Cover-Bild Die Dämonie der Gemütlichkeit
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20,00
inkl. MwSt
  • Verlag: List Verlag
  • Themenbereich: Biografien, Literatur, Literaturwissenschaft - Literatur: Geschichte und Kritik
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 319
  • Ersterscheinung: 01.01.1991
  • ISBN: 9783471786369
Hilde Spiel

Die Dämonie der Gemütlichkeit

Glossen zur Zeit und andere Prosa
Ein Vierteljahrhundert lang, von ihrer Rückkehr aus dem Londoner Exil 1963 bis zur ihrem Tod 1990, hat Hilde Spiel die kulturelle Szene Wiens beobachtet und beschrieben. Auch in den Texten dieses Buches stellt sie in kleinen literarischen Momentaufnahmen Betrachtungen über Musik, Literatur und Theater an und berichtet über ihre Begegnungen mit berühmten "Wienern" wie Ernst Fuchs, Andre Heller, Michael Heltau, Friedensreich Hundertwasser oder Karl Schranz.

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.12.2021

Relata refero (186): Glücklich ist, wer vergisst (Maxi-Haar + Mini-Röcke)

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Von Hilde Spiel (1911-90) könnte man eigentlich fünf solide Werke als Hardcover aus dem Paul List Verlag zu München im Bücherregal haben, angefangen bei den fünf Reden des als großer Verehrer der Autorin ...

Von Hilde Spiel (1911-90) könnte man eigentlich fünf solide Werke als Hardcover aus dem Paul List Verlag zu München im Bücherregal haben, angefangen bei den fünf Reden des als großer Verehrer der Autorin eigenartig zahmen Kritikers Reich-Ranicki (MRR, Reden auf Hilde Spiel, 1991), im Anhang mit einer kurzen biografischen Notiz (101f) und einem Nachweis von etwa zwei Dutzend Monografien, einige v.a. in den 1930er Jahren erschienene Romane und eine Biografie über Laurence Olivier (1958) eingeschlossen (103-106), gefolgt von den Memoiren in zwei Etappen, 1911-46 (1989) und 1946-89 (1990), abgerundet von den beiden posthum von Hans A. Neunzig herausgegebenen Essaybänden, den „Glossen zur Zeit“ (1991) mit drei Auflagen noch im Jahr des Erscheinens und den „Literarische(n) Essays“ (1992), in denen sich Kürze oft auf Würze reimt und aus deren Lektüre jeder Leser gestärkt und nicht ermüdet hervorgeht. Bei MRR 1991 steht, die NZZ habe die Spiel als eine „Grande Dame der österreichischen Literatur“ bezeichnet (24), und der weithin gefürchtete Kritiker hielt sie sogar für „eine treue und zuverlässige Sachwalterin der Dichtung, der Poeten und der Künstler.“ (32) Er lobte ihr „untrügliches Gefühl für das Verhältnis von Gegenstand und Ausdruck (…), für die Proportionen also.“ (37) Am besten gebe ich in dieser Besprechungscollage einen kleinen Einblick sowohl in den ersten Teil der Memoiren (1989) als auch in den ersten Essayband mit dem schönen Titel „Die Dämonie der Gemütlichkeit“, der sich einem Vorspann aus drei Texten „über das Wienerische“ verdankt, einer kritischen Hommage an den homo viennensis (15), den Heimito von Doderer vielleicht am besten kannte (11-27): Charme und Schmäh an der Oberfläche kontrastieren im Untergrund mit einem „Hang der Wiener zur puren Bosheit.“ (19) Die Steigerung im TV-Krimi geht vom „Inspektor Marek“ über zu „Kottan ermittelt“, Londons „Jack the Ripper“ trifft in Wien auf den „Frauenmörder Wurm“ (W. Ambros). Die in den Volksstücken von Ödon von Horvath zentrale Figur des Karussellbesitzers heißt im Wiener Idiom doch wahrlich (jedenfalls nach H. C. Artmann) „Ringlgschbüübsizza“. (20) Ab Seite 31 folgt eine kaum überschaubare, oft amüsante Zahl von „Glossen zur Zeit“, die alle ab 1963 in der FAZ erschienen sind, für die Hilde Spiel als „Kulturberichterstatterin“ tätig war. Seltsame Dinge sind hier am Wehen - Canaletto (45), die Marx Brothers (51), eine Sitzgarnitur (70), ein Haxlsteller (78), Herr Peymann (94), die Karajankränkung (122), Miß/Miss Freud (127), der Vierte Mann (140), ein ORF-Skandal (156, ein Auftritt von „Onanina Hagen“ beim „Club 2“ Ende der 70er Jahre) usw. Es folgen noch „Porträtskizzen“ ab Seite 201; sie enthalten v.a. Nachrufe (auf Hans Moser 1964, Doderer 1967, Csokor 1969, Urzidil 1970 usw.) oder runde Geburtstage (Doderer 1966, O.F. Schuh 1974, Attila Hörbiger 1976 usw.). Zu Elisabeth Bergner heißt es: „Gymnasiasten (…) hockten stundenlang im Rinnstein vor ihrem Dahlemer Haus um jener Sekunde willen, in der sie zu ihrem Auto lief.“ (270) Bei Isherwood wird erwähnt: „Er lebte weiter in der heilenden Sonne Kaliforniens, badete seine Seele in der Mystik des Orients.“ (268) Die Einladung bei Robert Neumann 1932 „in einer Villa (…) im Wiener Vorort Döbling, Hermann Broch war da.“ Zur Vita Neumanns kernig: „Sein Leben war ein einziger Hürdenlauf und viele der Hürden hatte er selbst aufgestellt.“ (237f) Hellers Solipsismus trifft auf die Schönheit der Burgschauspielerin Erika Pluhar. (229f, 168) Einer sei „durch seine Mutter mit dem gesamten Kärntner Adel verschwägert.“ (216) Und wer hätte gedacht, dass der friedfertige Hans Moser „unter dem Namen Jean Juliet (…) am 6. August 1880 im 5. Gemeindebezirk Margareten geboren (wurde)“? (202) Als Nachrufschreiber darf man sich ohnehin für „die Funebria“ interessieren (186 u.ö.). „Tiroler Schuhplattler“ (154) oder eine „Demel-Torte(n)“ (90ff, 168) gehören sowieso zum Lokalkolorit, zum genius loci. Roland Biggs (106) ist aber vermutlich unter falschem Namen eingeschleust und in Wahrheit der bekannte Postzugräuber Ronald (1929-2013), Gott hab ihn selig. Ein gewisser „Karli“ bekommt ein eigenes, wenn auch kurzes Kapitel, denn es handelt sich um Karl Schranz, den Erfinder der anstrengenden Schranz-Hocke, die aber in Snowboardzeiten aus der Mode gekommen ist. (86) Die Würdigung eines literarischen Solitärs, inzwischen nobelpreisgeweiht in die Walhalla aufgestiegen, ist auch nicht von schlechten Eltern: „Herr Peter Handke, reizvoll mädchenhaft anzusehen, so befangen wie keck, trat unlängst in Wien (…). Der Saal war untermischt mit pittoresker Jugend, wie man sie in Wien nur allzu selten in der Öffentlichkeit sieht. Maxi-Haar und Mini-Röcke bei den Damen, buntschillernde Seidenmäntel bei den Herren wirkten ungemein erfrischend inmitten der üblichen Veteranen der Kultur.“ (61) Dabei ist die Wiener Glücksdefinition einfach: wer vergisst, was nicht zu ändern ist (56), aber auch kompliziert - „in Wien, wo man auch leichte Musik schwer nimmt.“ (38) Geradezu prophetisch ist das Bild der Neuen Welt vom 16.3.1964: „Ein junges, gesundes, frisches Volk - Söhne und Töchter alter, bresthafter, verbrauchter Europäer - bebt vor dem Siechtum, zittert vor dem Tod. Bakterienscheu, virusfürchtig, wickelt es seine Steaks und seine Hoteltoiletten in Cellophan, schluckt beim ersten Nasentropfen Antibiotika und läuft beim ersten Liebesschmerz zum Seelenarzt.“ (2020 passt es aber wohl eher zu den aktuellen Europäern.) Memoiren: Hildes erste Lebenshälfte in neun Kapiteln hat Helles und Finsteres im Titel und ähnliche Wundertüteneffekte wie der Essayband. Das Namensregister füllt zweispaltig stattliche 8,5 Seiten. Austria in 6 Kapiteln macht den Anfang, das Exil in England folgt in 3 Kapiteln ab Seite 148. Der Kipp-Punkt liegt nach dem Studium bei Moritz Schlick und der Promotion „mit einer Arbeit über die ´Darstellungstheorie des Films´ im Februar 1936. (MRR 1991, 101) Die Mutter ist „leichtlebig“ (25,40), der kraftvolle Vater erledigt vor der Geburt der Tochter noch „ein Pistolenduell“. (27) Hilde ist sportlich, die Freundinnen sind es auch (60f); die Moral ist locker - eine „schlief „mit fünfzehn (…) schon herum“. Hilde lebt zwischen „Sport und Büchern“ (69) und erlebt „unbegreiflich ausgefüllte Tage“ (97). Bei Fritz Thorn hakt sie sich unter, ein adeliger Kommunist macht ihr teure Geschenke. (72f) Schlick reitet vor den Vorlesungen im Prater aus (75) und die völkischen Studentinnen sitzen „in ihren Dirndlkleidern muffig“ herum (80) …
Michael Karl

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