Verlag zu München im Bücherregal haben, angefangen bei den fünf Reden des als großer Verehrer der Autorin ...

Von Hilde Spiel (1911-90) könnte man eigentlich fünf solide Werke als Hardcover aus dem Paul List Verlag zu München im Bücherregal haben, angefangen bei den fünf Reden des als großer Verehrer der Autorin eigenartig zahmen Kritikers Reich-Ranicki (MRR, Reden auf Hilde Spiel, 1991), im Anhang mit einer kurzen biografischen Notiz (101f) und einem Nachweis von etwa zwei Dutzend Monografien, einige v.a. in den 1930er Jahren erschienene Romane und eine Biografie über Laurence Olivier (1958) eingeschlossen (103-106), gefolgt von den Memoiren in zwei Etappen, 1911-46 (1989) und 1946-89 (1990), abgerundet von den beiden posthum von Hans A. Neunzig herausgegebenen Essaybänden, den „Glossen zur Zeit“ (1991) mit drei Auflagen noch im Jahr des Erscheinens und den „Literarische(n) Essays“ (1992), in denen sich Kürze oft auf Würze reimt und aus deren Lektüre jeder Leser gestärkt und nicht ermüdet hervorgeht. Bei MRR 1991 steht, die NZZ habe die Spiel als eine „Grande Dame der österreichischen Literatur“ bezeichnet (24), und der weithin gefürchtete Kritiker hielt sie sogar für „eine treue und zuverlässige Sachwalterin der Dichtung, der Poeten und der Künstler.“ (32) Er lobte ihr „untrügliches Gefühl für das Verhältnis von Gegenstand und Ausdruck (…), für die Proportionen also.“ (37) Am besten gebe ich in dieser Besprechungscollage einen kleinen Einblick sowohl in den ersten Teil der Memoiren (1989) als auch in den ersten Essayband mit dem schönen Titel „Die Dämonie der Gemütlichkeit“, der sich einem Vorspann aus drei Texten „über das Wienerische“ verdankt, einer kritischen Hommage an den homo viennensis (15), den Heimito von Doderer vielleicht am besten kannte (11-27): Charme und Schmäh an der Oberfläche kontrastieren im Untergrund mit einem „Hang der Wiener zur puren Bosheit.“ (19) Die Steigerung im TV-Krimi geht vom „Inspektor Marek“ über zu „Kottan ermittelt“, Londons „Jack the Ripper“ trifft in Wien auf den „Frauenmörder Wurm“ (W. Ambros). Die in den Volksstücken von Ödon von Horvath zentrale Figur des Karussellbesitzers heißt im Wiener Idiom doch wahrlich (jedenfalls nach H. C. Artmann) „Ringlgschbüübsizza“. (20) Ab Seite 31 folgt eine kaum überschaubare, oft amüsante Zahl von „Glossen zur Zeit“, die alle ab 1963 in der FAZ erschienen sind, für die Hilde Spiel als „Kulturberichterstatterin“ tätig war. Seltsame Dinge sind hier am Wehen - Canaletto (45), die Marx Brothers (51), eine Sitzgarnitur (70), ein Haxlsteller (78), Herr Peymann (94), die Karajankränkung (122), Miß/Miss Freud (127), der Vierte Mann (140), ein ORF-Skandal (156, ein Auftritt von „Onanina Hagen“ beim „Club 2“ Ende der 70er Jahre) usw. Es folgen noch „Porträtskizzen“ ab Seite 201; sie enthalten v.a. Nachrufe (auf Hans Moser 1964, Doderer 1967, Csokor 1969, Urzidil 1970 usw.) oder runde Geburtstage (Doderer 1966, O.F. Schuh 1974, Attila Hörbiger 1976 usw.). Zu Elisabeth Bergner heißt es: „Gymnasiasten (…) hockten stundenlang im Rinnstein vor ihrem Dahlemer Haus um jener Sekunde willen, in der sie zu ihrem Auto lief.“ (270) Bei Isherwood wird erwähnt: „Er lebte weiter in der heilenden Sonne Kaliforniens, badete seine Seele in der Mystik des Orients.“ (268) Die Einladung bei Robert Neumann 1932 „in einer Villa (…) im Wiener Vorort Döbling, Hermann Broch war da.“ Zur Vita Neumanns kernig: „Sein Leben war ein einziger Hürdenlauf und viele der Hürden hatte er selbst aufgestellt.“ (237f) Hellers Solipsismus trifft auf die Schönheit der Burgschauspielerin Erika Pluhar. (229f, 168) Einer sei „durch seine Mutter mit dem gesamten Kärntner Adel verschwägert.“ (216) Und wer hätte gedacht, dass der friedfertige Hans Moser „unter dem Namen Jean Juliet (…) am 6. August 1880 im 5. Gemeindebezirk Margareten geboren (wurde)“? (202) Als Nachrufschreiber darf man sich ohnehin für „die Funebria“ interessieren (186 u.ö.). „Tiroler Schuhplattler“ (154) oder eine „Demel-Torte(n)“ (90ff, 168) gehören sowieso zum Lokalkolorit, zum genius loci. Roland Biggs (106) ist aber vermutlich unter falschem Namen eingeschleust und in Wahrheit der bekannte Postzugräuber Ronald (1929-2013), Gott hab ihn selig. Ein gewisser „Karli“ bekommt ein eigenes, wenn auch kurzes Kapitel, denn es handelt sich um Karl Schranz, den Erfinder der anstrengenden Schranz-Hocke, die aber in Snowboardzeiten aus der Mode gekommen ist. (86) Die Würdigung eines literarischen Solitärs, inzwischen nobelpreisgeweiht in die Walhalla aufgestiegen, ist auch nicht von schlechten Eltern: „Herr Peter Handke, reizvoll mädchenhaft anzusehen, so befangen wie keck, trat unlängst in Wien (…). Der Saal war untermischt mit pittoresker Jugend, wie man sie in Wien nur allzu selten in der Öffentlichkeit sieht. Maxi-Haar und Mini-Röcke bei den Damen, buntschillernde Seidenmäntel bei den Herren wirkten ungemein erfrischend inmitten der üblichen Veteranen der Kultur.“ (61) Dabei ist die Wiener Glücksdefinition einfach: wer vergisst, was nicht zu ändern ist (56), aber auch kompliziert - „in Wien, wo man auch leichte Musik schwer nimmt.“ (38) Geradezu prophetisch ist das Bild der Neuen Welt vom 16.3.1964: „Ein junges, gesundes, frisches Volk - Söhne und Töchter alter, bresthafter, verbrauchter Europäer - bebt vor dem Siechtum, zittert vor dem Tod. Bakterienscheu, virusfürchtig, wickelt es seine Steaks und seine Hoteltoiletten in Cellophan, schluckt beim ersten Nasentropfen Antibiotika und läuft beim ersten Liebesschmerz zum Seelenarzt.“ (2020 passt es aber wohl eher zu den aktuellen Europäern.) Memoiren: Hildes erste Lebenshälfte in neun Kapiteln hat Helles und Finsteres im Titel und ähnliche Wundertüteneffekte wie der Essayband. Das Namensregister füllt zweispaltig stattliche 8,5 Seiten. Austria in 6 Kapiteln macht den Anfang, das Exil in England folgt in 3 Kapiteln ab Seite 148. Der Kipp-Punkt liegt nach dem Studium bei Moritz Schlick und der Promotion „mit einer Arbeit über die ´Darstellungstheorie des Films´ im Februar 1936. (MRR 1991, 101) Die Mutter ist „leichtlebig“ (25,40), der kraftvolle Vater erledigt vor der Geburt der Tochter noch „ein Pistolenduell“. (27) Hilde ist sportlich, die Freundinnen sind es auch (60f); die Moral ist locker - eine „schlief „mit fünfzehn (…) schon herum“. Hilde lebt zwischen „Sport und Büchern“ (69) und erlebt „unbegreiflich ausgefüllte Tage“ (97). Bei Fritz Thorn hakt sie sich unter, ein adeliger Kommunist macht ihr teure Geschenke. (72f) Schlick reitet vor den Vorlesungen im Prater aus (75) und die völkischen Studentinnen sitzen „in ihren Dirndlkleidern muffig“ herum (80) …
Michael Karl

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