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Veröffentlicht am 05.06.2024

Unsichtbar war gestern

Bonjour Agneta
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Das Leben der 49jährigen Agneta ist von Routine geprägt. Ihr Job ist eintönig, im Kollegenkreis fühlt sie sich als Außenseiterin. Ihr Mann Magnus ist davon besessen, jung und fit zu bleiben und entsprechend ...

Das Leben der 49jährigen Agneta ist von Routine geprägt. Ihr Job ist eintönig, im Kollegenkreis fühlt sie sich als Außenseiterin. Ihr Mann Magnus ist davon besessen, jung und fit zu bleiben und entsprechend sind seine Freizeitaktivitäten und Essgewohnheiten. Selbstverständlich erwartet er von seiner Frau, es ihm gleichzutun. Agneta fügt sich allem, isst brav kalten Haferbrei zum Frühstück, nur um sich danach heimlich ein verstecktes Frühstück mit Butter und Marmelade zu gönnen. Als sie eines Tages eine etwas kryptische Annonce in der Zeitung entdeckt, in der ein „älterer Junge“ in der Provence eine schwedischsprachige Person als Betreuung sucht, beschließt sie, einmal im Leben etwas Verrücktes zu wagen und bewirbt sich. Sie bekommt die Stelle und reist in die Provence, denn momentan hält sie nichts in Schweden, die Kinder sind aus dem Haus und ihrer Ehe kann eine Weile Abwesenheit nur guttun.
Allerdings stellt sich dann der ältere Junge als 80jähriger heraus, der zudem an Demenz leidet und in einem riesigen heruntergekommenen Kloster lebt. Nachdem sie den anfänglichen Schock überwunden hat, stellt sich Agneta den Herausforderungen, lernt die Nachbarn und die Umgebung kennen und entdeckt eine Seite an sich, die sie selbst überrascht.
Die Geschichte von „Bonjour Agneta“ wurde sicher schon oft so ähnlich erzählt, eine Frau in der Mitte ihres Lebens fragt sich, ob das schon alles gewesen sein soll und bricht aus, aber in diesem Buch erwarten die Leser doch einige Überraschungen. Der 80jährige Einar hat beispielsweise ein bewegtes Leben hinter sich, allerdings hätte ich eine dermaßen detaillierte Beschreibung seines Liebeslebens nicht unbedingt gebraucht.
Das humorvolle Buch hat mich sehr gut unterhalten und es hat mehr Tiefgang, als ich erwartet hätte.

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Veröffentlicht am 31.05.2024

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Der späte Ruhm der Mrs. Quinn
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Die 77jährige Jenny Quinn lebt ein beschauliches Leben in dem kleinen britischen Örtchen Kittlesham. Seit fast sechzig Jahren ist sie mit ihrem Ehemann Bernie verheiratet. Die beiden sind ein eingespieltes ...

Die 77jährige Jenny Quinn lebt ein beschauliches Leben in dem kleinen britischen Örtchen Kittlesham. Seit fast sechzig Jahren ist sie mit ihrem Ehemann Bernie verheiratet. Die beiden sind ein eingespieltes Team und gehen immer noch sehr liebevoll miteinander um.
Mit der Gesundheit des 82jährigen Bernie steht es nicht zum Besten und Jenny macht sich Sorgen um die Zukunft. Wer von ihnen beiden wird wohl als Erstes sterben und den anderen allein zurücklassen? Zu diesen Sorgen kommt der nagende Gedanke, nicht genug aus ihrem Leben gemacht zu haben.
Jennys größtes Hobby ist das Backen. Aus diesem Grund verfolgt sie auch mit Begeisterung die Fernsehshow „Das Backduell – Backen auf der Insel“. Einer plötzlichen Laune folgend, bewirbt sich Jenny als Kandidatin bei der Show und wird tatsächlich zum Casting eingeladen. Ihrem Mann sagt sie erst einmal nichts davon, sie weiß ja gar nicht, ob sie in die Endauswahl kommt. Doch dies ist nicht das einzige Geheimnis, das sie vor Bernie hat. Ein anderes, sehr viel größeres, lastet auf ihrer Seele, doch sie fürchtet, der Zeitpunkt, an dem sie ihren Mann hätte einweihen können, ist längst vorbei.
Obwohl dieses Buch eigentlich so gar nicht in mein Beuteschema passt, hat es mir wirklich großen Spaß gemacht. Die Personen sind authentisch und warmherzig beschrieben. Einen großen Teil des Romans nehmen Jennys Backkreationen ein und es ist faszinierend zu lesen, was es beim Backen alles zu beachten gibt und vor allem mit welcher Hingabe Jenny sich den kleinsten Details widmet. Dabei werden die einzelnen Rezepte mit Situationen in Jennys Leben verknüpft, die sie mit diesen Rezepten in Verbindung bringt. Gewundert habe ich mich allerdings über die riesigen Mengen an Backwaren, die Jenny täglich produziert, zumal sie nur selten Gäste haben und daher das meiste zu zweit vertilgen müssen.
Ich habe „Der späte Ruhm der Mrs. Quinn“ während eines verregneten Feiertagwochenendes gelesen und es war die perfekte Wohlfühllektüre. Dass das Ende ziemlich vorhersehbar ist, sei der Autorin verziehen. Ein anderes Ende hätte auch nicht zum Buch gepasst.

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Veröffentlicht am 24.05.2024

Wenn die Heimat Hölle ist, ist dann die Rückkehr in die Hölle eine Heimkehr?

James
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Der Sklave Jim lebt mit Frau und Tochter als Eigentum der Witwe Watson auf deren Farm. Als sie beschließt, ihn weiterzuverkaufen, flieht er. Sein Plan ist es, an Geld zu kommen und seine Frau und Tochter ...

Der Sklave Jim lebt mit Frau und Tochter als Eigentum der Witwe Watson auf deren Farm. Als sie beschließt, ihn weiterzuverkaufen, flieht er. Sein Plan ist es, an Geld zu kommen und seine Frau und Tochter freizukaufen. Ein wahnwitziger Plan im Süden der Vereinigten Staaten in den 1860er-Jahren, wo schwarze Jungs gelyncht werden, nur weil sie es gewagt haben, zu einem weißen Mädchen „hallo“ zu sagen.
Jim ist ein Meister darin zu verbergen, wie intelligent er ist. Er kann lesen und schreiben und außerdem reden wie die Weißen, doch da sich diese gern überlegen fühlen, reden Sklaven allesamt Südstaatenenglisch mit fehlerhafter Grammatik. Nur wenn sie unter sich sind, reden sie normal, sie sind sozusagen zweisprachig. Dieser ins Deutsche übersetzte Südstaatenslang hat mich zu Beginn sehr gestört, doch man gewöhnt sich daran und der Übersetzer Nikolaus Stingl hat diese schwierige Aufgabe, einen künstlichen Dialekt zu erschaffen, sehr gut gelöst.
Percival Everett hat mit „James“ Mark Twains Geschichte von Tom Sawyer und Huckleberry Finn fortgeschrieben, allerdings aus der Sicht des Sklaven Jim. Wir erleben die grausame Welt der Sklaverei, in der Sklaven schlechter gehalten werden als Tiere, sie gelten nicht als menschliche Wesen und grausame Foltermethoden werden damit gerechtfertigt, dass Sklaven ohnehin keinen Schmerz empfinden.
Der weiße Junge Huck, der von seinem Vater misshandelt wird, schließt sich Jim auf dessen Flucht an und gemeinsam erleben sie Naturkatastrophen und lebensgefährliche Abenteuer. Sie treffen Betrüger und Menschenschinder, Vergewaltiger und geschundene, gebrochene Sklaven. Zu wissen, dass sich das Leben von Sklaven damals tatsächlich so oder ähnlich abgespielt hat, ist herzzerreißend. Man bangt mit Jim und Huck und manchem Weggefährten und anderen wünscht man, er möge in der Hölle schmoren. Ich habe schon lange bei keinem Buch mehr so mitgefiebert bis zur letzten Seite.
Ich bin immer äußerst skeptisch, wenn ein Roman als „Meisterwerk“ angepriesen wird, doch dieses Mal bin ich ganz dieser Meinung. Ein intelligentes, spannendes und außergewöhnliches Buch, das zuweilen auch sehr komisch ist. Das beste Buch, das ich in diesem Jahr bisher gelesen habe!

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Veröffentlicht am 21.05.2024

Wieder genial

Mord stand nicht im Drehbuch
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Mindgame“, ein Stück von Anthony Horowitz, wird an einem Londoner Theater uraufgeführt. Wie nicht anders zu erwarten, zerreißt die für ihre spitze Feder bekannte Kritikerin Harriet Throsby von der Sunday ...

Mindgame“, ein Stück von Anthony Horowitz, wird an einem Londoner Theater uraufgeführt. Wie nicht anders zu erwarten, zerreißt die für ihre spitze Feder bekannte Kritikerin Harriet Throsby von der Sunday Times das Stück in der Luft. Am nächsten Morgen wird sie tot aufgefunden. Alles deutet darauf hin, dass Horowitz der Täter ist. Die Tatwaffe trägt seine Fingerabdrücke, auf der Leiche befindet sich eines seiner Haare. Prompt wird er verhaftet und in Untersuchungshaft gesteckt, sehr zur Freude des Ermittlerteams Cara Grunshaw und Derek Mills, die sich Horowitz in einem früheren Fall zu Feinden gemacht hat.

Da Horowitz die Kritikerin zwar nicht leiden konnte, sie aber keinesfalls umgebracht hat, stellt sich natürlich die Frage nach dem wahren Täter. Der Einzige, der Horowitz aus dieser mehr als misslichen Lage helfen kann, ist sein Sidekick Hawthorne, ein aus dem Polizeidienst entlassener Privatdetektiv, der ihm schon der Öfteren bei der Aufklärung von Verbrechen behilflich war. Dumm nur, dass Horowitz ihm gerade unmissverständlich klar gemacht hat, dass er die Zusammenarbeit mit ihm endgültig beenden will und Hawthorne damit vor den Kopf gestoßen hat.

Ich habe bisher jeden Roman aus dieser Reihe gelesen und sie haben mir alle gefallen. Es gibt wenige Krimiautoren, deren Humor und Schlagfertigkeit es mit Horowitz aufnehmen können. Wie immer präsentiert der Autor auch hier jede Menge Verdächtige, allesamt mit nachvollziehbarem Motiv, führt die Leser auf falsche Fährten und überrascht durch unerwartete Entwicklungen, die ein anderes Licht auf die Geschehnisse werfen. Die in der Ich-Form geschriebenen Romane sind eine gelungene Mischung aus Tatsachen und Fiktion, beispielsweise verweist der Autor auf seine Alex Rider Jugendromanreihe, die er ja tatsächlich geschrieben hat, oder er nennt die Namen berühmter Regisseure. Die Aufklärung der Fälle geschieht immer auf der Basis solider Ermittlungsarbeit und nicht wie in so manchem Krimi, den ich in letzter Zeit gelesen habe, aufgrund eines diffusen Bauchgefühls der Ermittler. Horowitz‘ Werke sind eine Hommage an die Klassiker des Genres, Agatha Christie und Sir Arthur Conan Doyle. Sie sind intelligent, sprachlich auf hohem Niveau und voller Wortwitz. Ich habe das Buch an einem Wochenende verschlungen und war traurig, am Ende angelangt zu sein. Ich freue mich jetzt schon auf eine Fortsetzung der Reihe. Absolute Leseempfehlung für Fans von klassischen spannenden Whodunnits ohne viel Blutvergießen und Gemetzel!

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Veröffentlicht am 18.05.2024

Deprimierend

In den Augen meiner Mutter
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Als Georgie und ihr Bruder Dan klein waren, verschwand ihre Mutter von einem Tag auf den anderen. Seitdem haben sie abgesehen von einer Postkarte nie wieder von ihr gehört. Jetzt ist Georgie selbst schwanger ...

Als Georgie und ihr Bruder Dan klein waren, verschwand ihre Mutter von einem Tag auf den anderen. Seitdem haben sie abgesehen von einer Postkarte nie wieder von ihr gehört. Jetzt ist Georgie selbst schwanger und sie macht sich Gedanken, wie sie mit ihrer Mutterrolle zurechtkommen wird.

Zwei Wochen vor der Geburt sind die sozialen Medien voll von einer Geschichte: ein kleines, auf einer abgelegenen schottischen Insel vermisstes Mädchen wird von einer Einsiedlerin gerettet. Das dazugehörige Foto lässt keinen Zweifel offen: die Frau ist Nancy, Georgie und Dans Mutter. Georgie sieht ihre einzige Chance, mit der Mutter in Kontakt zu treten, indem sie auf die schottische Insel fährt. Womit sie nicht gerechnet hat, ist, dass Nancy bereits wieder auf der Flucht ist.

Durch einen Zugstreik gestrandet, ruft Georgie ihren Bruder Dan an, mit dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, und die beiden gehen gemeinsam in einem alten VW Käfer auf einen abenteuerlichen Roadtrip Richtung Norden.

Bis an diese Stelle war das Buch kurzweilig und interessant, dann beginnt es sich allerdings zu ziehen. Die Kapitel werden aus der Sicht von Nancy und Georgie erzählt. Der Leser erfährt, wie Nancy als junge Frau schwanger wird und mit der Situation nicht zurechtkommt. Die Ehe mit Frank wurde unüberlegt geschlossen und bald haben sie sich nichts mehr zu sagen. Am glücklichsten war Nancy während ihres Schauspielstudiums, wenn sie auf der Bühne stand. Dort bekam sie Aufmerksamkeit, nicht zuletzt von einem älteren Dozenten, zu dem sich eine toxische Beziehung entwickelt. Auch als sie heiratet, taucht er immer wieder in ihrem Leben auf und droht mit Enthüllungen.

Nancy trifft viele schlechte Entscheidungen, bei denen ich sie am liebsten geschüttelt hätte, damit sie aufwacht und merkt, wie sie ihr Leben zugrunde richtet. Je weiter die Geschichte fortschreitet und je mehr wir über Nancy und ihre lieblose Ursprungsfamilie, sowie die Familie, die sie zurückgelassen hat, erfahren, desto frustrierender empfand ich dieses Buch. Auch wenn es auf einer versöhnlichen Note endet, war er für mich eine äußerst deprimierende Lektüre voller Personen, deren Entscheidungen ich in keinster Weise nachvollziehen konnte und Zufällen und Ereignissen, die mir äußerst konstruiert und wenig glaubhaft erschienen. Leider nicht der nach dem Erstlingswerk „Café Leben“ erwartete Lesegenuss. 3,5 Sterne.

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