Oh ja, schon auf dem Cover zeigt sich das kleine Widderlamm von seiner trotzigen und mutwilligen Seite. Widder Willis recht sture Stimmung erkennt man deutlich an seiner Mimik und den verschränkten „Armen“. ...
Oh ja, schon auf dem Cover zeigt sich das kleine Widderlamm von seiner trotzigen und mutwilligen Seite. Widder Willis recht sture Stimmung erkennt man deutlich an seiner Mimik und den verschränkten „Armen“. Wer genau hinschaut, kann auch schon einen weiteren Protagonisten der Geschichte entdecken. Genau, da schaut keck ein Steinbock-Kitz herab.
Widder Willi schiebt seine schneckenförmigen Hörner, was gelegentlich heftig juckt und missmutig stimmen kann. Gleich als die Erzählerin ihn vorstellen möchte, grätscht Willi bereits dazwischen. Das ist witzig und ungewöhnlich, zeigt aber deutlich Willis Stimmungslage.
Ja, Widderlamm Willi befindet sich ganz offensichtlich mitten in seiner Trotz- und Autonomiephase. Die vorlesenden Eltern nicken wissend und die Kinder können es Willi bestens nachfühlen.
Eigentlich sind die erwachsenen Schafe durchaus bereit, Willi mit einzubeziehen, mit ihm zu spielen, Gutes zu tun. Aber sie haben es schwer, es Willi auch recht zu machen. Dann bekommt eben das Gatter einen groben Tritt ab und Opa hat es am Ende im Kreuz. Der kleine Hornträger hat heute seinen „Widderwilli“-Tag, an dem alles nach seinen Wünschen laufen soll.
Schließlich bricht über und in Willi ein heftiger Gewittersturm aus, weil sich die Welt einfach nicht nach seinen Wünschen richten mag.
Doch Widder Willi bleibt nicht einsam in seiner Rotz- und Regenpfütze. Er lernt den kleinen Steinbock „Hörnchen“ kennen, der, wir ahnen es, vor allem bockig ist, ein „Keinbock“ wie Willi feststellt.
Ob den beiden der onkelhafte Ratschlag hilft, dass sie mal über ihren Schatten springen sollen? Was die beiden nun zusammen anstellen, ist der reinste Spaß für die große und kleine Leserschaft. Denn mit viel Freude an der Bewegung, an der Sprache, am gemeinsamen Tun und viel Humor ist Trotz, Sturheit und Unlust rasch vergessen.
Fazit:
Was für ein herrliches Buch für die drei- bis fünfjährigen Kinder und die dazugehörigen Erwachsenen. Die fröhliche, humorvolle Sichtweise und der ausgeprägte Sprachwitz werden allen großen Spaß machen. Der Erzählstil ist sehr abwechslungsreich vom Eingreifen des kleinen Widders in die Erzählhaltung bis zu den Sprechblasen, die auch die kleinen gehörnten Trotzköpfe ganz direkt zu Wort kommen lassen.
Mir hat besonders gut gefallen, dass ganz direkt Redewendungen aufgegriffen und hinterfragt werden, die einem als Erwachsenen Kindern gegenüber gelegentlich über die Lippen kommen. Rasch wird einem klar, wie wenig diese den Kindern sagen. Am Ende muss man als Erwachsener selber überlegen, woher besagtes Sprichwort überhaupt kommt und was es eigentlich aussagt. Wie schön, dass es da eine ganz lustige überraschende Lösung gibt.
Toll, dass nicht nur die Kinder angeregt werden, sich in die anderen Personen hineinzuversetzen. Sondern auch die Erwachsenen dürfen schmunzeln, eigene Positionen und Aussagen überdenken.
Willi und Hörnchen zeigen, wie man offen für neue Begegnungen und kreative Lösungen sein kann.
Die zauberhaften Illustrationen haben warme, gebrochene und angenehme Farbtöne. So herrlich kommen die Stimmungslagen der Tiere zur Geltung. Ein Genuss!
Ganz kleiner Kritikpunkt: Warum muss wieder die Mutter die Sanfte sein, die Träumelein aus dem Bäumelein schüttelt? Das war mir doch etwas zu klischeehaft.
Auf jeden Fall bekommt man Lust, Widder Willi und seinen neuen Freund den Steinbock Hörnchen wieder zu treffen. Und tatsächlich gibt es demnächst eine Fortsetzung, die neugierig macht.
Das Cover und der Titel verraten es uns schon, dass uns Aline Abboud mitnehmen möchte in ihre ganz persönlichen Kindheitserinnerungen. Die aus dem Fernsehen bekannte Journalistin wurde 1988 in Ostberlin ...
Das Cover und der Titel verraten es uns schon, dass uns Aline Abboud mitnehmen möchte in ihre ganz persönlichen Kindheitserinnerungen. Die aus dem Fernsehen bekannte Journalistin wurde 1988 in Ostberlin als Tochter einer (DDR-)deutschen Mutter und eines aus dem Libanon stammenden Vaters geboren. Abbouds Vater stammt aus einer christlichen, maronitischen Familie. Anekdotisch erzählt Abboud aus ihrem Leben in Berlin und vor allem von den Sommern ihrer Kindheit und Jugend, die sie mit ihren Eltern im Libanon verbrachte.
Die Zeit in der Heimat ihres Vaters, in der sie sich liebevoll umfangen von ihren Großeltern und einem sehr großen Kreis von Verwandten fühlen durfte, hat Aline Abboud nachhaltig geprägt. Die kulinarischen Genüsse, das herrliche nahe Meer, die vielen fröhlichen, traditionell geprägten Familienfeste, das soziale Leben mit Freunden, Verwandten, das Erleben der libanesischen Kultur und die Sehenswürdigkeiten machen ihre Erzählungen bunt und unterhaltsam. Ja, auch das Essen ist dabei sehr bedeutend. Denn wie sagt die Autorin: „Essen ist eben mehr als nur Nahrungsaufnahme. Es ist immer auch Heimat, Geschichte und Identität.“ (S. 228)
Doch nicht immer waren diese Besuche derart unbeschwert. Abboud bekam auch als Kind die Gefahren der politischen Situation des Libanon mit. Dazu gehörte auch eine überstürzte Flucht der kleinen Familie Richtung Deutschland wegen kriegerischer Auseinandersetzungen. Die dadurch entstandene posttraumatische Belastungsstörung lassen Abboud die Leiden von Menschen mit Kriegserfahrung, z.B. bei Silvesterknallereien, gut nachvollziehen. (Abbouds deutsche Oma wuchs im Zweiten Weltkrieg auf, auch wenn die Autorin deren Geburtsjahr 1936 schon in die Kriegszeit verlegte. Hier hätte ein Lektorat einfach korrigieren können).
Mit Eltern aus verschiedenen Kulturkreisen werden Themen wie „Identität“ und „Heimat“ zentral. Wie und warum Abboud ihre libanesischen Wurzeln wichtig sind, kann sie uns in diesem Buch sehr nachvollziehbar darstellen. Schließlich kennt sie den Libanon nicht nur aus Erzählungen, sondern konnte ihn jahrelang hautnah erleben.
Schwerer nachvollziehbar erscheint hingegen ihre mehrmals erwähnte „Ostalgie“. Da sie kurz vor dem Mauerfall 1988 geboren wurde, stammen ihre Kenntnisse aus dem Leben in der DDR nur aus Erzählungen. Solcherart Berichte romantisieren viel und lassen gern unangenehme Dinge weg (z.B. Stasi, Unfreiheit u.v.m.). Aber in Bezug auf die Wurzeln der Familie mütterlicherseits zeigt es natürlich, wie unsicher diese sind. Damit verweist diese Thematik auch auf die derzeitigen politischen Probleme um die Entwicklung der „neuen deutschen Bundesländer“. Das wird aber nicht dezidiert formuliert. Dafür kann man gut nachvollziehen, warum die libanesischen Wurzeln einen solch großen ausgleichenden Halt bieten.
Was vermittelt Abbouds Buch? Wer fundierte, ausführliche kulturelle und historische Hintergründe zum Libanon, politische oder wirtschaftliche Lage des Landes sucht, wird hier kaum fündig. Diesen Anspruch erhebt die Autorin aber auch gar nicht. Es wird die Liebe zum Libanon und der libanesischen Familie und die Suche nach den Wurzeln in dieser Richtung sehr unterhaltsam und leicht lesbar vermittelt.
Mir haben ein wenig ein roter Faden oder die Andeutung einer persönlichen Entwicklung gefehlt. Ein bisschen mehr Bewusstsein für Geschichte und politische Zusammenhänge wären ein Gewinn gewesen.
Auf jeden Fall ist das Buch, das Aline Abboud zusammen mit Nana Heymann verfasst hat ein recht entspannender erster Kontakt mit der Kultur des Libanon, der neugierig auf mehr macht. Manch eine/r überdenkt vielleicht auch das Wort „Migrationshintergrund“ und sieht diesen mit anderen Augen.
Dieser Roman hat mich sehr überrascht, weil meine Erwartungshaltung eine gänzlich andere war, als das, was das Buch mir am Ende schenkte.
Der zwölfjährige Vadim aus Paris ist väterlicherseits jüdisch-russischer ...
Dieser Roman hat mich sehr überrascht, weil meine Erwartungshaltung eine gänzlich andere war, als das, was das Buch mir am Ende schenkte.
Der zwölfjährige Vadim aus Paris ist väterlicherseits jüdisch-russischer Herkunft. 1942 wird die Lage für die Familie im von Nazi-Deutschland besetzten Paris äußerst gefährlich. Der russischstämmige Vater, ein Schuhmacher, hat sich mit seinen Arbeitsgeräten anfangs in die eigene Wohnung zurückgezogen, nun muss er untertauchen. Mutter Sophie flüchtet sich mit dem Sohn zu ihrer Arbeitsstelle bei der wohlsituierten Familie Dorselles. Diese besorgt dem asthmakranken Vadim eine Möglichkeit, aus der akuten Gefahrenzone zu entkommen.
Dafür wird aus Vadim kurzerhand Vincent Dorselles, so der Name des Sohnes der Familie, der im Internat lebt. Unter diesem Namen reist er Richtung französische Alpen. Vadim aka Vincent hat bislang Paris noch nie verlassen. Doch nun muss er nicht nur die große Stadt, sondern auch sämtliche Bindungen und sein altes Ich hinter sich lassen.
Auf der zunehmend winterlich werdenden Zugfahrt wird er von einer Ordensschwester begleitet. Ziel ist das letzte Dorf des Chamonix-Mont-Blanc-Tals, unweit der Schweizer Grenze. Vallorcine („Bärental“) ist eigentlich eine Ansammlung mehrerer kleiner Weiler am Fuße der Aiguilles Rouges. Das abgelegene Tal ist nur über den Bergpass über den Col des Montets zu erreichen. Im Winter sind Straßen und Wege aufgrund der Lawinengefahr meist unpassierbar.
Vadims/ Vincents Zug sollte eigentlich durch den (damals noch recht neuen) Eisenbahntunnel zwischen Montroc und Vallorcine fahren. Doch dieser ist durch einen Lawinenabgang unpassierbar. Die Nonne atmet auf: ein Mitglied der Familie, die den Jungen aufnehmen wird, übernimmt ihn am letzten Eisenbahnhalt. Nun beginnt das Bergabenteuer des Jungen mit dem anspruchsvollen Aufstieg in das abgeschiedene Tal durch Schnee und Eis – und zu Fuß durch den Eisenbahntunnel.
Man ahnt, warum der Roman in drei große, nach Farben benannte Teile eingeteilt ist. Er startet mit „weiß“, denn im Tal hat der Winter mit Eis, Schnee und Lawinen das Regiment übernommen. Nun erleben wir, wie der Junge sich mit „Vincent“, seinem neuen Ich, arrangiert und in die familiäre und dörfliche Gemeinschaft eintaucht. Mit ihm lernen wir, wie man in vollkommener Abgeschiedenheit unter diesen harten Lebensbedingungen im Winter (über)lebt.
Vom Krieg, der Verfolgung, den Gräueltaten bekommen wir hier, im Winter abgeschnitten von der Zivilisation, nichts mit. Auch wenn später das Weiß schwindet und das Grün der Natur sich die Bahn bricht, ist das Zeitgeschehen ein schwaches Hintergrundrauschen. In Vincents Welt sind vor allem die Geborgenheit in seiner Ersatzfamilie, der Zusammenhalt in der dörflichen Gemeinschaft, die atemraubende Natur der Bergwelt und die Entwicklung des Jungen wichtig.
Drei Jahreszeiten lang, die weiße, grüne und gelbe, dürfen wir mit Vincent in das Leben der Bergbewohner eintauchen. Fast wird Vincent einer der Ihren. Braungebrannt und kräftig lernt er mit den Tieren und den anstehenden Arbeiten auf dem Land umzugehen und teilt die Initiationsriten der Jugendlichen. Er atmet endlich wieder gesund und frei und öffnet sich ganz der Natur um ihn herum.
Fazit
Die Geschichte wird ganz aus der Sicht des Jungen Vincent/ Vadim erzählt. Der Junge nimmt seine Umwelt hochsensibel wahr, verknüpft Worte und Dinge mit Farbwahrnehmungen und verfügt über eine bemerkenswerte künstlerische Begabung. Das ist natürlich auch für uns Lesende ein besonderes Erlebnis, die Natur der Berge und ihre Bewohner durch seine Augen betrachten zu können.
Auf jeden Fall ist dieser Roman auch eine „Coming of age“ – Erzählung, ein Entwicklungsroman. Wir haben vor Augen, wie Vincent äußerlich, wie auch innerlich wächst und sich verändert. Sein Hineinwachsen in sein Dasein als „Vincent“ ist beeindruckend. So wird er zu einem sehr authentischen Charakter.
Die anderen Charaktere des Buches sehen wir mit Vincents Augen. Moinette, seine 10 jährige Begleiterin, hat etwas von einem kleinen Kobold. Vincent weiß zu schätzen, dass sie ihm ohne Vorbehalte alles was er wissen musste eröffnet und geschenkt hat. Auch die anderen Charaktere werden von Vincent liebevoll dargestellt und skizziert. Die Vallorcins wachsen einem rasch ans Herz.
Die Handlung spielt 1943 mitten im 2. Weltkrieg, doch in dem Bergtal scheint die Zeit still zu stehen oder das Tal wäre wie aus der Zeit gerissen. Aber wie Vincent/ Vadim, der es in Paris hautnah erlebt hat, und die Bewohner*innen des Tales sind wir uns stets dessen bewusst, was außerhalb des Tales geschieht.
Mit dieser Bedrohungslage im Hinterkopf können wir uns dennoch wie auch der Junge auf die Schönheiten und Besonderheiten dieser wildromantischen, wunderschönen, aber auch oft bedrohlichen Berglandschaft einlassen. Durch Vincents Augen sehen wir förmlich die eindrücklichen Panoramen, die das Tal umgeben. Wir erfahren auch die Härte des Alltags, die schon viele aus dem Tal hat flüchten lassen.
Als besonders eindrücklich habe ich die Sprache empfunden: so bildhaft und poetisch, manchmal auch sehr philosophisch. Ein wirkliches Meisterwerk, aus dem Französischen perfekt ins Deutsche übersetzt.
„Manchmal entsteht ‚Zukunft‘ erst im Nachhinein, nachdem ein Datum das Ende der Geschichte besiegelt hat. …. Für sein erfundenes Leben als Vincent ist kein Ende vorgesehen, eine Rückkehr nach Paris steht in den Sternen, der Krieg und der Winter können hundert Jahre dauern oder tausend, und vielleicht bleibt Vincent für immer hier.“ S. 153
Ein empfehlenswertes, sehr besonderes Buch, das mich sehr positiv überrascht hat.
Es war bestimmt nicht das Cover dieses Buches, das mich aufmerken ließ. Denn dieses sagte mir absolut nichts. Doch der Name des Autors Rutger Bregman kam mir bekannt vor.
Bregman, der niederländische ...
Es war bestimmt nicht das Cover dieses Buches, das mich aufmerken ließ. Denn dieses sagte mir absolut nichts. Doch der Name des Autors Rutger Bregman kam mir bekannt vor.
Bregman, der niederländische Historiker, Autor und Aktivist hat bereits mehrere Bücher mit interessanten Zukunftsentwürfen geschrieben wie „Utopien für Realisten“ und „Im Grunde gut“. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2019 hielt er einen aufsehenerregenden Vortrag in dem er u.a. eine „gerechte Besteuerung für Reiche“ forderte.
Sein neuestes Buch „Moralische Ambition“ trägt den aussagekräftigeren Untertitel „Wie man aufhört, sein Talent zu vergeuden, und etwas schafft, das wirklich zählt“. Damit wird deutlich, dass Bregman uns aufruft, endlich aktiv zu werden.
Okay, wer will schon sein Talent vergeuden? Wofür man es einsetzt, sagt Bregman, hängt davon ab, wie idealistisch und ambitioniert man ist.
Mittels eines Diagramms mit den Achsen Ambition und Idealismus versucht Bregman die Menschen grob in vier Kategorien einzuteilen: nicht idealistisch und nicht ambitioniert, nicht idealistisch und ambitioniert, idealistisch und nicht ambitioniert und – schließlich – ambitioniert und idealistisch.
Menschen, die zugleich ambitioniert und idealistisch sind, bilden (leider) eine Minderheit. Aber es sind die, die Bregman mit diesem Buch ansprechen, motivieren und inspirieren möchte. Denn diese können und wollen (hoffentlich) ihre Talente so einsetzen, dass sie etwas gestalten, das wirklich zählt für die Menschheit. Nur wie?
Denn es gilt ja dabei auch, Risiken einzugehen, Frustrationen auszuhalten und notfalls Wegbereiter für andere zu sein.
Bregman suggeriert, dass sein Buch vielleicht unbehaglich zu lesen ist vor allem für Leute über 30, die wenig Bereitschaft haben könnten den (mittlerweile bequemen oder eingefahrenen) Kurs ihres Lebens zu verändern. Natürlich richtet er seine Hoffnungen auf die Menschen, die am Anfang ihrer Berufslaufbahn sind, oder bereit sind, das Ruder noch einmal in eine ganz andere Richtung zu lenken, was ja nicht unbedingt eine Altersfrage sein muss, wie es seine späteren Beispiele zeigen.
Was sind das für Menschen, die genügend Ambitionen und Idealismus mitbringen? Sie wollen ihre eigenen Möglichkeiten und Talente ausschöpfen. Das Wohlergehen und die Weiterentwicklung der Menschheit ist ihnen ein Anliegen. Sie können sich vorstellen, ihre Karriere und Begabung einzusetzen, um an den wichtigen Fragen und Herausforderungen unserer Zeit zu arbeiten und die Welt ein Stück zu verändern.
Welche Menschen Jobs haben, die wirklich wichtig und systemrelevant für die Gesellschaft sind, haben wir ja in den Pandemiezeiten erleben können. Aber so viele Menschen hängen in Jobs fest, die nichts für das Wohlergehen von Mensch und Umwelt beitragen, eher im Gegenteil.
Im Buch werden viele davon als „Bullshit Jobs“ bezeichnet. Somit werden große Fragezeichen gesetzt an das, was in der Gesellschaft als sozialer Aufstieg, Erfolg, Prestige gesehen wird (Beispiel Beratungsjobs, Bankmanager etc.)
Bregman selber ist aktiv geworden und hat die "School For Moral Ambition" gegründet. Diese Bewegung möchte Menschen dazu bringen, ihr Verständnis von Erfolg zu überdenken, ihre Bullshit Jobs an den Nagel zu hängen, und persönlichen Erfolg anders zu sehen..
Wie entstehen Veränderungen sonst noch?
Die Anthropologin Margaret Mead meinte: „„Zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann – tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde.“
Die Mehrheit findet sich einfach mit ihrer Mittelmäßigkeit ab. Das mag zwar provokant klingen, entspricht aber leider der Realität. Sie wartet lieber hinter den Gardinen beobachtend ab.
Die meisten Menschen können die Welt eben nicht verändern. Weil sie die Regeln befolgen und tun, was von ihnen erwartet wird. Sie sind vorhersehbar und gehen nie Risiken ein.
Wer stößt Veränderungen an? Bregman führt hier ein interessantes Bild der „Zeros“, „Ones“ und „Twos“ ein. Als „Zeros“ bezeichnet er Menschen, die keinen besonderen Ansporn benötigen, sondern mit einer Aktion beginnen. Andere brauchen jemanden, der sie anspricht und um Hilfe fragt, motiviert, dann sind sie sofort dabei (=Ones). Twos folgen dem Vorbild und der Ansprache. Das Wichtige ist derjenige, der in der Lage ist, eine Aktion anzustoßen, aber ohne die anderen geht es eben auch nicht.
Selbst bei Idealisten klaffen große Lücken zwischen Wort und Tat. Wokeness und Awareness sind ja gerade große Schlagwörter. Oft verharren diese Vertreter bei der Suche nach Begriffen und Bewusstsein. Es klafft oft genug eine große Lücke zu einem Aktivwerden an sinnvollen Stellen, so dass es zu Veränderungen kommen könnte.
“Noble Loser“ sind für den Autor jene, die die richtigen Intentionen haben, bei denen aber durch ihre fehlende Aktivität keine Auswirkungen folgen. Ja, diese Erkenntnis kann richtig wehtun, wenn man sich doch zu den „Guten“ zählt.
Die Autokratien sind in vielen Ländern stark im Vormarsch. In den USA wurde gerade erst ein Autokrat zum Präsidenten gewählt. Noch immer sterben Millionen Kinder an Krankheiten, die heute schon heilbar sind. Gerade erst haben wir eine Pandemie hinter uns, die nächste, vielleicht viel schlimmere, könnte jederzeit ausbrechen. Milliarden von Nutztieren werden unter furchtbaren Bedingungen gehalten, um geschlachtet zu werden.
Anstatt diese Probleme anzugehen, wird über Gendersternchen diskutiert.
Leider ist es so wie im Herrn der Ringe: es gibt eine helle und eine dunkle Seite der Macht. Es wird Zeit, dass mehr auf der hellen Seite arbeiten.
Hört sich das alles nach trockener Theorie an? Nein, Bregman verharrt nicht in der Theorie, sondern erzählt die Geschichten vieler Menschen, die den Lauf der Welt zum Besseren verändern konnten. Diese Geschichten fand ich extrem spannend, bewegend und motivierend. Hier ein paar Höhepunkte:
Thomas Clarkson, der sein ganzes Tun dem Ziel verschrieb, die Sklaverei abzuschaffen. Die Geschichte der ersten Abolitionisten und der Aktivitäten der Quäker.
Rosa Parks, ihr Busboykott und die Geschichte dahinter
Ralph Nader "Radical Nerds". Nader klagte General Motors an, unsichere Autos zu bauen. Er hat so Sicherheitsgesetze in Gang gebracht.
Besonders bewegt hat mich die Geschichte von Rob Mather.
Er organisierte ein 35 km Sponsorenschwimmen, um einen Fund für das Kleinkind Terri, das Opfer eines Brandes war, zu gründen. Selbst motiviert durch seinem Erfolg fuhr er mit dieser Arbeit fort in den folgenden Jahren, um einen Fund zur Malariaprävention aufzubauen. Heute ist dies eine große Hilfsorganisation: Against Malaria Foundation.
Oder der Holländer, der ein ganzes Dorf in Bewegung brachte, um jüdische Landsleute in der Zeit der deutschen Besetzung im 2. Weltkrieg vor der Verfolgung zu retten.
Es mangelt uns in der Gegenwart und Zukunft nicht an Herausforderungen. Da kann jeder von uns spontan anfangen aufzuführen: Klimawandel, Krieg, künstliche Intelligenz,…
Mir gefällt, wie Bregman es gelingt, seine theoretischen Ideen mit den praktischen Beispielen zu verbinden. Es mag sein, dass er sich vor allem an Menschen richtet, die bestimmte Fähigkeiten und Mittel im Rücken haben und die noch jung, dynamisch und flexibel sind. Aber seine Beispiele zeigen, dass das Leben jedem die Möglichkeit bieten kann, auch im kleinen Rahmen, seine Möglichkeiten und Talente in den Ring zu werfen.
Gerade die Geschichten der ambitionierten und idealistischen Menschen aus ganz verschiedenen Zeiten empfand ich als extrem motivierend und inspirierend. Sie regen an, sein eigenes Tun und Leben auch mal zu hinterfragen.
In unseren Zeiten sind positive Visionen für die Zukunft selten geworden. Auch die demokratischen Parteien scheinen heute kaum davon beflügelt zu werden.
Bregmans Buch liest sich sehr herausfordernd, regt zum Denken und auch zum Tun an.
Das Cover deutet mit Glitzer und einer zauberhaften Illustration es bereits an: es wartet eine Wintergeschichte mit Rentieren auf uns.
Der Winter im hohen Norden Skandinaviens hat zwei Seiten: eine harte, ...
Das Cover deutet mit Glitzer und einer zauberhaften Illustration es bereits an: es wartet eine Wintergeschichte mit Rentieren auf uns.
Der Winter im hohen Norden Skandinaviens hat zwei Seiten: eine harte, raue und eisige und eine heitere, voller Freude und Schneeballschlachten. Wir finden sie hier verkörpert in den beiden Winterschwestern, die über die kalte Jahreszeit herrschen. Doch seit vielen Jahren schon gilt die freundlichere, jüngere Schwester als verschollen. Die ältere Winterschwester zeigt ihre Trauer und Wut darüber durch ein immer eisigeres und schneereicheres Regiment. Darunter haben Menschen und Tiere stark zu leiden.
Für den kleinen verwaisten Wikingerjungen Alfred aus dem Nebeldorf hat der eisige, bitterkalte Winter gerade erst begonnen. Er lebt bei seiner Großmutter Brunhilda und seinem Onkel Ragnar. Alfred wird es jedoch nicht langweilig. Der Zehnjährige lässt sich einige Kurzweil einfallen, indem er die Dorfbewohner mit allerlei derben und groben Schabernack überzieht. Sein Vorbild ist dabei der verschlagene nordische Gott Loki.
Die Bewohner des Wikingerdorfes haben neben dem harten Winter und Alfreds Streichen auch noch großen Kummer mit Diebstählen. Früher haben sich die Trolle damit begnügt, Brennholz zu stehlen. Nun aber werden alle möglichen Dinge gestohlen, die den Menschen am Herzen liegen und ihnen wichtig sind. Deshalb macht sich Alfreds Onkel Ragnar auf die Suche nach den Dieben und ihrer Beute hinaus in Eis, Schnee und Sturm. Alfred glaubt, ihn retten zu müssen und eilt ihm hinterdrein.
Doch Ragnar gerät in die Hände der großen Winterschwester. Derweil erlebt Alfred ein winterliches Abenteuer, um die kleine Winterschwester wiederzufinden. Vielleicht könnte sie ihm helfen, seinen Onkel zu retten. Aber die Winterschwester benötigt selber Hilfe, um sich aus einem hinterhältigen Zauber zu lösen.
Fazit
Schon auf den ersten Blick verzaubern die herrlichen Illustrationen von Chevalier Gambette. Sie lassen auf ganz eigene Art die magischen Personen und Wikingergemeinschaft lebendig werden. Auf jeden Fall bilden Gambettes Zeichnungen den Höhepunkt dieses Buches.
Das literarische Bild der beiden Winterschwestern, ihre ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten und ihre Erlebnisse gefallen mir als Hintergrund des Romans ausgesprochen. Darauf könnte man gut aufbauen.
Im Vordergrund steht die Geschichte um den kleinen Wikingerjungen Alfred. Diese vermochte es hingegen nicht wirklich, mich mitzunehmen. Die Handlung wechselt zwischen verschiedenen Ebenen: der realen, der magischen Welt und Geschehnissen oder Gesprächen in Visionen. Nicht immer war klar, auf welcher Ebene man sich gerade befindet.
Immer wieder finden sich im Verlauf der Handlung Elemente, die wirklich gut sind, neben solchen, die langatmig oder belanglos wirken.
Es erscheinen nur sehr wenige prägnante Charaktere. Im Zentrum steht der Wikingerjunge Alfred, der sich vor allem in groben Streichen auslebt (z.B. Ungenießbarmachen von Getränken mit Senfkörnern) und sich den bösartigen, unruhestiftenden Gott Loki als Vorbild gewählt hat. Irgendwie bin ich überhaupt nicht mit ihm warm geworden.
Sein Onkel Ragnar ist von Geburt her eine Frau. Da er sich schon immer als Mann fühlte, konnte er sich mithilfe einer Hexensalbe einen Bart wachsen lassen und gilt nun als Mann. Eigentlich berührt dies ein auch für Kinder wichtiges Thema. Aber an dieser Stelle ist es ziemlich fehl am Platze. Für die weitere Handlung ist es vollkommen unerheblich, wird nicht mehr angesprochen, wirkt somit aufgesetzt und künstlich. Schade, denn die Figur des Ragnar hätte mehr verdient.
Die weiteren Charaktere sind die beiden eindrücklichen Winterschwestern und ein Troll. Die Winterschwestern weisen einen recht rauen, herben Charakter auf. Mal ganz anders, als in anderen Wintergeschichten. Auch bei den Trollen muss man sich von alten Vorstellungen lösen, was ich aber als ganz erfrischend empfand.
Dass Autorinnen in fremde Kulturen eintauchen und daraus schöpfen, ist ein alter und ganz natürlicher Prozess. Das hat für mich auch absolut nichts mit „kultureller Aneignung“ zu tun, die in letzter Zeit immer mal wieder angeprangert wurde. Kultur ist immer im Austausch und lebt davon. Für mich ist aber wichtig, dass die Autorinnen dann mit Kenntnis und großem Einfühlungsvermögen vorgehen, denn sonst kann es doch zu Ungereimtheiten kommen.
Jolan Chloé Bertrand wählt hier Skandinavien als Schauplatz und greift hinein in die reiche Kultur der Wikinger, des alten Nomadenvolkes der Sami, in die skandinavische Sagenwelt und nordischen Mythologie. Wikinger und Sami nebeneinander sind etwas ungewohnt. Beide pflegten wechselseitige Beziehungen, die nicht immer konfliktfrei waren. In dieser Geschichte stehen die Welten der Wikinger und der Sami eher zusammenhanglos nebeneinander. Die Sami stehen nur als Rentierhalter.
Beim Umgang mit der nordischen Mythologie war ich ziemlich unglücklich. Ausgerechnet Loki als Vorbild für den kleinen Alfred zu nehmen, finde ich schwierig. Loki gilt als streitsüchtig und amoralisch, lügt und denunziert. Dies wird im Verlauf dieser Geschichte durch Lokis Verkörperung als Füchsin und seine bösartigen „Streiche“ angedeutet, ist aber in der dargestellten Form für Kinder dieses Alters ohne weitere Erklärungen nicht wirklich nachvollziehbar.
Ein Begriff ist mir immer wieder aufgestoßen, da er wiederholt auftaucht. „Parka“ stammt zwar etymologisch vermutlich aus dem Inuit, ist aber längst in unsere Alltagssprache übergegangen. So hat man sofort ein bestimmtes, eher modernes Kleidungsstück vor Augen. Diesen Begriff dann in einer Geschichte im Zusammenhang mit Wikingern zu lesen, fand ich doch eher befremdlich und in der geballten Häufigkeit auch als störend.
Die Gedanken über Streiche, und wann sie kein Scherz mehr sind, sondern Schaden anrichten, und über das Wesen der Traurigkeit, haben der Handlung etwas Tiefe geschenkt.
Der deutsche Untertitel „Magisches Winter-Abenteuer voller Humor“ macht mich etwas ratlos. Die Altersempfehlung würde ich tiefer als der Verlag ansetzen. Ich könnte mir es als Vorlesebuch für Grundschulkinder vorstellen.