Intensiv und ein Lese-Muss!!!
Evil Eye“Evil Eye” von Etaf Rum ist ein Roman, der unter die Haut geht. Und zwar nicht leise, sondern in Wellen – mit jeder Seite etwas mehr. Es ist die Geschichte von Yara, einer palästinensisch-amerikanischen ...
“Evil Eye” von Etaf Rum ist ein Roman, der unter die Haut geht. Und zwar nicht leise, sondern in Wellen – mit jeder Seite etwas mehr. Es ist die Geschichte von Yara, einer palästinensisch-amerikanischen Frau, die in North Carolina lebt, verheiratet ist, zwei Kinder hat, an einem College unterrichtet – und trotzdem jeden Tag das Gefühl hat, nicht frei atmen zu können. Ihr Leben sieht nach außen stabil aus, beinahe ideal. Doch im Inneren brodelt etwas. Eine Unzufriedenheit, ein stummes Aufbegehren, eine Wut, die keine Worte findet – noch nicht.
Schon auf den ersten Seiten wird klar: Etaf Rum schreibt nicht einfach eine Geschichte, sie gibt ihrer Protagonistin eine Stimme, die sich tief ins eigene Bewusstsein schleicht. Man liest nicht über Yara – man ist mit ihr. Man spürt ihre Unsicherheit, ihre Erschöpfung, ihre kleinen Fluchten, ihre Sehnsucht nach etwas, das sie kaum benennen kann. Und je weiter man liest, desto klarer wird: Was sie erlebt, ist nicht „nur“ ihr persönlicher Konflikt, sondern ein ganzes Geflecht aus kulturellen Erwartungen, familiären Verpflichtungen, patriarchalen Strukturen und generationenübergreifenden Traumata. Und das passiert nicht “nur” in dieser Geschichte, sondern tagtäglich überall auf der Welt!
Yaras Alltag ist geprägt von tief verwurzelten Glaubenssätzen – besonders aus ihrer palästinensischen Herkunftsfamilie –, die das Rollenbild der Frau klar definieren: gehorsam, stark, opferbereit. Ihre Mutter und Großmutter sind Figuren, die man auf den ersten Blick verurteilen möchte – doch Rum zeichnet sie mit so viel Tiefe, dass man deren “warum” erkennt, nachfühlen kann und somit besser sieht, wieso sie so handeln, wie sie es nun mal getan haben. Das gilt übrigens für sämtliche Figuren in diesem Roman: Sie sind nicht nur Kulisse für Yaras Geschichte, sondern tragen selbst ganze Welten in sich. Ob Ehemann, Eltern, Schwiegereltern, Kinder, Kolleg:innen oder Therapeut:innen – jede Begegnung fühlt sich absolut echt an. Und das macht diesen Roman so kraftvoll.
Man liest Seite um Seite mit wachsender Beklommenheit, weil sich eine immer stärker werdende Wut in einem selbst aufbaut – darüber, wie wenig Raum Frauen oft zugestanden wird, wie laut das Schweigen über Generationen hinweg sein kann, wie schmerzhaft unausgesprochene Regeln ein Leben bestimmen und einengen können. Yaras Weg zu ihrer eigenen Stimme, ihrer eigenen Wahrheit - über Therapie, dem Hinterfragen ihres eigenen Lebens, Tagebuchschreiben, etc. - ist kein lauter Aufbruch, sondern ein langsames, schmerzhaftes Tasten ins Ungewisse. Und genau deshalb fühlt es sich so real an.
Gerade als Frau kann man sich vielem, was Yara durchlebt, nicht entziehen – auch wenn man in einem ganz anderen Kontext und deutlich privilegierter lebt. Die Art, wie sie ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ausfüllt, wie sie sich klein macht, wie sie das eigene Denken permanent hinterfragt, ist so nachvollziehbar, dass man beim Lesen manchmal das Gefühl hat, mit ihr im Raum zu sein. Es ist ein intimes, mitreißendes und auch aufwühlendes Leseerlebnis.
Etaf Rum gelingt es, all das mit einer erzählerischen Klarheit und Empathie zu schreiben, die wirklich beeindruckt. “Evil Eye” ist weder dramatisch überzeichnet noch emotional manipulativ. Es ist einfach ehrlich und bringt die Realität so unendlich vieler Frauen auf diese Seiten. Die Sprache ist ruhig, präzise und so voller Gefühl. Jede:r sollte dieses Buch lesen! Unbedingt. Um Vorurteile aufzubrechen, die Frauen in seinem Umfeld deutlicher zu sehen, öfters über das “warum” anderer nachzudenken und am Ende auf allen Ebenen klarer zu sehen!!!