Eindringlich und schockierend
GrenzgängerInhalt: In den harten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Tod der Mutter, versucht die 14 jährige Henni, den Lebensunterhalt für sich und ihre drei jüngeren Geschwister mit Kaffee-Schmuggel zu verdienen. ...
Inhalt: In den harten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Tod der Mutter, versucht die 14 jährige Henni, den Lebensunterhalt für sich und ihre drei jüngeren Geschwister mit Kaffee-Schmuggel zu verdienen. Ihr Vater ist seit der Rückkehr aus dem Krieg ein gebrochener Mann und kümmert sich nicht mehr um die Kinder. Seine Zeit verbringt er in der Kirche oder im Wirtshaus. Nach einem tragischen Unfall während einer Schmuggel-Tour wird Henni verhaftet und in eine Besserungsanstalt gesteckt. Ihre Geschwister kommen auf Wunsch des Vaters in ein kirchliches Kinderheim, wo Matthias, der älteste Bruder bald darauf an einer Lungenentzündung stirbt.
Erst Jahre später erfährt Henni von den katastrophalen Zuständen im Kinderheim und geht vor Gericht. Das hat ungeahnte Folgen…
Meine Meinung: Der Titel „Grenzgänger“ bezieht sich in diesem Buch auf die Gruppe von Menschen, die die deutsch-belgische Grenze überqueren um Kaffee zu schmuggeln.
Der Roman wechselt zwischen drei verschiedenen Zeitebenen und Personen. Ziemlich schnell erkennt man aber die Zusammenhänge und den Sinn dieser gut gelungenen Struktur.
Die Handlung im Herbst 1970 (im Buch die Gegenwart) wird aus der Sicht von Elsa erzählt, einer ehemaligen Nachbarin und immer noch guten Freundin von Henni. Obwohl es nicht um Elsas Geschichte geht, spielt sie eine wichtige Rolle in diesem Buch und wurde mir immer sympathischer. Einige Monate zuvor, im April 1970, wird um Thomas von seinem Freund Fried, Hennis jüngstem Bruder, gebeten, in der Verhandlung gegen eine Ordensschwester des Heims, auszusagen. Thomas, Fried und Matthias hatten sich im Kinderheim kennengelernt und angefreundet. Durch Thomas Erinnerungen erfährt der Leser von den grausamen Erziehungsmethoden der Schwestern. Der lange Aufenthalt im Heim hat Thomas stark geprägt und verletzlich gemacht. Hennis Geschichte beginnt schon 1945 und erzählt von der großen Verantwortung, die sie nach dem Tod ihrer Mutter für ihre Geschwister übernimmt, und die sie ein Leben lang begleitet. Sie zeigt viel Mut und Stärke und stellt ihre eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund.
Die schwere Nachkriegszeit wird hier sehr eindringlich geschildert. Der Hunger und die Entbehrungen, die schlechte medizinische Versorgung, die psychischen Probleme der Kriegsheimkehrer, der tägliche Kampf ums Überleben und die schlimmen Zustände in einigen Kinderheimen. Der Schreibstil von Mechtild Borrmann ist wie gewohnt flüssig und packend und die Protagonisten wirken absolut authentisch. Auch wenn die Geschichte fiktiv ist, beruht sie auf historischen Hintergründen.
Fazit: Das Buch ist ein Stück Zeitgeschichte, das mich berührt und schockiert hat.