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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.08.2023

1985 erschienen und heute noch immer aktuell!

Ganz unten
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In „Ganz unten“ hat sich der investigative Journalist Günter Wallraff in den 1980er Jahren in den Türken Ali Levent Sinirlioğlu verwandelt, um die Erfahrungen zu bestätigen, die ihm von Freunden und Bekannten, ...

In „Ganz unten“ hat sich der investigative Journalist Günter Wallraff in den 1980er Jahren in den Türken Ali Levent Sinirlioğlu verwandelt, um die Erfahrungen zu bestätigen, die ihm von Freunden und Bekannten, die über das Anwerbeabkommen als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, zugetragen wurden. Zwei Jahre lang war er als Ali unterwegs und hat unter unmenschlichen Bedingungen gearbeitet, für den er von der deutschen Bevölkerung sogar noch blanken Hohn eingesteckt hat.

Dieses Buch ist ein journalistisches Meisterstück, denn Günter Wallraff hat sich tief, sehr tief in seine Rolle begeben.


Um das Buch zu lesen, sollte man sich in einer einigermaßen guten Grundstimmung befinden, denn man wird ganz unzweifelhaft Ärger empfinden. Immer wieder musste ich mir sagen, dass der Entstehungszeitpunkt dieses Dokuthrillers schon über 30 Jahre zurückliegt, doch geholfen hat es nichts: Dieser Fremdenhass, diese Intoleranz, diese so typische German Angst hat ganz unweigerlich immer wieder Wut ausgelöst.

Veröffentlicht am 02.08.2023

Ein ganz besonderer Kiosk!

Herrn Haiduks Laden der Wünsche
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Herr Haiduk besitzt einen kleinen Kiosk mitten in Berlin. In diesen kommen ganz verschiedene Menschen. Die Namen seiner Stammkunden kennt er meistens nicht, deshalb gibt er ihnen Spitznamen wie die Stumme ...

Herr Haiduk besitzt einen kleinen Kiosk mitten in Berlin. In diesen kommen ganz verschiedene Menschen. Die Namen seiner Stammkunden kennt er meistens nicht, deshalb gibt er ihnen Spitznamen wie die Stumme Studentin, der Pudelmann, die Ängstliche Frau, der Junge Kettenraucher. Einer seiner Kunden war auch ein Schriftsteller, den hat es irgendwann in die Welt verschlagen. Doch nun ist der Schriftsteller zurück, sehr zur Erleichterung von Herrn Heiduk, denn dieser hat eine Geschichte zu erzählen, von der er möchte, dass sie aufgeschrieben wird...


Herr Haiduk mag seinen ruhigen Alltag. Mit dem ist es allerdings vorbei, als das ganze Viertel durch die Meldung aufgewühlt wird, ein Lottojackpot von 13 Millionen Euro sei in dieser Gegend geknackt worden, vielleicht sogar in seinem Laden. Und der Gewinner? - Meldet sich nicht und löst auch seinen Lottoschein nicht ein. Das Gesprächsthema Nummer eins hat sich in der ganzen Stadt herumgesprochen und wird in dem Moment zu Herrn Haiduks persönlichem Problem, als die Stumme Studentin plötzlich einen Namen erhält. Die in sich gekehrte Alma wendet sich nämlich mit all ihrem Mut an Herrn Haiduk, nachdem sie den Gewinnschein gefunden hat. Sie möchte den Gewinner des Jackpots finden, der sich noch immer nicht gemeldet hat, obgleich der Gewinn bald verfallen wird. Mit eher ungewöhnlichen Methoden versuchen der Kioskbesitzer, sein Freund Adamo und Alma den Verlierer des Lottoscheins ausfindig zu machen und stellen dabei fest, dass das große Glück seine ganz eigene Belastung mit sich bringt.


Für mich war es Coverliebe auf den ersten Blick. Ich verbinde mit dem Anblick eines Kiosks Sommererinnerungen voller Eis und Süßigkeiten. „Herrn Haiduks Laden der Wünsche“ spielt passenderweise auch im Sommer. Mit diesem Buch gibt es eine Wohlfühlgeschichte, die es aber auch an einer gewissen Tiefe nicht mangeln lässt.

Veröffentlicht am 02.08.2023

Ein japanischer Ermittler im kühlen Hamburg - da treffen Welten aufeinander!

Inspektor Takeda und die Toten von Altona
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Claudia Harms arbeitet in der Mordkomission Hamburgs und wird als einzige Frau vor allem von ihrem Vorgesetzten nicht ernst genommen. Der ist der Meinung, dass allein sie sich als Babysitter eignet, denn ...

Claudia Harms arbeitet in der Mordkomission Hamburgs und wird als einzige Frau vor allem von ihrem Vorgesetzten nicht ernst genommen. Der ist der Meinung, dass allein sie sich als Babysitter eignet, denn aus Japan soll über ein Austauschprogramm ein Kollege aus Tokyo ins Team kommen. Claudia bereitet sich gründlich auf die Ankunft von Kenjiro Takeda vor, macht sich aber keine Hoffnungen mit diesem auch wirkliche Fälle lösen zu dürfen. Daher landen die beiden in Altona, wo sie den Selbstmord eines Buchhändler-Ehepaars in deren Wohnung untersuchen wollen. Takedas Meinung nach kann es sich nicht um einen Suizid handeln. Claudia ist geneigt dem Urteil des Japaners zu glauben, und als der Gerichtsmediziner diese Einschätzung teilt, beginnt das Duo seine Ermittlungen, das sie in politische Kreise führt, in denen die Fronten noch geklärt werden müssen...


„Die Toten von Altona“ ist der Auftakt der Inspektor-Takeda-Reihe von Henrik Siebold aka. Daniel Bielenstein, der den Großteil seiner Kindheit in Japan verbracht hat und daher mit der Kultur des Landes bestens vertraut ist, was man meinem Dafürhalten nach dem Buch auch anmerkt. Mit Kenjiro Takeda hat er Claudia Harms einen Kollegen zugeworfen, der eine interessante Person mit ungewöhnlichen Untersuchungs- und Befragungsmethoden ist. Claudia Harms selbst ist eine facettenreiche Protagonistin, durchaus stark, aber mit nachvollziehbaren Schwächen, die sie sehr menschlich machen.

Der Auftakt der Krimireihe hat Wendungen wie ein weglaufendes Kaninchen, springt mal in diese, mal in jene Richtung. Bis der Fall sich aufklärt, gibt es verschiedene Lösungsansätze, denen man als Leser*in versucht nachzufühlen, so dass das Ende mich auf jeden Fall überrascht hat.

Das erste Buch hat mir derart gut gefallen, dass ich weitere Bände bei mir bereits bereitstehen!

Veröffentlicht am 02.08.2023

Treffend formuliert: „Mehr als ein Wegweiser“

Wie Kinder Bücher lesen
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So steht es schon auf dem Cover, und ich kann nach gelesener Lektüre nur zustimmen: Definitiv mehr als ein Wegweiser! Dieses Buch kann ich allen nahelegen, die sich mit Kinder- und Jugendbüchern beschäftigen, ...

So steht es schon auf dem Cover, und ich kann nach gelesener Lektüre nur zustimmen: Definitiv mehr als ein Wegweiser! Dieses Buch kann ich allen nahelegen, die sich mit Kinder- und Jugendbüchern beschäftigen, von Bibliothekarinnen, Buchhändlerinnen oder Pädagog*innen. Es gibt Anreize in Form von Methoden, wie man Kindern das eigenständige Lesen nahebringt und konkrete Lesetipps anhand von zeitgemäßen Titeln. Besonders hat mir der Versuch dieses Ratgebers gefallen, Comics sowie digitale und Hörbuchmedien mit Büchern zu versöhnen; dass es nicht so sehr darauf ankommt Kinder dazu zu bringen anspruchsvolle Bücher zu lesen, sondern ihre Lesefreude innerhalb ihrer Vorlieben und Interessen zu fördern.

Veröffentlicht am 02.08.2023

Warum klingen manche Interviewfragen seltsam? - Weil sie sonst nur Frauen gestellt werden.

Was Männer nie gefragt werden
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Fränzi Kühne, Mitgründerin der ersten Social-Media-Agentur und Aufsichtsrätin der Freenet AG, bekommt im Laufe ihrer Karriere häufiger diese Art Fragen, die weniger auf ihre Fachkompetenz als auf ihr privates ...

Fränzi Kühne, Mitgründerin der ersten Social-Media-Agentur und Aufsichtsrätin der Freenet AG, bekommt im Laufe ihrer Karriere häufiger diese Art Fragen, die weniger auf ihre Fachkompetenz als auf ihr privates Familienleben abzielen und die manchmal sogar in Zweifel ziehen, ob sie für die beruflichen Positionen überhaupt geeignet ist. Typische Fragen nach Garderobe, Kinderbetreuung und private Opfer für die Karriere auf Kosten der Familie bekommen üblicherweise vor allem erfolgreiche Frauen wie sie zugeschoben.

Nach etlichen Interviews dreht Fränzi Kühne den Spieß um. Sie sucht sich beruflich erfolgreiche Männer aus verschiedenen Sektoren und stellt ihnen die Fragen, die ihr gerne mal gestellt werden. Aus den Antworten schmiedet sie ihr Buch „Was Männer nie gefragt werden. Ich frage trotzdem mal.“ Wie seltsam manche Interviewfragen wirken, wenn man sie Männern statt Frauen stellt. Der überwiegende Teil der Antworten ist kaum überraschend, was dieses Buch dennoch so wichtig macht ist der Anreiz über Rollenbilder zu reflektieren.

Ein Satz in diesem Buch ist mir besonders im Gedächnis geblieben: „Von Männern lässt man sich die Welt erklären, Frauen dagegen müssen beweisen, dass sie die Welt verstanden haben.“ - ein passendes Beispiel dafür wie wir (teils unbewusst) immer noch über Geschlechter denken. Allein dafür, um einen Denkprozess darüber anzuregen, lohnt sich dieses Buch.