Profilbild von Readaholic

Readaholic

Lesejury Star
offline

Readaholic ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Readaholic über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.08.2023

Wie lange braucht man ein Elternhaus?

Elternhaus
0

Die drei Schwestern Sanne, Petra und Gitti wachsen in einer Kleinstadt im sogenannten schmalen Haus auf. Alle drei sind längst aus dem Haus, die Eltern werden alt und schaffen es nicht mehr, sich wie früher ...

Die drei Schwestern Sanne, Petra und Gitti wachsen in einer Kleinstadt im sogenannten schmalen Haus auf. Alle drei sind längst aus dem Haus, die Eltern werden alt und schaffen es nicht mehr, sich wie früher um Haus und Garten zu kümmern. Also beschließt Sanne, die älteste und einzige der Schwestern, die im Ort geblieben ist, dass es Zeit für die Eltern wird, in eine altersgerechte Wohnung umzuziehen. Ihre Schwestern fragt sie dabei nicht nach deren Meinung, schließlich ist sie diejenige, die sich um die Eltern kümmert. Die Entscheidung fällt sie auch über die Köpfe der Eltern hinweg.
Petra wohnt weit weg in einer Großstadt, ist Single und karriereorientiert. Die alleinerziehende jüngste Schwester Gitti wird von Sanne gebeten, ihr beim Ausräumen des schmalen Hauses zu helfen. Sanne selbst ist seit langem verheiratet und lebt mit ihrem Mann im eigenen Häuschen. Die beiden Kinder sind vor kurzem ausgezogen, was Sanne zu schaffen macht. In ihrer Ehe läuft nicht alles rund, alles wächst ihr über den Kopf. Sowohl Gitti als auch Sannes Tochter Lisa halten den Umzug der Eltern für einen Fehler, was Sanne nicht hören will.
Als Petra eines Tages unangekündigt in ihren Heimatort zurückkommt, ist sie hell entsetzt, dass das Elternhaus verkauft werden soll. Besonders empört sie die Tatsache, dass Sanne sie in diese schwerwiegende Entscheidung nicht mit einbezogen hat. Es ist schließlich auch ihr Elternhaus!
Ute Mank erzählt in diesem Roman eine Geschichte, wie sie jeden Tag irgendwo stattfindet. Wer kümmert sich um die Eltern, wenn sie alt werden? Können sie überhaupt noch allein wohnen und wie lange noch? Wäre es nicht besser, rechtzeitig nach etwas Altersgerechtem zu suchen? Wieviel Wahrheit steckt in dem Sprichwort, dass man einen alten Baum nicht verpflanzen soll?
„Elternhaus“ ist ein unaufgeregter Roman, in dem Alltägliches passiert. Die im Heimatort zurückgebliebene Schwester fühlt sich benachteiligt, hat das Gefühl, alles hängt an ihr und beneidet die beiden anderen um ihre vermeintliche Freiheit. Dass sich Schwestern mit der Zeit entfremden, kommt sicher häufig vor. Dass sie jedoch gar nicht miteinander kommunizieren und auch die Eltern Petra nicht über ihren Umzug informieren, empfinde ich doch als reichlich seltsam. Ich fand es interessant, die Entwicklung der Schwestern mitzuerleben und das Buch hat bei mir viele Erinnerungen wachgerufen. Kein absolutes Lesehighlight, aber gut zu lesen und unterhaltsam.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.08.2023

Eine wilde Jagd

Skorpion
0

Der Schweizer Ermittler David Keller und sein italienischer Kollege Monti treffen sich in Palermo, um von einem Informanten Hinweise zur Mafia zu erhalten. Kaum hat das Treffen stattgefunden, wird der ...

Der Schweizer Ermittler David Keller und sein italienischer Kollege Monti treffen sich in Palermo, um von einem Informanten Hinweise zur Mafia zu erhalten. Kaum hat das Treffen stattgefunden, wird der Informant erschossen. Rache der piovra, der Krake, wie die Mafia in Italien auch genannt wird, da es nichts nützt, einer Krake ein Tentakel abzuschlagen, es wächst einfach wieder nach. So scheint auch die Mafia unschlagbar, doch Keller und Monti wollen sich nicht geschlagen geben.
„Skorpion“ nimmt seine Leser mit auf eine wilde Jagd, von Sizilien nach Antwerpen, von der Schweiz nach Liechtenstein, Miami und den Libanon, um nur ein paar der zahlreichen Schauplätze zu nennen. Genauso schnell wie der Wechsel zwischen den Schauplätzen, springen die Autoren von einer Zeitebene zur anderen und es ist nicht ganz einfach, den Überblick zu behalten, was wann stattgefunden hat. Es geht um die Mafia, al Khaida, den Krieg im Kosovo, südamerikanische Drogenkartelle, chinesische Verbrecherorganisationen, CIA und FBI, um Liebe, Verrat und Korruption. Ganz schön viel, was sich die beiden Autoren hier vorgenommen haben, der eine ein Ex-Mafiaermittler, der andere ein Regisseur. Zu viel für meinen Geschmack. Mir war regelrecht schwindlig von den vielen internationalen Verstrickungen und dem ständigen Hin und Her. Mir schien es beim Lesen, als hätte der Regisseur Gerd Schneider beim Schreiben bereits die Vorlage für einen neuen Film im Kopf gehabt: Palermo, Mord – cut – Antwerpen, Drogenfund – cut, usw. Leider hat dies bei mir keine Spannung erzeugt, im Gegenteil. Ich war froh, als ich diesen dicken Schmöker, der für meine Begriffe mit Fakten und Handlungssträngen überfrachtet ist, zu Ende gelesen hatte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.08.2023

Millennium 2.0

Refugium
0

Die frühere Polizistin Julia Malmros, die sich inzwischen als Krimiautorin einen Namen gemacht hat, bekommt von ihrem Verlag das Angebot, die beliebte „Millenium“ Reihe des verstorbenen Kultautors Stieg ...

Die frühere Polizistin Julia Malmros, die sich inzwischen als Krimiautorin einen Namen gemacht hat, bekommt von ihrem Verlag das Angebot, die beliebte „Millenium“ Reihe des verstorbenen Kultautors Stieg Larsson weiterzuschreiben. Voller Elan stürzt sie sich auf das Projekt, braucht jedoch Nachhilfe, was das Thema Hacking anbelangt. So lernt sie den Endzwanziger Kim Ribbing kennen, vor dem wohl kein Computersystem sicher ist. Kim ist eine auffallende Erscheinung, groß, hellhäutig, mit langem schwarzem Haar. Die 20 Jahre ältere attraktive Julia Malmros und Kim fühlen sich schnell zueinander hingezogen.
Als die beiden sich an Mittsommer in Julias Ferienhäuschen auf einer Schäreninsel aufhalten, kommt es auf der Nachbarinsel zu einer Schießerei, bei der sechs Menschen getötet werden. Einer der Toten ist der wohlhabende Unternehmer Olaf Helander, ein Jugendfreund Julias, die anderen Opfer Helanders Frau sowie Geschäftspartner. Die einzige Überlebende des Massakers ist die vierzehnjährige Tochter Astrid, die jedoch so schwer traumatisiert ist, dass sie zunächst keine Aussage zum Hergang des Verbrechens machen kann.
Julia und Kim beginnen parallel zu den polizeilichen Ermittlungen Nachforschungen anzustellen. Bald erhärtet sich der Verdacht, dass der Mord in Zusammenhang mit Helanders Geschäften steht.
Ich fand diesen ersten Band einer geplanten Trilogie ausgesprochen spannend. Das ungleiche Ermittlerpaar Malmros/Ribbing erinnert zwar stark an Mikael Blomqvist und Lisbeth Salander, doch hat mich das nicht gestört. Die Erklärung ist angeblich, dass es Lindqvist war, dem angeboten wurde, Millenium weiterzuschreiben, dem Verlag sein Entwurf dann jedoch nicht gefiel, weshalb der Autor einfach die Namen der Protagonisten änderte und den Beginn seiner eigenen Trilogie daraus machte. Falls dies stimmt, war es wirklich ein genialer Schachzug, zumal „Refugium“ wahrscheinlich weitaus erfolgreicher sein wird als es eine künstlich am Leben gehaltene Millenium-Reihe je sein wird! Ich bin auf die nächsten beiden Bände gespannt, denn was Ribbing anbelangt, bleiben in diesem Band noch viele Fragen offen.
Mir hat das Buch spannende Lesestunden in einem verregneten Urlaub geschenkt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.07.2023

Zeit heilt nicht alle Wunden

Kontur eines Lebens
0

Nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemanns muss die 81jährige pflegebedürftige Frieda in ein Seniorenheim ziehen. Ihr gesamtes Leben gerät aus den Fugen. Ein wohlmeinender Pfleger löst durch eine unbedachte ...

Nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemanns muss die 81jährige pflegebedürftige Frieda in ein Seniorenheim ziehen. Ihr gesamtes Leben gerät aus den Fugen. Ein wohlmeinender Pfleger löst durch eine unbedachte Aktion traumatische Erinnerungen bei ihr aus, die sie ihr ganzes Leben verdrängt hatte.
Als junge Frau hatte sich Frieda in den verheirateten Otto verliebt und war von ihm schwanger geworden. Otto will von dem Kind nichts wissen und seine Ehe nicht gefährden. Halbherzig versucht er, Frieda zu helfen, als diese von den Eltern vor die Tür gesetzt wird. Als „gefallenes Mädchen“ ist es in der holländischen Provinz in den 1960er Jahren jedoch unmöglich, eine halbwegs akzeptable Bleibe zu finden. Es ist herzzerreißend zu lesen, wie herablassend Frieda behandelt wird und sich alle, Freunde, Familie, Arbeitgeber, von ihr abwenden. Unter menschenunwürdigen Bedingungen bringt sie ihr Kind zur Welt.
Wie zu erwarten, ist Frieda keine glückliche Mutterschaft gegönnt. Zu Otto hat sie keinen Kontakt mehr. Sie heiratet, bekommt ein zweites Kind und verdrängt die schrecklichen Ereignisse für viele Jahrzehnte.
Die Geschichte wird abwechselnd in der Jetztzeit und der Vergangenheit erzählt, wir erleben Frieda also als alte, entwurzelte Frau, die ins Heim abgeschoben wurde, und als junge hoffnungsvolle Frau, die das ganze Leben noch vor sich hat. Die eigenwillige Frieda war mir ausgesprochen sympathisch, ich habe sehr viel Empathie für sie empfunden. Ich fand es im Übrigen ganz erstaunlich, wie gut es einem männlichen Autor gelungen ist, Empfindungen einer Frau, beispielsweise während der Geburt, zu schildern. Die einzelnen Charaktere sind sehr gut herausgearbeitet und die Schilderungen so lebendig, dass man meint, dabei zu sein, beziehungsweise die Situation selbst zu erleben. Auf mich hat dieses Buch eine Sogwirkung ausgeübt. Der Autor setzt mit diesem Buch allen Frauen dieser Generation ein Denkmal, die in einer ähnlichen Situation waren und diese Art der Ausgrenzung erleben mussten. Ein außergewöhnliches Buch mit wunderschön gestaltetem Cover (und Lesebändchen, was ich sehr schätze). Absolute Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.07.2023

Eine Hazienda und ihre Geheimnisse

Die Tochter des Doktor Moreau
0

„Die Tochter des Doktor Moreau“ ist an H. G. Wells‘ Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ angelehnt. Während das Original im Südpazifik spielt, ist die Handlung von Silvia ...

„Die Tochter des Doktor Moreau“ ist an H. G. Wells‘ Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ angelehnt. Während das Original im Südpazifik spielt, ist die Handlung von Silvia Moreno-Garcias Roman zur selben Zeit auf der mexikanischen Halbinsel Yucatan angesiedelt.
Dort lebt Doktor Moreau mit seiner Tochter Carlota, der Haushälterin und den beiden „Kindern“ Lupe und Cachito auf einer abgelegenen Hacienda mitten im Dschungel. Was es mit den Forschungen des Doktors auf sich hat, erfährt der Leser erst nach und nach: er erschafft Hybride, Kreuzungen zwischen Mensch und Tier. Finanziert werden die Forschungen durch den reichen Besitzer der Hacienda, Lizalde, der die Hybriden als Arbeitskräfte einsetzen möchte. Lizalde ist es auch, der den Briten Montgomery als Verwalter auf die Hacienda bringt.
Die Geschichte beginnt gemächlich, als Leser lernt man die Umgebung kennen und erfährt Geschichtliches, beispielsweise, dass die einheimische Bevölkerung von den Kolonialisten unterdrückt und gejagt wird. Die Geschichte wird abwechselnd aus Carlotas und Montgomerys Sicht erzählt.
Nach einigen Jahren kommen Besucher: Lizaldes Sohn und Neffe wollen sich unter einem Vorwand Zutritt zur Hacienda verschaffen. Sie sind schockiert, als sie die Hybriden sehen. Lizalde hat zu diesem Zeitpunkt bereits angekündigt, Moreaus Forschung nicht weiter zu unterstützen, was für diesen einer Katastrophe gleichkommt. Um dies abzuwenden, will er seine Tochter instrumentalisieren.
Ich wusste nicht, dass es sich um einen Fantasy/Science Fiction Roman handelt, sonst hätte ich wahrscheinlich gar nicht danach gegriffen. Doch hat mir das Buch wirklich gut gefallen. Es ist spannend und wirft darüber hinaus Fragen auf wie „Welches Leben ist schützenswert? Nur das Leben von Menschen? Was ist mit den Hybriden, sind sie Menschen oder Tiere? Auch die Einheimischen werden als Menschen zweiter Klasse beschrieben, die sich den Wünschen der Kolonialherren unterzuordnen haben. Gefallen hat mir auch Carlotas Entwicklung vom fügsamen kleinen Mädchen zu einer selbstbewussten Frau, die ihren Platz und ihre Aufgabe im Leben gefunden hat. Ich habe dieses Buch mit Vergnügen gelesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere