Ein Ermittlerduo in einer Welt voller Spannung und Tiefe
Pagans - Ein Killer. Zwei Cops. Hunderte GötterIch bin ehrlich: Mich hat der Titel zuerst neugierig gemacht. „Ein Killer. Zwei Cops. Hunderte Götter.“ Das klang wild und irgendwie spannend. Und was James Alistair Henry hier abliefert, ist tatsächlich ...
Ich bin ehrlich: Mich hat der Titel zuerst neugierig gemacht. „Ein Killer. Zwei Cops. Hunderte Götter.“ Das klang wild und irgendwie spannend. Und was James Alistair Henry hier abliefert, ist tatsächlich etwas völlig Eigenes. Ein Krimi in einem alternativen Großbritannien, das es so nie gegeben hat, aber sich erschreckend real anfühlt. Statt Normannen und industrieller Revolution begegnet man hier einer Welt, in der die verschiedenen Stämme - Sachsen, Kelten, Pikten - noch immer ihre eigene Identität, Religion und Kultur pflegen. Gleichzeitig gibt es moderne Technik, südliche Großmächte, Diplomatie, Mordermittlungen und eine Menge unterschwelliger politischer Spannung.
Der Fall selbst beginnt direkt mit einem Knall: Ein keltischer Diplomat wird ermordet aufgefunden. Brutal an einen Baum genagelt, wie ein makabres Ritualopfer. Und damit beginnt ein Krimi, der mehr ist als ein bloßer „Whodunit“. Es geht um Identität, Glauben, Macht, Geschichte - und um zwei sehr gegensätzliche Ermittler: Aedith, sächsische Kommissarin, pragmatisch und scharfzüngig, trifft auf Drustan, einen Tribal Inspector der keltischen Polizei, ruhig, spirituell, fast schon mystisch. Die beiden sind nicht einfach nur Cops, sondern tragen auch das Gewicht ihrer jeweiligen Kultur mit sich. Und genau das macht ihre Dynamik so besonders. Zwischen ihnen knistert es, aber nicht im klassischen Liebesroman-Sinn, sondern auf einer Ebene, die zwischen Respekt, Neugier und gegenseitiger Reibung changiert. Ich habe die Dialoge der beiden geliebt. Mal trocken, mal witzig, oft sehr pointiert.
Was das Buch für mich besonders macht, ist dieses völlig eigenständige Worldbuilding. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus Fantasy, Politthriller und klassischem Noir-Krimi. Aber ohne Magie, ohne Übernatürliches, dafür mit einem ganz eigenen Realismus. Henry schafft es, diese Welt glaubwürdig und plastisch zu zeichnen, ohne sich in zu langen Erklärungen zu verlieren. Man wird nicht belehrt, sondern entdeckt vieles zwischen den Zeilen. Klar, manchmal hätte ich mir an manchen Stellen etwas mehr Tiefe gewünscht. Etwa bei der politischen Struktur oder den Hintergründen mancher Nebenfiguren. Auch das Ende hat mich ein klein wenig überrascht. Weniger durch einen großen Twist, sondern eher, weil der große politische Rahmen am Ende auf eine sehr persönliche Motivation zusammenschrumpft. Aber vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft: Hinter jedem Konflikt, hinter jeder Ideologie steckt am Ende ein Mensch mit verletztem Stolz, mit Trauer, mit Wut.
Was mich ebenfalls beeindruckt hat, ist der Ton. Henry schreibt mit einem gewissen Biss, trockenem Humor und einem Gefühl für Tempo. Der Roman bleibt trotz komplexer Themen durchweg spannend, manchmal fast schon atemlos. Und zwischendurch blitzt immer wieder eine feine Ironie durch, die alles etwas leichter macht, ohne das Gewicht der Geschichte zu untergraben.
Für mich ist "Pagans" ein echtes Highlight. Kein typischer Krimi, keine klassische Fantasy, sondern etwas Eigenständiges. Und genau das habe ich sehr genossen. Wer Lust hat auf einen etwas anderen Ermittlerroman mit Tiefgang, Atmosphäre und einem mutigen Setting, sollte dem Buch auf jeden Fall eine Chance geben. Ich hoffe sehr, dass da noch mehr kommt.