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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.07.2024

Wieso gerade Sally?

Romantic Comedy
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Sally ist Autorin einer beliebten Late Night Show und wundert sich über das Phänomen, dass sehr durchschnittliche Männer mit Frauen zusammenkommen, die ganz eindeutig über deren Liga spielen. Dann trifft ...

Sally ist Autorin einer beliebten Late Night Show und wundert sich über das Phänomen, dass sehr durchschnittliche Männer mit Frauen zusammenkommen, die ganz eindeutig über deren Liga spielen. Dann trifft sie auf den berühmten und ebenso attraktiven Popstar Noah, der einen Gastauftritt hat und obwohl sie es sich nicht eingestehen will, ist da was zwischen ihnen.
„Romantic Comedy“ von Curtis Sittenfeld musste ich lesen, weil Anika Landsteiner es empfohlen hat und ich wurde nicht enttäuscht. Zugegen der Anfang ist etwas langatmig und auch zum Ende hin gab es Längen, aber die Mitte entschädigt dafür umso mehr. Die Dialoge sprühen vor Witz, jeder Begegnung der beiden fieberte ich entgegen und konnte den Roman nur schwer aus der Hand legen. Wenn ich musste, waren meine Gedanken trotzdem bei Sally und Noah. Einerseits weil ich sie endlich zusammen sehen wollte, andererseits weil Sally sich wirklich oft selbst im Weg steht und das als Erzählerin toll beschreibt. Noah ist einfach perfekt, was anstrengend hätte werden können, und doch hat er mein Herz im Sturm erobert. Nebenbei thematisiert Curtis Sittenfeld wie stark Frauen mit sich und ihrer Außenwirkung hadern. Auch Covid spielt eine gewisse Rolle, wobei sie es gekonnte einzusetzen versteht.
Sprachlich hat es nicht überrascht, dafür aber mein Herz berührt, meine Lachmuskeln trainiert und einen Einblick in die Comedy Branche der USA geschenkt. Und ich hätte tatsächlich Lust, es gleich nochmal zu lesen. Allerdings erst ab Teil zwei.
Wer also ein überraschend witzigen Roman über die Liebe sucht, kann mit „Romantic Comedy“ nichts falsch machen.

Veröffentlicht am 22.07.2024

Zwei Schwestern

Cascadia
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Sam lebt mit ihrer Schwester Elena und ihrer schwer kranken Mutter auf einer Insel im Nordwesten der USA. Sie schlagen sich durch, werden von den Schulden aufgefressen und versuchen dennoch, durchzuhalten. ...

Sam lebt mit ihrer Schwester Elena und ihrer schwer kranken Mutter auf einer Insel im Nordwesten der USA. Sie schlagen sich durch, werden von den Schulden aufgefressen und versuchen dennoch, durchzuhalten. Sam glaubt an eine Zukunft. Wenn ihre Mutter stirbt, verkaufen sie das Haus und fangen neu an. Doch dann kommt ein Bär auf die Insel und Sam erkennt schmerzhaft, dass sie jahrelang einer Illusion nachgehangen hat.
„Cascadia“ von Julia Phillips beginnt leise, langsam, unspektakulär. Davon sollte man sich keinesfalls in die Irre führen lassen. Fast unbemerkt wird man in Sams Leben gesaugt, das geprägt ist von Arbeit, Entbehrung und Schulden. Nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft lässt sich durchhalten und die Liebe zu ihrer Schwester, denn zwischen die Beiden passt kein Blatt. Das Außen, die Anderen sind nicht wichtig. Zumindest für Sam. Manchmal wirkt sie sehr naiv mit ihren Ende 20, aber sie wurde auch immer von Elena beschützt, bemuttert. Kein Wunder, dass ihre ältere Schwester zu einer Heiligen avancierte.
Die Eskalation geschieht langsam und das macht es so spannend, man rennt mit Sam sehenden Auges ins Verderben. Man spürt die Bedrohung, Sams Verzweiflung und auch die eigentlich vorprogrammierte Enttäuschung.
Julia Phillips hat mich mit diesem Roman sehr beeindruckt. Ihren Vorgänger „Das Verschwinden der Welt“ hat mich dagegen nicht so vom Hocker gerissen, dafür „Cascadia“ umso mehr. Gerade zum Schluss konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Zwar konnte ich mich mit Elena mehr identifizieren als mit der Erzählerin Sam, die bewusst sehr selbstbezogen ist, aber das hat der Lektüre noch einen weiteren Kitzel geschenkt, weil man so nah an Sam bleibt, an ihrer Wahrnehmung, die manchmal etwas fragwürdig ist. Und am besten hat mir wohl gefallen, dass die Männer außen vor blieben. Es geht um die Schwestern, um die Familie, alles andere ist Beiwerk. Und kein Mann wirbelt den Staub auf, sondern ein Bär.

Veröffentlicht am 19.07.2024

So tief und launisch wie das Meer

Mitternachtsschwimmer
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Evan flieht ins kleine Dorf Ballybrady, wo er das Cottage der exzentrischen Grace mietet. Eine Woche will er seiner Frau den gewünschten Abstand geben und wieder klar kommen mit den Tragödien seines Lebens. ...

Evan flieht ins kleine Dorf Ballybrady, wo er das Cottage der exzentrischen Grace mietet. Eine Woche will er seiner Frau den gewünschten Abstand geben und wieder klar kommen mit den Tragödien seines Lebens. Doch dann kommt der Lockdown und er sitzt fest. Als Evan sein Sohn Luca zu sich nimmt, lenkt dieser nicht nur Evans Leben in neue Bahnen, sondern auch das von Grace.
„Mitternachtsschwimmer“ von Roisin Maguire lässt mich zwiegespalten zurück. Ich liebe Grace, sie ist wunderbar. Ich mag auch Evan und alle anderen Figuren, mal von Evans Frau abgesehen. Was mir allerdings nicht gefallen hat, ist, welche Richtung der Roman in Sachen romantische Liebe genommen hat. Irgendwie war es absehbar, unterschwellig präsent, aber ich hab bereits am Anfang gehofft, dass es nicht so kommen wird. Ich finde es für die Geschichte nicht wirklich wichtig und hätte darauf verzichten können. Vor allem weil der Roman schon so viel beinhaltet. Es geht um Verlust und Tragödien, es geht um Ableismus und ein bisschen um Feminismus, um Gemeinschaft und den Platz im eigenen Leben.
Getragen wird der Roman von den Figuren, wobei eine neben Grace und Evan besonders hervorsticht, nämlich das Meer. Roisin Maguire zeigt dessen Fassetten sehr eindrücklich. An ihren Stil musste ich mich erst gewöhnen, er ist überladen und adjektivlastig, wovon ich eigentlich kein Fan bin, aber das gleicht sie mit ihrer Derbheit aus. Sehr gelungen finde ich die Perspektiven von Grace und Evan. Beide haben eine eigene, erkennbare Stimme. Bis auf die Liebessache finde ich auch deren Entwicklung super, sie ist stimmig und passend.
„Mitternachtsschwimmer“ ist ein Roman mit der Tiefe des Meeres. Anfangs steckt man den Zeh hinein, um sich an die Kälte zu gewöhnen, und jeder weitere Schritt fällt immer leichter, aber Vorsicht vor den Wellen und Strömungen. Die können einen erwischen, umwerfen und mitreißen.

Veröffentlicht am 13.07.2024

Ein bisschen Magie

Das erste Licht des Sommers
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Norma kümmert sich um ihre sterbende Mutter, dessen letzter Wunsch es ist nach Stellatta zurückzukehren. Dort ist die Familie verankert, dort hat Norma viele Sommer verbracht. Am Sterbebett ihrer Mutter ...

Norma kümmert sich um ihre sterbende Mutter, dessen letzter Wunsch es ist nach Stellatta zurückzukehren. Dort ist die Familie verankert, dort hat Norma viele Sommer verbracht. Am Sterbebett ihrer Mutter beginnt sie, ihr zu verzeihen. Gleichzeitig wird Normas bewegtes Leben erzählt. Von ihrer Kindheit mit Cousine Donata, ihren Jahren in London, ihrer einzigartigen Liebe zu Elia.
„Das erste Licht des Sommers“ von Daniela Raimondi ist ein Roman, der in die Ferne entführt. Nicht nur nach Italien und London, sondern bis nach Brasilien und dabei ein Leben erzählt, das viel Schmerz erdulden musste, allerdings auch viel Glück erfahren hat. Normas Familie hat eine ganz spezielle Verbindung zu den Toten, nicht sie selbst, sondern andere, die leider nur Randfiguren sind, aber dem Roman einen magischen Funken verleihen und ihm in all der Tragik etwas Leichtes schenken.
Anfangs dachte ich, dass es um das schwierige Verhältnis zwischen Norma und ihrer Mutter Elsa geht, aber schnell wird deutlich, dass Normas Liebe zu Elia mehr im Mittelpunkt steht und von Elsas Sterben umklammert wird. Mutter sein und Mutter werden, spielt eine zentrale Rolle; die Liebe zum eignen Kind, die so leicht und auch so schwer sein kann.
Etwas schwierig fand ich die plötzlichen Perspektivwechsel innerhalb der Kapitel. Meist folgen wir Norma, was meiner Meinung nach ausgereicht hätte, doch manchmal werden wir ohne Vorwarnung auf die Schultern der Nebenfiguren gesetzt. Gerne hätte ich mehr von Donata gelesen oder den anderen Frauen in der Familie, dessen Leben kurz angerissen werden. Die Männer entsprechen, nicht überraschend, dem Klischee des untreuen Ehemanns und bekommen, bis auf Elia, eher untergeordnete Rollen.
Sprachlich hat es mich nicht überrascht, aber das musste es auch nicht, denn Normas Leben hatte schon genug zu bieten und die wenigen magischen Begebenheiten, die immer wieder auftauchten, haben den Roman zu etwas Besonderem gemacht.
Eine schöne, manchmal schmerzhafte, Sommerlektüre.

Veröffentlicht am 04.07.2024

Reise in die Vergangenheit

Die Sache mit Rachel
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Als Rachel auf James trifft, ist es 2010, sie ist 21, Studentin und Irland in der Rezession. Schnell werden sie Freunde, ziehen zusammen und erleben ein Jahr, das durchdrungen ist von Höhen und Tiefen. ...

Als Rachel auf James trifft, ist es 2010, sie ist 21, Studentin und Irland in der Rezession. Schnell werden sie Freunde, ziehen zusammen und erleben ein Jahr, das durchdrungen ist von Höhen und Tiefen. Da ist Dr. Byrne, Rachels Dozent, der sich in das Leben der beiden drängt und da ist Carey, der vor allem Rachels auf den Kopf stellt und da ist die Angst vor der Zukunft, die in Irland nicht vorhanden zu sein scheint.
Caroline O’Donoghues „Die Sache mit Rachel“ hat mich überrascht. Ich habe unvoreingenommen mit dem Lesen begonnen und wurde schnell in die Geschichte gezogen, was nicht zuletzt an Rachel lag, mit der sich mein 20 jähriges Ich sehr identifizieren konnte. Zudem nimmt sie als Erzählerin kein Blatt vor den Mund. Durch James und ihre besondere Freundschaft fühlt es sich oft an wie eine Sitcom aus dem 2000er, aber Themen wie Abtreibung, Identitätsfindung in schwierigen Zeiten und natürlich die Liebe, die in vielerlei Gestalt - gleichgeschlechtlich, platonisch, unglücklich, herzerwärmend - daherkommt, stehen im Mittelpunkt.
Anfangs habe ich gebraucht, um hineinzufinden, da Rachel ihre Geschichte aus der Rückschau erzählt und das gerade zu Beginn etwas sprunghaft ist, doch das gibt sich schnell. Sprachlich fand ich es auch sehr gut, gezielt platzierte Metaphern haben mich immer wieder mit dem Kopf nicken lassen. Das Ende mochte ich ebenfalls, obwohl der Weg dorthin einige Längen hatte, da die letzten Jahre irgendwie untergebracht werden wollten.
Ein Wermutstropfen ist, dass es zwar eine Protagonistin gibt, aber sich ihr ganzes Leben nur um Männer zu drehen scheint. Andere Frauen und die Freundschaft zu ihnen kommen zu kurz. Allerdings muss ich gestehen, dass ich diese Zeit damals genauso in Erinnerung habe und schiebe das daher auf die Authentizität.
Ein unterhaltsamer Roman, der die wichtigen Themen im Leben nicht außer Acht lässt.