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Veröffentlicht am 30.07.2023

Auftakt zu einer niedlichen Reihe

Paula Prima und der Klassendieb
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In der Schule geht ein Dieb um! Als die Gelglitzerstifte der Lehrerin gestohlen werden, nimmt sich Paula Prima der Sache an und versucht gemeinsam mit ihren Freunden den Fall der gestohlenen Stifte aufzudecken. ...

In der Schule geht ein Dieb um! Als die Gelglitzerstifte der Lehrerin gestohlen werden, nimmt sich Paula Prima der Sache an und versucht gemeinsam mit ihren Freunden den Fall der gestohlenen Stifte aufzudecken. Die Kinder beobachten ihre Mitschüler und müssen erkennen, dass es nicht okay ist einfach so andere zu verdächtigen. Bis sie den Dieb erwischen, passieren ganz schön viele Dinge, und nicht immer gehen Paulas Pläne auf. Dass der Dieb dann ausgerechnet jemand ist, der gar nichts Böses im Schilde geführt hat, bringt Paula und ihre Freunde dazu überlegen zu müssen wie man Schuld eigentlich einschätzt.

Das Buch ist in einer kindergerechten Sprache gehalten, ebenso wie auch manche Gedankengänge und ironischen Aussagen, die man in der Altersgruppe möglicherweise noch nicht so versteht. Die Kapitel sind in einer vorlesegeeigneten Länge gehalten, so dass man das Buch auch als Gute-Nacht-Geschichte nach und nach vorlesen kann.
Regine Bielefeld hat da eine süße Reihe begonnen, die von den hübschen Illustrationen Florentine Prechtels stimmungsvoll begleitet werden.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Feministisches Manifest

Fleischmarkt
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Direkt mal vorweg: Ich glaube, dass ich gar nicht jeden Aspekt sofort verstanden habe, den Laurie Penny in dieser Abhandlung zusammengefasst hat. Das Buch hat einen sehr hohen Informationsgehalt auf den ...

Direkt mal vorweg: Ich glaube, dass ich gar nicht jeden Aspekt sofort verstanden habe, den Laurie Penny in dieser Abhandlung zusammengefasst hat. Das Buch hat einen sehr hohen Informationsgehalt auf den knapp 120 Seiten.
Wer denkt, dass es in ihrem Buch nur um das sexuelle Kapital geht, das Prostituierte nutzen, der irrt. Laurie Penny widmet sich dem Bild, das Frauen in der Öffentlichkeit vermittelt wird, aus dem sie ihre Identität ziehen sollen. So beleuchtet Penny beispielsweise Transsexualität im Hinblick auf die Weiblichkeit im Kapitalismus. Es geht um geschlechtliches Kapital, das ausgegeben wird, um eine sozial akzeptierte Weiblichkeit zu generieren und Frauen in geduldeten Bahnen zu halten. Damit kritisiert sie auch die Entweder-Oder-Entscheidung zwischen ausschließlich zwei Geschlechtern, die alle Identitäten dazwischen ausblendet. Ein persönliches Thema für Laurie Penny sind Essstörungen, auch diesen misst sie eine Bedeutung bei, besonder in Anbetracht der „Größe-Null-Debatte“ und der Modeindustrie im Allgemeinen. Ein weiterer Punkt in diesem Buch war die unbezahlte Betreuungs- und Erziehungsarbeit, die Frauen nebst einer hauptberuflichen Vollzeitbeschäftigung leisten, während Männer statistisch gesehen immernoch genauso viel Arbeit im Haushalt erledigen wie in den 80er Jahren – wohlgemerkt, als es noch nicht so viele voll arbeitende Frauen gab.
Laurie Pennys Resümee ist, dass Frauen im Zuge des kapitalistischen Machtwerks klein gehalten werden sollen, ihre Forderung ist, dass sich alle Frauen mal wieder öfter des Wortes Nein bedienen, denn klar ist: Wenn alle Frauen die unbezahlte Arbeit, die sie täglich so verrichten, niederlegen, würde das kapitalistische System von jetzt auf gleich in die Knie gezwungen werden.

Wie gesagt ist die Informationsdichte in diesem Buch enorm, und ich werde es mir bestimmt irgendwann wieder hervornehmen, um es erneut zu lesen. Laurie Pennys Analyse fand ich treffend, nicht zuletzt, weil sie sagt, dass das Patriarchat, das die Weiblichkeit unter Kontrolle halten will, nicht alle Männer umfasst, da es auch Männer gibt, die unter diesen Strukturen leiden. Fakt ist jedoch, dass ein radikales Umdenken stattfinden muss und man sich von der Idee der konsumierbaren, verfügbaren Frau verabschieden muss, die selbst nicht frei konsumieren darf.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Wer Worte sammelt: Hier ist eine ganze Schatzkiste voll!

Ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmschen Wörterbuch
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Eine ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimm'schen Wörterbuch vereinigt – wie der zungenbrecherische Titel schon verrät – hübsche Wortkreationen wie sie Deutsche richtig ...

Eine ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimm'schen Wörterbuch vereinigt – wie der zungenbrecherische Titel schon verrät – hübsche Wortkreationen wie sie Deutsche richtig gut schaffen können.

Wer hier reinblättert, der möchte glatt als Meerschaumkind („dem schaume des meeres entstiegenes kind, Venus: du schönes meerschaumskind! Lohenstein auserles. ged. 1, 240“) all die schönen Wörter heraus in die Welt dirdirlieren („wie eine lerche singen, es dirdirlir, dirdirlor, dirdirlirliret die lerche. Prätoius Winterquartier 227. Betulius Pegnitzschäferei 35“).

Dieses Nachschlagewerk vereinigt derbe Worte wie Dummschnute, Arschwolf, Hodenmännlein und Saugfresse neben Inspirationen wie Gedächnisgelehrter, Zwielichtstimmung und Hoffnungsmorgenröthe.


Außen wie innen ist dieses 350 Seiten umfassende Buch ein reines Schmankerl: Wunderhübsche Leinenbindung, oben ein gefärbter Buchschnitt, Lesebändchen, Vignetten und Illustrationen.

Wer Worte in ihren Zusammensetzungen mag, wird mit diesem Buch ein kleines, wenn auch ungewöhnliches Schätzchen vor sich haben – oder anders gesagt, wird schätzeschwer („mit schätzen schwer beladen“) sein!

Veröffentlicht am 30.07.2023

Ein japanisches Jahr weg von der Großstadt und ab aufs Land

Der Spielplatz der Götter
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Der Ehemann der japanischen Schriftstellerin Natsu Miyashita hat den Traum, einmal in seinem Leben auf Japans nördlichster Hauptinsel Hokkaidō zu leben. Im Familienverband bespricht man sich, denn der ...

Der Ehemann der japanischen Schriftstellerin Natsu Miyashita hat den Traum, einmal in seinem Leben auf Japans nördlichster Hauptinsel Hokkaidō zu leben. Im Familienverband bespricht man sich, denn der einzige Zeitpunkt wäre jetzt gekommen, bevor der älteste Sohn die Mittelschule abschließt. Natsu, ihr Mann, die beiden Söhne und die kleine Tochter entscheiden sich dafür und ziehen in die Bergregion, in der sich das Dorf Tomuraushi befindet, der „Spielplatz der Götter“.

Tomuraushi ist ein sehr kleiner Ort, über 30 km vom nächsten Supermarkt entfernt. Die Schülerschaft der winzigen Schule besteht aus weniger als zehn Schülern. In den Bergen werden auf dem Thermometer selten mehr als 10°C angezeigt, und die Winter sind so kalt, dass einem die Kontaktlinsen in den Augen gefrieren können. In dieses ländliche Gebiet zieht die Familie für das kommende Jahr und wird sehr herzlich in die Dorfgemeinschaft aufgenommen.
Den Familien- und Dorfalltag dokumentiert Miyashita über das Jahr verteilt chronologisch in kleinen Abrissen, sie erzählt über die Aktivitäten ihrer Kinder in der ungewöhnlichen Schule, über die majestätische Landschaft, die Besuche im Onsen - einer Thermalquelle, die ganzjährig aufgesucht werden kann – und welche ungewöhnlichen Tiere ihnen in der Natur begegnen. Nur einem Bären, den die Miyashitas gehofft haben zu sehen während ihres Jahres auf dem Lande, begegnen sie nicht.
An ihren Kindern und auch an ihrem Mann bemerkt die Autorin im Laufe des Jahres Veränderungen, alle werden offener und selbstbewusster, und immer wieder ist sie dankbar über den Zusammenhalt, der in Tomuraushi herrscht.
Als sich das Jahr dem Ende neigt, können die Miyashitas kaum glauben wie schnell die Zeit vergangen ist. Sie fragen sich, ob die Rückkehr in ihren Heimatort Fukui nicht eine zu große Umstellung sein wird. Der „Spielplatz der Götter“ mit seinen herzlichen Menschen ist ihnen so ans Herz gewachsen, dass sie entgegen ihrer ursprünglichen Entscheidung überlegen weiterhin auf Hokkaidō in ihrem geliebten Dorf wohnen zu bleiben.

Dieses erzählende Sachbuch ist kein fiktives Werk, sondern eine Dokumentation der Zeit auf dem Lande. Da das Buch verschweißt war, konnte ich vorher nicht reinlesen und war erst etwas überrascht, dass es sich nicht um eine Geschichte, sondern um eine Sammlung tagebuchähnlicher Einträge handelt. Nachdem ich mich ein wenig eingelesen habe, gefiel es mir richtig gut. Man liest sich ohne Umschweife durch das Wesentliche, sozusagen die Highlights des Jahres. Das Buch hat mir sehr gut gefallen und fängt die japanische Art sehr gut ein.

Veröffentlicht am 30.07.2023

Dieses Buch sollte jeder, wirklich jeder lesen!

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten
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Alice Hasters berichtet aus ihrem eigenen Alltag von Kinderzeit an, seit sie mit Rassismus konfrontiert war.
Ihr Buch lehrt uns etwas über vielzitierte Philosophen wie Hegel und Kant, über deren Rassismus ...

Alice Hasters berichtet aus ihrem eigenen Alltag von Kinderzeit an, seit sie mit Rassismus konfrontiert war.
Ihr Buch lehrt uns etwas über vielzitierte Philosophen wie Hegel und Kant, über deren Rassismus man jedoch nichts liest, oder die Ausmaße deutschen Kolonialismus, darin enthalten dunkle Kapitel; die "Maafa", der Genozid an Afrikanern im 19. und 20. Jahrhundert und den Nachwirkungen des Kolonialismus bis heute.
Mit diesem Buch erwartet den Leser ein (wahrscheinlich unvollständiges) Kompendium an (Alltags-)Rassismus, über den man tatsächlich Bescheid wissen sollte. Nur einige Stichworte: Cultural Appropriation, Modern White Saviorism, Othering, Eurozentrismus und kulturelle Aneignung. Besonders ihr Brief an einen fiktiven Partner am Anfang einer Beziehung mit einem weißen Mann hat mich beeindruckt, der beleuchtet wie konfliktbehaftet es sein kann, wenn einer der Partner Rassismuserfahrungen macht, die der andere nicht kennt.

Hasters Zeilen haben auch mir manchmal in die Nase gebissen, aber ich bin dankbar, dass sie mir vermittelt hat wie privilegiert ich als Bewohnerin meiner weißen Haut bin, denn ich möchte mehr reflektieren und mir genau solcher Ungerechtigkeiten bewusst sein, um einen Teil in meinem eigenen Alltag dazu beizutragen angemessen zu handeln statt (vielleicht auch manchmal unwissend) rassistisch zu sein.