Profilbild von Readaholic

Readaholic

Lesejury Star
offline

Readaholic ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Readaholic über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.02.2025

Alles in Ordnung. Wirklich!

Bis die Sonne scheint
0

Der Teenager Daniel wächst in den 1980er Jahren als jüngster von vier Geschwistern in behüteten Verhältnissen auf. Der Vater ist Architekt, den Bungalow, in dem Familie Hormann wohnt, hat er selbst entworfen ...

Der Teenager Daniel wächst in den 1980er Jahren als jüngster von vier Geschwistern in behüteten Verhältnissen auf. Der Vater ist Architekt, den Bungalow, in dem Familie Hormann wohnt, hat er selbst entworfen und gebaut. Als Eigentümer einer Massivhausfirma verdiente er bestens, bis die Geschäfte einbrachen. Jetzt ist er insolvent und das Haus steht kurz vor der Zwangsversteigerung. Trotzdem tun die Eltern so, als ob alles in bester Ordnung wäre. Die Konten sind gesperrt, das Geld, das Daniel zur Konfirmation bekommen hat, soll er den Eltern „vorstrecken“, die zur Ablenkung von der ganzen Misere erst einmal ins Möbelhaus fahren und planen, welche Möbel sie als nächstes kaufen. Der Höhepunkt an Absurdität ist erreicht, als sie Brokatuntersetzer für einen auf dem Klavier stehenden Kerzenleuchter erwerben, obwohl auf dem Klavier bereits der Kuckuck klebt. Für mich war es sehr frustrierend zu lesen, mit welcher Vogel-Strauß-Einstellung die Eltern durchs Leben gehen und welche Fehlentscheidungen sie treffen und die Kinder darunter leiden. Daniel kommt mir manchmal erwachsener vor als seine Eltern.
Abwechselnd mit den Kapiteln, die in der Jetztzeit spielen und aus Daniels Sicht erzählt werden, wird das Leben und der Werdegang der Großeltern geschildert. Diese Ausflüge in die Vergangenheit waren interessant, aber für meine Begriffe etwas zu ausführlich, weil sie von der eigentlichen Geschichte ablenkten. Was mir zu diesem Zeitpunkt allerdings auch nicht klar war, ist, dass der Autor hier autobiographisch seine eigene Geschichte verarbeitet hat und es ihm wichtig war aufzuzeigen, wie die Großeltern ihre Nachkommen geprägt haben.
Die Sprache des Autors fand ich genial, wenn er beispielsweise die Mimik des Vaters vor dem Fernseher beschreibt: „Alles konnte mein Vater darstellen, während er … mit dem souveränen Lächeln eines Lebemanns dem Star zwischen den federngeschmückten Tänzerinnen die Showtreppe hinunterfolgte…“. Auch die Atmosphäre der 80er Jahre ist sehr gut beschrieben und hat bei mir viele Erinnerungen wachgerufen.
Ein lesenswertes Buch, ein Stern Abzug, weil ich gegen Ende ein wenig das Interesse verloren habe.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.02.2025

Etwas langatmig

Middletide – Was die Gezeiten verbergen
0

Mit 17 will Elijah vor allem eines: weg aus Point Orchards, wo er mit seinem alkoholkranken Vater in einer Blockhütte im Wald lebt. Er möchte nach San Francisco ziehen und seinen Traum, Schriftsteller ...

Mit 17 will Elijah vor allem eines: weg aus Point Orchards, wo er mit seinem alkoholkranken Vater in einer Blockhütte im Wald lebt. Er möchte nach San Francisco ziehen und seinen Traum, Schriftsteller zu werden, verwirklichen. Seine Jugendliebe Nakita lässt er zurück mit dem Versprechen, nach genau 5 Jahren wieder zurückzukommen.
Er löst sein Versprechen nicht ein und Nakita heiratet einen anderen. Als Elijah fünfzehn Jahre später in seinen Heimatort zurückkehrt, muss er sich eingestehen, dass sein Plan gescheitert ist und er wie sein inzwischen verstorbener Vater in einer Werkstatt arbeiten muss, um Geld zu verdienen. Er hofft, Nakita eines Tages zu begegnen und hat gleichzeitig Angst davor. Sie ist inzwischen verwitwet und Elijah hofft, dass es wieder zu einer Annäherung kommt. Gerade als es so aussieht, als ob sie wieder eine Beziehung zueinander aufbauen könnten, wird in Point Orchards die Leiche der beliebten Ärztin des Ortes gefunden. Die Polizei geht zunächst von einem Selbstmord aus, doch dann erhält sie einen anonymen Tipp, der auf Elijah als Täter hinweist…
Bis zu diesem Punkt in der Geschichte fand ich das Buch spannend. Doch dann war mir schnell klar, was passiert sein muss, und die Geschichte fängt an, langatmig zu werden. Die blumige, teilweise kitschige Sprache hat mich auch manchmal gestört. Als Kind hatte sich Elijah in den Flur geschlichen, um seine Eltern zu beobachten, „den Rocksaum seiner Mutter, der sich wiegte wie hohes Gras, und die Liebe in den Augen seines Vaters, der auf sie hinabschaute und ihr Kinn mit dem Zeigefinger anhob, damit sie ihm in die Augen sah“ (S. 108). Als Elijah 1988 aus San Francisco zurückkehrt, kommt er mir wie aus der Zeit gefallen vor. Da er sein letztes Geld für die Heimreise ausgegeben hat, baut er Gemüse im Garten an, das er auf dem Markt verkauft, und freut sich, wenn er 4 Dollar dafür bekommt. Es ist sehr unrealistisch zu glauben, dass Elijah zunächst über Wochen ganz allein von den Früchten seines Gartens leben konnte. Wie er als erfolgloser Schriftsteller so lange in San Francisco leben konnte, wird auch offengelassen.
„Was die Gezeiten verbergen“ ist ein Buch, das mich mit seinem wunderschönen Cover geködert hat. Inhalt und Schreibstil haben mich nicht ganz überzeugt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.01.2025

Schritt für Schritt zurück ins Leben

Von hier aus weiter
0

Nach dem Tod ihres Mannes ist Marlene vor allem eines: wütend. Wie konnte er sie ganz allein zurücklassen? Um ihre Wut zu betäuben, schluckt sie Tabletten. Am liebsten hätte sie überhaupt keinen Kontakt ...

Nach dem Tod ihres Mannes ist Marlene vor allem eines: wütend. Wie konnte er sie ganz allein zurücklassen? Um ihre Wut zu betäuben, schluckt sie Tabletten. Am liebsten hätte sie überhaupt keinen Kontakt zu der Außenwelt, doch zu Rolfs Beisetzung muss sie wohl oder übel gehen. Obwohl es ein trauriger Anlass ist, beschreibt Ann Pasztor die Situation dermaßen komisch, dass ich ein paarmal laut lachen musste. Zum Beispiel als die in schwarzen Kitteln steckenden Enkelkinder inbrünstig „O-o-p-a Rolf“ zur Melodie von George Harrisons „My sweet Lord“ singen.
Da ihre Dusche kaputt ist, ruft Marlene kurz darauf einen Installateur, der sich als früherer Schüler der pensionierten Grundschullehrerin herausstellt. Jack erzählt ihr, dass er im Moment in seinem Bus schläft, woraufhin Marlene ihm ihr Gästezimmer anbietet. Was als Lösung für eine Nacht gedacht war, entpuppt sich als gutes Arrangement für beide Seiten, zumal Jack sich als hervorragender Koch herausstellt. Dass Marlene außerdem Gesellschaft hat, ist ein weiterer positiver Nebeneffekt, der sie peu à peu aus ihrer Passivität reißt. Als Wally, eine frühere Freundin, zu der sie seit vielen Jahren den Kontakt verloren hatte, anruft, um ihr mitzuteilen, Rolf habe einen Brief für Marlene bei ihr hinterlegt, beschließt Marlene, zu Wally nach Wien zu fahren und den Brief abzuholen.
Ich habe „Von hier aus weiter“ von der ersten bis zur letzten Seite gern gelesen. Es war mein erstes Buch der Autorin, deren Schreibstil und Humor mir ausgezeichnet gefallen. 5 Sterne und Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.01.2025

Die Macht der Musik

Für Polina
0

Die junge Fritzi Prager wird während eines Italienaufenthalts bei einem One-Night-Stand ungewollt schwanger. Es steht für sie außer Frage, dass sie das Kind bekommt. Bei der Entbindung lernt sie Günes ...

Die junge Fritzi Prager wird während eines Italienaufenthalts bei einem One-Night-Stand ungewollt schwanger. Es steht für sie außer Frage, dass sie das Kind bekommt. Bei der Entbindung lernt sie Günes kennen, die beinahe zeitgleich die kleine Polina zur Welt bringt. Die Frauen werden Freundinnen und auch die Kinder verbindet bald trotz ihrer vollkommen unterschiedlichen Wesensarten eine enge Freundschaft. Hannes Prager ist ein stiller, verträumter Junge, während Günes‘ Tochter Polina voller Energie und Wagemut steckt.
Schon bald stellt sich heraus, dass Hannes ein ungewöhnliches musikalisches Talent besitzt. Ohne jemals Klavierunterricht bekommen zu haben, setzt er sich an den alten Flügel in der Villa des Landschaftspflegers Heinrich, wo Fritzi eine Unterkunft gefunden hat, und beginnt, zuvor gehörte Musikstücke zu spielen. Schon als Kind komponiert Hannes. So schreibt er beispielsweise ein Stück, das Polinas Wesen ausdrückt und seine Art ist, ihr seine Zuneigung zu zeigen.
Mit vierzehn verliebt sich Hannes in Polina, die in ihm allerdings nur einen guten Freund sieht, doch durch tragische Umstände werden die beiden getrennt und verlieren den Kontakt zueinander. Anstatt sein musikalisches Talent zu pflegen, arbeitet Hannes als Klavierträger und lernt dabei den Kollegen Bosch kennen, der zu seiner engsten Bezugsperson wird. Obwohl er versucht, Polina zu vergessen, gelingt es ihm nicht. Als sein Talent zufällig entdeckt wird, beschließt Hannes, Polina mit Hilfe seines eigens für sie komponierten Werks wiederzufinden.
„Für Polina“ ist ein wunderschönes, bewegendes Buch über Liebe, Abschied, Kummer, Glück und Freundschaft und vor allem die Macht der Musik, Menschen zu berühren und Dinge in Gang zu setzen. Ich habe Hannes‘ Hochs und Tiefs mit ihm durchlebt und gemeinsam mit ihm auf ein Wiedersehen mit Polina gehofft. Eine wunderschöne Liebesgeschichte, die alle Emotionen anspricht. Absolute Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.01.2025

Treffen sich zwei Menschen im Zug...

In einem Zug
0

Eduard Brünhofer, ein alternder Schriftsteller mit seit Jahren andauernder Schreibblockade, sitzt im Zug von Wien nach München, ihm schräg gegenüber eine Frau frühen mittleren Alters, was auch immer das ...

Eduard Brünhofer, ein alternder Schriftsteller mit seit Jahren andauernder Schreibblockade, sitzt im Zug von Wien nach München, ihm schräg gegenüber eine Frau frühen mittleren Alters, was auch immer das heißen soll. Er hofft inständig, dass sie ihm kein Gespräch aufdrängt, doch dieser Wunsch wird ihm nicht erfüllt. Allerdings merkt er nach einer Weile, dass er sich eigentlich ganz gern mit der Frau „mit den moosgrünen Augen“ unterhält, wobei das Gespräch schnell eine Richtung einschlägt, die ihm nicht behagt. Da er in der Vergangenheit mit Liebesromanen bekannt wurde, meint sein Gegenüber Catrin Meyr, in ihm einen Experten in Liebesdingen gefunden zu haben und will alles über seine Einstellung zu Liebe, Ehe, Sex wissen. Der Dialog beginnt sehr amüsant, doch je penetranter Catrins Fragen werden, desto weniger hat mich die Unterhaltung der beiden interessiert, zumal Brünhofer zunächst seine Antworten im Kopf durchgeht, so dass der Leser immer seinem gesamten Denkprozess folgen muss. Teils ist dies kurzweilig, teils einfach nur langatmig und enervierend. Zwischendurch holen sich die beiden etwas im Bordbistro oder gehen auf die Toilette, viel mehr passiert nicht an Handlung. Gegen Ende nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung.
Nachdem ich von Glattauers letztem Roman „Die siehst du nicht“ begeistert war, war „In einem Zug“ trotz der sprachlichen Finesse für mich eher enttäuschend. Ich vergebe 3,5 von 5 Sternen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere